Supply Chain Execution. Nationale und internationale Standards mit Relevanz für Warehouse Management Software Systeme.

Bestandsaufnahme und Bewertung


Masterarbeit, 2003
158 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsübersicht

I. Einleitung

II. Theoretische Grundlagen
1 Typen, Standards und Normen
1.1 Definition
1.2 Systematisierung von Standards
1.2.1 Abgrenzung betriebswirtschaftlicher Standards
1.2.2 Betriebswirtschaftliche Standards
1.2.3 Standards zur Identifikation
1.2.4 Standards zur Klassifikation
1.2.5 Katalogaustauschformate
1.2.6 Transaktionsstandards
1.2.7 Prozessstandards
1.3 Zusammenfassung
2 Standards als Folge von Unsicherheit
2.1 Unsicherheit in der Unternehmensumwelt
2.2 Das Transaktionshemmnis des „Lock-In“ Effekts
2.3 Netzeffekte
2.3.1 Direkte Netzeffekte
2.3.2 Indirekte Netzeffekte
2.4 Transaktionskosten
2.5 Transaktionskosten und Kompatibilitätsstandards
2.6 Zusammenfassung
3 Warehouse Management Software Systeme
3.1 Einordnung im Supply Chain Management
3.2 Definition
3.3 Kommunikationsschnittpunkte
3.4 Zusammenfassung
4 Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen

III. Bedeutende Standards in Deutschland, Europa und der Welt
1 Identifikationsstandards
1.1 Barcodes
1.1.1 Beschreibung
1.1.2 Aufbau
1.2 D-U-N-S
1.2.1 Beschreibung
1.2.2 Aufbau
1.3 EAN
1.3.1 Beschreibung
1.3.2 Aufbau
1.4 GTIN
1.4.1 Beschreibung
1.4.2 Aufbau
1.5 ILN
1.5.1 Beschreibung
1.5.2 Aufbau
1.6 ISBN
1.6.1 Beschreibung
1.6.2 Aufbau
1.7 NVE
1.7.1 Beschreibung
1.7.2 Aufbau
1.8 UPC
1.8.1 Beschreibung
1.8.2 Aufbau
2 Klassifikation
2.1 eCl@ass
2.1.1 Beschreibung
2.1.2 Aufbau
2.2 ETIM
2.2.1 Beschreibung
2.2.2 Aufbau
2.3 HS Code
2.3.1 Beschreibung
2.3.2 Aufbau
2.4 NGIP
2.4.1 Beschreibung
2.4.2 Aufbau
2.5 Proficlass
2.5.1 Beschreibung
2.5.2 Aufbau
2.6 UNSPSC
2.6.1 Beschreibung
2.6.2 Aufbau
3 Katalogaustauschformate
3.1 BMEcat
3.1.1 Beschreibung
3.1.2 Aufbau
3.2 DATANORM
3.2.1 Beschreibung
3.2.2 Aufbau
3.3 ELDANORM
3.3.1 Beschreibung
3.3.2 Aufbau
4 Transaktionsstandards
4.1 cXML
4.1.1 Beschreibung
4.1.2 Aufbau
4.2 EDI - ANSI ASC X12
4.2.1 Beschreibung
4.2.2 Aufbau
4.3 EDI - EDIFACT (WebEdi)
4.3.1 Beschreibung
4.3.2 Aufbau
4.4 OAGIS
4.4.1 Beschreibung
4.4.2 Aufbau
4.5 openTrans
4.5.1 Beschreibung
4.5.2 Aufbau
4.6 UBL
4.6.1 Beschreibung
4.6.2 Aufbau
4.7 xCBL
4.7.1 Beschreibung
4.7.2 Aufbau
5 Standards für Geschäftsprozesse
5.1 CPFR - Konzept
5.1.1 Beschreibung
5.1.2 Aufbau
5.2 SCOR - Konzept
5.2.1 Beschreibung
5.2.2 Aufbau
5.3 BizTalk
5.3.1 Beschreibung
5.3.2 Aufbau
5.4 ebXML
5.4.1 Beschreibung
5.4.2 Aufbau
5.5 OBI
5.5.1 Beschreibung
5.5.2 Aufbau
5.6 RosettaNet
5.6.1 Beschreibung
5.6.2 Aufbau
6 Zusammenfassung der Bestandsaufnahme

IV. Bewertung
1 Allgemeine Vorgehensweise
1.1 Allgemeingültigkeit
1.2 Bekanntheitsgrad
1.3 Kompatibilität
1.4 Kosten
1.5 Verbandsunterstützung
1.6 Verbreitungsgrad
2 Beurteilung der einzelnen Standards
2.1 Die Bewertungsskala
2.2 Die Gewichtung der Merkmale und Untermerkmale
2.3 xCBL als Beispiel zur Beurteilung
2.3.1 Allgemeingültigkeit
2.3.2 Bekanntheitsgrad
2.3.3 Kompatibilität
2.3.4 Kosten
2.3.5 Verbandsunterstützung
2.3.6 Verbreitungsgrad
2.4 Identifikationsstandards
2.4.1 Bewertung
2.4.2 Weitere zur Bewertung betrachtete Aussagen
2.4.3 Bedeutung für Warehouse Management Software Systeme
2.5 Klassifikationsstandards
2.5.1 Bewertung
2.5.2 Weitere zur Bewertung betrachtete Aussagen
2.5.3 Bedeutung für Warehouse Management Software Systeme
2.6 Katalogaustauschformate
2.6.1 Bewertung
2.6.2 Weitere zur Bewertung betrachtete Aussagen
2.6.3 Bedeutung für Warehouse Management Software Systeme
2.7 Transaktionsstandards
2.7.1 Bewertung
2.7.2 Weitere zur Bewertung betrachtete Aussagen
2.7.3 Bedeutung für Warehouse Management Software Systeme
2.8 Prozessstandards
2.8.1 Bewertung
2.8.2 Weitere zur Bewertung betrachtete Aussagen
2.8.3 Bedeutung für Warehouse Management Software Systeme
3 Zusammenfassung der Bewertung

V. Schlussbetrachtung

VI. Literaturverzeichnis

VII. Anhang
Bewertungstabellen
Standardübersicht

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zusammenhang von Typ, Norm und Standard

Abbildung 2: Schematische Einordnung von Standards

Abbildung 3: Die Pyramide der Standards

Abbildung 4: Taxonomie des UNSPSC

Abbildung 5: Endogene und Exogene Komponenten der Unsicherheit

Abbildung 6: Horizontales Netzwerk mit neun Knoten

Abbildung 7: Vertikales Netzwerk

Abbildung 8: Supply Chain Netzwerk

Abbildung 9: Einordnung des WMS

Abbildung 10: Typisierter Einsatz eines WMS bei E-Logistics

Abbildung 11: XML-CSV Vergleich

Abbildung 12: EAN 128 Beispiele

Abbildung 13: Beispiel einer dreizehnstelligen EAN Nummer

Abbildung 14: GTIN Darstellung

Abbildung 15: ILN Nummernstruktur

Abbildung 16: NVE Nummernstruktur

Abbildung 17: Hierarchie bei eCl@ss

Abbildung 18: Detailgrad der Merkmalsleiste bei eCl@ss

Abbildung 19: Beispielklassifikation „pen refills“ nach UNSPSC

Abbildung 20: XML Beispiel für BMEcat

Abbildung 21: Auszug aus einem DATANORM Stammdatenkatalog

Abbildung 22: EDIFACT Beispiel „Invoic“

Abbildung 23: Beschreibung einer „Invoice“ Nachricht in OpenTrans

Abbildung 24: Prozesstypen der ersten Ebene des SCOR-Modells

Abbildung 25: Beispiel: Einbindung von OAGIS in das Framework BizTalk

Abbildung 26: Organisationsverbindungen bei ebXML

Abbildung 27: Bestellprozess OBI

Abbildung 28: Organisationsverbindungen bei RosettaNet

Abbildung 29: RosettaNet Beispiel: PIP 3A5

Abbildung 30: Einordnung der Standards in die Pyramide der Standards

Abbildung 31: Bewertungsschema

Abbildung 32: Bekanntheitsgrad von Transaktionsstandards in Deutschland

Abbildung 33: Verbreitung einiger Klassifikationsstandards in Deutschland

Abbildung 34: Verbreitung von Transaktionsstandards in Deutschland

Abbildung 35: Verbreitung von Prozessstandards in Deutschland

Abbildung 36: Die „neue“ Pyramide der Standards

Tabellen- und Formelverzeichnis

Tabelle 1: Definitionen E-Logistics

Tabelle 2: Einordnung von Wildpferden nach HS Code und Zollnomenklatur

Tabelle 3: Ein Beispiel für die NGIP Struktur

Tabelle 4: Arten von Prozessen bis zur zweiten Ebene des SCOR-Modells

Tabelle 5: Gewichtung der Merkmale

Tabelle 6: Gewichtung der Untermerkmale

Tabelle 7: Yahoo.de Vergleich der Transaktionsstandards

Tabelle 8: Yahoo.com Vergleich der Transaktionsstandards

Tabelle 9: Bewertung der Identifikationsstandards

Tabelle 10: Bewertung der Klassifikationsstandards

Tabelle 11: Bewertung der Katalogaustauschformate

Tabelle 12: Bewertung der Transaktionsstandards

Tabelle 13: Bewertung der Transaktionsstandards

Tabelle 14: Bewertungsübersicht der zukunftsträchtigsten Standards

Formel 1: Gesamtnutzen bei direkten Netzeffekten

Formel 2: Gewichtetes arithmetisches Zukunftspotential eines Standards

I. Einleitung

Standards haben eine lange Geschichte, die tief in das Agrarzeitalter, nachweisbar seit 3500 v. Chr., der ersten Verwendung von Maßstäben, zurückverfolgt werden kann. Lange Zeit legten Könige und Pharaonen die Maßeinheiten fest und so war nicht sel- ten die Länge zum Beispiel des Fußes eines Herrschers eine Maßeinheit in dessen Reich [KREC00, S. 2].

Die Geschichte der industriellen Standards begann 1798 mit einer Bestellung der US- amerikanischen Regierung von 10.000 Musketen bei Eli Whitney. Die Musketen soll- ten innerhalb von zwei Jahren ausgeliefert werden. Zur damaligen Zeit wurde jede Muskete noch von Hand gefertigt und eine Jahresproduktion betrug ca. 125 Gewehre. Eli Whitney wollte jedoch seine Gewehre aus Einzelteilen zusammensetzen, die bei jedem Gewehr die gleichen waren. Zu Beginn lief seine Produktion erst langsam an und so hatte er nach einem Jahr gerade erst mal 500 Musketen liefern können. Von der Regierung zur Einhaltung seines Vertrages gedrängt, lies Eli Whitney 1801 die Einzelteile von zehn Musketen von einer Expertengruppe begutachten und optimie- ren. Heraus kamen die ersten zehn „Standard-Gewehre“, deren erfolgreiche Präsentation vor dem Präsidenten die Ära der „interchangeable parts for production“ einläutete. Diese neue Produktionsweise stellte die Basis moderner Massenprodukti- on dar [DHH03-ol], deren Siegeszug mit den Innovationen Henry Fords 1926 erst richtig begann [ShVa03-ol].

