Wittgensteins Denken über den Zusammenhang von Lebensform, Sprachspiel und Gewissheit


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 2,0

Nils Gantner (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A: Einleitung

B: Wittgensteins Denken über den Zusammenhang von Lebensform, Sprachspiel und Gewissheit
1.1 Der Begriff der Lebensform und des Sprachspiels
1.2 Lebensform, Sicherheit und Weltbild
1.3 Vom Wandel des Glaubenssystems
1.4 System und Wahrheit
1.5 Das Problem der Fremdheit
1.6 Leben, Vernunft und Sprache oder Wittgenstein als Ethnologe

Bibliographie

A: Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit hat zum Ziel, Wittgensteins Denken über den Zusammenhang von Lebensform, Sprachspiel und Gewissheit zu erschließen. Sie soll dabei zeigen, dass alle drei Begriffe in Relation zueinander stehen und daher zusammengedacht werden müssen. Mit der Erschließung dieser „Trias“ wird gleichzeitig ein wichtiger Teil seiner Spätphilosophie erarbeitet. Hierbei wird sowohl auf seine Abhandlung „Über Gewißheit“ Bezug genommen als auch auf andere Texte seines Werkes, die für dieses Thema relevant sind. Der erst genannte Terminus wird im Verlauf der Arbeit in Beziehung zu den anderen beiden gesetzt, so dass ihre Korrelation offen zutage tritt. Wie eng diese ist, wird nach und nach deutlich werden. Zudem werden weitere wichtige Termini behandelt, die innerhalb dieser Thematik vorkommen, wie z.B. Weltbild, Zweifel und andere. Bevor aber auf ihre Beziehungen untereinander eingegangen wird, ist eine Rekonstruktion derselben erforderlich. In besonderen Fällen, wie im ersten, ist es nötig mehrere Begriffe zugleich zu erklären, weil ihre inhaltlichen Konzepte eng miteinander verknüpft sind.

B: Wittgensteins Denken über den Zusammenhang von Lebensform, Sprachspiel und Gewissheit

