Die Entstehung der Zugangsgesellschaft. Chancen des Carsharing durch kulturellen Wandel


Diplomarbeit, 2014
56 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Teil A I. Hinführung
II. Vorhaben dieser Arbeit
1 Ansatz der Arbeit
2 Spezifizierung
3 Fragestellung und Untersuchungsgegenstand
4 Methodik

Teil B I. Theorie einer Zugangsgesellschaft
1. Rifkins Modellierung einer Zugangsgesellschaft
2. Weitere Theorien und Ansätze
2.1 Netzwerkgesellschaft (Castells)
2.2 Konsumgesellschaft
2.3 Dienstleistungsgesellschaft - Tertiärisierung
2.4 Der proteische Mensch (Lifton)
3. Eigentum und Besitz - historisch-juristische Überlegungen
II. Carsharing
1. Grundlagen: Begriff, Definition, Geschichte
2. Typologie
2.1 Stationsgebundenes Carsharing
2.2 Flexibles Carsharing
3. Theorie und Praxis
4. Entwicklungstendenzen der Automobilität
5. Mobilitätsmuster und kultureller Wandel
6. Zugang und Technologie -- Zugangstechnologie

Teil C I. Zusammenfassung
II. Auswertung
III. Ausblick

Teil D I. Literaturverzeichnis
1. Bibliographie
2. Internetquellen

Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.1

Teil A

I. Hinführung

Das mir vorliegende Exemplar des Buches „Access - das Verschwinden des Eigentums“ des US-Ökonomen und Soziologen Jeremy Rifkin ist nicht mein eigenes. Es ist aber in meinem Besitz, weil ich es mir aus einer Bibliothek der Hochschule habe entleihen können. Sprich: ich habe Zugang zu den Inhalten des Buches, ohne es mir gekauft haben zu müssen. Dieselbe Möglichkeit steht auch - und das im Prinzip ohne große Einschränkungen - jedermann offen.

Nun scheint das Prinzip der Bibliothek - im Kern wäre dies: schriftliches Wissen sammeln und zugänglich machen - aus heutiger Sicht nicht mehr wirklich besonders zu sein, obgleich es dies ohne Frage ist.2 Aber wenn man, wie Jeremy Rifkin es tut, das Prinzip „Zugang statt Eigentum“ auf weite Bereich des alltäglichen Lebens ausweitet, dann kann dies sehr wohl von so fundamentaler Bedeutung sein, wie einst die Schaffung der ersten Bibliotheken, deren Dienstleistungen uns heute als selbstverständlich, eben alltäglich erscheinen.

Neben einem gedruckten Exemplar eines Buches kann auch eine Lizenz für das Buch in einem anderem Format, nicht gedruckt, sondern als sog. eBook erworben werden.3 Somit ist der Buchtitel in Form einer Kopie als Datei des Werks über einen Computer abrufbar. Beim Öffnen dieser wird jedoch via Internetverbindung geprüft, ob auch die tatsächliche Berechtigung zum Zugriff auf diese Buch-Datei vorliegt, d.h. der Zugreifende für den Zugang auch bezahlt hat. Denn ein Unterschied zwischen Eigentum und Zugang kann an dieser Stelle nicht ausgemacht werden:4 für beides muss - gleichermaßen und offenbar gleichberechtigt - bezahlt werden. Das eBook weist im Vergleich zur Printversion Eigenschaften auf, die genuin in seinem Format einer elektronisch nutzbaren Datei begründet sind und sich unter dem Schlagwort der Praktikabilität subsummieren lassen: So kann etwa der Text nach einzelnen Wörtern oder Phrasen durchsucht und auch deren Häufigkeit digital ermittelt werden. Dies ermöglicht einen sehr schnellen Zugang zu einzelnen Textpassagen, Verweisen, Namen o.ä., die Printversionen, wenn überhaupt, nur über Register zugänglich machen. Andere Vorteile wären subjektiver Natur: ein im Vergleich zur Druckversion platzsparendes Tablett für eine große Anzahl von Büchern, keine Nutzung der Ressource Papier o.ä. Dennoch, gerade in Bezug auf die gedruckten Bücher gilt, dass solcherlei, vermeintlich subjektiven Kriterien wirkmächtig sein können: etwa die Gestaltung eines Buches, die Wahl des Papiers, eines Leineneinbandes etc., allesamt Aspekte, die das haptische Empfinden ansprechen.

