Untersuchung homophober und heteronormativer Diskursausschnitte auf Basis der Annahmen der Queeren Linguistik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. I. Teil: Theoretische Grundlagen der Queeren Linguistik
2.1. Zur Begriffsklärung des Wortes Queer
2.2. Vom Strukturalismus zur Queer Theorie
2.2.1. Strukturalismus
2.2.2. Poststrukturalismus
2.2.3. Sprechakte und Performativität
2.2.4. Allgemeine und sprachliche Aspekte des Konstruktivismus und der Queer Theorie
2.3. Der gemeinsame Kern der Queeren Lingusitik – ein Zwischenfazit
2.4. Ausschlüsse als Problem der Prototypizität – feministische Kritik der Queer Theorie

3. II. Teil: Praktische Analyse einzelner Textausschnitte
3.1. Polarität als notwendiges Strukturprinzip
3.2. Reproduktion und Fortbestand der Gesellschaft
3.3. Geschichtliche Gewachsenheit
3.4. Zerstörung der Ehe/Semantische Umdeutung als Anmaßung
3.5. Kindeswohl
3.6. Natürlichkeit
3.7. Homosexuelle Handlungen als illegitimer Akt
3.8. Bekundungen der Nicht-Diskriminierung
3.9. Transphobische Diskurse

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt (Wittgenstein 1984: S. 67)

In dieser Hausarbeit sollen auf Basis eines theoretischen Überblicks ausgewählte Diskurselemente sprachlich im Hinblick auf heteronormative Ausschlüsse untersucht werden. Im Rückgriff auf eine Deutung des Wittgensteinschen Zitats, dass die Grenzen der Sprache auch die Grenzen der Welt bedeuten, ist es hierbei das Ziel durch eine Explizitmachen diskriminierenden oder exkludierenden Sprachgebrauchs Sprachlosigkeit in Bezug auf wirkmächtige Annahmen zur Heterosexualität als unbedingtem Normalfall zu überwinden. Denn nur wenn man die Performanz der Sprache für eine Umdeutung und Neubesetzung bestimmter Semantiken nutzbar macht, werden queere Personen sichtbar. Sonst sind sie der Welt der Sprache und damit der intersubjektiv vermittelbaren Welt nicht wahrnehmbar.

Hierzu werden zuerst ausgehend vom Strukturalismus, poststrukturalistische Ansätze und schließlich Annahmen zur Sprechakttheorie dargelegt. Abrundend und ergänzend sollen ausgewählte Aspekte der Queer Theorie, dort wo sie relevant sind für die Sprachwissenschaft, ausgeführt werden. Auch der Ansatz Luise Puschs, der sich von klassisch queeren Ansätzen mit einer feministischen Kritik absetzt, soll kurz erläutert werden.

Darauf folgend soll eine sprachliche Untersuchung ausgewählter Texte stattfinden: die Topoi der Polarität, Reproduktionsfähigkeit, geschichtlichen Gewachsenheit, Zerstörung der Ehe, dem Kindeswohl, der Natürlichkeit, sowie Illegitimität homosexueller Handlungen sind hierbei leitende Themenfelder.

Schließlich wird dargestellt, wie das Selbstverständnis gewalt- und diskriminierungsfrei zu handeln bei den jeweiligen Autor*innen konstruiert wird, und auf welche Art und Weise sich hier bereits gegenteiliges Handeln andeutet.

Den Schlusspunkt bilden transphobische Ausschlüsse, wie sie sich insbesondere im Namensrecht manifestieren.

2. I. Teil: Theoretische Grundlagen der Queeren Linguistik

2.1. Zur Begriffsklärung des Wortes Queer

Zunächst soll der Begriff Queer in einigen seiner Facetten erläutert werden, ohne allzu sehr den darauf folgenden sprachtheoretischen Verortungen und erläuterten Hintergründen vorzugreifen. Viele Eigenschaften und Leitmotive, die mit dem Begriff verbunden sind, lassen sich nämlich in der Entwicklungsgeschichte Queerer Linguistik, die darauf aufbauend mit den wichtigsten theoretischen Einflüssen schlaglichtartig entwickelt wird, wiederfinden.