1.1 Der Begriff der Lebensform und des Sprachspiels

Der Begriff der Lebensform taucht zuerst in den „Philosophischen Untersuchungen“ auf und wird später erneut im Zusammenhang mit der Gewissheitsthematik aufgenommen. Was meint Wittgenstein aber mit diesem Begriff? Im erst genannten Werk erläutert er dazu, dass mit der Vorstellung einer Sprache auch die dazugehörige Lebensform vorgestellt wird (PU[1], § 19). Wenn man also eine bestimmte Sprache beherrscht, partizpiert man an der Lebensform einer Kultur. Hierbei wird ebenso der Begriff des Sprachspiels benutzt, der ein Schlüsselbegriff seiner Spätphilosophie ist und hervorheben soll, dass „das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform“ (PU, §23). Statt nur von Sprache zu sprechen, kann man ebenfalls mit dem Terminus des Sprachspiels arbeiten. Man sollte beide jedoch nicht gleichsetzen, denn die Sprache wird von Wittgenstein nur mit Sprachspielen verglichen, worauf Sybille Krämer (2001) besonders hingewiesen[2] hat. Sie ist kein Sprachspiel. Über diesen von ihm geschaffenen Neologismus gibt es in seinem Werk eher widersprüchlich anmutende Aussagen. Einerseits spricht er von einer primitiven Sprache als einem Sprachspiel, andererseits bezeichnet er die Sprache und die mit ihr verwobenen Tätigkeiten als Sprachspiel. Bei ersterer muss man sich vorstellen, wie ein Kind durch ein Spiel seine Muttersprache lernt. Es lernt die Bedeutung eines Wortes durch seinen Gebrauch in der Sprache (PU, §7,§43). Trotzdem bleibt diese Sprache noch primitiv und hat noch nicht den Status der erwachsenen erreicht. Erst weitere Sprachspiele führen dahin, dass das Individuum während seiner kognitiven Entwicklung sich allmählich die Sprache der Erwachsenen aneignet. Desgleichen können die Fachsprachen durch institutionelle Sprachspiele gelernt werden. Für Wittgenstein ist es wichtig zu betonen, dass eine Vielzahl von Sprachspielen existiert, die sich in unterschiedlichen Sprachhandlungen ausdrücken (PU, §23) und er in seinem zweiten Hauptwerk, den PU, exemplifiziert. Trotz ihrer Differenz zueinander können sie doch einander ähnlich sein, wie er betont (PU, §130). Eine universale Eigenschaft aber zu fordern, die allen Spielen gemeinsam ist, hält er für falsch und bezeichnet diesen philosophischen Denkgestus kritisch als „Streben nach Allgemeinheit“[3]. Die Bedeutung der unterschiedlichen Sprachspiele wie des Zweifels oder der Wahrheit wird sich später zeigen. Desweiteren sind die Sprachspiele dadurch charakterisiert, dass sie wie alle anderen Spiele auch nach Regeln funktionieren müssen. Denn ohne die Befolgung der grammatischen Regeln würde es sie nicht geben. Das Kind lernt diese gleichzeitig mit der Sprache und wird erst von der Sprachgemeinschaft „anerkannt“, sofern es diese beachtet, wobei dieser Erwerbsprozess so automatisch verläuft, dass es noch kein Bewusstsein davon hat, dass es regelgeleitet sprachlich agiert. Sein Ziel ist es nur mit den Eltern und den anderen Menschen zu sprechen. Das Bewusstein dieser Regelhaftigkeit stellt sich erst später und vor allem durch den Grammatikunterricht in der Schule ein. Wittgenstein gibt bezüglich der Regeln noch zu verstehen, dass sie manche Sprachspiele ziemlich genau festlegen, während sie in anderen hingegen nur andeutungsweise genannt werden. Die verschiedenen Sprachspiele sind also mehr oder minder streng geregelt. Anhand dieser groben Skizze sollte der semantische Umfang und die Komplexität dieses Begriffes deutlich werden. Eine noch eingehendere Behandlung dieser Konzeption ist allerdings im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten. Das Bild, was man von ihr gewonnen hat, reicht aus, um ihre grundsätzliche Bedeutung zu verstehen. Das gilt besonders für den Bezug zum Hauptthema. Über die Beziehung von Sprache und Lebensform merkt der Philosoph abschließend noch an, dass eine Übereinstimmung der Menschen in der Sprache stattfindet. Sie ist aber keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern eine in der Lebensform (PU, §241). Hieran wird nochmals ersichtlich, dass Sprache bzw. Lebensform letzlich dasselbe sind (vgl. dazu PU, §19 und §23). Wenn aber zwei gegensätzliche Lebensformen aufeinandertreffen, scheint ein Konsens nicht denkbar. Dieses Problem wird an späterer Stelle behandelt werden müssen. Vorerst sollte jedoch der Zusammenhang von Lebensform, Sprachspiel und Gewissheit geklärt werden.

