Dimensionen der Modernisierung und sozialstruktureller Wandel in der zweiten Modernisierungsphase


Essay, 2014

8 Seiten, Note: 1,0

Mascha Matri (Autor)


Leseprobe

Die Dimensionen der Modernisierung und der sozialstrukturelle Wandel in der zweiten Modernisierungsphase

Der Begriff der Modernisierung wird nach den niederländischen Soziologen Hans van der Loo und Willem van Reijen als ein aus einer wechselseitig bedingten Kombination von Differenzierung, Rationalisierung, Domestizierung und Individualisierung gebildeter Prozess interpretiert (van der Loo/van Reijen 1992: 33). Um den Modernisierungsprozess in seiner Komplexität nachvollziehbar zu machen, ist eine Betrachtung der einzelnen Dimensionen unumgänglich.

In dem vorliegenden Essay werden die vier Dimensionen der Modernisierung sowie die darauf bezogenen Paradoxien dargestellt und anschließend eine Diskussion über den sozialstrukturellen Wandel in der zweiten Phase der Modernisierung in Bezug auf die Dimension der Individualisierung geführt. Hierbei wird mit unterschiedlichen Theorien zur fortschreitenden Modernisierung gearbeitet.

Betrachtet man den Prozess der Modernisierung zunächst aus der Perspektive der Differenzierung, so wird unter sozialem Wandel die Aufspaltung einer anfangs homogenen Einheit in separierte, aber miteinander verbundene heterogene Teile mit jeweils unterschiedlich spezialisierten Funktionen verstanden. Dieser wechselseitige Leistungsaustausch zwischen den einzelnen Teilen führt zu einer stetigen Verbesserung der Lebensumstände der Individuen (van der Loo/van Reijen 1992: 31; Huinink/Feldhaus 2013: 42). Doch wie in allen Dimensionen der Modernisierung sind auch hier gegensätzliche Entwicklungen zu beobachten. Das Differenzierungsparadox kennzeichnet sich einerseits dadurch aus, dass die Gliederung der Gesellschaft in immer speziellere Teile eine zunehmend komplexe Struktur und damit eine Maßstabsverkleinerung generiert. Andererseits impliziert Differenzierung eine Maßstabsvergrößerung, da die gegenseitige Abhängigkeit der Individuen zunimmt (van der Loo/van Reijen 1992: 35).

Unter Rationalisierung wird das „Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit“ verstanden (van der Loo/van Reijen 1992: 118). Dieser Prozess vollzieht sich unter anderem auf der Ebene der Weltanschauung, der er in Max Webers Vorstellung von der „Entzauberung der Welt“ seinen Ausdruck findet (ebd.). Gleichzeitig lassen sich jedoch auch konkrete Auswirkungen auf das kollektive und individuelle Handeln erkennen. Demnach erfolgt das individuelle Handeln unter der Prämisse der Vernunft, indem sich die Individuen mit den Folgen ihres Handelns präzise auseinandersetzen, um somit die Wirklichkeit „berechenbar und beherrschbar zu machen“ (van der Loo/van Reijen 1992: 118). Das Paradox der Rationalisierung korreliert in vielerlei Hinsicht mit dem Differenzierungsparadox. Durch die Differenzierung entstehen autonome Einrichtungen und Organisationen, die auf die Verfolgung ihrer eigenen Ziele fixiert sind und eine Realisierung dieser Ziele nach selbstgesetzten Werten und Normen anstreben, wodurch eine Pluralisierung der Lebenswelt hervorgerufen wird (van der Loo/van Reijen 1992: 36). Parallel zu diesem Prozess verläuft die Generalisierung, durch die ein Verwischen von universellen Werten aufgrund der Trennung kultureller Systeme von ihrem Ausgangspunk und der Vermischung dieser verursacht wird (van der Loo/van Reijen 1992: 157). Der Begriff der Domestizierung bezeichnet die steigende Beherrschung der Natur durch den Menschen und die damit einhergehende Optimierung der Opportunitäten der Natur und der Akteure, die zu einem Übergang von einer natürlichen zu einer künstlich geschaffenen Umgebung führt (van der Loo/van Reijen 1992: 196). Zwar löst sich der Mensch durch diesen Prozess immer mehr von der Abhängigkeit der natürlichen Vorgaben seines Handelns, doch impliziert dies auch eine zunehmende Abhängigkeit von der Technik, die er selbst konstruiert hat (Huinink/Feldhaus 2013: 73). Das Differenzierungsparadox ergibt sich demzufolge aus der Verbindung von Dekonditionierung, die bei dem Individuum ein verstärktes Gefühl der Unabhängigkeit von der Natur hervorbringt und Konditionierung, bei der diese Entwicklung zu einer steigenden Abhängigkeit der Menschen untereinander führt (van der Loo/van Reijen 1992: 234).