Der Begriff Queer unterliegt in seiner Semantik einem immensen Bedeutungswandel: Zunächst wurde er als Schimpfwort gegen Lesben und Schwule im englischsprachigen Raum verwendet und schließlich durch Selbstaneignung der Gruppe von Schwulen und Lesben zu einem zunehmend positiv konnotierten, kämpferischen Begriff (Degele 2008: 15).

Seit den 1990er Jahren wird der Begriff auch im akademischen Kontext gebraucht, wobei es sich zusammenfassend in dieser Verwendungsweise um einen bewusst offen gehaltenen Begriff handelt, der eine Weiterentwicklung schwul-lesbischer Ansätze, aber keinesfalls deren logische Fortsetzung darstellt. Der Begriff kann nur näherungsweise erfasst werden, und es liegt im Wesen seiner Natur unbestimmt zu sein (Seppelle 2011: 18). In einer plural-queeren Variante jedoch lassen sich als gemeinsamer Nenner des Begriffes die Kritik an ausschließenden Konzepten wie Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit fassen.

2.2. Vom Strukturalismus zur Queer Theorie

Im Folgenden soll dargelegt werden, welche grundlegenden Einflüsse in philosophischer und linguistischer Hinsicht für die Entwicklung der Queer Theorie und der Queeren Linguistik entscheidend sind und waren. Zudem wird der Begriff der Queer Theorie näher erläutert, da er ein entscheidendes Fundament dieser noch recht jungen Teildisziplin der Linguistik darstellt. Dies soll helfen, Begriffe und darauf folgende Analysen besser einzuordnen und nachzuvollziehen.

2.2.1. Strukturalismus

Begründer des Strukturalismus ist de Saussure, der eine Zeichentheorie entwickelt hat.

Ihm zufolge besteht ein Zeichen aus einem Signifikat, also dem Bezeichneten und einem Signifikanten, dem Bezeichnenden (Saussure 1967: 79).

Hierbei wird von der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens ausgegangen. Die Verknüpfung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem ist also demnach beliebig (Ebd.) und nicht durch irgendwelche sprachlichen Gesetze o.ä. bestimmt.

Für die poststrukturalistische Kritik, die auf Saussure aufbaut, sind nun insbesondere zwei Befunde zentral: Dass sich sprachlicher Sinn sprachintern erklären lassen muss, und die Annahme, dass das Zeichen in einer synchronen Perpsektive unveränderlich ist..

Die erste Annahme ergibt sich aus der Arbitrarität des Zeichens, da sich kein Sinn von außen konstruieren oder einfügen lässt, sondern aus „sprachinternen Differenzierungen“ wie der Opposition von Mann und Frau entsteht (Hornscheidt 2013: 348). Somit wird also nicht der Inhalt, sondern die Differenz zwischen den einzelnen Elementen entscheidender Faktor für die Konstitution von Bedeutung (Degele 2008: 101). Es gibt keine intrinsischen Bedeutungen, sondern nur relationale Zusammenhänge, die in Abhängigkeit und Abgrenzung zueinander stehen. So steht das Wort Frau nicht nur in Abgrenzung zum Wort Mann, sondern auch in Opposition zu den Worten Lesbe, Dame, Mädchen oder Mutter (Hornscheidt 2013: 348), und erfährt erst in einem solchen Kontext seine spezifische Bedeutung.

Der zweite Punkt der Unveränderlichkeit des sprachlichen Zeichens bedeutet zwar nicht den kategorischen Ausschluss einer Möglichkeit der Veränderung, jedoch kann diese nicht durch ein absichtliches Eingreifen oder die Mitglieder der Sprachgemeinschaft herbeigeführt werden (Groß 2008: 34).

2.2.2. Poststrukturalismus

Auf den kurzen Abriss des Strukturalismus folgt nun eine Erläuterung des Poststrukturalismus und seiner wesentlichen Einflüsse. Fokussiert werden hierbei wiederum die Aspekte, die für die Disziplin der Queer Linguistik von besonderer Bedeutung sind.

Das Verhältnis von Strukturalismus zu Poststrukturalismus lässt sich als ein Verhältnis radikaler Modifikation und Transformation einerseits und eines Aufbauens auf dieser Theorie andererseits beschreiben (Weedon 1997: 23). Übernommen wird hierbei von Saussure, dass Bedeutung innerhalb von sprachlichen Systemen hervorgebracht wird und, dass es keine intrinsische Bedeutung von Zeichen gibt (Ebd.).