Im Laufe der Industrialisierung war die Standardisierung vor allem ein technisches Phänomen, wobei es vornehmlich um die Vereinheitlichung von Werks- und Be- triebsstoffen ging [WEY99, S. 19]. Dabei senkte die voranschreitende Standardi- sierung die Produktionskosten stetig [FaSA86, S. 167], obwohl der Standardisie- rungsprozess nicht ohne Widerstände verlief. Auseinandersetzungen über Standardisierungen reichten von der Eisenbahn, über den Strom (AC/DC) bis zum Telefon. Für die heute stattfindenden „Standardisierungs-Kriege“ gelten noch die gleichen Regeln wie damals. So stehen marktdominante Unternehmen Standardisie- rungsbemühungen oft skeptisch gegenüber, da sie potentiellen Konkurrenten nicht zuspielen wollen, indem sie ihren Markt durch eine Standardisierung transparenter machen. Herausragendes Beispiel hierfür ist der Widerstand von Ford und General Motors, als sich die Standardisierung von einzelnen Bauteilen firmenübergreifend durchsetzte. Im Informationszeitalter sind es jedoch nicht mehr physische Bauteile, sondern vielmehr Protokolle, betriebswirtschaftliche Standards und Software, die den Grundstein für Innovationen legen. Das Internetzeitalter hat die Möglichkeit der Kombination von „Zutaten“ zur Erschaffung von Innovationen deutlich beschleunigt. Trotzdem: Standardisierung beinhaltet das uralte Problem des Konsens von mehreren Individuen und Organisationen, deren Interessen sich deutlich unterscheiden können [ShVa03-ol]. In der ökonomischen Literatur blieben Qualitäts- und Kompatibilitäts- standards bis in die 70er Jahre weitgehend unbeachtet. Der Beginn der modernen Kompatibilitätsstandards lässt sich auf zwei Veröffentlichungen Mitte der 80er Jahre von Farell/Saloner und Katz/Shapiro zurückführen [WEY99, S. 19]. Nachdem 1993 das Internet als reines Marketinginstrument Erfolge feierte, wechselte der Fokus 1996 hin zu einem Absatzkanal. Erst 1999 entdeckte die Old Economy das Internet und seine enormen Möglichkeiten und begann elektronische Geschäftsbeziehungen auf- zubauen [HOFF01, S. 69]. So sollen durch elektronische Beschaffungssysteme enorme Einsparungen erzielt werden. Die Kosten für Produkte sollen bis zu 10%, für Bestände bis zu 30% und für Prozesse sogar bis zu 90% gesenkt werden können [HENT01, S. 34]. Im Durchschnitt versprechen Beratungsunternehmen im Beschaf- fungsbereich Einsparungen um die 50% [ReMa03, S. 21]. So verwundert es auch nicht, dass die Standardisierung vor allem von Einkäufern vorangetrieben wird. Diese „Einkaufslastigkeit“ liegt vor allem daran, dass gerade die Abwesenheit von Stan- dards in vielen Märkten eine gewollte Produktdifferenzierung und/oder Monopolstellung darstellt. Einkäufer hingegen wollen eine möglichst hohe Markt- transparenz und die Möglichkeit, von einem Lieferanten zum anderen zu wechseln, um so Einkaufsmöglichkeiten sicher zu stellen [FaSa86, S.167]. Um solche enormen Einsparpotentiale jedoch realisieren zu können, ist ein hohes Kommunikationsniveau zwischen Unternehmen nötig. Die im Mittelpunkt stehende dichte Vernetzung der modernen Internet-Ökonomie spielt hierbei eine zentrale Rolle. Eine solche Vernet- zung verlangt jedoch nach Kompatibilität von Schnittstellen, Protokollen und Verfahren der digitalen Kommunikation und Geschäftsprozesse. Standards dienen dabei als Mittel, um diese Kompatibilität zu erreichen [PICO01, S. 23ff]. Die Ent- scheidung zur Nutzung von Kommunikationsstandards ist somit Vorraussetzung jeglicher wirtschaftlicher Aktivität und Koordination [KÖNI03, S. 347].

Die Warehouse Management Systeme stehen an zentraler Stelle eines jeden Material- flusses und sind somit direkt von jeder Veränderung der Lieferkette betroffen. Vor diesem Hintergrund ist es Ziel dieser Arbeit zukunftsweisende Standards des E- Business zu identifizieren, in den Zusammenhang mit Warehouse Management Soft- ware Systemen einzuordnen und zu bewerten. Dabei werden nicht einzelne Systeme, sondern die Schnittstellen zwischen den Systemen in den Vordergrund gestellt.

II. Theoretische Grundlagen

Ziel dieses Kapitels ist es, zunächst den Begriff Standard für diese Arbeit zu definie- ren. Dazu werden im Folgenden Standardklassen gebildet, die den Rahmen für die Bestandsaufnahme bilden. Im weiteren Verlauf werden dann die theoretischen Kon- zepte der Netzeffekte und Transaktionskosten vorgestellt und zu Standards in Bezug gesetzt. Dabei sollen die theoretischen Konzepte dazu dienen, das Entstehen von Standards zu erklären und Merkmale für die Bewertung von Standards zu liefern. Vorhandene Kritikpunkte an den Feinheiten der Konzepte werden nicht diskutiert, da es dieser Arbeit dem Ziel einer Bewertung der existierenden E-Business Standards für Warehouse Management Software Systeme nicht näher bringt.

1 Typen, Standards und Normen

Prinzipiell wird der Begriff Standard sehr unterschiedlich definiert. Mit Hilfe einer Beschreibung von Typ, Norm und Standard vor dem Hintergrund eines evolutionären Prozesses, wird der Begriff Standard deutlicher [MARR99, S. 10ff]. Anbieterspezifische Typen bilden zumeist den Ausgangspunkt eines Standardisier- ungsprozesses. Danach folgt ein Selektionsprozess, in dem einige Typen keine Verbreitung mehr finden und nach und nach vom Markt verschwinden. Die verblei- benden Typen werden dann von einem Gremium „genormt“. Erst wenn eine Norm eine weite Verbreitung gefunden hat, kann man von einem Standard sprechen. Dieser Zusammenhang ist in Abbildung 1 dargestellt [MARR99, S. 79f]. Ob sich ein neuer Standard in einem evolutionären Prozess durchsetzt hängt davon ab, ob er eine kriti- sche Masse erreicht. Problematisch ist in der Praxis, dass es noch nicht gelungen ist, diese kritische Masse wertmäßig zu bestimmen. Ob dies überhaupt möglich ist, er- scheint fraglich [PICO01, S. 26ff].

Der Sonderfall gleichzeitiger oder vorgeschalteter Normung eines Standards hat zumeist eine sich entwickelnde Normung zur Folge, welche häufig in mehreren Standards mündet [MARR99, S. 79f].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zusammenhang von Typ, Norm und Standard

Quelle: Eigene Darstellung

1.1 Definition

Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen verstehen und definieren Standards auf unterschiedliche Weise [MARR99, S. 10ff]. Im Bereich der Informatik wird beispielsweise erwartet, dass Standards von einem Gremium nach bestimmten Regeln entwickelt und gepflegt werden. Geschieht dies nicht, wird ein Standard als „proprietär“ bezeichnet.[1] Dies bringt zum Ausdruck, dass proprietäre Standards nur als zweitrangig angesehen werden [QuWi03, S. 17].

Ökonomen befassen sich seit Mitte der 80er Jahre intensiver mit dem Wettbewerb von Standards. Hierbei kann es zu regelrechten Standardrennen zwischen verschiede- nen Unternehmen kommen, die gleichzeitig versuchen, ihren Standard am Markt durchzusetzen. Ziel der einzelnen Unternehmung ist hierbei, möglichst eine Mono- polposition zu erreichen, um so einen de-facto Standard zu schaffen und größtmögliche Gewinne abschöpfen zu können. Standards entstehen in einem evolu- tionären Prozess oder, wie zuvor beschrieben, werden durch den jeweils mächtigsten Marktteilnehmer als „de-facto Standards“ diktiert. In der modernen externen Unter- nehmenskommunikation ist die digitale Vernetzung nicht mehr wegzudenken. Dazu werden jedoch Übereinkünfte über die Schnittstellen benötigt um eine reibungslose und möglichst medienbruchfreie Kommunikation zu gewährleisten. Standards sind das Mittel zur Erreichung dieser Kompatibilität [PICO01, S. 23f].

Standards können als Institutionen beschrieben werden, die ein System von formalen und informellen Regeln mit einem bestimmten Ziel darstellen. Während sich Konven- tionen zumeist auf menschliches Verhalten beziehen, stehen Standards im Bezug zu Produkten und deren Eigenschaften. Die Art von Information, die der Standard lie- fert, ist das wichtigste und hier betrachtete Unterscheidungsmerkmal. Es gibt drei grundlegende Arten von Standards: Die Referenz-, Qualitäts- und Kompatibilitäts- standards.

Klassifikations- und Kennzeichnungssysteme, wie zum Beispiel die ISBN (International Standard Book Number), werden von Referenz- und Qualitätsstandards definiert [WEY99, S. 28]. Kompatibilitätsstandards unterscheiden sich in relevante Standards für Kommunikationsnetzwerke (Geräte und Personen) oder für Komponentennetzwerke. Zum anderen lassen sich Kompatibilitätsstandards in vier Gruppen unterscheiden [WEY99, S. 29ff]:

1. Nicht geförderte Standards, an denen kein Unternehmen Verfügungsrechte besitzt und die sich im nicht organisierten Beitrittsprozess am Markt durchset- zen. Diese Standards können als öffentliches Gut klassifiziert werden [WEY99, S. 29ff].
2. Geförderte Standards: Dies sind Standards, an denen ein Unternehmen oder eine Gruppe von Firmen Verfügungsrechte besitzt und versucht, am Markt durchzusetzen. Man kann an dieser Stelle zwischen starken und schwachen Verfügungsrechten unterscheiden. [WEY99, S. 29ff]. Hat ein Unternehmen starke Verfügungsrechte, kann es einen Konkurrenten von dem Standard aus- schließen und der Mitbewerber ist gezwungen eigene Standards in den Markt einzubringen, die nicht kompatibel zum „originären“ Standard sind. Hält ein Unternehmen nur schwache Verfügungsrechte, können Konkurrenten durch Lizenzverträge, Imitationen oder Adapter eigene Kompatibilitätsstandards set- zen [WEY99, S. 46f].
3. Freiwillige Standards als Resultat von Übereinkommen in Verbänden nach dem Konsensprinzip [WEY99, S. 29ff].
4. Durch den Staat verordnete Normen [WEY99, S. 29ff].

Für diese Arbeit sind vor allem die zweite und dritte Version relevant.

1.2 Systematisierung von Standards

In diesem Kapitel werden die für diese Arbeit relevanten Standards einer Einordnung und genaueren Beschreibung unterzogen.

