Lessings "Emilia Galotti" gilt als der Prototyp des bürgerlichen Trauerspiels. Inwieweit jedoch ist es möglich, das Schema des Trauerspiels auch auf Goethes "Clavigo" anzuwenden?
Dazu soll zunächst erläutert werden, was unter einem bürgerlichen Trauerspiel zu verstehen ist und welche Entwicklungen es vollzogen hat. Anschließend soll das Drama "Emilia Galotti" in seiner Qualität als bürgerliches Trauerspiel untersucht werden, um abschließend die eingangs gestellte Frage zu beantworten.
Der Name des bürgerlichen Trauerspiels ist Programm: ‚bürgerlich‘ sind die Protagonisten und die Probleme, die in tragischer Form dargestellt werden. Bislang war die Tragödie für den Adel reserviert, für die Darstellung der Bürger war die Komödie vorgesehen. Im Zusammenhang mit dem aufstrebenden Bürgertum im 18. Jahrhundert sollte sich dies nun ändern. In dieser ersten Phase war das bürgerliche Trauerspiel geprägt von der moralischen Selbstvergewisserung des Bürgertums, von bürgerlichen Tugendproklamationen und der Darstellung adliger Willkür. Die zweite Phase wandte sich mehr den Konflikten innerhalb des Bürgertums selbst zu.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Theorie des bürgerlichen Trauerspiels
2.1. Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels
2.2 Die Dramentheorie Lessings
2.3. Definition des Begriffs ‚Bürgerlich‘
2.4 Entwicklung des bürgerlichen Trauerspiels
3. Lessings Emilia Galotti
3.1. Der Ständekonflikt: ‚Bürgerlich‘ versus ‚Adlig‘
3.2. Der Ständekonflikt anhand der Figurenkonstellation
3.2. Der Ständekonflikt anhand der Handlungsorte
4. Goethes Clavigo
4.1. Die Figurenkonstellationen im Vergleich zu Emilia Galotti
4.2. Clavigo und dessen innerer Konflikt
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das bürgerliche Trauerspiel als literarische Gattung, wobei der Fokus auf dem Vergleich von Gotthold Ephraim Lessings „Emilia Galotti“ und Johann Wolfgang von Goethes „Clavigo“ liegt. Ziel ist es zu erörtern, inwieweit das theoretische Schema des bürgerlichen Trauerspiels auf Goethes Werk anwendbar ist und welche inhaltlichen sowie strukturellen Entwicklungen sich durch diesen Vergleich offenbaren.
- Theoretische Grundlagen und Entwicklung des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert
- Analyse des Ständekonflikts in Lessings „Emilia Galotti“ unter Berücksichtigung von Figuren und Handlungsorten
- Vergleich der Figurenkonstellationen zwischen „Emilia Galotti“ und „Clavigo“
- Untersuchung des inneren Konflikts in Goethes „Clavigo“ als Verlagerung des gesellschaftlichen Ständekonflikts
- Herausarbeitung der Gattungsmerkmale im Wandel vom „empfindsamen“ Trauerspiel hin zur Darstellung der Individuums- und Künstlerproblematik
Auszug aus dem Buch
3.2. Der Ständekonflikt anhand der Handlungsorte
Die Gegensätzlichkeit verschiedener Lebensbereiche macht sich auch in den Handlungsorten deutlich erkennbar23. Einfluss und Macht, beziehungsweise Ohnmacht, sind eng mit den jeweiligen Handlungsorten verknüpft. Zu Beginn hält sich der Prinz im Kabinett des Schlosses auf, wobei die Galottis im Saal des Hauses situiert werden. Schon hier werden höfische Werte und Normen den häuslich-familiären Regeln gegenübergestellt. Auch wird das Machtverhältnis der betreffenden Parteien deutlich: Während es Marinelli und dem Prinzen ohne weiteres möglich ist, die ‚bürgerliche‘ Sphäre zu betreten, bleibt das Kabinett des Prinzens vor den Galottis verschlossen. In diesem Zusammenhang wird natürlich auch der Vorsaal des Lustschlosses wichtig. Hier treffen fast alle Handelnden zusammen, stehen aber im Einflussbereich des Prinzen. An ein Weiterdringen der Galottis ins Innere des Schlosses, den Machtbereich des Prinzen, ist nicht zu denken.
