Urteilsbildung und Wahrnehmung als automatische oder kontrollierbare Prozesse? Soziale Kognition im Alltag und in der Schule


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Kognition
2.1 Definitionsansätze
2.2 Informationsverarbeitung
2.3 Grundlegende Prozesse der Wahrnehmung

3. Soziale Kognition
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Soziale Kognition - eine Grundausstattung des Menschen?
3.3 Kulturelle Unterschiede bezüglich sozialer Kognition
3.4 Begriffe im Kontext sozialer Kognition

4. Soziale Kognition als automatischer Prozess – unser innerer Autopilot
4.1 Attributionsverzerrung
4.2 Funktionen von Schemata bzw. Stereotypen
4.3 Schema-Aktivierung und Verhalten
4.4 Sich selbst erfüllende Prophezeiung
4.5 Bedrohung durch Stereotype

5. Soziale Kognition – kontrollierter Prozess
5.1 Ist die Stereotypenaktivierung vermeidbar?
5.2 Möglichkeiten nach der Aktivierung eines Stereotyps
5.3 Sind Schemata bzw. Stereotypen veränderbar?

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir leben in einer sozialen Welt, in der wir tagtäglich auf Menschen treffen. Vielleicht sehen wir sie zum ersten Mal oder sie sind uns wohl bekannt. Es ist schwer vorstellbar, dass zwei Tage hintereinander exakt gleich ablaufen. Indem wir täglich unseren Plänen und Terminen folgen, betreiben wir soziale Kognition „in Aktion“ (vgl. Pendry, 2007, S. 112).

Die Art wie wir denken, wirkt sich auf unser Sozialleben aus. Genauso beeinflusst auch die soziale Welt unser Denken (vgl. Schmithüsen, 2015, S. 109).

Interessant ist, dass im Kontext der sozialen Kognition Fragen berührt werden, die uns alle betreffen und über die sich jeder schon einmal Gedanken gemacht hat (vgl. Pendry, 2007, S.112). Folgende Fragen können beispielhaft benannt werden:

Wieso dachte ich der Mann vor mir an der Kasse im Supermarkt ist ein Beamter?

Weshalb dachte ich der Leiter des Chirurgenteams sei ein Mann mittleren Alters?

Warum war ich überrascht, als mir meine Nachbarin erzählte, dass sie gern tapeziert?

Diese Beispiele lassen vermuten, dass Prozesse und Urteile oft sehr schnell und automatisiert ablaufen. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Frage, ob wir unseren kognitiven Verarbeitungsschwächen gänzlich ausgeliefert sind oder ob wir unter bestimmten Umständen, durch mehr Aufwand und Überlegung Kontrolle erlangen können.

Bevor diese Frage im Hauptteil dieser Arbeit beantwortet wird, werden zunächst einige Begriffsbestimmungen vorgenommen, grundlegende Prozesse der Wahrnehmung beschrieben und soziale Kognition aus genetischer und kultureller Perspektive betrachtet. Der Hauptteil beschäftigt sich dann zunächst mit sozialer Kognition als automatischer Prozess, wobei hier insbesondere auf die Begriffe Kategorisierung, Schemata und Stereotype eingegangen wird, die wiederum die Grundlage für dir nachfolgenden Ausführungen sind. Abschließend rückt der kontrollierte Verarbeitungsprozess in den Fokus.

Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur die Sozialpsychologie mit dem Phänomen der sozialen Kognition beschäftigt, sondern auch die moderne kognitive Neurowissenschaft. Insbesondere in klinischer Hinsicht lassen sich hierbei psychische Erkrankungen als Störungen sozial kognitiver Fähigkeiten besser verstehen (vgl. Vogeley & Schilbach, 2013, S. 479).

2. Grundlagen der Kognition

In diesem Kapitel wird zunächst der Begriff Kognition thematisiert. Dabei werden verschiedene Definitionsansätze, die Informationsverarbeitung und Grundprozesse der Wahrnehmung näher betrachtet.