Die Feststellung von Differenzen als Prinzip der Konstitution von Bedeutung wird allerdings nicht als unveränderbar gesehen, sondern es werden im Gegenteil „Diskontinuität und Wandel“ (Degele 2008: 102) betont. Vielfalt von Bedeutungen und Bedeutungswandel werden so zum konstitutiven Element einer neuen Denkrichtung (Weedon 1997: 24).

Zentral sind hierbei der mit Foucault verknüpfte Begriff des Diskurses bzw. der diskursiven Konstruktion und der mit Derrida verknüpfte Terminus der Dekonstruktion.

Ein Diskurs ist Foucault zufolge „die vielfältige Ansammlung von Äußerungen, die sich auf eine bestimmte Auffassung bezieht, die dadurch Bedeutung gewinnt und Widerspruch erfährt“ (Foucault 1983: 122). Es geht also um mehrere verschiedene Texte, die zueinander in Beziehung stehen und sich aufeinander beziehen können. Dieser Diskurs ist nach Foucault eingebunden in ein Geflecht von Macht, welches weniger in Opposition zur Sexualität steht, als vielmehr diese ebenfalls hervorbringt. Diskurse schaffen hierbei gesellschaftliche Wirklichkeiten (Degele 2008: 102). Für Foucault war es wichtig u.a. am Beispiel der Homosexualität zu verdeutlichen, dass Sexualität nicht nur eine persönliche, sondern auch eine kulturelle Dimension hat (Jagose 2005: 103).

Die Wichtigkeit für die Queeren Forschungsdisziplinen, die sich hierauf aufbauend entwickeln konnten, ergibt sich aus der vollkommen neuartigen Konstruktion und dem gleichzeitigen Infragestellen von Identität: Foucault entwickelt am Beispiel der Homosexualität, wie sexuelle Identität als Effekt diskursiver Praktiken hervorgebracht wird und sich hierbei bestehender kultureller Kategorien bedient (Jagose 2005: 107).

Diesen neuen Ansatz hat Derrida schließlich auf den Umgang mit Texten in Form der Praxis der Dekonstruktion übertragen. Gemeinsames Bindeglied ist die Überwindung des Strukturalismus, genauer gesagt der Annahme fest gesetzter Bedeutungen und Identitäten. Dies wiederum schlägt den Bogen zu einer Relevanz als Handwerkszeug für die Queere Linguistik und andere Forschungsbereiche, stellt diese doch festgesetzte Identitäten, Oppositionen und Binarismen in Frage.

Derrida beginnt mit einer Art Gedankenexperiment oder Wortspiel indem er mit dem Wort différance ein Homophon zu différence bildet und hieran exemplarisch verdeutlicht, dass erst die permanente Wortwiederholung und schriftliche Verfestigung einem Wort seine Bedeutung verleiht (Derrida 1990: 76 ff.). So lässt sich als ein Kondensat des unscharfen und damit stets selbst einem dekonstruktivistischen Prozess ausgesetzten Begriff der Dekonstruktion folgende Annäherung ausmachen:

Anders als die herrschende hermeneutische Praxis meint Derrida, daß jeder Text in einem Kontext steht, das heißt, er ist vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, die sich in ihm in einer Weise kreuzen und mischen und zur Geltung bringe, die ihn zu einem vielschichtigen Gebilde machen. Der Sinn ist nicht die letzte Schicht eines Textes. An die Stelle eines transzendentalen Signifikats tritt die différance […] (Engelmann 1990: 31).

Es lassen sich somit also als Merkmale der Praxis der Dekonstruktion der permanente Verweischarakter eines Textes und seiner Begriffe und die Abhängigkeit vom diskursivem Kontext (Weedon 1997: 25) sowie die prinzipielle Offenheit von Sprache und Bedeutung ausmachen.