Dazu wird zunächst zwischen fachgebietsübergreifenden und betriebswirtschaftlichen Standards mit Relevanz für syntaktische[2] und semantische[3] Unternehmenskommuni- kation unterschieden. Die fachgebietsübergreifenden Standards werden in dieser Arbeit nicht weiter betrachtet. In anderen Arbeiten werden zur Unterscheidung andere Begriffe, wie z.B. technisch und fachlich, verwendet[4], die jedoch für diese Arbeit als nicht passend angesehen werden.

Die betriebswirtschaftlichen Standards lassen sich wiederum in branchenübergreifen- de und branchenspezifische Standards unterscheiden. Die Unterscheidung nach Prozessen und Daten findet auf der untersten hier verwendeten Hierarchiestufe statt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Schematische Einordnung von Standards

Quelle: Eigene Darstellung

1.2.1 Abgrenzung betriebswirtschaftlicher Standards

Unter fachgebietsübergreifenden Standardisierung werden in dieser Arbeit Standards verstanden, die sich mit der technischen, fachübergreifenden Seite des Datenverkehrs beschäftigen. Dagegen werden betriebswirtschaftliche Standards als die Vereinbarung einer gemeinsamen „Geschäftssprache“ gesehen. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf betriebswirtschaftlichen Standards mit Relevanz für Warehouse Manage- ment Software Systeme. Zur Verdeutlichung werden deshalb in diesem Kapitel betriebswirtschaftliche Standards von fachgebietsübergreifenden abgegrenzt. Im Wei- teren werden dann fachgebietsübergreifende Standards nur angesprochen, wenn sie aufgrund ihrer engen Verzahnung mit einem betriebswirtschaftlichen Standard von Bedeutung sind.

Betriebswirtschaftliche Standards beschreiben ein Produkt, ein Prozess oder eine Dienstleistung, während fachgebietsübergreifende Standards lediglich die tatsächliche Umsetzung formalisieren. Typische Bereiche für fachgebietsübergreifende Standards sind Transportprotokolle und Nachrichten. Transportprotokolle beschreiben die Art und Weise wie Nachrichten zwischen einem Sender und Empfänger ausgetauscht werden. Bekannte Beispiele sind hier: TCP/IP (Transmission Control Protocol / In- ternet Protocol), FTP (File Transfer Protocol), HTTP (Hyper Text Transfer Protocol) oder auch das SMTP (Simple Mail Transfer Protocol). Nachrichtenstandards liegen in einer imaginären Hierarchiestufe eine Klasse über den Transportprotokollen. Sie de- finieren das Format einer Nachricht und wie eventuelle Fehlermeldungen auszusehen haben. Beispiele sind hier: SOAP (Simple Object Access Protocol) und JMS (Java Messaging Service) [QuWi03, S. 31ff].

1.2.2 Betriebswirtschaftliche Standards

Betriebswirtschaftliche Standards lassen sich in Form einer Pyramide darstellen. Da- bei bauen die höheren Standards auf den Standards der unteren Ebene auf. Gleichzeitig nimmt die Komplexität der Standards zur Pyramidenspitze hin zu. Zu- sätzlich steigt die Verzahnung der einzelnen Klassen miteinander, so dass ein Standard nicht mehr ganz eindeutig nur einer Klasse zugeordnet werden kann. Da- durch kann es zu Begriffsungenauigkeiten kommen. Besonders stark ausgeprägt ist dies beispielsweise bei EDI (Electronic Data Interchange). Der Begriff bezeichnet einerseits den allgemeinen elektronischen Datenaustausch, andererseits steht er aber auch konkret für die Inhalte von EDI Nachrichten sowie die verwendete Syntax [QuWi03, S. 31ff].

Die Basis der Pyramide der betriebswirtschaftlichen Standards bilden die Standards zur Produktidentifikation. Auf diese bauen die Klassifikationsstandards auf, indem sie Möglichkeit der Gruppierung einzelner Identifikationen bieten. Im Zentrum der Pyramide lassen sich die Katalogaustauschformate einordnen. Sie bauen auf die bei- den vorangegangenen direkt auf und sind für den elektronischen Handel von zentraler Bedeutung [HENT01, S. 26ff]. Die nächste Stufe bilden die Transaktionsstandards. Sie definieren den Austausch kompletter Geschäftsdokumente. Die Spitze der Pyra- mide nehmen die Prozessstandards ein. Sie legen eine bestimmte Abfolge von Transaktionen fest und modellieren so Geschäftsprozesse in einzelnen Unternehmen oder zwischen zwei oder mehreren Organisationen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Pyramide der Standards

Quelle: Eigene Darstellung

1.2.3 Standards zur Identifikation

Das Ziel der Standards für die Identifikation ist die eindeutige Zuordnung einer Ein- heit zu einer Bezeichnung. Dabei muss eine Einheit nicht ein physikalisches Gut sein, sondern es kann sich hierbei beispielsweise auch um ein Unternehmen handeln. Trotzdem liegt der Schwerpunkt dieser Standardklasse in der Identifikation von Gü- tern und ist deshalb vor allem im Handel und in der Konsumgüterindustrie von erheblicher Bedeutung. Dienstleistungen lassen sich durch ihren oft einzigartigen Charakter nur schwer mit Identifikationsstandards beschreiben. Die Klasse der Codes zur reinen Identifikation einer Einheit bildet die Basis der Pyramide der Standards. Die Vergabe von Identifikationsnummern für einzelne Güter hat die längste Tradition innerhalb der modernen Welt.

Der ISBN Code für Bücher ist der bekannteste Standard dieser Gruppe und ist mitt- lerweile in 165 Ländern der Welt vertreten [IIA03-ol]. In den USA ist der Universal Product Code (UPC) des Uniform Code Council (UCC) am weitesten verbreitet. Das UCC Gremium wurde im September 1969 von Lebensmittelhändlern gegründet und hat den Standard mit der Zeit von einem Identifikationsschlüssel für Lebensmittel zu einem allgemeinen Standard entwickelt [UCC03a-ol]. Außerhalb der USA dient vor allem der European Article Numbering (EAN) Code, unter Aufsicht eines gleichna- migen Gremiums, zur Identifizierung von Gütern [CCG03d-ol]. Ein entscheidender Durchbruch hin zu einem globalen Standard für Güter gelang den beiden Gremien UCC und EAN als sie 1990 eine Kooperation eingingen. Heutzutage nutzen über 800.000 Unternehmen in 140 Ländern die Codes der UCC und EAN [UCC03a-ol]. Seit Dezember 2002 ist die UCC Mitglied bei EAN International, wodurch die Zu- sammenarbeit weiter verstärkt wird. Mittlerweile ist diese Kooperation so weit fortgeschritten, dass häufig nur noch vom EAN”UCC Standard gesprochen wird [CCG03g-ol]. Produktidentifikationsstandards sind vor allem durch ihre Darstel- lungsform als Barcode auf fast allen Gegenständen des alltäglichen Lebens bekannt. Zur Identifizierung von Firmeneinheiten dienen vor allem zwei Standards. Der Data Universal Numbering System (D-U-N-S) Code, der von der amerikanischen Firma Dun & Bradstreet entwickelt wurde [DunB03-ol] und die Internationale Lokationsnummer (ILN) unter Aufsicht der EAN International [CCG03f-ol].

1.2.4 Standards zur Klassifikation

Klassifizierungsstandards oder auch Standards zur Produktklassifikation beschreiben einzelne Einheiten und ordnen diese in Klassen ein [ScZe03, S. 197]. Innerhalb der Supply Chain Execution spielen Klassifizierungsstandards zur Beschreibung von Dienstleistungen und Produkten eine wichtige Rolle.

Standards zur Produktklassifikationen stellen die Basis für eine überbetriebliche Produktkategorisierung dar. Mit ihrer Hilfe soll der Austausch von Produktdaten über Shops oder Marktplätze vereinfacht werden, da sie in vielen Katalogaustauschstandards benötigt werden und unterschiedliche Klassifizierungen den Austausch der Kataloge erschweren [OtBK+02, S. 12].

Produktklassifikationen werden auch bei anderen Einheiten, wie öffentlichen Aus- schreibungen (z.B. CPV), Branchen (z.B. NACE) oder gar Wissen (Dewey- Klassifikation) angewandt [QuWi03, S. 17ff]. Diese spielen jedoch für die Supply Chain Execution keine Rolle und werden in dieser Arbeit nicht weiter betrachtet. Die Gruppe der Klassifizierungsstandards befindet sich auf der zweiten Ebene der Pyra- mide der Standards.

Die Produktklassifikation übernimmt in der Supply Chain Execution zwei Rollen. Zum einen stellt sie eine hierarchische Ordnung für Einheiten dar. Durch diese Ord- nung können Einheiten zu übergreifenden Klassen zusammengefasst und später schneller gefunden werden [HENT01, S. 79ff]. Die Taxonomie[5] des UNSPSC ist in Abbildung 4 als Bespiel dargestellt. Allerdings kann es bei der Einordnung einzelner Einheiten in die Klassen zu unterschiedlichen Resultaten kommen. So wird eine Per- son einen Lüfter bei den elektro-mechanischen Kleinteilen einordnen, während eine andere Person diesen unter Computerzubehör einordnet. Um solche Probleme zu vermeiden, müssen in der Praxis weitere Regeln zur Einordnung beachtet werden.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Taxonomie des UNSPSC

Quelle: [GrRe01]

Zum anderen kann eine Produktklassifikation eine Merkmalsbeschreibung einzelner Produkte enthalten oder direkt auf Identifikationsnummern zugreifen. Jedoch müssen Merkmale ebenfalls eindeutig festgelegt werden, um mit ihrer Hilfe die Suche zu beschleunigen [KuMü03, S. 10ff].

1.2.5 Katalogaustauschformate

Zurzeit gibt es ca. 160 Katalogformate [HENT01, S. 70][7], was deutlich macht, wie dringend hier eine Standardisierung notwendig ist. In der Bestandsaufnahme werden nur die in der recherchierten Literatur und dem Verfasser als wichtig eingestuften Standards aufgeführt.

Katalogaustauschformate haben als Ziel, den Austausch von elektronischen Produkt- katalogen zwischen zwei Unternehmen zu vereinfachen. Dabei sind elektronisch Kataloge zunächst erst einmal nichts anderes als Dateien in denen Produkt- oder Dienstleitungsbeschreibungen abgelegt sind. Dabei kann die Größe eines Kataloges von einigen wenigen bis hin zu Tausenden Datensätzen reichen [HENT01, S. 26]. Besonders wichtig sind Katalogstandards, wenn mehrere Produktkataloge zu einem großen Gesamtkatalog zusammen geführt werden [KELK01, S. 76]. Bei dem Daten- austausch können auch multimediale Daten wie Bilder und Videos ausgetauscht werden. Bei einer solchen Zusammenführung könnten beispielsweise die Daten eines Schuhs direkt vom Lieferanten in das e-Shop System eines Händlers eingestellt wer- den.

Katalogaustauschformate bilden die dritte Ebene der Pyramide der Standards. Kata- logstandards beschreiben die Kataloginhalte. In einem Produktkatalog werden Informationen über die Produktbezeichnung, Preise, Lieferbedingungen und Be- schreibungen abgelegt. Dabei reichen die Formate von CSV (comma separated values), über Excel Tabellen bis hin zu XML (eXtensible Markup Language) Doku- menten [OtBK+02, S. 13].