2.1 Definitionsansätze

Eine einfache und kurze Definition stellt Guilford (1977, S.119) heraus. Kognition ist für ihn Entdecken, Wiederentdecken oder Wiedererkennen.

Zimbardo (1995, S. 357) definiert Kognition als allgemeinen Begriff für alle Formen des Erkennens und Wissens. Dazu gehören Erinnern, Urteilen, Vorstellen, Antizipieren, Planen, Entscheiden und Problemlösen.

Edelmann (1996, S. 8) stellt folgende Definition heraus: „Unter Kognitionen versteht man jene Vorgänge, durch die ein Organismus Kenntnis von seiner Umwelt erlangt. Im menschlichen Bereich sind dies besonders: Wahrnehmung, Vorstellung, Denken, Urteilen, Sprache. Durch Kognition wird Wissen erworben“.

Es ist deutlich geworden, dass bei der Begriffsbestimmung von Kognition jeder Wissenschaftler gewisse Aspekte hervorhebt.

2.2 Informationsverarbeitung

Die menschliche Informationsverarbeitung vollzieht sich in voneinander unterscheidbaren Stufen. Die folgende Darstellung verdeutlicht das Zusammenspiel zwischen Innenwelt (z.B. Gedächtnis, Wahrnehmung) und Außenwelt (z.B. Reize) während der Verarbeitung von Informationen. Manchmal zeigt sich als Endergebnis dieses kognitiven Prozesses eine beobachtbare Verhaltensreaktion (vgl. Fiedler & Bless, S. 131ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Konzeptueller Rahmen der kognitiven Stufen der Informations-

verarbeitung (nach Fiedler & Bless, 2002, S. 133).

2.3 Grundlegende Prozesse der Wahrnehmung

Prinzipiell wird die Wahrnehmung von äußeren und inneren (z.B. Erfahrung, Interesse, Motivation) Stimuli beeinflusst und ist somit nicht eine einfache Abbildung der Wirklichkeit, sondern ein vorwiegend konstruktiver Prozess. In der Wahrnehmungspsychologie wird zwischen „konzeptgesteuerter Wahrnehmung“ bzw. „top-down“ Wahrnehmungsprozessen und „datengesteuerter Wahrnehmung“ bzw. „bottom-up“ Wahrnehmung unterschieden. Bei der „top-down“ Wahrnehmung überwiegen auf Erfahrungen beruhende Wahrnehmungsschemata sowie kognitive Kategorien. Sie dominieren den Wahrnehmungsprozess.

Bei der datengesteuerten Wahrnehmung stehen eingehende Daten am Anfang der Informationsverarbeitung. „Bottom up“ Wahrnehmung ist elementar, da der Wahrnehmungsprozess gewöhnlich mit der Stimulation von Rezeptoren beginnt (vgl. Fischer & Wiswede, 2002, S. 169; Goldstein, 2008, S. 10).

3. Soziale Kognition

In diesem Abschnitt wird zunächst der Begriff soziale Kognition beschrieben. Hierzu werden verschiede Begriffsbestimmungen herausgestellt. Im Anschluss wird detaillierter auf den Prozess der Sozialen Kognition nach Pendry (2004) eingegangen und es werden Begrifflichkeiten, die im Zusammenhang mit sozialer Kognition stehen, thematisiert. Darüber hinaus werden genetische und kulturelle Komponenten dieser Fähigkeit betrachtet.

3.1 Begriffsbestimmung

Schmithüsen (2015, S. 109) bezeichnet soziale Kognition als Gedanken, die man sich über Andere macht, oder solche, die infolge sozialer Interaktion entstanden sind.

Soziale Kognition ist für Pendry (2007, S. 108) ein Themengebiet innerhalb der Sozialpsychologie, dass sich damit befasst, wie wir uns und andere sehen und wie beteiligte Prozesse unsere Urteile sowie unser Verhalten beeinflussen.