Als ein Ziel Derridas wird bestimmt, dass er das „Ausgegrenzte wieder ans Licht“ (Engelmann 1990: 17) bringen wolle. Um einen Bezug zur Queeren Lingusitik herzustellen, ist es dieser Impetus, die marginalisierten und verdrängten Bedeutungswelten und sprachliche Pejorisierungen (Hornscheidt 2011: 15-46), Abwertungen-, Beschimpfungen und mit negativen Konnotation besetzten Wörter in ihrer begrifflichen Wandelbarkeit zu begreifen bzw. erst sichtbar zu machen, und etablierte Wortfelder und Semantiken neu zu besetzen. Dies macht die Dekonstruktion – bei aller in der Natur der Sache liegenden begrifflichen Unschärfe – auch zu einem wertvollen Fundament, auf dem die Queere Linguistik aufbaut und dass in seine Entstehungsgeschichte eingebettet nicht unerwähnt bleiben darf, wenn man sprachliche Analysen im Sinne dieses Zweiges der Linguistik nachvollziehbar aufbauen möchte.

Die politische Sprengkraft einer solchen (linguistischen) Praxis kann folgender Maßen auf den Punkt gebracht werden: Sie ist eine Kritik an „der Hybris des rational imaginierten bürgerlichen Subjekts“ (Aubeck 2011: 531) und stellt „die als gesund, naturgemäß und förderlich normierten heterosexuellen Verhaltenserwartungen aller Individuen“ (ebd.) radikal in Frage.

2.2.3. Sprechakte und Performativität

Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die für die Queere Linguistik relevanten Aspekte der Sprechaktetheorie nach Austin und Searle gegeben werden. Hierbei wird auch erläutert, inwiefern die Ideen dieser Theorie auch entscheidend sind für das Verständnis der Ansatzpunkte und Arbeitsweise sowie konkreter Analysen im Rahmen der Queeren Linguistik.

Zentral ist hierbei die Feststellung, dass „zu Sprechen heißt, etwas zu tun.“ (Krämer 2001: 55). Ganz am Anfang dieser Feststellung steht bei Austin – auch wenn er diese Überzeugung später wieder verwirft und ausdifferenziert (Krämer 2001: 149 ff.) – eine sehr grundlegende Unterscheidung, nämlich die zwischen konstatierenden und performativen Sätzen (Krämer 2001: 135). Konstatierende Sätze sind hierbei deskriptive, also beschreibende Aussagen, mit denen Feststellungen getroffen werden, ob eine Aussage wahr oder falsch ist (Krämer 2001: 138). Performative Akte, abgeleitet vom englischen Verb „to perform“ – „vollziehen“, sind nicht feststellender Natur, sondern vollziehen mit ihrer Aussprache eben jene Handlung, die sie zum Ausdruck bringen (Austin 1979: 29-30). Taufen oder das Ja-Wort bei einer Hochzeit können hierbei als Beispiele dienen.

Als Essenz lässt sich fassen, dass bei der Sprechakttheorie – und das ist das wesentlich neue – neben deklarativen auch nicht-deklarative Sprechakte im Vordergrund stehen (Wunderlich 1976: 119). Das subversive Moment liegt nun in der gleichzeitigen Feststellung der Vorläufigkeit dieser aufgemachten Dichotomie. So verwirft Austin im zweiten Teil seines Werkes zur Theorie der Sprechakte wiederum die Unterscheidung von performativen und konstatierenden Sprechakten und macht eine feinere Differenzierung auf: Nun unterscheidet er zwischen der bloßen Aussage (lokutionärer Akt), ihrem Sinn im Kontext des Gesagten (illokutionärer Akt) und der Folgewirkung der Aussage, also der Handlung die man durch die Sprache vollzieht (perlokutionärer Akt) (Austin 1979: 126 ff.).

Der Bezug zur Queeren Linguistik tritt hierbei in den Konsequenzen der Theorie in mehrfacher Hinsicht zu Tage: Zum einen wird die Bedeutungsschwere des gesprochenen Wortes als vollzogenen Handlung und somit sein Potential zur Verletzung, Pejorisierung und Marginalisierung von Menschengruppen deutlich. Es handelt sich eben nicht nur um Sprache, über die man schreibt, sondern um Sprechakte, die eine unmittelbare performative Wirkung entfalten und Wirklichkeit formen.