Rifkin, der Access im Jahr 2000 veröffentlichte, prophezeite darin den Untergang des gedruckten Buchs und den Wandel hin zum reinen eBook-Konsum, beginnend mit der ersten Generation junger Menschen, die mit dem Computer aufgewachsen ist5. Tatsächlich aber ist es etwas anders gekommen. In den vergangen zehn Jahren gelang durch den prosperierenden Online-Handel ein Aufschwung in verschiedenen Groß- und Einzelhandelbereichen. Dazu gehört - insbesondere durch den Großhändler Amazon - der Aufschwung der Buchbranche. Die Möglichkeit online Bücher in Ausschnitten zu sichten und anzulesen, sie dann einfach und schnell zu kaufen und sich kostenlos liefern lassen zu können, führte dazu, dass die Zahl der Bücherverkäufe und auch die der Verlagsgründungen entgegen aller Erwartungen gestiegen sind. Diese erste Computer-Generation hat den Umschwung, wie von Rifkin angenommen, also nicht gebracht. Es hat weitere zehn Jahre gedauert - genau genommen bis zum Juli 2010 - bis gemeldet werden konnte: „Im vergangenen Monat kamen bei Amazon auf 180 eBooks nur 100 Hardcover-Verkäufe.“6 Es war also nicht das Verdienst der ersten Generation, die mit dem Computer aufgewachsen war, sondern viel mehr eine spätere Generation, die kleine, tragbare Computer wie Tablets oder Smartphones ganz selbstverständlich besitzt und intensiv, alltäglich nutzt. Bei diesen Geräten wird der Inhalt auf einem Bildschirm gezeigt, der in der Handfläche liegt. Eine Nutzungsart, die dem Lesen eines Buches schon viel näher kommt als es das Lesen am immobilen Computerbildschirm auf dem Schreibtisch tut. Somit bedurfte es ergänzend noch einer technologischen Weiterentwicklung, welche Rifkin nicht vorhersagen konnte. Aber betrachtet man seine Mutmaßung als Abstraktion, hat er recht behalten: der Umschwung ist mit der ersten Generation einer für diese Nutzung ausreichend komfortablen und gut funktionierenden Technologie gekommen.

Jede Gesellschaft unterliegt verschiedenen Einflüssen, von denen gewisse aufgrund ihrer Quantität und Rezeption ihrer geographischen Ausbreitung und ihrer zeitlichen Erstreckung und Sychronie als dominante Strömungen aufgefasst werden können und sich manifestieren. So kann man bei solchen Erscheinungen berechtigter Weise so weit gehen, von gesellschaftlichen Phänomenen zu sprechen. Damit sind keine Trends gemeint, die sich eher auf einzelne gesellschaftliche Gruppen beschränken. Vielmehr geht es um Veränderungen von Verhaltensweisen und (gesellschaftlichen) Konventionen. Somit rühren, wenn von gesellschaftlichen Phänomen die Rede ist, die Veränderungen an ganz grundlegenden Aspekten des Zusammenlebens und all seiner Ausformungen. Einer dieser Aspekte, welche das alltägliche soziale Gefüge prägen und konstituieren, ist das Eigentum, dessen Definiton, der Umgang damit und das Verhältnis zum Zugang dazu. Rifkin benennt diesen Teilaspekt gesellschaftlicher Konstituierung mit „access society“, Zugangsgesellschaft. Und, wie am Beispiel des eBooks nunmehr zu sehen ist, ist an der Modellierung der Idee einer Zugangsgesellschaft Verifizierbares enthalten. Zahlreiche der zum größten Teil rein hypothetisch entworfenen Geschäftsmodelle des Typus „Zugang statt Eigentum“ sind inzwischen Realität.7 So kann man inzwischen etwa - bei Rifkin war das noch eine geradezu ironisch formulierte Theorie 8 - Teppiche oder Vorleger, etwa für Eingangsbereiche, mieten. Dazu wird ein Dienstleistungsvertrag abgeschlossen. Dieser regelt, in welchen Abständen der Teppich ausgetauscht bzw. gereinigt wird. Und das Geschäftsmodell geht auf, denn es gibt zahlreiche Firmen, die sich auf das Vermieten von Teppichen spezialisiert haben.

