Merkmale, Formen und Funktionen des kindlichen Spiels. Ein Vergleich unterschiedlicher Forschungsmeinungen


Referat (Ausarbeitung), 2012
11 Seiten
Anonym

Leseprobe

Gliederung:

Vorwort

1. Merkmale des kindlichen Spiels
1.1 Roger Caillois (1913 – 1978)
1.2 Hans Scheuerl (1919 – 2004)

2. Spielformen nach Rolf Oerter (1931)

3. Funktionen des Spiels
3.1 Johann Christoph Friedrich Guts Muths (1759 – 1839)
3.2 Karl Groos (1861 – 1946)

Schluss

Literaturverzeichnis

Vorwort

Bei der Beschäftigung mit dem Thema „Das kindliche Spiel“ fiel mir die große Vielfalt an Material, Ansichten, Theorien und Erkenntnissen diesbezüglich auf, die es mir auch nicht leicht machte, mich zurechtzufinden. Einerseits scheint dieses Thema eher stiefmütterlich in der Wissenschaft behandelt, so schreiben es jedenfalls einige derer, die sich damit beschäftigten, andererseits überraschte mich die Fülle an unterschiedlichen Disziplinen, die sich dem annahmen. Das kindliche Spiel ist etwas, das man schwer greifen kann, welches, um es verstehen zu können, ein kindliches Gemüt verlangt und das doch so einfach erscheint. Viele Generationen beschäftigt dieses Phänomen nun schon und noch ist kein einheitlicher Weg gefunden. Genau aus diesem Grund erschien es mir als nahezu unmöglich, ja geradewegs vermessen, eine Arbeit über das kindliche Spiel in Form eines Überblicks zu schreiben. Dieser Fülle an Informationen und all denen, die sich damit beschäftigten könnte man damit nicht gerecht werden. Somit entschied ich mich, einen Ausschnitt dessen zu geben, was ich bei meiner Recherche fand. Dabei behandele ich drei zentrale Probleme dieses Feldes: Merkmale, Formen und Funktionen des kindlichen Spiels, bei denen ich die teilweise sehr unterschiedlichen Ansichten von jeweils einem oder zwei Wissenschaftlern aus den Bereichen Entwicklungspsychologie, Philosophie und Erziehungswissenschaft in Ausschnitten erläutere. Dies mündet nicht in einen Vergleich, kann und soll aber beim Lesen dazu und zur weiteren lohnenswerten Beschäftigung mit dem Thema „Das kindliche Spiel“ anregen.

1. Merkmale des kindlichen Spiels

1.1 Roger Caillois (1913 – 1978)

Roger Caillois unternahm 1958 einen Versuch der Definition des Spiels als Reaktion auf das Buch „Homo ludens“ von Jan Huizinga, in welchem er die Sichtweise auf das Spiel als zu begrenzt empfand (vgl. Caillois, 1958, S. 157 ff.).