Standards zum Austausch von Produktkatalogen werden häufig auf Druck der Ein- käufer oder Händler eingeführt, da gerade diese Parteien sonst verschiedene Kataloge bearbeiten und zusammenführen müssten. Das Kosteneinsparungspotential für einen Händler, der von allen seinen Lieferanten Daten in einem einheitlichen Format be- kommt, ist offensichtlich. Allerdings setzt ein gemeinsamer Standard eine sorgfältige Pflege der Stammdaten aller Beteiligten voraus. Ohne diese Pflege der Daten bei den Lieferanten und dem Händler schmelzen die gewonnenen Vorteile wieder schnell dahin. Schwierig wird es, wenn unterschiedliche Katalogabnehmer verschiedene An- sprüche an einen Katalog haben [HENT01, S. 27ff]. So nutzt zum Beispiel ein Lieferant möglicher Weise RGB-Codes[8] um die Farben seiner Produkte anzugeben, während ein anderer Lieferant diese mit einfachen Worten, wie blau, rot oder gelb beschreibt.

In einer elektronischen Einkaufs-Idealwelt würden Rechner mit Rechnern kommunizieren, ohne dass ein Mensch als Schnittstelle fungiert. Dies würde eine nahezu transaktionskostenfreie Abwicklung sein. Dazu müssten weltweit alle denkbaren Produkte und Leistungen standardisiert beschrieben sein. Erst dann könnten alle Leistungen weltweit optimal eingekauft werden. Gegen einen globalen Katalogstandard sprechen jedoch drei Argumente [ReMa03, S. 23]:

1. Die Anforderungen von Industrie und öffentliche Verwaltung sind unter- schiedlich.
2. Eine Bewertung von Qualitäts- und Preisunterschieden ist nicht homogen.
3. Da Leistungen einer ständigen Dynamik unterliegen, müssten auch die Be- schreibungen ohne Zeitverlust aktualisiert werden. Dies scheint nicht realisierbar.

Katalogstandards lassen sich grob in drei Gruppen unterscheiden: Eine Gruppe bilden die diversen XML Standards; eine weitere wird von den EDI-Nachrichten Standards für den Katalogaustausch gebildet und als dritte Gruppe lassen sich branchenspezifische Austauschformate nennen [QuWi03, S. 73f].

1.2.6 Transaktionsstandards

Transaktionsstandards sind Formate für den Übertragungsvorgang, die Transaktion von Geschäftsdokumenten, wie z.B. Bestellungen oder Aufträge im Business-to- Business Handel. Durch eine unternehmensübergreifende Standardisierung kann der Austauschvorgang effizienter gestaltet werden [OtBK+02, S. 13]. Transaktionsstandards bilden die Basis für die Automatisierung von zwischenbetrieblichen Geschäftsprozessen [KELK01, S. 77].

Sie bilden die vierte Stufe der Pyramide der Standards und übernehmen zumeist zwei wichtige Funktionen. Zum einen legen Sie die Art des Dokumentes fest. Handelt es sich beispielsweise um eine Bestellung, eine Rechnung oder um eine Reklamation? Zum anderen legen sie die interne Struktur des Dokumentes sowie dessen Informati- onen fest. Die Bezeichnung Transaktionsstandard beruht auf der Annahme, dass die elektronische Weiterleitung eines Geschäftsdokumentes einer Firma an die andere eine Transaktion auslöst. Bei den Transaktionsstandards ist der EDIFACT (Electronic Data Interchange for Administration, Commerce and Transport) der Bekannteste. In den 90er Jahren wurden in diesem Bereich diverse XML Standards entwickelt, die häufig in die Klasse der Prozessstandards hineinreichen [QuWi03, S. 81f].

1.2.7 Prozessstandards

Während die Transaktionsstandards lediglich den Austausch von Geschäftdokumen- ten standardisieren, gehen die Prozessstandards noch einen Schritt weiter. Hier werden komplette Geschäftsprozesse definiert und als Prozessrahmenwerke vorgege- ben [OtBK+02, S. 13]. Prozessstandards bilden die Spitze der Pyramide der Standards. Die Formate regeln die Reihenfolge von Aktionen innerhalb eines Prozes- ses und legen dessen Bedingungen fest. So können beispielsweise Berechtigungen, Bestellnummern und Bestellwerte vergeben und entsprechend automatisiert bearbeitet oder einem Bearbeiter zugespielt werden. Durch die Komplexität dieses Standards bedingt gibt es nur wenige auf diesem Gebiet [KELK01, S. 78]

Das langfristige Ziel ist eine Drag- und Drop- Oberfläche, auf der dann ein Prozess modelliert und anschließend elektronisch weiterverarbeitet werden kann. Mit Hilfe einer solchen Oberfläche könnten visualisierte Prozesse schnell optimiert werden. Viele mögen wohl den Begriff des Workflow Managements hier einordnen.

1.3 Zusammenfassung

In diesem Abschnitt wurde zunächst der Begriff des Standards anhand eines evoluti- onären Prozesses von Typen (proprietäre Standards) und Normen abgegrenzt. Danach wurden Referenz-, Qualitäts- und Kompatibilitätsstandards beschrieben und definiert. Diese wurden im Weiteren in fachgebietsübergreifende und betriebswirtschaftliche unterteilt, wobei die fachgebietsübergreifenden Standards in dieser Arbeit nicht näher betrachtet werden.

Die betriebswirtschaftlichen Standards wurden als Pyramide dargestellt und in fünf Klassen eingeteilt. Die einzelnen Klassen (Identifikations-, Klassifikations-, Katalogaustausch-, Transaktions- und Prozessstandards) wurden detailliert dargestellt und die Unterschiede aufgezeigt.

2 Standards als Folge von Unsicherheit

In diesem Kapitel werden die Bedeutung und das Entstehen von Standards erläutert. Dies geschieht mit Hilfe einer Untersuchung der Unsicherheit bei Transaktionen, der Netzeffekt- und Transaktionstheorie. Die gefundenen Resultate dienen dann als Grundlage, um verschiedene Standards zu bewerten.

2.1 Unsicherheit in der Unternehmensumwelt

Entscheidungen von Unternehmen werden durch die sie umgebene Umwelt beein- flusst. Dabei kann die globale Umwelt in eine natürliche, ökonomische, politisch- rechtliche und sozio-kulturelle Umwelt untergliedert werden. Ferner steht ein Unter- nehmen auch einer Aufgabenumwelt gegenüber. Diese wird durch andere Marktteilnehmer, mit denen das Unternehmen direkt oder indirekt interagiert, ge- formt. In der Regel sind die Marktteilnehmer Lieferanten, Händler, Nachfrager und Wettbewerber. Je internationaler ein Unternehmen agiert, desto komplexer wird die Welt die ein Unternehmen umgibt. Mit der Komplexität steigt auch die Unsicherheit der Beteiligten. Einige Wissenschaftler vertreten die Meinung, dass, um vor dem Hin- tergrund einer unsicheren Umwelt schnell reagieren zu können, ein hoher Grad an Standardisierung und Prozessformalisierung erforderlich ist. Mit den Widersachern dieser Meinung besteht jedoch Einigkeit im folgenden Punkt: Je größer insbesondere die Internationalität einer Unternehmung ist, desto größer ist auch die Standardisie- rung der nicht direkt von der sich ändernden Umwelt betroffenen Unternehmensteile [BOLZ92, S. 90ff]. Ziel eines Unternehmens ist, durch eine Erhöhung des Informati- onsstandes über das Verhalten der Markteilnehmer und eine Reduzierung des Informationsbedarfs über die Umwelt die Umweltunsicherheiten zu vermindern [WIND96, S. 10f].

Bei der Analyse der Unsicherheiten wird die Transaktionskostentheorie genutzt, um herauszufinden welche, auf die Transaktion bezogenen, individuellen Ursachen die Unsicherheiten bewirken. Die Informationsökonomik bietet die Grundlagen für einen transaktionsbezogenen Systematisierungsansatz. Unsicherheiten ergeben sich zum einen aus der Tatsache, dass die Akteure nur begrenzte Informationen in einem sich stetig ändernden Entscheidungsumfeld haben. Dabei wird von einer exogenen Unsicherheit gesprochen. Zum anderen ergeben sich Unsicherheiten aus bilateralen Informationsasymmetrien zwischen den Marktteilnehmern. Diese werden als endogene Unsicherheit bezeichnet. [MARR99, S. 45ff].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Endogene und Exogene Komponenten der Unsicherheit

Quelle: [MARR99, S. 49]

Exogene Unsicherheiten im Rahmen der Beschaffung oder des Absatzes treten insbe- sondere auf, wenn direkte Netzeffekte[9] ein wesentliches Leistungsmerkmal darstellen. Solange noch keine Standards existieren und es eine Gesamtunsicherheit gibt, kann es zu einer Situation kommen, in der Nachfrager und Anbieter voneinander Leistungen verlangen, die der andere nicht erfüllen kann. Herrscht also eine dominan- te exogene Unsicherheit in einem Bereich, ist es eine Aufgabe von Verbänden oder ähnlichen Organisationen Standardisierungsprozesse voranzutreiben. Ist ein Standard als Grundlage für Transaktionen etabliert, verbleibt nur die endogene Unsicherheit zwischen zwei Marktteilnehmern. Betrachtet man die endogene Unsicherheit näher, fallen zwei Punkte auf. Zum einen beeinflusst der Standardisierungsgrad einer Leis- tung im Markt die Möglichkeit zum opportunistischen Verhalten der Transaktionspartner, die es über Verhaltenstransparenz seitens der Partner zu reduzie- ren gilt. Zum anderen hängt opportunistisches Verhalten ebenfalls von der Leistungstransparenz, also der Möglichkeit des Vergleichs der anderen im Markt ge- tauschten Leistungen ab [MARR99, S. 51ff].