In einem Interview prophezeite dann auch Jeremy Rifkin: „Im Internet-Zeitalter ist es nicht mehr wichtig, Eigentum zu besitzen. Etwas zu leihen, wird die moderne Lösung sein. Statt ein Auto zu kaufen, erwirbt sich der künftige Kunde Zugang zum kulturellen Erlebnis ein Auto zu fahren. Das hat Folgen“9, denen nachzugehen sich diese Arbeit angenommen hat.

II. Vorhaben dieser Arbeit

1. Ansatz der Arbeit

Rifkins populäres10 Werk „Access - das verschwinden des Eigentums“11 beschreibt seine Beobachtungen vom Wandel des industriellen Kapitalismus hin zu einem kulturellen Kapitalismus.12 Anhand zahlreicher Beispiele und Erläuterungen der Entwicklungen aus historischer, ökonomischer und philosophischer Sicht entsteht das Bild eines neuen gesellschaftstheoretischen Modells, welches er als Ganzes access society nennt. Rifkin wählt sehr starke Bilder zur Veranschaulichung der Veränderung innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftssysteme hin zu einem „Hyperkapitalismus“13, bei welchem die Produktion nur noch eine Funktion des Marketings ist14 und welches Marketing mithilfe neuer Technologien und neuer Vermarktungsansätze verwurzelt.15 Der Wandel der Bedeutung von Produktivkapital ist danach bspw. daran zu erkennen, dass bei der Bewertung eines Unternehmens nicht mehr alleine die Kennzahlen und Produktionsziffern (etwa bezüglich des Produktivkapitals) von Bedeutung seien, sondern vielmehr der Wert der Netzwerke, die ein Unternehmen habe sowie die Wertschöpfung, die es durch den Wert seiner Marke erziele und die Zahl der gebundenen Nutzer. Mithilfe verschiedener Herleitungen aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt Rifkin mehrfach schlüssig, dass von der etablierten kommerziellen Einmal- und Einwegbeziehung vom Verkäufer zum Käufer ausgehend, das Modell einer dauerhaften Beziehung von Anbieter und Nutzer16 mehr und mehr Gewicht hat erlangen können: Konsum ist das dabei entscheidende Stichwort17.

Auch kann Rifkin zeigen, dass der Wandel keineswegs ruckartig verlaufen kann, sondern sich über einen langen Zeitraum erstreckt, sich gleichsam eingeschlichen hat und nun durch breite Präsenz in der Umsetzung so stark ausgeprägt ist, dass er als explizite Änderung nicht mehr wahrnehmbar ist, sondern im Alltag angekommen und etabliert, auch nicht mehr revidierbar ist.

Eine theoretisch fundierte Auseinandersetzung zum einen in Bezug auf das Modell einer Zugangsgesellschaft an sich, zum anderen mit Fokus auf den aktuellen Status stehen noch aus, wie auch Rifkin selber anmerkt.18 Gleichwohl gibt es inzwischen eine Vielzahl von Untersuchungen und Publikationen zu diesem Themenkomplex, sodass eine an sich lohnenswerte Betrachtung auch möglich ist.

2. Spezifizierung

Zentrales Manko von Rifkins Access society ist der Umstand, dass es sich eher um eine Modellierung als um ein detailliert ausgearbeitetes sozio-ökonomisches Gesellschaftsmodell handelt. Zudem ist die von Rifkin beschriebene Modellierung mit seinem weit gestreuten Blick in seiner Ganzheit viel zu komplex, als dass es im Rahmen dieser Arbeit gefüllt werden könnte; dies auch deshalb, weil es Gesellschaft an sich betrachten will, d.h. auch die konkreten Auswirkungen auf das soziale Miteinander der Weltbevölkerung bzw. der oder einer Gesellschaft im Allgemeinen.

