"Salafismus" aus Sicht der Wissenschaft und des deutschen Verfassungsschutzes


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Epistemologie der Kategorisierung
2.1 Selbstverständnis als Lieferant der Analysekategorien
2.2 Fremdeinschätzung als Lieferant der Analysekategorien

3. Wissenschaftliche Idealtypen
3.1 Quietistischer oder puristischer Salafismus
3.2 Politischer Salafismus
3.3 Jihadistischer Salafismus

4. Verfassungsschutz und Kategorisierung in Deutschland
4.1 Einschätzung des Verfassungsschutzes und der Innenministerien
4.2 Der jihadistische Salafismus
4.3 Der politische Mainstream

5. Schlussfolgerungen zur Arbeit des Verfassungsschutzes

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bis heute stellen die Angehörigen des Salafismus in Deutschland nur eine kleine Minderheit von weit weniger als einem halben Prozent der etwa vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime dar.[1] Die jüngsten Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz belaufen sich auf 5500 SalafistInnen[2] im gesamten bundesdeutschen Gebiet. Ihre Angehörigen begreifen sich als die einzig wahren Muslime und verurteilen alle anderen muslimischen Glaubenslehren als Unglauben (kufr). Sie berufen sich ausschließlich auf den Koran und die Überlieferungen des Propheten Muhammad und lassen dabei keine Interpretation dieser Texte zu. Jede Interpretation oder Anpassung komme einer Verfälschung der wahren Bedeutung gleich und wäre demnach unislamisch. Hinzu kommt die totale Auslebung des Glaubens. So sehen SalafistInnen den Islam nicht „nur“ als eine Religion im herkömmlichen Sinne an, deren Geltungsbereich lediglich im Transzendentalen zu verorten ist, sondern richten ihr gesamtes Leben an den Leitlinien des Koran und der Sunna aus. Jeder Teilbereich des Lebens wird durch die salafistische Glaubenslehre determiniert. Die salaf sind dabei die frommen Altvorderen, die als Vorbild für den wahren Islam genommen werden. Sie umfassen die ersten drei Generationen der Muslime, die während und nach des Wirkens des Propheten Muhammad gelebt haben. Diesen Altvorderen wird nachgesagt, in der islamischen Frühzeit eine besonders reine und unverfälschte Form der Glaubenspraxis gelebt zu haben. Das ist es, was in Forschungs- und populärwissenschaftlicher Literatur, sowie in den Medien unter dem Phänomen des Salafismus im Groben verstanden wird. Doch wie sehen nun die konkreten Analysekategorien der Sozial- und Politikwissenschaften aus, unter denen das Phänomen gefasst wird? Welche Strömungen gibt es innerhalb des deutschen Salafismus und wie verbreitet sind sie? Welche Antwort geben jeweils Wissenschaft und Verfassungsschutz auf diese Fragen und unterscheiden sich eventuell die Herangehensweisen dieser beiden Felder?

Diese Fragen sind Gegenstand meiner Arbeit. Zunächst jedoch soll festgestellt werden, von welcher Seite aus der Begriff definiert wird. Genauer wird es darum gehen zwischen einer salafistischen Selbstwahrnehmung als Lieferant für wissenschaftliche Kategorien oder einer distanzierten, an Idealtypen orientierten Vorgehensweise abzuwägen. Nachdem sich für eines dieser Verfahren entschieden wurde, wird der aktuelle Forschungsstand zu den Kategorisierungsschemata erläutert, anschließend daraus ein wissenschaftlicher Grundkonsens herausgearbeitet und mit der Wahrnehmung des Bundesamtes für Verfassungsschutz verglichen. Daraus folgt eine Bewertung der verschiedenen Herangehensweisen von Sozialwissenschaft und Verfassungsschutz. Relevant wird dieser Vergleich von wissenschaftlicher und amtlicher Wahrnehmung des Salafismus vor dem Hintergrund der medial-öffentlichen Debatte um dieses Phänomen. Denn in Deutschland gilt das Bundesamt für Verfassungsschutz in Fragen politischen oder religiösen Extremismus, im medialen Diskurs als höchst legitime Quelle und verschafft derjenigen/demjenigen, der/die sich auf Schriften des Amtes beruft, eine besonders exponierte Stellung unanfechtbarer Gewissheit.

Die Einschätzungen des Verfassungsschutzes beeinflussen also in hohem Maße die Debatte über extremistische Strömungen und sollten daher besonders genau einer wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen werden.