Vor dem Hintergrund der später näher erklärten Netzeffekte[10] lassen sich kaufbeein- flussende Informationen über ein Gut in drei Bereiche einteilen: Produkt-, Besitzer- und Beobachterinformationen. Produktinformationen umfassen dabei Existenz- und Herkunftsinformationen. Die Besitzerinformation ist eng mit der Produktinformation verbunden und ist vor allem für potentielle Nachfrager interessant. Die neutralen Be- obachterinformationen sind ebenfalls ein wichtiges Element bei der Kaufentscheidung eines Nachfragers. Insgesamt sind die Informationen die ein Inte- ressent tatsächlich bei seiner Entscheidung nutzen kann, relevant. Diese Informatio- nen sind aber selten vollständig, sodass Entscheidungen von Personen und Unternehmen stets unter Unsicherheiten getroffen werden [MARR99, S. 17].[11]

2.2 Das Transaktionshemmnis des „Lock-In“ Effekts

Standardisierungen oder Vereinheitlichungen beeinflussen das Marktgeschehen. Dabei stellt sich eine Homogenisierung in einem Markt jedoch nicht zwangsläufig als direkte Folge eines Standards ein. Vielmehr findet eine allmähliche Verbreitung statt [MARR99, S. 13ff], wodurch es zu einem „Lock-In“ Effekt kommen kann. Dieser wird durch zwei Ansätze deutlich [WEY99, S. 40ff]:

Wechselkostenansatz: Wenn ein Standard eine kritische Masse erreicht beginnt der Standard seine Nutzer zunehmend an sich zu binden und im Laufe der Zeit steigen die Wechselkosten für den Nutzer. Er sperrt sich selber in den Standard ein. Dies wird auch als „Lock-in“ Effekt bezeichnet. Um das Ziel der kritischen Masse zu er- reichen, wurden und werden in der Internet-Welt häufig Standards verschenkt, um dann später, wenn der Teilnehmer gebunden ist, Gewinne zu erzielen. Manche Bör- senbewertung eines Unternehmens ist vor diesem Hintergrund mehr eine Wette auf die Durchsetzung des Standards des Unternehmens. Doch das Internet liefert auch die Lösung für den „Lock-In“ Effekt. So genannte Open Source Projekte weichen die Marktmacht eines Standards auf und können sie letztlich auch brechen[12] [PICO01, S. 26ff]. Wechselkosten der Verbraucher können von Unternehmen durch die Errich- tung von Markteintrittsbarrieren wie die Limit-Preisbildung oder eine exzessive Markenvielfalt erzeugt werden. Dabei hat ein Unternehmen ex post, also nach einge- tretenem „Lock-In“, das Ziel der Monopolpreisbildung.[13] Ex ante kann es zwischen Marktanbietern zu Preiskriegen im Kampf um Marktanteile kommen [WEY99, S. 40ff].

Second Sourcing Ansatz: Die Höhe der spezifischen Investitionen eines Nutzers ist in Komponentennetzwerken nicht exogen vorgegeben, sondern kann durch überbe- triebliche Standards verringert werden oder sogar gegen Null laufen. Die institutionenökonomisch ausgerichteten Theorien dazu zielen auf die Überwindung technischer Monopolmacht und somit auf die Organisation von Netzwerkindustrien ab.[14] Dabei gibt ein Monopolist einen von ihm gesetzten Standard für den offenen Markt frei. Damit schützt er ex ante die spezifischen Investitionen seiner Kunden vor einem opportunistischen Verhalten seiner Konkurrenten. Der Monopolist integriert sich selbst in ein Netzwerk, indem er seine Konkurrenten einlädt, seinen Standard zu teilen. Die Vorgehensweise der Bereitstellung von Konvertern oder Adaptern folgt dem gleichen ökonomischen Vorgehen, indem so der Wechsel von einem Standard zum anderen verbilligt oder sogar kostenlos wird [WEY99, S. 40ff]. Dennoch kann diese Methode erfolgreich sein, wenn die später näher erläuterten Netzeffekte[15] den Wettbewerbseffekt steigender Konkurrenz übersteigen [GRÖH99, S. 29].

Besonders offensichtlich wurde die Selbstintegration in Netzwerke mit der zuneh- menden Verbreitung von Systemlösungen im Zusammenhang mit Informationstechnologien. Immer mehr einzelne Komponenten bilden ein großes System, mit wachsenden Funktionen, aber auch mit gestiegenen Ansprüchen an das System. Es wird hier auch von der Fähigkeit zur Interoperabilität gesprochen, also dem Einsatz einer Komponente in verschiedenen Systemumgebungen. Zusätzlich spielen auch Komplementärleistungen in der komplexer werdenden Landschaft der Systeme eine wichtige Rolle. Je mehr sich eine bestimmte Schnittstellenspezifikation am Markt durchsetzt, desto größer sind auch ihre Komplementäreigenschaften. Je größer die Zahl der Hersteller, die sich an einem Standard ausrichten, desto größer ist auch die Chance, dass verschiedene Produkte komplementär zusammenwirken. Die beschriebenen Eigenschaften werden in der Fachliteratur auch mit direkten und indi- rekten Netzeffekten bezeichnet [MARR99, S. 13ff].

2.3 Netzeffekte

Der Erfolg des Internets ist auch ein Erfolg der Standards des Internets, die sich in einem evolutionären Prozess durchgesetzt haben. In der Zeit vor dem Internet waren Standards zumeist hoheitliche Akte. In der Internetära entwickeln sich die Standards durch Formen der Selbstorganisation oder durch die Schaffung von de-facto Stan- dards. Mit Hilfe von Standards werden Netzeffekte, die auch als Netzwerkeffekte oder Netzwerk-Externalitäten bezeichnet werden, erzeugt. Im angelsächsischen Raum wird der Begriff „Netzeffekte“ mit „network externalities“ bezeichnet [PICO01, S. 23ff]. Die Theorie der Netzeffekte unterscheidet direkte und indirekte Netzeffekte, die im Folgenden näher erläutert werden sollen.[16] Bei beiden Effekten ist die Publizi- tät, also die Kenntnisse der Produkteigenschaften bei den potentiellen Nutzern von entscheidender Bedeutung. Dadurch kann die Betrachtung auf die Entstehung und Verbreitung von Wissen und Informationen reduziert werden [MARR99, S. 16]. Eine besondere Rolle spielt hier die schon eingehender erläuterte Unsicherheit, denn kein Unternehmen will auf ein „technologisches Waisenkind“ setzen. Die Unsicherheit nimmt mit einer steigenden Zahl der Nutzer ab. Ein bekannter Fall ist der Verbrei- tungskampf VHS (Video Home System) vs. Video 2000 [MARR99, S. 14f].

Ferner können mögliche Wechselkosten von einem Standard zum anderen zu einem „Lock-In Effekt“ bei dem Standardnutzer beitragen. Dieser tritt besonders häufig in Märkten mit Netzeffekten auf. Je mehr Personen beispielsweise ein Telefon benutzen, desto höher ist der Wert des Telefonnetzes und desto teuerer der Wechsel zu einem anderen Netz [FaSa85, 70ff].[17]

2.3.1 Direkte Netzeffekte

Direkte Netzeffekte bezeichnen meist eine physikalische Verbindung von Geräten, deren Zweck die Kommunikation oder Verbindung ist [MARR99, S. 14ff]. In Kom- munikationsnetzwerken tauschen Personen oder Unternehmen mit anderen Informationen, Güter oder sonstige Dienstleistungen aus. Diese Vernetzung mit Hilfe von Telefon, Fax oder Computern verkörpert hierbei einen Kompatibilitätsstandard [WEY99, S. 33ff]. Man kann sich dies, wie in Abbildung 6 dargestellt, als ein hori- zontales Netzwerk vorstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Horizontales Netzwerk mit neun Knoten

Quelle: [GRÖH99, S. 26]

Kommunikationsnetzwerke können selbstverständlich auch aus Personen gebildet werden, jedoch ist dies für die Betrachtung von Standards mit Relevanz für Warehou- se Management Software Systeme sekundär und wird nicht näher betrachtet. Die positiven Auswirkungen eines Netzwerkes, wie die des Internets, bestehen im Nut- zenzuwachs des Einzelnen, wenn eine weitere Person im Netz integriert wird. Hat die Person einen sofortigen Nutzenzuwachs (z.B. mehr Teilnehmer sind per Email zu erreichen), spricht man von direkten Netzeffekten [PICO01, S. 23f].[18] Wichtige As- pekte der direkten Netzeffekte sind eine bestehende Verbindung, wie viele Teilnehmer mit welcher Intensität die gleiche Basis nutzen [MARR99, S. 14ff]. Der Gesamtnutzen der durch direkte Netzeffekte erreicht wird, ist eine Funktion aus der Menge der Verbindungen zwischen den Mitgliedern und den Knoten [GRÖH99, S.26]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Formel 1: Gesamtnutzen bei direkten Netzeffekten

Quelle: [GRÖH99, S. 26]

Der vertragliche Aspekt bei der Kommunikation zwischen Personen oder Unterneh- men macht Kompatibilitätsstandards zu einer Institution. Diese Institution senkt die Transaktionskosten indem sie die Unsicherheit reduziert [WEY99, S. 36ff]. Die Wir- kung der direkten Netzeffekte lässt sich als nachfrageseitiger Skalenertrag interpretieren und bewirkt, dass Entscheidungen für oder gegen einen Standard ein- zelner unabhängiger Akteure interdependent werden [KÖNI03, S.347].

2.3.2 Indirekte Netzeffekte

Indirekte Netzeffekte sind im Wesentlichen Komplementärleistungen. Dies wird am deutlichsten bei Produkten, die ohne ein bestimmtes Komplementärgut nicht oder nur eingeschränkt funktionsfähig sind. So wird der Absatz von Videokassetten mit einem steigenden Absatz von Videorekordern ebenfalls zunehmen [WEY99, S. 36ff]. Ähn- liche Komplemente sind Drucker und Scanner für einen PC.[19] Von Bedeutung im Zusammenhang mit indirekten Netzeffekten sind die Such- und Informationskosten, die ein potentieller Nachfrager hat. Durch die Informationssuche erhalten fast alle Produkte einen Netzeffektcharakter, der auf den verbreitenden Informationen[20] über das Produkt beruht. Im Gegensatz zu den direkten Netzeffekten kristallisieren sich bei indirekten Netzeffekten die Informationen über die Leistungsmerkmale erst mit der Verbreitung eines Gutes heraus [MARR99, S. 15ff]. Bei indirekten Netzeffekten hat die Entscheidung eines Nutzers für einen Kompatibilitätsstandard keine Auswirkun- gen auf das Nutzenniveau anderer Beteiligter. Dennoch können indirekte Netzeffekte auftreten, indem die Entscheidung des Nutzers den Skalenertrag bei der Bereitstel- lung komplementärer Produkte beeinflusst. Ein Nutzer erhöht also durch den Kauf einer Basiskomponente den Wert der Komponenten [WEY99, S. 36ff]. Indirekte Netzeffekte können ebenfalls als Pendant der Verbundvorteile der Angebotsseite ver- standen werden. Man kann sich dies als ein vertikales Netzwerk veranschaulichen, wie es in Abbildung 7 beispielhaft dargestellt ist [GRÖH99, S. 27f].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Vertikales Netzwerk

Quelle: [GRÖH99, S. 27]

In der Praxis vermischen sich die beiden Formen der Netzeffekte jedoch häufig: z.B. können Portale als Systemkern und Internet Dienstleistungen als Systemkomponenten gesehen werden. Dabei stellt das Portal einen komplementären Service für die Dienst- leistung, und somit einen indirekten Netzeffekt dar. Je mehr Teilnehmer diese Dienstleistung (z.B. ein Kommunikationsdienst) nutzen, desto größer wird der Nut- zen eines Teilnehmers. Es zeigt sich hier ein direkter Netzeffekt [PICO01, S. 23ff].