Es bedarf für diese Arbeit daher einer Eingrenzung. Dazu soll die Rifkin’sche Modellierung anhand eines konkreten Falls exemplarisch betrachtet werden. Dieses Vorgehen gestattet es, sich seiner Modellierung anzunehmen, und dem offenbaren Fehlen einer detaillierten Ausarbeitung entgegenzutreten. Diese soll anhand des gewählten Falls die ausstehenden Details liefern und kann in Relation zur Modellierung gesetzt werden. Ausgewählt wird das Geschäftsmodell des Carsharings, welches für beispielhaft und geeignet erachtet wird, um daran den Ansatz von Rifkins Modellierung zu konkretisieren und Leerstellen zu füllen. Für die Auswahl des Carsharings lassen sich zwei Gründe anführen: Zum einen referiert Rifkin selbst mehrfach das Thema Autofahren. Zum anderen ist der Autor dieser Arbeit beruflich seit vielen Jahren im Bereich des Carsharings tätig, sodass sowohl Kenntnis als auch Interesse diesen Schwerpunkt nahelegen.

3. Fragestellung und Untersuchungsgegenstand

Es sollen in dieser Arbeit die Entstehungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, welche hinsichtlich der Auswirkungen auf die Etablierung von flexiblen Carsharing-Angeboten die Annahme einer Zugangsgesellschaft mitbringen, geprüft werden: Warum erfährt flexibles Carsharing so einen großen Zuspruch - sind kulturelle Veränderungen hierfür verantwortlich? Mithin also die Vermutung, dass die Zugangsgesellschaft als Phänomen der entscheidende Faktor ist, welcher Veränderungen hervorgerufen hat, die dem Carsharing seine heutigen Chancen eingeräumt hat.

4. Methodik

Für die Untersuchung der Ausgangsfrage bietet sich kein Rückgriff auf ein bereits vorhandenes Analyseinstrument an.19 Im Anschluss an diesen Teil A der Arbeit, der Grundsätzliches zu Ansatz und Vorhaben vorgestellt hat, wird daher ein Teil B folgen, welcher die Beantwortung der Ausgangsfrage erarbeitet. Dieser gliedert sich wiederum in Teil I und II. Teil I befasst sich mit der Darstellung und Auswertung der Rifkin’schen Modellierung und zeigt daraus resultierende Erkenntnisse und Fragen auf (Kap. 1.). Ziel hierbei ist, die dieser Arbeit als Grundlage dienende Konzeption von Jeremy Rifkin nachvollziehbar zu machen und in Relation zum Standpunkt des Autors dieser Arbeit zu setzen.

Es folgt die Vorstellung, Auswertung und Situierung weiterer Modelle bzw. Modellierungen, welche in Zusammenhang mit dem von Rifkin gezeichneten gesellschaftstheoretischen Ansatz stehen (Kap. 2.). Durch dieses kontrastive Vorgehen sollen bei im Ansatz ähnlichen Annahmen vor allem mögliche Unterschiede und Divergenzen aufgezeigt und die Modellierung von Rifkin möglicherweise klarer in ihrer Anlage und im Umfang ihrer Ausarbeitung gefasst werden. Herangezogen werden hierfür Konzeptionen zum Thema Eigentum und Zugang, der Netzwerkgesellschaft, der Konsumgesellschaft, der Dienstleistungsgesellschaft, sowie der soziokulturelle Ansatz des Psychologen Robert Lifton zum “proteischen Menschen”. Als Abrundung zu dieser mehr oder weniger diachronen Betrachtung scheint eine historisch-juristische Auswertung der Begriffe Besitz und Eigentum notwendig (Kap. 3.). Diese kann aufzeigen, welche Entwicklungen und Ansprüche an Besitz und Eigentum gestellt wurden und werden - sowohl von individueller als auch staatlicher Seite. Dies zum einen aus (staats-) philosophischer Warte und in Konsequenz daraus aus juristischer. Dieser Punkt beschließt Teil I.