Für Roger Caillois ist das Spiel „eine freie Betätigung“ (ebd., S. 163) und in diesem Zusammenhang „eine Quelle der Freude und des Vergnügens“ (ebd., S. 160). Sobald es zu einer Zwangshandlung wird, kann man nicht mehr vom Spiel reden. Der Mensch muss Lust zum Spielen haben, „und sei es auch das anstrengendste und erschöpfendste Spiel“ (ebd., S. 160). Auch die Fähigkeit des Einzelnen mit dem Spielen aufzuhören, wann es ihm gefällt, ist ein wichtiger Aspekt. Sobald man ein Spiel beendet, befindet man sich wieder in der Realität, außerhalb des Spielraums, in dem „[…] alles, was sich außerhalb dieser idealen Grenze ereignet, seinen Wert [verliert]“ (ebd., S. 160; Umstellung: T.M.K.). Das Spiel ist somit in sich geschlossen und durch Zeit und Raum abgegrenzt, was Caillois mit dem Begriff „[der] abgetrennte [n] Betätigung“ (ebd., S. 163; Anpassung: T.M.K.) zusammenfasst. Im geschützten Raum des Spiels existieren neue Regeln und Gesetze, die akzeptiert werden müssen und die Entwicklung des Spiels beeinflussen (vgl. ebd., S. 160). Das Spiel ist somit „eine geregelte Betätigung, die Konventionen unterworfen ist, welche die üblichen Gesetze aufheben und für den Augenblick eine neue, alleingültige Gesetzgebung einführen“ (ebd., S. 163). Aber „[v]iele Spiele bedürfen keiner Regel“ (ebd., S. 161; Anpassung: T.M.K.) räumt Caillois ein und meint damit die sogenannten Als-ob-Spiele. „[H]ier [ersetzt] die Fiktion […] die Regel […] und [erfüllt] genau die gleiche Funktion […] (ebd., S. 162; Auslassung und Anpassungen: T.M.K.), d. h. auch beim Puppenspiel existieren Regeln, die jedoch vom Spielenden erfunden und immer wieder neu definiert werden und somit die Fiktion entstehen lassen, wobei zumeist das wahre Leben nachgespielt wird. Eine Eigenschaft des Spiels ist für Caillois also, dass es „entweder geregelt oder fiktiv ist“ (ebd., S. 162). Des Weiteren ist die Unproduktivität ein wichtiger Aspekt in seinen Ausführungen. In Abgrenzung von Arbeit und Kunst entsteht beim Spielen kein Ergebnis in finanzieller und materieller Hinsicht: „Am Ende der Partie kann und soll alles wieder genau so sein wie zu Beginn“ (ebd., S. 159). Er schlussfolgert daraus, dass „[d]as Spiel […] eine Gelegenheit zu reiner Vergeudung von Zeit, Energie, Erfindungsgabe, Geschicklichkeit und oft auch von Geld [ist]“ (ebd., S. 159; Umstellung und Anpassung: T.M.K.). Trotzdem birgt das Spiel eine Spannung in sich, nämlich die der Ungewissheit des Ausgangs. Wäre es keine „ ungewisse Betätigung“ (ebd., S. 163), dann würde der Spaß verloren gehen.

Caillois’ Meinung nach reichen diese fünf Merkmale für eine Definition aus, diese jedoch ist nicht als allgemeingültig zu erachten. So gibt es Spiele, wie z. B. „mit dem Drachen, […] mit dem Kreisel, das Puzzlespiel, […] und das Kreuzworträtsel“ (ebd., S. 162; Auslassungen: T.M.K.), die damit nicht erklärt und eindeutig bestimmt werden können.

1.2 Hans Scheuerl (1919 – 2004)

Hans Scheuerl hat sich in seinem Hauptwerk „Das Spiel“ umfassend mit dem Wesen des Spiels beschäftigt. Für ihn „ist Spiel eine Bewegungsform von besonderer Ablaufgestalt, auf die man durch Tätigkeiten verschiedener Art zwar Einfluß [sic!] nimmt, die aber als ganze niemals in diesen Tätigkeiten aufgeht, sondern erst geglückt ist, wenn sie sich ihnen gegenüber verselbstständigt“ (Fritz, 1991, S. 77). Dies kann man gut an einem Beispiel verdeutlichen. Beim Spiel mit einem Kreisel muss das Kind den Spielgegenstand in Bewegung bringen, damit das Spiel beginnen kann. Der Reiz der Kreiselbewegungen entsteht jedoch erst, wenn sich diese unabhängig oder nur begrenzt beeinflussbar durch die Handlungen des Kindes entwickeln (vgl. ebd., S. 77). Dadurch entsteht „ein Bereich des Überraschenden und Unvorhersehbaren“ (ebd., S. 77), der es ermöglicht, dass sich das Kind dem Spiel mit dem Kreisel völlig hingibt und seine Außenwelt ausblenden kann. Zu so einem Erleben bedarf es allerdings auch gewisser geistiger Konditionen aufseiten des Menschen, die Scheuerl so formuliert:

Verlangt wird bei allen Spielen eine Sensibilität für die Selbstständigkeit und allzeit gefährdete schwebende Gleichgewichtslage des Spielverlaufs. Man kann ihn nicht einfach willkürlich „in die Hand nehmen“, nicht „machen“. Man muß [sic!] zu seinem Gelingen gezielte, aber behutsame Impulse beitragen und die Antworten der Gegenstände oder Mitspieler, ihre neuen Konstellationen und Konfigurationen abwarten. Dazu ist oft eine gespannte, manchmal geradezu lauernde Aufmerksamkeit nötig, die sich aber nur einstellt, wenn man in allen anderen Beziehungen gelöst und entspannt ist, wenn man nicht krampfhaft und starr etwas durchsetzen will, sondern sich flexibel hält. Das Können des Spielers ist von eigentümlicher, doppelseitiger Art: Er muß [sic!] nicht nur tun, sondern auch lassen können; er muß [sic!] beides zugleich und im rechten Augenblick. (Scheuerl, 1974, S. 208)

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann es zu echten Spielformen kommen, die Scheuerl anhand von fünf Merkmalen definiert. Eines davon beschreibt die Ungezwungenheit und Freiheit des Spiels und meint sowohl die Spielerscheinung (Ball o.Ä.), als auch die Spieler, die ihre Sinne auf das Spiel konzentrieren können müssen, um es genießen und sich ihm hingeben zu können. Ein weiteres Charakteristikum ist die Abgeschlossenheit der spielerischen Bewegung durch Regeln und Normen, materielle Grenzen und dem festgelegten Spielraum (vgl. ebd., S. 204). Bei Spielen, so Scheuerl, herrscht ein ständiger Wechsel, eine regelrechte Dramatik bezüglich des weiteren Spielverlaufs. Aus dieser Ambivalenz folgt auch die Konsequenz, dass der Ausgang von Spielen nur so lange offenbleibt, wie es sinnvoll ist (vgl. ebd., S. 205). Entscheidend für das Spiel ist nach Scheuerl der „Ewigkeitscharakter“ (Fritz, 1991, S. 78). Es kommt eigentlich nur durch äußere, nicht aus dem Spiel kommende Umstände zu einem Beenden von Spielen wie z. B. durch „Hunger, Müdigkeit, ein[en] Spielleiter, der das Spiel abbricht“ (ebd., S. 78; Anpassung: T.M.K.). Mit diesem Merkmal einher geht die den Spielen eigene Zeitstruktur. Scheuerl beschreibt, dass die Phasen des Spiels nicht zukunftsbezogen sind, sondern „[…] in sich selber zurück[laufen] [und somit] [d]ie Bewegung des Spiels […] damit gleichsam aus der geradlinigen Zeitreihe des Alltags heraus[fällt]“ (Scheuerl, 1974, S. 205; Umstellungen und Anpassungen: T.M.K.) und benennt dieses Merkmal als „ zeitentrückte […] Gegenwärtigkeit “ (ebd., S. 206; Anpassung: T.M.K.).

Scheuerl definiert mit diesen Elementen eine sehr intensive Form des Spiels, die eine totale Hinwendung und Hingabe des Spielers und gleichzeitig die Loslösung von allen außerspielerischen Aspekten erfordert, um zu glücken.