2.4 Transaktionskosten

Transaktionskosten entstehen nicht bei dem eigentlichen Güteraustausch, sondern beim Austausch der zu Gütern oder Dienstleistungen gehörenden Verfügungsrechte. Der Austausch der Verfügungsrechte wird als Transaktion bezeichnet [MICH85, S. 68ff]. Transaktionskosten sind also die bei einer Übertragung von Verfügungsrechten anfallenden Kosten [PiDi90, S. 178ff]. Es sind Aufwendungen und Opportunitätskos- ten für den Informationsfluss einer Transaktion. Sie werden durch die Unsicherheit über die Umwelt, das Verhalten der Marktteilnehmer und die Merkmale des Transak- tionsobjektes verursacht [WIND96, S. 10f]. Dies sind vor allem Informations- und Kommunikationskosten, die bei einer Anbahnung, Vereinbarung, Kontrolle und/oder Anpassung einer Leistungsbeziehung entstehen [JACO95, S. 143ff]. Neben rein mo- netären Kosten fallen weitere immaterielle Aufwendungen für die Mühe und Zeit an, die ein Transaktionspartner aufwendet [PiDi90, S178ff]. Die Höhe der Transaktions- kosten hängt von Einflussfaktoren ab, die im Folgenden näher beschrieben werden. Grundlegender Bezugsrahmen der Transaktionstheorie ist das Markt-Hierachie- Paradigma. Dieses Paradigma basiert auf der Gegenüberstellung von Verhaltensan- nahmen und Umweltfaktoren und zeigt auf, ob ein hierarchischer (z.B. ein Arbeitsvertrag) oder ein marktwirtschaftlicher (z.B. ein Kaufvertrag) Koordinations- prozess der günstigste ist [PiDi90, S. 178ff].

Eine Verhaltensannahme ist, dass jeder Mensch rational beschränkt handelt. Dies liegt zum einen an der begrenzten Informationsaufnahmekapazität eines Menschen. Zum anderen liegt es an den menschlichen Schwächen bei der Kommunikation mit anderen. Problematisch wird diese begrenzte Rationalität jedoch erst, wenn sie auf eine unsichere oder komplexe Umwelt[21] trifft, denn dann ist die Rationalität bis an die Grenzen gefordert und versagt bei dem Versuch, die Grenzen zu überschreiten. [MICH85, S. 101ff].

Ferner basiert die Transaktionstheorie auf der Annahme der individuellen Nutzenma- ximierung [JOST01, S.16]. Es wird also bei jedem Menschen ein opportunistisches Verhaltenspotential angenommen. Dies bedeutet, dass ein Mensch nicht verständi- gungsorientiert, sondern strategisch handelt. Er stellt bei der Kommunikation seine eigenen Interessen in den Vordergrund und nimmt in Kauf, dass er, unter Missach- tung des üblichen Verhaltens, seinen Vorteil auf Kosten des anderen erreicht. Kommt der Umweltfaktor Spezifität hinzu, entsteht ein Konfliktpotential, da die Teilnehmer fürchten müssen, ihre auf eine bestimmte Transaktion zielenden Investitionen zu ver- lieren. Spezifische Leistungsbeziehungen können ex ante und ex post betrachtet werden. Während ex ante Investitionen schon im Vorhinein als Transaktionskosten feststehen, entstehen die ex post Kosten im Laufe einer Leistungsbeziehung. Es kann dabei zu einem sich steigernden bilateralen Abhängigkeitsverhältnis kommen, das in einer monopolistischen Beziehung zueinander enden kann [PiDi90, S. 178ff]. Die spezifischen Investitionen unterteilen sich in fünf verschiedene Arten von Investitio- nen: standort-, anlagen-, abnehmer-, humankapital- und reputationsspezifische [JOST01, S.12]. Es ist hervorzuheben, dass es nur bei einem Zusammentreffen von den Verhaltensannahmen und Umweltbedingungen zu einem Marktversagen traditio- neller Koordinationsmechanismen kommt. [PiDi90, S. 178ff].

Anhand der Transaktionstheorie wurden die vier wichtigsten Faktoren für Transaktionen dargestellt. Die Verhaltensannahmen der rationalen Beschränktheit und des Opportunismus sollen hier nicht näher betrachtet werden, da dies für die weitere Arbeit nicht notwendig ist. Im Folgen werden die Umweltannahmen der Unsicherheit und der Spezifität an zwei näheren Betrachtungen erläutert.

1. Bei häufig wiederkehrenden eindeutig beschreibbaren und standardisierten Leistungsbeziehungen ist der normale Kaufvertrag der transaktionsminimale Marktkoordinierungsprozess. Hierbei unterstützen Informations- und Kom- munikationssysteme (IuK) die Abwicklung durch eine Erhöhung der Markttransparenz und die Automatisierung der unternehmensübergreifenden Bestell-, Abrechnungs- und Zahlungsvorgänge [PICO89, S. 363ff]. Dies ist das Ziel der Standardisierungsbemühungen in den Bereichen Identifikation, Klassifizierung, Katalogformate und Transaktion.

2. Bei wiederkehrenden, eindeutig beschreibbaren, aber spezifischen Leistungs- beziehungen, die sich durch Umwelteinflüsse noch verändern können, reicht ein normaler Kaufvertrag nicht mehr aus. Es muss ein Rahmenvertrag ge- schlossen werden, der beide Seiten vor gegenseitiger Ausbeutung im möglicherweise entstehenden bilateralen Monopol schützt. Je spezifischer die Leistungsbeziehung dabei ist, desto größer ist das Bedürfnis nach einer ver- traglichen Absicherung und desto höher sind die Transaktionskosten.

Informations- und Kommunikationssysteme können in diesem Fall die Trans- aktionskosten durch die Sicherstellung der reibungslosen Aufgabenabwickl- ung zwischen den Beteiligten ohne Medienbruch senken. Mit steigendem Leistungsgrad der Informations- und Kommunikationssysteme kann sich das Arbeitsvertragsverhältnis einer stärkeren Marktorientiertheit annähern. Damit sinkt dann die Spezifität und es ist ein besserer Marktvergleich möglich [PI- CO89, S. 363ff]. Dies ist das Ziel der Standardisierungsbemühungen in den Bereichen, Katalogformate und Transaktion und Prozesse.

Die Betrachtungen machen deutlich, dass Standards Transaktionskosten mindern, da sie die Spezifität und Umweltunsicherheit senken [PICO89, S. 363ff].

2.5 Transaktionskosten und Kompatibilitätsstandards

Der Zusammenhang zwischen Standardisierung und Transaktionskosten wird am Extrembeispiel deutlich: Eine einzelkundenspezifische Produktgestaltung ohne exis- tierende Standards. Jeder der beiden Transaktionspartner muss hierbei spezifische Investitionen tätigen, die in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis enden kön- nen [JACO95, S. 111ff]. Je standardisierter eine Leistung ist, desto leichter ist ein Marktvergleich und umso geringer sind die transaktionsbezogenen Unsicherheiten der Teilnehmer. Dies führt dann dazu, dass ein Anbieter einen Nachfrager immer weniger an sich binden kann. Es kann gesagt werden, dass Standards zu „sichereren“ Entscheidungen der Nachfrager führen und die Bindung von Anbieter und Nachfrager lockern [MARR99, S. 55].

Die neoklassische Theorie der Kompatibilitätsstandards identifiziert die Marktmacht und positive Netzwerkeffekte als Hauptgründe für Marktversagen. Dabei stehen Kompatibilitätsstandards und Transaktionskosten in einem engen Zusammenhang. Dazu können zwei Formen von Standards unterschieden werden:

Transaktionskosten der Etablierung von Kompatibilitätsstandards:

Die Einführung eines Kompatibilitätsstandards ist das Resultat eines Konsens zwi- schen mehreren Unternehmen und/oder Organisationen. Dabei entstehen Koordinationskosten, die in zwei Transaktionskostenarten unterschieden werden können. Zum einen entstehen Ausschlusskosten durch die bis zur Etablierung vor- handenen unvollständigen Verfügungsrechte. Zum anderen entstehen Kommunikationskosten durch die nötigen Informationsgewinne zur Konsensbildung. In der Literatur über Standardisierung werden vor allem industrieweite Verbandsbil- dungen und Koalitionen als Effizienz fördernde Organisationsformen[22] herausgestellt [WEY99, S. 45]. Diese stellen zu großen Teilen sicher, dass es kein Koordinations- versagen gibt, und dass es möglich ist von einem veralteten aber verbreiteten Standard zu einem neuen innovativen Standard zu wechseln [FaSa86, S. 169].

Transaktionskosten in Märkten mit Netzwerkindustrien:

Kompatibilitätsstandards beeinflussen in Netzwerkindustrien sowohl die vorvertragli- chen als auch die nachvertraglichen Transaktionskosten. Standards senken ex ante die anfallenden Such- und Inspektionskosten. Ferner bieten sie dem Nachfrager die Mög- lichkeit weitere Angebote einzuholen, was einen „Lock-in Effekt“ ausschließt [WEY99, S. 46]. Dies spiegelt sich in dem Bekanntheits- und Verbreitungsgrad eines Standards wider. Ein eventuelles bilaterales Abhängigkeitsverhältnis wird durch Kompatibilitätsstandards vermieden und so nachvertragliche Kosten zum Schutz von ex post opportunistischem Verhalten erheblich gesenkt oder gar ausgeschlossen. Des Weiteren senken Kompatibilitätsstandards die Kosten der begrenzten Rationalität und der Erwartungsunsicherheit. Etablierte Standards verringern also die Unsicherheit aller Markteilnehmer [WEY99, S. 46].

2.6 Zusammenfassung

In diesem Abschnitt wurde die Entstehung von Standards vor dem Hintergrund von Umweltunsicherheit betrachtet. Dabei wurde gezeigt, dass spezifische Investitionen in Komponentennetzwerken und Entscheidungsunsicherheit durch überbetriebliche Standards verringert werden. Als wichtige Punkte eines Standards wurde die Errei- chung einer kritischen Masse und einer Interoperabilität herausgearbeitet. Die Aufgabe von Verbänden oder ähnlichen Organisationen wird im Vorantreiben von Standardisierungsprozessen gesehen, da Verbände und Organisationen in diesen Be- reich als effizient herausgestellt wurden.

Der Standardisierungsgrad einer Leistung im Markt bestimmt die Möglichkeit zum opportunistischen Verhalten von Marktteilnehmern. Eine hohe Leistungstransparenz (hoher Grad an Produkt-, Besitzer- und Beobachterinformation), also der Möglichkeit des Vergleichs, spiegelt sich in einem hohen Bekanntheits- und Verbreitungsgrad eines Standards wider. Es konnte veranschaulicht werden, dass die positiven Auswir- kungen eines Netzwerkes, wie die des Internets, im Nutzenzuwachs des Einzelnen bestehen, wenn eine weitere Person in das Netz integriert wird. Anhand der Netzef- fekte wurde ebenfalls aufgezeigt, dass Entscheidungen für oder gegen einen Standard einzelner unabhängiger Akteure durch Netzwerke interdependent werden. Es wurde weiter gezeigt, dass Netzeffekte nicht nur direkt (horizontal) sondern auch indirekt (vertikal) auftreten können. Ein Nutzer kann durch den Kauf einer Basiskomponente den Wert der Komponenten erhöhen, wenn die Schnittstelle standardisiert und somit kompatibel ist.

Es wurde dargestellt, dass die Standards in den Bereichen Identifikation, Klassifizie- rung, Katalogformate, Transaktion und Prozesse wichtige Elemente von modernen Informations- und Kommunikationssystemen sind. Effektive IuK-Systeme, und somit „gute“ Standards, garantieren einen transaktionsminimalen Marktkoordinierungspro- zess.