Teil II behandelt den Untersuchungsgegenstand Carsharing. Eingangs werden die grundsätzlichen Gegebenheiten dargelegt, wobei zunächst der Begriff erläutert werden soll (Kap. 1). Es folgt ein Definitionsversuch des Mobilitätskonzepts Carsharing (zu Kap. 1) und die daraus resultierende Darstellung der Varianten des Carsharings, welche sich entwickelt haben (Kap. 2). Dazu gehört auch die Historie des Carsharings und die Beschreibung der Weiterentwicklung im Detail. Zur Heranführung an den Kern der Fragestellung werden im Anschluss konkurrierende Theorien zur Bedeutung und den Weiterentwicklungsmöglichkeiten des Carsharings dargestellt (Kap. 3). Ein Kapitel zur Geschichte der Mobilität dient - in Analogie zu Kap. I.3 - der Heranführung an die Bedeutung des Automobils und Relevanz des urbanen Raums als dem für diese Arbeit gewählten Untersuchungsort.

In der zweiten Hälfte von Teil II werden dann neben Nutzerzahlen auch die sozialen Hintergründe und Motivierungen der Nutzer betrachtet. Bezugnehmend auf Rifkins Voraussetzung einer jungen Generation verbindet sich dies mit einer Sichtung der Entwicklung der Jugendmobilität an (Kap. 5). Teil II endet mit der Darstellung der technologischen Entwicklungen von Nutzerendgeräten und Software und ihrem Anteil am Entstehen einer Zugangsgesellschaft (Kap. 6).

Abgeschlossen wird diese Arbeit mit Teil C, einer Zusammenfassung der Arbeit (I), einer Auswertung der gewonnenen Erkenntnisse unter Bezugnahme auf das Arbeitsvorhaben (II) und einem Ausblick (III), soweit sich aus I und II Hinweise ergeben haben.

Die verwendete Literatur, Abbildungen etc. sind in einem gesonderten Teil D zusammengetragen.

Große historische Wandlungen, solche, die unser Denken und Handeln radikal ver ä ndern, bereiten sich meist schleichend und unbemerkt vor, bis wir eines Tages pl ö tzlich feststellen, dass wir in einer ganz neuen Welt leben.20

Teil B

I. Theorie einer Zugangsgesellschaft

1. Rifkins Modellierung einer Zugangsgesellschaft

Jeremy Rifkin hat in seiner, hier als theoretisches Fundament zugrundegelegten Arbeit Access 21 durch aufmerksame Beobachtung struktureller Veränderungen den Versuch unternommen, das ideologische und organisatorische Fundament eines neuen Gesellschaftsmodells, vielleicht sogar „Zeitalters“22, zunächst zu beschreiben und zu untersuchen. Es bedarf einer feinen Auffassungsgabe und enormer Abstraktionsfähigkeit, um jene Stellschrauben und Parameter auszumachen, die den o.g. Wandel zwar zentral verursachen, dessen Übergang jedoch nur schleichend bewirken, bei letzthin weitreichenden Auswirkungen, die sie nach sich ziehen. Rifkin fasst die zeitlichen Umstände zusammen: „So bricht sich ein Zeitalter Bahn, in dem Kultur die wichtigste kommerzielle Ressource, Zeit und Aufmerksamkeit der wertvollste Besitz und das Leben eines jeden Menschen zum ultimativen Markt werden.“23 Im Zuge dieser Positionierung und Neuausrichtung lebensrelevanter Faktoren (kulturell, kommerziell, ökonomisch) erklärt Rifkin das Industriezeitalter für endgültig beendet und beschreibt die daraus resultierende radikale Veränderung des Kapitalismus. Die Idee der Transformation von Märkten hin zu Netzwerken bewirke weitreichende Veränderungen des bisher bekannten Kapitalismus und der Auswirkung des kommerziellen Lebens auf den Alltag, da der einfache Zugang zu Ideen, Gütern und Dienstleistungen wichtiger sei als - wie bisher und über Jahrtausende - dauerhafter Besitz. So wird beschrieben, dass bspw. der Wert der Software-Firma Microsoft auf der Erfindungskraft der dort beschäftigten Menschen basiert und nicht auf den Gütern, die die Firma produziert. Der Wert generiert sich also in erheblichem Maß über das Potenzial (!) an Innovation.24 Es wird also mit einem immateriellen Wert gehandelt, welcher keinen Bedarf an Eigentum etwa in Form von Produktionsanlagen und Maschinen erfordert, sondern den „gewichtslosen Handel“25 ermöglicht. Im Gegensatz zu der Theorie von Adam Smith, auf die sich Rifkin kontrastiv bezieht, die gerade darauf beruht, innerhalb eines Marktes möglichst viel Eigentum zu erwirtschaften, bedarf es in einer vernetzten Wirtschaft für alle Seiten nützlicher Verbindungen. Diese ermöglichen es, die Gesamtleistung des Netzwerks zu optimieren und damit jedem Netzwerkpartner zum Erfolg zu verhelfen.26 Rifkin bezieht diesbezüglich auch die Beobachtungen des Soziologen Manuel Castells zur vernetzten Wirtschaft mit ein: die Gesamtheit aus Anbieternetzen, Produktionsnetzen, Konsumentennetzen, Koalitionen/Netzen technischer Kooperationen bilden nach dessen Ansatz die Grundtypen der global vernetzten Wirtschaft.27