Emilia Galotti kann in vielerlei Hinsicht als Prototyp des ‚bürgerlichen Trauerspiels‘ gelten. Eindrucksvoll ist die Flexibilität des Begriffes ‚bürgerlich‘, der in Emilia Galotti in seinen verschieden Facetten zum Ausdruck kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels vor und umreißt die Untersuchung der Anwendbarkeit dieses Schemas auf Goethes Drama „Clavigo“.
2. Die Theorie des bürgerlichen Trauerspiels: Hier werden die Ursprünge, die Dramentheorie Lessings sowie die Definition und Entwicklung des Genres im 18. Jahrhundert erläutert.
3. Lessings Emilia Galotti: Das Kapitel analysiert den Ständekonflikt, die Figurenkonstellation und die Handlungsorte in Lessings Prototyp des bürgerlichen Trauerspiels.
4. Goethes Clavigo: Dieses Kapitel vergleicht die Figurenkonstellationen mit Lessings Werk und beleuchtet den spezifischen inneren Konflikt des Protagonisten Clavigo.
5. Fazit: Die abschließenden Ergebnisse zeigen, dass „Clavigo“ trotz Abweichungen als bürgerliches Trauerspiel zu begreifen ist, wobei sich der Fokus hin zur Individuums- und Schriftstellerexistenz verschiebt.
Schlüsselwörter
Bürgerliches Trauerspiel, Lessing, Goethe, Emilia Galotti, Clavigo, Ständekonflikt, Aufklärung, Sturm und Drang, Empfindsamkeit, Figurenkonstellation, Dramentheorie, Literaturwissenschaft, Tugend, Bürgertum, Adel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels und setzt dabei Lessings „Emilia Galotti“ mit Goethes „Clavigo“ in Beziehung, um die Gültigkeit gattungsspezifischer Merkmale zu prüfen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören der Ständekonflikt, das Verhältnis von bürgerlichen Tugenden gegenüber höfischer Macht sowie die Verlagerung von Konflikten vom gesellschaftlichen Raum in das Innenleben der Protagonisten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Erörterung, inwiefern Goethes „Clavigo“ unter die Definition des bürgerlichen Trauerspiels fällt und welche ästhetischen bzw. inhaltlichen Modifikationen durch diesen Vergleich erkennbar werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische Analyse, die Theoriekapitel mit einer textnahen Untersuchung der Figurenkonstellationen, Handlungsorte und der psychologischen Verfassung der Protagonisten verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des bürgerlichen Trauerspiels, die detaillierte Analyse von Lessings Emilia Galotti und schließlich die vergleichende Betrachtung von Goethes Clavigo.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Ständekonflikt“, „bürgerliche Werte“, „Adel“, „Empfindsamkeit“ und „Sturm und Drang“ geprägt.
Warum wird der Handlungsort als Mittel der Konfliktdarstellung angeführt?
Die Handlungsorte in „Emilia Galotti“ dienen als räumliche Manifestation der Trennung zwischen privater bürgerlicher Sphäre und höfischem Machtbereich, wodurch soziale Überlegenheit und Ohnmacht visuell erlebbar werden.
Inwieweit unterscheidet sich der Konflikt in Goethes „Clavigo“ von dem in „Emilia Galotti“?
Während in Lessings Werk der Konflikt klassisch zwischen den Ständen (Galottis vs. Prinz) ausgetragen wird, findet in Goethes „Clavigo“ eine Internalisierung des Konflikts statt, bei der die Hauptfigur zwischen bürgerlichem Leben und höfischer Karriere schwankt.
Welche Rolle spielt der „fehlende Vater“ in „Clavigo“ laut der Analyse?
Das Fehlen des patriarchalischen Vaters, der durch den Bruder ersetzt wird, deutet auf ein Versagen der traditionellen Autorität hin, was typisch für die gesellschaftskritische Perspektive des „Sturm und Drang“ ist.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2011, Das bürgerliche Trauerspiel. Lessings "Emilia Galotti" und Goethes "Clavigo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315270