Austin selbst betont die Vorläufigkeit der aufgemachten Dichotomien und hebt die sprachlich nie ganz fassbare Mannigfaltigkeit der Welt (Villers 2011: 121) hervor. Hier lassen sich zudem Parallelen zu den ebenfalls vagen und Ausschlüsse vermeidenden Umrissen des Begriffes Queer und damit auch anschlussfähige Momente an die Queer Theorie und die z.T. hierauf basierende Queere Linguistik ausmachen.

Zudem stellt die Sprechakttheorie ein Handwerkszeug dar, implizite Diskriminierung aufzudecken: Durch die Abkehr einer reinen Satzsemantik nach dem Kompositionsprinzip – also der Fregeschen Gleichung, dass Semantik auf den im Satz enthaltenen Wörtern basiert – findet eine Abkehr davon statt, Bedeutung mit der lexikalisierten Bedeutung gleichzusetzen. Vielmehr wird darüber hinausgehend von einer pragmatischen Bedeutung ausgegangen, die mehr als die geschriebenen oder gesprochenen Worte berücksichtigen muss, sodass sich sagen lässt, dass die „Implizitheit [sogar] notwendige Voraussetzung für den Sprechakt-Begriff“ (Wagner 2001: 31) ist. Diese subtilen, gleichsam unter der Oberfläche liegenden Ausschlussmechanismen und Stigmatisierungen aufzudecken, kann ein Ziel Queerer Linguistik sein.

2.2.4. Allgemeine und sprachliche Aspekte des Konstruktivismus und der Queer Theorie

Als ein weiteres Element der theoretischen Ausführungen, die die praktische Analyse ausgewählter Textausschnitte stützen und verständlich machen sollen, wird nun Judith Butlers Theorie, die maßgeblich die Gender Studies und auch den Begriff der Queer Theorie prägte, vorgestellt werden. Mit ihrem „diskurstheoretisch-konstruktivistischen“ (Lorey 1993: 11) Ansatz will sie „Denkmuster, die auf Essenzen und natürliche Tatsachen rekurrieren“ (Ebd.), überschreiten.

Hierbei bilden die vorangegangenen Theorien, die die Schlagworte des Diskurses, der Macht, der Dekonstruktion und der Performanz beinhalten und sich wiederum vor dem Hintergrund des Strukturalismus abspielen, die Basis ihrer auch sprachkritischen Ansätze.

Zunächst seien die Grundzüge ihrer Theorie im Allgemeinen dargestellt, um dann eine Spezifizierung auf den Bereich sprachlicher Phänomene vorzunehmen.

Zentral ist der Begriff einer „heterosexuellen Matrix“, innerhalb der sich – im Sinne einer binären Zweigeschlechtlichkeit – alle Menschen bewegen und behaupten müssen. Judith Butler definiert hierbei die Abläufe in dieser Matrix wie folgt:

Bei „Männern“ wie „Frauen“ tendiert diese Behauptung dazu, den Begriff der Geschlechtsidentität dem der Identität unterzuordnen, und verleitet so zu der Schlußfolgerung, daß eine Person eine Geschlechtsidentität (gender) – Mann oder Frau – ist und zwar kraft ihres anatomischen Geschlechts (sex), ihres psychischen Selbstgefühls und den verschiedenen Äußerungen dieses psychischen Selbstgegfühls und den verschiednen Äußerungen dieses psychischen Selbst, deren hervorstechendste das sexuelle Begehren ist (Butler 1991: 45).

Wichtig ist also an dieser Stelle die Tatsache, dass eine Person, die biologisch männlich ist, sich als maskulin und Frauen begehrend darstellen muss. Komplementär hierzu wird angenommen, dass eine Frau, die biologisch weiblich ist, ein feminines soziales Geschlecht aufweist und Männer begehrt.

Die Kette aus „sex“, also dem biologischen Geschlecht, „gender“, dem grammatisch oder sozialen Geschlecht, Begehren und Identität wird als Einheit durch die heterosexuelle Matrix organisiert und aufrechterhalten (Hark 2013: 454). Butler fasst diese hierbei nicht als etwas Natürliches auf, sondern als „normatives Ideal und den Effekt mühsamer Zurichtungsmaßnahmen (Engel 2008: 334)“. Es werden also der Natürlichkeitszusammenhang von biologischem Geschlecht (sex) und sozialen oder grammatischen Geschlecht (gender) in Frage gestellt, und gleichzeitig die in Opposition zueinander gesetzten Geschlechtsbinarimsen hinterfragt.