Die Ersten, welche die Vorteile der Produktionsnetzwerke genutzt haben, waren laut Rifkin die Kulturindustrien Hollywoods, welche durch den Zwang - angetrieben durch die massive Konkurrenz des Fernsehens - immer schneller unterschiedlichste Filmproduktionen zu realisieren, neue Organisationsformen schaffen mussten. So entstanden viele kleine spezialisierte Unternehmen, welche je nach Produktion für einzelne Projekte vertraglich gebunden wurden und für diesen Zeitraum projektweise zusammengearbeitet haben. Das Filmstudio hatte also nicht mehr alle Gewerke fest eingestellt, sondern kaufte nur noch einzelne Leistungen ein. Das machte die Produktion flexibler und den Unterhalt des Studios günstiger.28 Dieses Modell breitete sich weiter aus und so ergeben sich heute Konstellationen, die zu früherer Zeit undenkbar gewesen wären. Ein Beispiel: ein und dieselbe Fabrik in China produziert am gleichen Tag vormittags Mobiltelefone der Marke Samsung und am Nachmittag Mobiltelefone der Marke Motorola, des größten Konkurrenten von Samsung. Die Einzigartigkeit bzw. der Wert des Produkts rühren ohnehin nicht von seiner Produktion her, sondern von der Bedeutung seiner Marke, dem Wert der entwickelten Technologie und vor allem jenen Dienstleistungen, welche dann auf der produzierten Plattform, in diesem Fall dem Mobiltelefon, vermarktet werden können. Deshalb ist eine solche Konstellation im Grundsatz überhaupt möglich und für alle von Vorteil. Die Produktionsstätte wiederum hat somit eine höhere Auslastung, kann sich besser spezialisieren, die Rüstkosten senken. Der Auftraggeber der Produktion kann die Herstellung der Geräte günstig einkaufen, durch gesenkte Produktionskosten den Gewinn erhöhen und sich auf die Entwicklungen der Dienstleistungen29 sowie auf das Marketing konzentrieren.

Eine weitere entscheidende Veränderung, die Rifkin im sechsten Kapitel seines Werks näher beleuchtet, ist die Entwicklung der Bedeutung der Kundebeziehung. Durch schnellere Entwicklungszeiten neuer Produkte und daraus resultierende kürzere Produktlebenszeiten ist nicht mehr der simple Verkauf der Ware entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens, sondern die dauerhafte Beziehung zum Kunden.30 Rifkin nimmt Bezug auf die von Unternehmensberatern verbreiteten Strategien und bringt mit dem Konzept des „Life-Time Value“31, d. h. dem „Laufzeitwert oder auch Wert der Lebenszeit“32 eines Kunden das neue ökonomische Ziel auf den Punkt. Neu entstandene Marketing-Methoden untersuchen den Lebensstil von Kunden, schaffen maßgeschneiderte Angebote und nisten sich so in das Leben der Kunden ein. Marken, Produkte und Dienstleistungen werden Teil des Alltags und somit Teil der Kultur - Kultur wie Rifkin sie hier begreift.33 Es entstehen Interessensgemeinschaften, die soziale Beziehungen zur Kundenbindung nutzen.34 Alles mit dem übergeordneten Ziel, Menschen zusammen zu bringen, die sich über die geteilte Markenbindung auch miteinander verbinden und Zeit zusammen verbringen. Diese vermeintlich soziale Zeit ist tatsächlich jedoch kommerzialisierte Zeit. Und je mehr Zeit in stimulierter Umgebung verbracht wird, desto mehr Chancen für ihre Kommerzialisierung gibt es.35 Dazu Rifkin:

„Die Veränderung im Handel weg vom Verkauf von Dingen und hin zur Gestaltung von Beziehungen und dem Aufbau von Gemeinschaften markiert einen Wendepunkt des Handels. Die kommerzielle Sphäre vergrößert ihre Reichweite und dringt tiefer in praktisch jeden Aspekt der menschlichen Existenz ein. Im 21. Jahrhundert wird die Wirtschaft immer mehr zu dem Bereich, in dem Menschen ihre alltäglichen Erfahrungen ausleben. In dieser neuen Welt ist das Eigentum an Dingen zwar immer noch wichtig, noch wichtiger ist es jedoch, sich kommerziellen Zugriff auf Netzwerke von gemeinsamen Interessen, auf Beziehungsnetze und Gemeinschaften zu sichern. In der neuen Ära zu etwas zu gehören, heißt, mit den vielen Netzwerken verbunden zu sein, die die neue globale Wirtschaft ausmachen. Ein Abonnent, ein Mitglied oder ein Kunde zu sein, wird ebenso wichtig wie Eigentum. Zugriffsmöglichkeiten bestimmen den Status.“36

[...]


1 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949, Art. 14 Abs. 2.

2 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird sich jedoch zeigen, dass das aus der griechisch-römischen Antike kommende und seitdem ununterbrochen existierende Prinzip der Bibliothek, also Wissen zu sammeln und dieses zu teilen (was dem Prinzip des Museums entspricht), gerade mit Blick auf die Modellierung einer Zugangsgesellschaft kein im Kern neues ist. Grundlegendes zur Leistung der Institution findet man bei Blanck 1992, komprimiert bei Dziatzko 1897.

3 In der jüngeren Vergangenheit ist es zur - wenn auch nicht reglementierten - Konvention geworden, eine e-Minuskel vor ein Substantiv zu setzen, um damit das „electronic“ abzukürzen und gleichzeitig zum Bestandteil des Wortes zu machen, das somit (heutzutage jedenfalls) auch noch eine Bedeutungsverschiebung erfährt: ebook bzw. eBook anstelle von electronic book. Da diese Nuancierung m. E. von Bedeutung ist, weil sie in der Tat einen vorhandenen Bedeutungsunterschied ausdrückt, soll sie hier beibehalten werden.

4 Es sei darauf verwiesen, dass in Teil B unter I.3 ein Kapitel zum historisch-juristischen Verlauf der Begriffe Besitz und Eigentum ansteht. Die dort ausgebreiteten Erkenntnisse scheinen hier noch nicht von Belang, sondern würden eher zu Unklarheiten führen, weshalb an dieser Stelle keine detaillierteren Ausführungen bzw. eine begriffliche Trennung erfolgt.

5 Vgl. Rifkin 2007: 119f.

6 Presse 2010*. Anm.: Alle Internetquellen werden mit * gekennzeichnet. Sie finden sich in Teil D gesondert verzeichnet unter der Rubrik Internetquellen.

7 Neben dem eingangs erwähnten Beispiel, auf eBooks zuzugreifen, ließe sich dieses auch auf andere Medien ausweiten, etwa das Online-Ausleihen von Filmen, die virtuelle Teilnahme an Konzerten (z.B. die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker); keineswegs aber muss es sich dabei um Zugangsformen handeln, bei denen sich der Zugang auch primär über ein elektronisches Medium abspielt: Dem Verleih von Smokings oder Anzügen, Gartenmöbeln oder Musikanlagen.