Um eine große Anzahl von Unternehmen am Datenaustausch teilnehmen lassen zu können, muss ein Standard branchen-, software- und hardwareunabhängig sein [ZuEs02, S.20].

3 Warehouse Management Software Systeme

3.1 Einordnung im Supply Chain Management

Warehouse Management Software Systeme sind Teil der E-Logistics, das wiederum Teil der Supply Chain Execution, als Untermenge des Supply Chain Managements, zu sehen ist. Die Ein- und Zuordnung der Begrifflichkeiten mit Hilfe der Literatur fördert eine Vielzahl an verschiedenen Definitionen und Möglichkeiten zu Tage.[23] Durchsucht man das Internet, so finden sich rasch diverse Glossare und Lexika von verschiedenen privaten Dienstleistern. Einen guten Überblick gibt hier das Logistik- portal des Landes Niedersachsen.[24] Auch im Bereich Bücher gibt es verschiedene Lexika mit unterschiedlichen Definitionen. Leider gibt es jedoch kein Verzeichnis, welches eine kritische Masse überschritten hat und einen Standard bildet. Die Vielfäl- tigkeit der Definitionen wird hier in Tabelle 1 am Begriff E-Logistics verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Definitionen E-Logistics

Quelle: eigene Darstellung

Eine ähnliche Vielzahl von Definitionen lässt sich zu allen in Abbildung 9 angegeben Begriffen finden. Für die vorliegende Arbeit werden die folgenden Definitionen ver- wendet.

- Supply Chain Management ist eine Organisations- und Managementphiloso- phie, die durch eine prozessoptimierende Integration der Aktivitäten, der am Wertschöpfungssystem beteiligten Unternehmen, auf eine Synchronisierung der Informations- und Materialflüsse zur Kosten-, Zeit- und Qualitätsoptimie- rung zielt.

Dabei wird davon ausgegangen, dass eine Supply Chain heutzutage keine li- neare Kette, sondern ein Netzwerk von verschiedenen Unternehmen ist [HaBr01, S. 94f]. Ein solches Netzwerk wird auch als Value Trust Network (VTN) bezeichnet, was zur erfolgreichen, optimalen Wertschöpfung auf allen Ebenen der modernen Geschäftswelt einen hohen Grad der Vernetzung be- dingt [RAIS01, S. 233f]. In einem solchen Netzwerk verfügt ein Unternehmen virtuell über die Ressourcen der anderen Unternehmen und kann auf diese zu- rückgreifen [HaBr01, S. 94f][25].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Supply Chain Netzwerk Quelle: eigene Darstellung[26]

- Supply Chain Execution umfasst die Funktionen, Prozesse und Optimierungs- bemühungen, die sich auf der Ausführungsebene abspielen. Dieses sind im Einzelnen die Auftragsabwicklung, die Transportsteuerung, die Bestandssteu- erung und die Unterstützung von Leistungs- und Informationsaustausch- prozessen, die zwischen Unternehmen eines Netzwerkes stattfinden.

- E-Logistics umfasst alle elektronischen Anwendungen für Planungs- und Steuerungsvorgänge der Logistik, die im Unternehmen für eine elektronisch basierte Geschäftsabwicklung notwendig sind.

Die Zusammenhänge der einzelnen Komponenten des Supply Chain Managements und insbesondere die Position des Warehouse Management Systeme sind in Abbildung 9 visualisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Einordnung des WMS Quelle: eigene Darstellung[27]

3.2 Definition

Der Begriff Warehouse Management beschreibt die Kunst, ein Lager- und Distributi-

onssystem effizient zu führen. Es schließt, im Gegensatz zu Lagerverwaltungssystemen, die Steuerung, Kontrolle und Optimierung der Logistikprozesse mit ein. Software Systeme sind dabei die Grundlage, um die Kundenwünsche nach mehr Schnelligkeit, Qualität und sinkenden Logistikkosten zu erfüllen. Prinzipiell sollte ein System den speziellen Anforderungen eines Unternehmens nach folgenden Kriterien angepasst sein [HoSc03, S. 1]:

- vorhandene technische Grundstruktur,
- dem betrieblich-organisatorischen Rahmen,
- dem Ziel eine koordinierende Systemführung zu erhalten.

Heutige Leistungsdaten von Lager- und Distributionssystemen veranschaulichen, dass die komplexen Abläufe nur durch rechnergestützte Systeme zu bewältigen sind. So werden im Versandhandel beispielsweise 250.000 unterschiedliche Artikel gela- gert und pro Tag müssen 190.000 Aufträge bearbeitet werden. Lagerhaltung ist der geplante Prozess der Zeit- und Zustandsüberbrückung eines Gutes [HoSc03, S. 4ff]. Mit Hilfe von Warehouse Management Software Systemen sollen diese Prozesse op- timiert werden. Dabei ist ein Schlüsselelement eines effizienten WMS (Warehouse Management System) das Vertrauen und das Sicherheitsgefühl, das die Personen ha- ben, die mit dem System arbeiten. Denn Unsicherheit über die Zuverlässigkeit von WMS hat erhöhte Sicherheitsbestände zur Folge, die dem Optimierungsansatz zuwi- der laufen. Deshalb ist die Transparenz der Steuerungs- und Kontrollprozesse eines WMS unabdingbar.

3.3 Kommunikationsschnittpunkte

Software Systeme im Warehouse Management kommunizieren mit einer Vielzahl anderer Bereiche und Systeme. Oft sind die Übergänge zwischen den Systemen flie- ßend und hängen auch von der jeweiligen verwendeten Software ab. Dennoch lassen sich generell die folgenden Kommunikationsschnittpunkte festlegen [HoSc03, S. 9f]:

- Warenwirtschaftssysteme (WWS) sind Softwaresysteme zur artikel- und mengengenauen Erfassung von Bedarfs- und Mengenströmen. Hauptziel der WWS ist die Steuerung der Warenvorhaltung, des Bestellwesens und des Verkaufs.
- Managementinformationssysteme (MIS) werden auch als Executive Informa- tion Systems (EIS) bezeichnet. Zumeist sind sie Teil des WWS und haben die Aufgabe, alle relevanten Informationen für Management Entscheidungen zu liefern.
- Produktionsplanungs- und -steuerungssysteme (PPS) werden von produzie- renden Unternehmen zur Optimierung der Ressourcen eingesetzt. PPS Systeme verringern die Durchlaufzeiten und Bestände bei hoher Termintreue und Kapazitätsauslastung.
- Enterprise Ressource Planning (ERP) Systeme sind standortübergreifende PPS Systeme. Ihre Aufgabe ist die PPS Ziele auf einer globalen Ebene zu er- füllen.
- Materialflussrechner (MFR), oder auch Material Flow Controller (MFC), steuern und kontrollieren automatische Materialflussoperationen. Dabei werden häufig nur Teile eines Ganzen gesteuert, wie zum Beispiel ein automatisches Kleinteilelager oder Transportsystem.
- Warehouse Control Systeme (WCS) ergänzen häufig WWS Programme oder ERP Systeme, wenn kein „richtiges” WMS eingesetzt wird. WCS verwalten in der Regel nicht bewegliche Gegenstände.

In Abbildung 10 ist der idealisierte Systemdatenfluss eines modernen E-Logistics Systems dargestellt. Dabei ist zu erkennen, welchen zentralen Punkt ein WMS innerhalb dieser Kette bildet. Das Modell ist für den Business-to-Consumer und den Business-to-Business Bereich anwendbar [HoSc03, S. 12].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Typisierter Einsatz eines WMS bei E-Logistics

Quelle: [HoSc03, S. 13]

Im Modell kommuniziert ein Kunde über ein Shopsystem[28] seine Wünsche. Innerhalb des Shopsystems kann der Kunde nicht nur Produktkataloge einsehen, sondern auch Bestellungen direkt aufgeben. Verschiedene Artikel können dazu in Warenkörben zusammengefasst werden. Das Shopsystem muss kein betriebsinternes sein, sondern es kann vielmehr auch von einem Dienstleister betrieben werden. Der Lieferant gibt die Kataloginformationen, im Idealfall mit Verfügbarkeitsaussagen zu den einzelnen Artikeln, an das Shopsystem. Der Auftrag des Kunden wird ihm vom Shopsystem bestätigt und an das WWS übergeben. Abschließend ist es auch das Shopsystem, welches die Rechnung für den Auftrag versendet [HoSc03, S. 12].

Das WWS übernimmt die gesamte Auftragsverwaltung, die Steuerung des Einkaufs und die Pflege der Kunden- und Produktdaten. Es liefert die Informationen zur Erstel- lung von Analysen, Prognosen und Statistiken zur Optimierung der Bestellungen und der Bestandsmengen. Nach einer Bestandsprüfung im WMS bestellt das WWS die benötigten Mengen bei dem Lieferanten. Dieser sendet eine Avise über die Warenlie- ferungen an das WMS des Distributionszentrums. Das WMS verwaltet die Lagerbestände und -orte innerhalb des Distributionszentrums und setzt die erforderli- chen Lager- und Kommissionierungsoperationen für die Kundenbestellung um. Das WMS verwaltet dabei die Warenein- und -ausgänge und übergibt beispielsweise die Lieferscheine und Rechnungsdaten an den Spediteur. Zusätzlich sendet das WMS eine Avise an den Kunden. Der Lieferant verschickt eine präzisere Lieferavise an den Kunden sobald er die genaue Terminierung erstellt hat [HoSc03, S. 12].

3.4 Zusammenfassung

Im letzten Abschnitt sind Warehouse Management Software Systeme als Teil der E- Logistics definiert worden, das wiederum Teil der Supply Chain Execution, als Un- termenge des Supply Chain Managements, ist. Dazu wurden die einzelnen Begriffe definiert. Es wird davon ausgegangen, dass eine „Supply Chain“ ein Netzwerk von verschiedenen Unternehmen ist, in dem ein Warehouse Management Software Sys- tem über viele Kommunikationsschnittpunkte mit anderen Systemen verfügt. Allein die beträchtlichen Zahlen[29] von 250.000 unterschiedlichen Artikeln und 190.000 Auf- trägen pro Tag verdeutlichen wie wichtig Standards für einen reibungslosen Ablauf sind. Dabei spielt das Vertrauen, also die Abwesenheit von Unsicherheit, eine we- sentliche Rolle um erhöhte Sicherheitsbestände in den Lagern zu vermeiden. Daher ist für ein WMS die Transparenz der der Steuerungs- und Kontrollprozesse, ein- schließlich der verwendeten Standards unabdingbar.

4 Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen

Im Kapitel zu den theoretischen Grundlagen wurden die zu untersuchenden Standards zunächst eingeschränkt und definiert. Es werden Standards in die Bestandsaufnahme aufgenommen, die im Zusammenhang mit Warehouse Management Software Syste- men stehen und in eine der fünf folgenden Klassen eingeteilt werden können:

- Identifikations-,
- Klassifikations-,
- Katalogaustausch-, x Transaktions- oder x Prozessstandards.