1.2 Lebensform, Sicherheit und Weltbild

Zunächst stellt Wittgenstein klar, dass man die Lebensform als eine Sicherheit ansehen muss (ÜG[4], §358). Damit meint er, dass man, um überhaupt leben zu können, von etwas ausgehen muss, worauf man sich innerlich verlässt. Wäre dies nicht der Fall, wäre kein sicheres Handeln denkbar. Woher kommt jedoch diese Sicherheit und warum kann sie problematisch werden? Man erlernt sie durch ein Weltbild, welches im kulturellen Erziehungsprozess vermittelt wird. Unter demselben ist ein System von Überzeugungen zu verstehen, dessen Grundsätze man nicht einfach entfernen und durch andere ersetzen kann (ÜG, §248, §105), weil dadurch das Ganze zur Disposition steht. Es ist zudem mit unserer Handlungspraxis verknüpft und deshalb durchaus berechtigt. Insofern liegt z.B. das Handeln am Grunde des Sprachspiels (ÜG, §404). Man könnte dadurch vielleicht annehmen, dass sich unser Weltbild besonders auf Erfahrung beruft, dem ist aber nicht so, weil die „Trivialitäten“ eines Weltbildes meist übernommen und nicht hinterfragt werden. Andererseits kann es durch Erfahrung gestützt oder modifiziert werden (ÜG, §161). Ob das Weltbild in seiner Gänze wahr ist oder eventuell korregiert werden muss, hängt davon ab, welche Einstellung man zu ihm hat. D.h. glaubt derjenige daran oder hat er eventuell gewisse Zweifel an seinem System? Wittgenstein merkt diesbezüglich an, dass beim Kind erst der Glauben an dasjenige, was es lernt, vorhanden ist, bevor später Zweifel daran aufkommen können. In seiner Sprache drückt er diesen Umstand so aus, dass „das Spiel des Zweifelns selbst schon die Gewissheit vorraussetzt“ (ÜG, §115). Dieser Zweifel bildet für ihn ebenso ein System wie das der Überzeugungen (ÜG, §126). Wenn ein Kind jedoch an dem zweifeln würde, was man ihm beibringt, könnte es gewisse Sprachspiele nicht lernen (ÜG, §283). Daher hat der Zweifel in dieser Hinsicht gewisse hemmende Wirkungen, weil er dem Funktionieren der Lebensform und den dazugehörigen Sprachspielen eher im Wege steht. An diesem Punkt beschäftigt dem Philosophen die Frage wie der Zweifel trotzdem Eingang findet in unseren Sprachspielen (ÜG, §458), obwohl sie gerade durch ihre Sicherheit charakterisiert sind. Diese Sichherheit macht nämlich ihr Wesen aus (ÜG, §457, §446). Daran wird erkennbar, wie die Sicherheit mit dem Sprachspiel und der Lebensform zusammenhängt, denn wäre Gewissheit nicht vorhanden, könnte man nicht von einem Funktionieren des menschlichen Lebens ausgehen. Gerade die funktionierende Lebenspraxis eines Kindes z.B. zeigt, dass es von einem bestimmten Glauben ausgeht und davon auch sein Handeln bestimmt ist. Der Erwachsene, der mehr zur kritischen Reflexion über sein Weltbild fähig ist, kann zwar ebenfalls handeln, allerdings nicht so selbstverständlich wie das Kind, welches seine Prämissen nicht hinterfragt. Er ist quasi handlungsbeschränkter, sofern er über sich und sein System der Überzeugungen reflektiert. Natürlich gibt es auch den Fall, wo erwachsene Menschen dies meist nicht tun und daher aus dieser Sicht mit Kindern vergleichbar sind, man könnte aber ihr Handeln deshalb nicht besser bewerten, da es das Denken ausspart. Sobald ihm bewusst wird, wie grundlos sein Weltbild sein könnte (ÜG, §166), wäre er nicht mehr derjenige, der problemlos handeln könnte. Es wird dadurch deutlich, dass ein durch Abrichtung erworbenes Weltbild unser Denken und Handeln in eine gewisse Richtung lenkt. Ein Hinterfragen bestimmter Sätze des Systems ist indes schwer vorstellbar, weil man ihnen meist unbegründet gewiss ist. Der Denker betont in diesem Kontext, dass „der vernünftige Mensch gewisse Zweifel eben nicht hat“ (ÜG, §§220). Anders gesagt: manche Zweifel an bestimmten Sachen erscheinen so unvernünftig, dass man denjenigen, der sie hegt fast schon als „geistesgestört“ betrachten müsste. Man könnte in diesem Sinne von einer Diskriminierung des Zweifels unter Vernünftigen sprechen, die eine Veränderung des Weltbildes für nicht sehr wahrscheinlich erscheinen lassen. Das es dennoch dazu kommen kann, ist nicht ausgeschlossen, bedarf aber gewisser Anstrengungen. Interessant hieran ist, dass ein Charakterzug des Lebens selber allmählich deutlich wird. Leben ist demnach etwas, was durch eine Zufriedenheit mit manchen Dingen charakterisiert ist und nicht nach Zweifeln und Hinterfragen verlangt (ÜG §344[5] ). Es scheint daher geradezu ein anstößiger Zug zu sein, wenn man gegen dieses Prinzip der Zufriedenheit verstoßen will, da dadurch die eigene Seelenharmonie aufgehoben werden würde und sich innere Unruhe einstellt. Denn man kann dann sehen, dass diese Zufriedenheit eigentlich unberechtigt gewesen war. Wittgenstein selber verdeutlicht diese Situation anhand der Metapher eines Hauses. Er vergleicht das Glaubenssystem, das jemand haben kann, mit der Grundmauer eines Hauses, die das ganze Gebäude trägt (ÜG, §248). Würde dieser „Boden meiner Überzeugungen“ entzogen werden, wäre die Gefahr da, dass das ganze Haus in sich zuammenstürzen könnte. Der Zweifel müsste dann als Verursacher dieses Einsturzes gesehen werden. Dennoch räumt er ein, dass Veränderungen des Weltbildes möglich sind. Hierbei drängt sich aber nun die Frage auf, wie denn Veränderung und Stabilität des Systems zu denken ist. Würde nicht die kleinste Veränderng in unserem System von Überzeugungen nicht das Gebäude gefährden? Darauf antwortet er, dass unser System und damit unser Weltbild offen für Veränderungen sind (ÜG, §97). Es kann wie eine Mytholgie[6] wieder in Fluß geraten und das Flussbett der Gedanken sich wieder verschieben (ebd.). Das heißt also, dass es nicht in sich abgeschlossen ist, sondern offen bleibt und darum lebensnah ist. Dieser Gegensatz zwischen einer Zufriedenheit, die eher zur Abgeschlossenheit neigt, korrespondiert mit einer Offenheit, die ebenso typisch sein kann für eine Lebensform. Und eine offene Lebensform lässt Möglichkeiten zur Veränderung zu, auch wenn diese nicht einfach zu erreichen ist. Kommt es jedoch zu einem Wandel einer Lebensform, muss man eigentlich daraus schließen, dass quasi eine neue entstanden ist. In der Alltagsspache wird nicht umsonst betont, dass jemand nach einem Sinneswandel ein „neuer“ Mensch geworden ist, obgleich er oder sie noch immer dasselbe Individuum ist. Wie stellt sich Wittgenstein diese Verwandlung aber vor? Was muss passieren, damit es zu diesem folgenreichen Schritt kommt? Seine Antwort darauf ist der Begriff der Bekehrung.