8 Vgl. Rifkin 2007: 120.

9 Rifkin zit. FR 2011*.

10 Arthur Andersen Business Book Award und Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch im Jahr 2000.

11 Der Originaltitel der 2000 erschienenen Ausgabe lautet „The Age of Access“.

12 Zu diesem Begriffspaar vgl. hier Teil B, Kap. I.1.

13 Vgl. Rifkin 2007: 14.

14 Vgl. ebd.: 144.

15 Das Phänomen der Verwurzelung ist nicht neu. In besonders stark ausgeprägten Fällen wird der Marken- oder Produktname sogar zum Stellvertreter- und Oberbegriff, etwa Tesafilm, Tempo, Selters. Nicht selten geht mit dieser sprachlichen Metonymie (vgl. Kolmer/Rob-Santer 2002: 134 f.) auch einher, dass es sich um die ersten oder bis dato einmaligen Produkte ihrer Art handelt. Selters war schon vor 1900 bereits eines der bekanntesten Mineralwasser im deutschen Raum (vgl. Zabel 2012); Tempo war 1929 das erste Papiertaschentuch (vgl. VP-Schickedanz 1989); Tesafilm kam 1935 auf den Markt (vgl. Cura 2006).

16 Vgl. Rifkin 2007: 77.

17 Vgl. eb.: 188-191.

18 So in seinem Vorwort zur aktualisierten 3. Ausgabe von 2007.

19 Die Gründe hierfür liegen nicht zuletzt in der o.g. noch immer spärlichen Grundlagenliteratur zu bzw. von Rifkin.

20 Rifkin 2007: 183. Für die Zitation wird grundsätzliche auf die deutschsprachige Ausgabe zurückgegriffen, auf das Original nur dann, wenn der Unterschied zwischen Original und deutscher Übersetzung dem Verfasser dieser Arbeit als nennenswert erscheinen oder das Original eine präzisere Ausdrucksweise bietet.

21 Im Folgenden wird das Werk mit Access abgekürzt. Da sich die Verwendung des englischsprachigen Titel auch im Deutschen etabliert hat, soll auf eine Übersetzung verzichtet werden.

22 Rifkin 2007: 19.

23 Ebd.: 19.

24 Vgl. Rifkin 2007: 70ff.

25 Vgl. ebd.: 49ff. Ergänzend dazu: Noch bis 1985 wurde bspw. in Großbritanien das Verhätlnis von Export und Import in Gewichtsverhältnissen gemessen. Diese Einheit greift jedoch nicht mehr, da die wertvollen Produkte entweder immateriell sind (Idee, Software, digitale Musik etc.) oder immer leichter werden (bspw. Computer).

26 Vgl. ebd.: 30.

27 Vgl. ebd.: 31 mit Bezug auf Castells 1996 ff.

28 Vgl. Rifkin 2007: 38 ff.

29 Vgl. ebd.: 117: ein Beispiel ist der Rasensprenger als Plattform für weitere Dienstleistungen: „Ein mit dem Internet zu koppelndes Rasensprengersystem [...]. Der Rasensprenger selbst ist tat sächlich eine Plattform für eine ganze Reihe erweiterter Dienste, die in ihn integriert werden können. Zahlt man eine Dienstleistungsgebühr, kann der Rasensprenger mit der Website des Nationalen Wetterdienstes programmiert werden: Automatisch werden dann Wetterbedingungen und Vorhersagen abgefragt und die Berieselung entsprechend ein- und ausgeschaltet.“

30 Vgl. ebd.: 131.

31 Ebd.: 132.

32 Ebd.

33 Zum Kulturbegriff bei Rifkin s.u. S. XXX.

34 Vgl. Rifkin 147 ff. Beispiele hierfür sind: Holiday Inn Club, Burger King Kids Club, Fantastic Flyer Club etc.

35 Vgl. ebd.: 229.

36 Ebd.: 150.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung der Zugangsgesellschaft. Chancen des Carsharing durch kulturellen Wandel
Hochschule
Fachhochschule Potsdam  (Studiengang Kulturarbeit im Fachbereich Architektur und Städtebau)
Veranstaltung
Kulturarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
56
Katalognummer
V315769
ISBN (eBook)
9783668148529
ISBN (Buch)
9783668148536
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carsharing, access, access society, Jeremy Rifkin, car sharing, sharing economy
Arbeit zitieren
Paul Liebrecht (Autor), 2014, Die Entstehung der Zugangsgesellschaft. Chancen des Carsharing durch kulturellen Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315769

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