Der Ansatz Butlers besteht nun darin „Brüche und Instabilitäten vermeintlich sicherer und eindeutiger Diskurse“ (Degele 2008: 106) herauszuarbeiten bzw. die Konstruiertheit und, mit ihr einhergehend die subtile Gewalt, die von der Aufrechterhaltung einer solchen Matrix ausgeht, aufzudecken.

Sprachtheoretische rekurriert Butler auf den performativen Charakter von Sprache, wie er in der Sprechakttheorie festgehalten wurde. Hier ist die entscheidende Verbindung zu finden zwischen dem allgemeinen Theoriegebäude Butlers und der Reflexion sprachlicher Phänomene und sprachphilosophischer sowie linguistischer Überlegungen.

Hierbei gibt Butler der performativen Wende, wie sie mit der Gleichsetzung von Handeln und Sprache erfolgt ist, eine „neue Drehung“ (Krämer 2001: 242), indem sie Performativität um den Aspekt der Transformation erweitern möchte. So soll Sprache zu einem Mittel werden können, das nicht nur bestehende Machtverhältnisse stützt, sondern zugleich zu einem Instrument zur Veränderung von Strukturen werden kann (Krämer 2001: 244). Hierdurch wird die Verbindung zwischen Sprache und sprachlichem Handeln gelockert, indem Butler konstatiert, dass Sprechen zwar mit der Möglichkeit auch machtvollen sprachlichen Handelns verbunden sei, aber nicht automatisch eine performative Wirkung herstelle. Dies soll sicherstellen, dass Macht und sozialer Wandel in eine Theorie der Performanz integrierbar werden.

2.3. Der gemeinsame Kern der Queeren Lingusitik – ein Zwischenfazit

Im Folgenden soll vor dem Hintergrund der dargelegten Theorie noch einmal expliziert werden, um welche Disziplin es sich bei der Queeren Lingusitik handelt. Ausgehend vom Zeichnen eines Umrisses des Begriffes Queer über die strukturalistischen bis poststrukturalistischen Theorien bis Judith Butler wurde ein Bogen gespannt, der das weite Spannungsfeld und theoretisch zugrundeliegende Gebäude der Queeren Linguistik versucht hat nachzuvollziehen.

Innerhalb dieses Rahmens sollte es leichter fallen die Übertragung all dieser Vorraussetzungen und Methoden auf die Linguistik im Kern besser zu begreifen.

Auf einen Begriff gebracht lässt sich Queere Lingusitik als „kritische Heteronormativitätsforschung“ verstehen (Motschenbacher 2001: 12). Folgender methodische Ansatzpunkt ist entscheidend:

Es geht ihr [der Queeren Linguistik, P.H.] vor allem um das Entlarven von Prozessen, die dazu führen, dass Heterosexualität weithin als die naturalisierte Norm begriffen wird, die es zu dekonstruieren und mit nicht-heteronormativen Alternativen zu versehen gilt (Ebd.).

Es lässt sich also sagen, dass ein subtilerer Ansatzpunkt als Formen von „hate speech“ oder offener Diskriminierung gewählt wird und mit dem poststrukturalitischen Handwerkszeug der Dekonstruktion unter Berücksichtigung der Paradigmen der performativen Wende, Sprache, die Ausschlüsse erzeugt und Binarismen naturalisiert, untersucht werden.

Mit diesem Hintergrundwissen über den Gegenstand und die Voraussetzungen dieser noch recht jungen linguistischen Disziplin sollte es leichter fallen, sinnvolle sprachkritische Analysen zu betreiben und für die Leser*innen nachvollziehbar zu machen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Untersuchung homophober und heteronormativer Diskursausschnitte auf Basis der Annahmen der Queeren Linguistik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Sprache und Diskriminierung
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V315726
ISBN (eBook)
9783668153103
ISBN (Buch)
9783668153110
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
untersuchung, diskursausschnitte, basis, annahmen, queeren, linguistik
Arbeit zitieren
Philipp Hülemeier (Autor), 2015, Untersuchung homophober und heteronormativer Diskursausschnitte auf Basis der Annahmen der Queeren Linguistik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315726

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