2. Zur Epistemologie der Kategorisierung

Bei der religionssoziologischen Eingrenzung einer Bewegung oder eine Gruppe steht man stets vor den gleichen epistemologischen Problemen. Wenn ein Begriff, der zur Beschreibung einer Gruppe herangezogen wird bestimme Voraussetzungen definiert, die erfüllt sein müssen, um der Gruppierung anzugehören, dann werden notwendigerweise auch einige Individuen aus der wissenschaftlich konstruierten Gruppe ausgeschlossen. Das wissenschaftliche Problem dabei ist die Verletzung der Werturteilsfreiheit. Das Paradigma formuliert die Abwesenheit von normativen Momenten, also von Sollensurteilen als Gütekriterium wissenschaftlichen Arbeitens.[3]

2.1 Selbstverständnis als Lieferant der Analysekategorien

Dieses Gütekriterium könnte verletzt werden, insofern sich SozialforscherInnen anmaßen, zugehörigkeitsdeterminierende Merkmale für eine religiöse Gruppierung zu postulieren und hierbei das religiöse Selbstverständnis als Maßstab für Zugehörigkeiten ignorieren. Daher bildete sich in der Sozialwissenschaft folgende werturteilsfreie Formel heraus:

Einer Gruppe angehörig ist jemand, der sich selbst als der Gruppe angehörig begreift.

Und

Eine Gruppe bringt hervor, was die Angehörigen dieser Gruppe gemeinsam oder individuell hervorbringen.

Auf den Salafismus bezogen würde die Formel also wie folgt lauten:

Eine Salafistin oder ein Salafist ist jemand, die oder der sich selbst als Salafistin oder als Salafisten begreift.

Und

Salafismus ist, was Salafistinnen und Salafisten machen.

Das werturteilsfreie Vorgehen der Religionssoziologie ist also eines, das sich die Analysekategorien aus dem Selbstverständnis der Angehörigen entleiht. Der Vorteil hierbei ist, dass im Sinne einer erklärenden Soziologie ein Phänomen uneingegrenzt untersucht werden kann und die administrativen ForscherInnen nicht bereits durch die eigene Eingrenzung der Begrifflichkeiten induktiven Einfluss auf das Forschungsergebnis üben.

2.2 Fremdeinschätzung als Lieferant der Analysekategorien

Sollen also all Jene als SalafistInnen begriffen werden, die sich als salafi oder salafiyya[4] beschreiben? Oder gibt es gar triftige Gründe auf eine Kategorisierung, deren Grundlage die Selbstwahrnehmung ist, zu verzichten und sich stattdessen einer wissenschaftlichen Fremdeinschätzung zu bedienen? Gegen die Verwendung der eigenen Einschätzung spricht, dass hierbei die sehr subjektiven Vorstellungen der ProtagonistInnen einfließen, die einen gemeinsamen begrifflichen Konsens verdecken würden. Außerdem führt die Übernahme der Selbstbezeichnung als salafiyya dazu, dass dieses Phänomen nicht von anderen abgegrenzt werden kann, die bereits unter diesem Namen behandelt werden (siehe Fußnote 4). Daher ist es aus analytisch-sozialwissenschaftlicher Perspektive sinnvoll, trennscharfe Analysekategorien zu entwerfen, die jenseits der sehr diversen und oft widersprüchlichen Selbstbeschreibungen rangieren. In der Weber´schen Tradition der verstehenden Soziologie müssen demnach Idealtypen gebildet werden, die dazu dienen einen trennscharfen, analytischen Begriff zu konstruieren, dessen Vorteil es ist, dass mit ihm die wesentlichen Merkmale des Phänomens eindeutig von anderen unterscheidbar gemacht werden (vgl. Nedza 2014: 80 f. und Keylan/ Kiefer 2013: 82f.). Auch ist es in Anbetracht des so heterogenen und diversen Phänomens des Salafismus sinnvoll den Idealtypen mehrere Untertypen zuzuordnen, um eine differenziertere Betrachtung der verschiedenen Ausprägungen zu ermöglichen. Ziel ist es also, eine vielfältige und scheinbar kaum strukturierte Bewegung innerhalb einer einfachen und abstrakten Systematik aus Idealtypen zu untersuchen und zugleich der Diversität der Bewegung durch weitere Unterkategorien gerecht zu werden.