Dann wurde gezeigt, dass Standards Umweltunsicherheit verringern und dadurch die Transaktionskosten mindern. Bei einem hohen Grad an Produkt-, Besitzer- und Be- obachterinformation ist auch eine hohe Marktransparenz gegeben. Dies bedeutet einen hohen Bekanntheits- und Verbreitungsgrad der Standards im Markt. Als weite- res Merkmal wurde die Möglichkeit die Standards in verschiedenen Systemen einsetzen zu können (Interoperabilität) als Merkmal eines Standards aufgezeigt. Fer- ner spielt eine Unterstützung durch relevante Verbände und Organisationen eine wesentliche Rolle bei der erfolgreichen Durchsetzung eines Standards.

Anhand der Theorie der Netzeffekte wurde dargestellt, dass Entscheidungen für oder gegen einen Standard einzelner unabhängiger Akteure durch Netzwerke interdependent werden. Es wurde weiter gezeigt, dass Netzeffekte nicht nur direkt (horizontal) sondern auch indirekt (vertikal) auftreten können. Als wesentliches Merkmal wurde hierbei die Kompatibilität (eines Standards) herausgestellt, wobei der Standard möglichst branchen-, software- und hardwareunabhängig sein sollte.

Warehouse Management Software Systeme konnten als zentraler Teil des modernen Supply Chain Management Netzwerkes identifiziert werden. Dabei haben WMS einen hohen Vernetzungsgrad mit entsprechend vielen Kommunikationsschnittpunk- ten. Die zuvor allgemein ausgeführten Theorien der Transaktionskosten und der Netzeffekte gelten also für die in Warehouse Management Software Systemen rele- vanten Standards, wodurch die herausgearbeiteten Merkmale als Bewertungsgrundlage herangezogen werden können.

III. Bedeutende Standards in Deutschland, Europa und der Welt

Im Folgenden werden die nationalen und internationalen Standards im Bereich Supply Chain Execution mit Relevanz für Warehouse Management Software Systeme näher dargestellt. Dabei werden jedoch nicht alle Standards beschrieben, sondern nur auf die bedeutenden Standards eingegangen. Eine Auflistung aller bei der Recherche gefundenen Standards, Normen und Konzepte befindet sich im Anhang. Auf eine Zusammenfassung der einzelnen Abschnitte, wie in Kapitel II, wird für die Bestandsaufnahme verzichtet, da es sich in den einzelnen Abschnitten lediglich um Beschreibungen der einzelnen Standards handelt.

Wegen der besonderen Rolle der XML Sprache für alle beschriebenen Standardklassen wird diese an dieser Stelle kurz vorgestellt.

XML (eXtensible Markup Language) ist der bekannteste Teil der Standard Generali- zed Markup Language (SGML) und eine Auszeichnungssprache, mit der sich Daten und Datenhierarchien beschreiben lassen. Aufgrund ihrer Plattformunabhängigkeit wird, ähnlich wie Java[30], dieser Sprache als Standard für die Zukunft gesehen [MACH99, S. 16]. XML wird vom W3C (World Wide Web Consortium) betreut. Durch die Verwendung von Tags können Informationen semantisch strukturiert wer- den [ZuEs02, S. 22]. Die XML Datenbeschreibung durch Tags war ein weltweiter Durchbruch zur Standardisierung von Datendokumenten, da mit XML Datendoku- mente im Vergleich zu CSV Dateien „lesbarer“ wurden. Dies ist Abbildung 11[31] verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11: XML-CSV Vergleich

Quelle: eigene Darstellung

1 Identifikationsstandards

Bei Identifikationsstandards denkt man schnell an Strichcodes (Barcodes), die jeder von Dosen, Flaschen oder Büchern kennt. Dieser Gedanke ist jedoch nur teilweise richtig. Barcodes sind selbst keine betriebswirtschaftlichen Standards, sondern viel- mehr nur eine Darstellungsform eines Standards. Man kann sie als „Kommunikationsprotokoll“ verstehen, womit sie in den Bereich der fachgebiets- übergreifenden Standards fallen.[32] Aufgrund ihrer enormen Bedeutung für die Identifikation wird aber in diesem Abschnitt zunächst das Konzept der Barcodes am Beispiel des EAN 128 dargestellt.

1.1 Barcodes

1.1.1 Beschreibung

Barcodes sind maschinenlesbare Strichcodes, die heutzutage auf fast jeder Verpa- ckung aufgedruckt sind. Der erste Strichcode wurde 1949 von Douglas Young zum Patent angemeldet. Mit Scannern werden Strichcodes beispielsweise in ein Warensys- tem eingelesen und dort weiterverarbeitet. Ein Strichcode kann unter anderem Informationen über den Artikel, den Bestimmungsort und das Produktionsland ent- halten. [WaNI02, S. 188ff].

Der Strichcode EAN 128 spielt in der Praxis eine wesentliche Rolle und wird unter anderem zur Sendungsverfolgung und -steuerung und bei der automatischen Etikettie- rung in Abfüllstraßen genutzt [BERE00, S. 97]. Der EAN 128 kann logistische Grund- und Zusatzinformationen wie z.B. Chargennummern (NVE), EAN-Nummern eines Produktes, Unternehmensidentifikation (ILN) oder Mindesthaltbarkeitsdaten darstellen. Er ist mit den DIN und ISO Normen 9000ff konform [MACH03, S. 503].

1.1.2 Aufbau

Strichcodes gibt es als einfache (lineare) oder gestapelte (2D) Formate. Der EAN 128-Standard steht für eine geschützte Strichcodesymbologie und ein Konzept, das auf einer exakten Definition von Datenelementen, der Festlegung der Datenformate und der Zuweisung qualifizierender Datenbezeichner basiert. Es können dabei mehr als 60 Datenelemente aus verschiedenen Anwendungsbereichen wie die Identifikation oder die Warenverfolgung in strichcodierter Form dargestellt werden [MACH03, S 504f].

[...]


[1] Entspricht einem „Typ“ aus Abbildung 1.

[2] Syntax [Mathematik]: Untersuchung der (mathematischen) Sprache bzw. ihrer Regeln unter dem Gesichtspunkt der richtigen Zusammenstellung ihrer Zeichen und Ausdrücke, ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung. Syntax [Linguistik] In der Semiotik der Bereich, der sich mit der Beziehung der Zeichen untereinander beschäftigt. Als Teilbereich der Grammatik beinhaltet die Syntax die Ge- samtheit der Regeln für die Bildung von Sätzen aus Morphemen, Wörtern und Satzgliedern; http://www.wissen.de.

[3] Semantik [griechisch]: Die Lehre von der Bedeutung von Zeichen, insbesondere von Wörtern und Sätzen; http://www.wissen.de.

[4] Vgl. auch [QuWi03, S. 32], [KuMü03, S. 7].

[5] Taxonomie [lateinisch]: Eigenschaft und Methode des amerikanischen Strukturalismus, eine Spra- che mit Hilfe von Segmentierung (Zerlegung komplexer sprachlicher Einheiten) und Klassifikation (Zuordnung der Elemente zu Klassen und Unterklassen) unter Ausklammerung der Bedeutung zu beschreiben; http://www.wissen.de.

[6] Aussage von Peter Streitbörger, zuständiger Beauftragter für das Einkaufs-Berichtswesen bei Win- cor-Nixdorf im Juni 2003; Vgl. auch [HENT01], [QuWi03] oder [OtBK+02].

[7] Vgl. auch [WERN00] oder [OtBK+02].

[8] RGB-Codes: Red Green Blue Codes werden vor allem von Softwareprodukten zur Definition von Farbmischungen verwandt.

[9] Vgl. Kapitel II, Abschnitt 2.3.1 Direkte Netzeffekte.

[10] Vgl. Kapitel II, Abschnitt 2.3 Netzeffekte.

[11] Welche Regeln, Gedankenspiele und Strategien dabei verfolgt werden können, wird in dem wissen- schaftlichen Feld der Spiel- und Entscheidungstheorie behandelt. Als ein Beispiel für diesen Bereich ist das Buch von C.F. McKenna „ The Economics of Uncertainty“ [McKe86] zu nennen, welches im Literaturverzeichnis angegeben ist.

[12] Anmerkung: Jüngst sind einige öffentliche Verwaltungen dazu übergegangen, Linux als Betriebs- system zu nutzen.

[13] Vgl. auch [KaSh86, S. 825], [KREC00, S. 5].

[14] Netzwerkindustrien: Überbetriebliche Organisationen zur Ausnutzung von Skalenerträgen, Spe- zialisierungsvorteilen und zur Überwindung transaktionsbedingter Tauschhemmnisse [WEY99, S. 96].

[15] Vgl. Kapitel II, Abschnitt 2.3 Netzeffekte.

[16] Vgl. auch [FaSa85, 70ff], [KaSh86, S. 822].

[17] Vgl. auch [KaSh86, S. 820ff], [FaSA86, S. 167].

[18] Vgl. auch [KaSh86, S. 822], [FaSa85, S.70f].

[19] Vgl. auch [FaSa85, S. 70f].

[20] Informationen werden im Folgenden im Sinne von „zweckorientiertem Wissen“ verstanden.

[21] Ein Würfelspiel ist unsicher, ein Schachspiel jedoch komplex. Im weiteren Verlauf wird aber zur Vereinfachung zumeist nur von Unsicherheit gesprochen.

[22] Vgl. auch [FaSa86, S.166].

[23] Vgl. z.B. [PFHO00] oder [WALT01, S. 12ff].

[24] Vgl. [LILN03-ol].

[25] Vgl. auch [KREB01, S. 304].

[26] Vgl. auch [HaBr01, S. 95].

[27] Vgl. auch [WaNi02, S. 88], [BuGr01, S. 133].

[28] http://www.amazon.de und http://www.bol.de sind beispielsweise Shopsysteme für Bücher.

[29] Vgl. auch [HoSc03, S. 4ff].

[30] Java: Die Programmiersprache JAVA hat ihren Namen nach dem gleichnamigen Kaffee erhalten [WIKI03b-ol].

[31] Vgl. auch Abbildung 20.

[32] Vgl. Kapitel II, Abschnitt 1.2.1.

Ende der Leseprobe aus 158 Seiten

Details

Titel
Supply Chain Execution. Nationale und internationale Standards mit Relevanz für Warehouse Management Software Systeme.
Untertitel
Bestandsaufnahme und Bewertung
Hochschule
Universität Paderborn  (HEINZ NIXDORF INSTITUT)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
158
Katalognummer
V31683
ISBN (eBook)
9783638326070
ISBN (Buch)
9783638719582
Dateigröße
2006 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit über Identifikations-, Klassifikations-, Katalogaustausch-, Transaktions- und Prozessstandards. Theorien: Transaktion, Umweltunsicherheit, Netzeffekte (Netzerkeffekte). Standards wie: eclass, BmeCat, UNSPSC, DUNS, SCOR, ebXML, EDI - EDIFACT (WebEdi, RosettaNet). Liefert ein Entscheidungsmodell.
Schlagworte
Eine, Bestandsaufnahme, Bewertung, Standards, Bereich, Supply, Chain, Execution, Relevanz, Warehouse, Management, Software, Systeme
Arbeit zitieren
Thomas Müller (Autor), 2003, Supply Chain Execution. Nationale und internationale Standards mit Relevanz für Warehouse Management Software Systeme., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31683

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