Eine umfangreiche Definition geben Vogeley und Schilbach (2013, S. 472):

Unter sozialer Kognition können alle solchen Wahrnehmungs- und Erkenntnisleistungen zusammengefasst werden, die den Zwecken der Interaktion und Kommunikation mit anderen Menschen dienen. Dieses Leistungsbündel schließt sowohl Leistungen zum Selbst-Fremd-Austausch ein als auch zur Selbst-Fremd-Differenzierung: Ohne die Fähigkeit, adäquat zwischen den eigenen mentalen Phänomen (Gefühle, Gedanken, Wünsche, etc.) und anderen zu unterscheiden, kann auch keine angemessene Zuschreibung mentaler Phänomene an andere erfolgen.

3.2 Soziale Kognition - eine Grundausstattung des Menschen?

Von Beginn an ist es von essentieller Bedeutung zu anderen Menschen Beziehungen aufzubauen und diese auch aufrechtzuerhalten (vgl. Durkin, 2003, S. 79).

Für das genetische Primat sozialer Kognition sprechen Studien mit Kleinkindern, in denen entweder ein Objekt oder ein Mensch aus dem Sichtkreis des Kleinkindes entschwand. Erst in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres suchte das Kind nach dem Spielzeug. In beiden Fällen ist die Befähigung zur internen Repräsentation Voraussetzung. Gegenüber Personen geschieht diese Repräsentation früher und ist somit nach Bell 1970 ein klarer Fall sozialer Kognition. Weitere Untersuchungen ergaben, dass Kinder die Strukturierung sozialer Ereignisse nach Anlass und Folge eher verstehen, als Ursache und Wirkung bei physikalischen Geschehen (vgl. Silbereisen, 1995, S. 826 f.).

Vor dem Hintergrund moderner neurowissenschaftlicher Erkenntnisse stellt Tomasello (2006, S. 155) die Universalität des Sozialen in den Fokus. Er unterstreicht die Fähigkeit zur sozialen Kognition als eine kognitive Grundausstattung des Menschen.

Im weiteren Verlauf des Lebens prägen dann zunehmend Erfahrungen mit der Umwelt soziale Interaktionen und es kommt zu einer ausschlaggebenden Ausreifung von Hirnstrukturen, ohne die die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und Selbst-Fremdwahrnehmung nicht denkbar wäre (vgl. Diekhof, 2013, S. 50ff.). Der Autor bezieht sich hierbei auf Untersuchungen von Avenanti et al. (2010) und Pelphrey et al. (2004).

3.3 Kulturelle Unterschiede bezüglich sozialer Kognition

Sozialpsychologen interessieren sich mehr und mehr für den Einfluss von Kultur auf soziale Kognition. Zweifelsfrei nutzen alle Menschen Schemata, um die Welt zu verstehen. Die Kultur beeinflusst jedoch die soziale Kognition und somit auch unsere Schemata. Wesentlichen Einfluss darauf haben verschiedene Denkstile. Westliche Kulturen tendieren dazu eine analytische Denkweise zu bevorzugen, wobei östliche Kulturen eher eine holistische Denkweisen neigen - eine Art des Denkens, bei der sich Personen mehr auf den Gesamtkontext konzentrieren, als rein auf Eigenschaften. Es ist festzuhalten, dass die Schemata, die uns eine Kultur vermittelt, einen großen Einfluss haben, was wir wahrnehmen und bemerken. (vgl. Aronson et al., 2014, 81ff.).

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Urteilsbildung und Wahrnehmung als automatische oder kontrollierbare Prozesse? Soziale Kognition im Alltag und in der Schule
Hochschule
Universität Rostock
Note
1.3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V316432
ISBN (eBook)
9783668156401
ISBN (Buch)
9783668156418
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Kognitionen, Schemata, kognitiv, Wahrnehmung, Stereotype
Arbeit zitieren
Dipl. Sebastian Schäfer (Autor), 2015, Urteilsbildung und Wahrnehmung als automatische oder kontrollierbare Prozesse? Soziale Kognition im Alltag und in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316432

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