[...]


[1] Die Abkürzung „PU“ steht für „Philosophische Untersuchungen“. Sie sind das zweite Hauptwerk nach dem Tractatus.

[2] Vgl. Krämer (2001), S.117. Sie selber nimmt dabei auf ein Ausspruch des Philosophen Bezug, in der er dies klar stellt: „Wir aber betrachten die Spiele und die Sprache unter dem Gesichtspunkts eines Spiels, das nach Regeln vor sich geht. D.h wir vergleichen die Sprache immer mit so einem Vorgang.“ Ludwig Wittgenstein (1984): Philosophische Grammatik. Werkausgabe Band 4, S.63.

[3] Vgl. Ludwig Wittgenstein (1984): Das Blaue Buch. Werkausgabe Band 5, S.37.

[4] Die Abkürzung „ÜG“ meint sein Buch „Über Gewissheit“.

[5] Wittgenstein im Orginal: „Mein Leben besteht darin, dass ich mich mit manchem zufrieden gebe.“

[6] Der Philosoph vergleicht die Welt mit einer Art Mythologie

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Wittgensteins Denken über den Zusammenhang von Lebensform, Sprachspiel und Gewissheit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophie)
Veranstaltung
Seminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V316643
ISBN (eBook)
9783668155725
ISBN (Buch)
9783668155732
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wittgensteins, denken, zusammenhang, lebensform, sprachspiel, gewissheit
Arbeit zitieren
Nils Gantner (Autor), 2007, Wittgensteins Denken über den Zusammenhang von Lebensform, Sprachspiel und Gewissheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316643

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