3. Wissenschaftliche Idealtypen

Vorreiter bei der Schaffung einer analytischen Kategorie „Salafismus“, der in der Wissenschaft viel Anerkennung und Aufmerksamkeit erhalten hat, war der amerikanische Politologe und Sicherheitsberater Quintan Wiktorowicz.[5] Das Differenzierungsmerkmal der unterschiedlichen Strömungen ist hierbei die Methodik (manhaj) und die ausgelebte Glaubenspraxis, da sich die verschiedenen Strömungen – laut Wiktorowicz - bei den theologisch-ideologischen Grundlagen (áqida) weitestgehend einig seien.[6] Er unterteile den globalen Salafismus in die drei Gruppierungen der Purists (übersetzt mit PuristInnen, Konservative, QuietistInnen oder Traditionelle), der Politicos (Politische oder Reform- AktivistInnen) und der Jihadis (JihadistInnen oder Revolutionäre)(vgl. ebd.: 86). Für diese drei Idealtypen finden sich in der Literatur unterschiedliche Übersetzungen.[7] Diese Unterteilung bildet für die religionssoziologischen und politikwissenschaftlichen Unterteilungen des globalen und des deutschen Salafismus einen gemeinsamen Bezugspunkt. Das Schema wurde vielfach evaluiert und weiterentwickelt. Im Folgenden werden die drei Idealtypen kurz dargestellt und die Verbesserungsvorschläge des wissenschaftlichen Diskurses um ihre Begrifflichkeiten erläutert.

[...]


[1] Den weit verbreiteten Statistiken, derer zufolge ca. vier Millionen Muslime in Deutschland leben, liegt eine Definition von Muslimen zugrunde, demnach alle Menschen Muslime sind, die Vorfahren aus einem muslimisch geprägten Land haben oder selbst aus einem solchen Land migriert sind. Es handelt sich also um ethnische Kriterien zur Erfassung religiös-weltanschaulicher Einstellungen. Wissenschaftlich ist das untragbar. Jedoch müssen wir, aus Ermangelung empirisch-sozialwissenschaftlicher Erhebungen, mit diesen Zahlen arbeiten.

[2] Der Verfassungsschutz veröffentlichte in einer Infobroschüre „Salafistische Bestrebungen in Deutschland“ im Jahre 2012, dass ca. 3800 SalafistInnen in Deutschland leben. In einem Zeitungsinterview gegen Ende 2013 wurde diese Zahl vom Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf 5500 korrigiert. Siehe hierzu: DIE WELT http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article122406672/Zahl-der-Salafisten-auf-5500-gestiegen.html

[3] Das Postulat der Werturteilsfreiheit ist ein Teil des Konzepts der Verstehenden Soziologie Max Webers. Das Grundprinzip dieser Soziologie ist die Beschreibung sozialer Strukturen und Praktiken anhand individuellen Handelns, sowie anhand individueller Handlungsmotive. Politische und weltanschauliche Positionen sollen dabei nicht logisch aus wissenschaftlichen Untersuchungen abgeleitet werden. Aus dem gegenwärtigen Seinszustand der Welt dürfe also kein erwünschter Sollenszustand abgeleitet werden. Dies würde laut Weber einen naturalistischen Fehlschluss bedeuten. Weber wendet sich damit gegen Versuche, die Wissenschaften für ideologische oder religiöse Zwecke zu instrumentalisieren. (vgl. Rosa et al. 2013: 57.)

[4] Wird häufig mit SalafistInnen übersetzt oder auch als Synonym verwendet. Beschreibt aber auch eine Reformbewegung des Islam um die Wende zum 20. Jahrhundert, die jedoch nichts mit dem modernen Phänomen des deutschen Salafimsus zu tun hat. In mancher Literatur wird das hier behandelte Phänomen auch als Neo-Salafismus bezeichnet. Wir verwenden jedoch den Begriff des Salafismus.

[5] Siehe Wiktorowicz 2006: 207-239

[6] Auch hier besteht ein gewisses Konfliktpotential im wissenschaftlichen Diskurs. So bestätigen einige WissenschaftlerInnen diese weitgehende Homogenität in den theoretischen Glaubensgrundsätzen (z.B. Kiefer / Keylan 2013: 82), während andere vehement auf ein hohes Maß an Diversität nicht nur in den Methoden, sondern auch in der Glaubenstheorie bestehen (z.B. Gharaibeh 2014: 108).

[7] Ich verwende in dieser Arbeit folgende Übersetzungen: QuietistInnen, politische und jihadistische SalafistInnen.

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Details

Titel
"Salafismus" aus Sicht der Wissenschaft und des deutschen Verfassungsschutzes
Hochschule
Universität Kassel  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Der Islam in der deutschen Religionspolitik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V315017
ISBN (eBook)
9783668147010
ISBN (Buch)
9783668147027
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In gendergerechter Sprache formuliert. Die Arbeit positioniert sich kritisch gegenüber der Arbeit des deutschen Verfassungsschutzes.
Schlagworte
Innenpolitik, Islamismus, Islam, Salafismus, Verfassungsschutz, Bundesamt für Verfassungsschutz, Religionspolitik, Deutsche Religionspolitik
Arbeit zitieren
Jan-Lukas Kuhley (Autor), 2015, "Salafismus" aus Sicht der Wissenschaft und des deutschen Verfassungsschutzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315017

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