2. Spielformen nach Rolf Oerter (1931)

Prof. em. Dr. Rolf Oerter ist ein bekannter Entwicklungspsychologe, lehrt an der Universität München und hat seinen Fachbereich im 20. Jahrhundert mit seinen Schriften entscheidend geprägt. So auch mit den Ausführungen über die Formen des Spiels, die wenig umstritten sind. Er unterscheidet sechs Arten und ordnet diese den Altersstufen der Kinder beginnend mit dem ersten Lebensjahr zu. An den Anfang der Entwicklung des kindlichen Spiels setzt er das sensumotorische Spiel. Es handelt sich dabei um freudvolle Bewegungen von Körperteilen, später auch mit einzelnen Gegenständen (z. B. Rassel), die man bei Kindern im Alter von ein bis zwei Jahren beobachten kann (vgl. Oerter & Montada, 1998, S. 252 f.). „Das sensomotorische Spiel mündet in Explorationsverhalten, sobald die Fertigkeiten des gezielten Greifens und der Augen-Hand-Koordination hinreichend ausgebildet sind (am Ende des ersten Lebensjahres)“ (Oerter, 2007, S. 7). Bei dieser Form des Spiels, dem Informationsspiel, untersuchen Kinder in ihrem Umgang mit Gegenständen deren Funktion, Aussehen und Aufbau. Im gleichen Zeitraum können auch Konstruktionsspiele beobachtet werden, bei denen Materialien und Dinge genutzt werden, „um aus ihnen bzw. mit ihrer Hilfe einen Zielgegenstand herzustellen“ (Oerter & Montada, 1998, S. 253). Dabei muss eine Kombination von Tätigkeiten mithilfe von Werkzeugen und Rohmaterialien stattfinden (z. B. das Befüllen eines Eimers mit Sand mit einer Schaufel, das Bemalen eines Blatt Papiers mit einem Stift) (vgl. ebd., S. 253). Ab dem zweiten Lebensjahr entwickelt sich ein erstaunlicher Umgang mit Gegenständen bei Kindern. Sie „deute[n] einen Spielgegenstand sowie das auf ihn bezogene Handeln nach eigenen Wunsch- und Zielvorstellungen um“ (ebd., S. 253), wobei die Tätigkeiten aus dem bisherigen Erfahrungsschatz des Kindes stammen. So spielen insbesondere die Mädchen mit Puppen beobachtetes Verhalten ihrer Eltern nach, indem sie beispielsweise die Puppe füttern, wie sie selbst gefüttert wurden. Bei den Jungen verhält sich dies ebenso bei ihren Auto- und Supermannspielen (vgl. ebd., S. 253). Oftmals geht diese Spielform einher mit der Art von Spiel, bei der Kinder gemeinsam das eben beschriebene Als-ob-Spiel (auch Symbol- oder Fiktionsspiel genannt) ausüben. Sie versetzen sich in eine Situation, die vorher festgelegt wird, und spielen diese nach. Exemplarisch dafür zu nennen ist die Situation des Ein- und Verkaufens (Kaufmannsladen), bei der zwei oder mehrere Kinder diesen Alltagsmoment nachahmen. Das Hineinversetzen in verschiedene Rollen und die Kommunikation im Spiel erfordert dabei von den Spielenden „höhere soziale und kognitive Kompetenzen“ (ebd., S. 253), die die Qualität des Spiels enorm beeinflussen. Damit einher geht die Entwicklung des Sozialspiels, die sich vom nebeneinander her spielen ohne, später mit Blickkontakt, über das einfache Sozialspiel und das reziproke und komplementäre Fiktionsspiel, bis hin zum kooperativen und komplexen sozialen Fiktionsspiel steigert (vgl. ebd., S. 260). Eine andere Form des sozialen, gemeinsamen Spielens ist das Regelspiel. Wie der Name schon sagt, existieren hierbei Regeln, die den Verlauf und Charakter des Spiels bestimmen „und die zugleich den Reiz des Spiels ausmachen“ (ebd. S. 253). Erst kurz vor Schuleintrittsalter treten diese Spiele (z. B. Sport-, Brett-, Karten- und Gesellschaftsspiele) gehäuft bei Kindern auf, weil sie „meist eine[r] spezifische[n] Fähigkeit oder Kompetenz, die zuvor erlernt werden muß [sic!]“ (ebd., S. 253; Anpassungen: T.M.K.), anhand derer dann ein Leistungsvergleich den typischen Wettbewerbscharakter dieser Spiele ausmacht, bedürfen. Mit der Begeisterung für Regelspiele nehmen die Symbolspiele in ihrer Häufigkeit ab (vgl. ebd., S. 254).

[...]

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Details

Titel
Merkmale, Formen und Funktionen des kindlichen Spiels. Ein Vergleich unterschiedlicher Forschungsmeinungen
Hochschule
Universität Rostock  (Pädagogische Psychologie)
Veranstaltung
Entwicklungspsychologie
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V315871
ISBN (eBook)
9783668155022
ISBN (Buch)
9783668155039
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kind, Spiel, Entwicklung, Entwicklungspsychologie, Johann Christoph Friedrich Guts Muths, Karl Groos, Spielformen, kindliches Spiel, Rolf Oerter, Hans Scheuerl, Roger Caillois
Arbeit zitieren
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