Die vierte und damit letzte Dimension der Modernisierung ist die Individualisierung. Hierbei handelt es sich um die Herauslösung des Individuums aus der Kollektivität seines sozialen Umfelds, die aufgrund der zunehmenden Bedeutung des Individuums ermöglicht wird (van der Loo/van Reijen 1992: 32). Die daraus resultierende abnehmende Geltung traditioneller Werte stellt nun keinen spezifischen Einflussfaktor mehr für das Handeln der Menschen und deren Lebensläufe dar, wodurch es zu einer Entfaltung der individuellen Handlungsmöglichkeiten kommt (Huinink/Feldhaus 2013: 41). Doch in dieser vermeintlichen Handlungsfreiheit und Unabhängigkeit des Menschen manifestiert sich das Individualisierungsparadox, denn aufgrund der Enttraditionalisierung und der Aufhebung von Orientierungsmustern erweist sich die Identitätsbildung als zunehmend problematisch und Freiheitsgefühle korrelieren nicht selten mit einem Gefühl der Ohnmacht (ebd.; van der Loo/van Reijen 1992: 38). Diese Mechanismen des sozialstrukturellen Wandels erfuhren jedoch seit den Anfängen der Modernisierung erneut grundlegende Veränderungen (Huinink 2005: 211). In Bezug auf die Individualisierung bedeutet dies, dass seit den 1970er-Jahren ein verstärktes Fortschreiten des im Zuge der ersten Modernisierungsphase entstandenen Individualisierungsschubs zu beobachten ist (Huinink/Wagner 1998: 97). Zur theoretischen Erfassung dieser neuen Entwicklungen gingen die Modernisierungsforscher fortan von einer zweiten Phase der Modernisierung aus (Huinink 2005: 211). In diesem Zusammenhang ergibt sich folglich die Frage, welche Veränderungen der sozialstruktu relle Wandel in dieser neuen Modernisierungsphase im Hinblick auf die Individualisierung bewirkt und welche Folgen aus diesem Wandel für das Individuum und die Sozialstruktur resultieren. Eine unmittelbare Antwort auf diese Frage liefert der deutsche Soziologe Ulrich Beck. Er erfasst die zweite Modernisierungsphase als „reflexive Modernisierung“, die durch die Thematisierung kritischer Entwicklungen der ersten Modernisierungsphase maßgeblich bestimmt wird (Huinink/Feldhaus 2013: 163f.). Im Zuge der fortschreitenden Modernisierung entstehen dadurch weder gewollte noch vorhergesehene Wandlungsprozesse (Beck 2001: 13). Wie bereits angedeutet, hat dies für die Individualisierung zur Folge, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen im Rahmen des ersten Individualisierungsschubs von einem zweiten Schub der Individualisierung erfasst werden (Huinink 2005: 220). Kennzeichnend für diesen zweiten Individualisierungsschub ist die Freisetzung der Individuen aus den Sozialformen der Industriegesellschaft und der damit einhergehende verstärkte Abbau sozialer Beziehungen zwischen den Individuen (ebd.; Beck 1986: 115). Die Auswirkungen, die sich daraus ergeben, lassen sich laut Beck in unterschiedlichen Dimensionen identifizieren. Eine bedeutende Rolle nimmt hierbei die Individualisierung sozialer Ungleichheit ein, die mit einem Wandel der sozialen Bedeutung von Ungleichheiten einhergeht (Ebers 1995: 289). Demzufolge ist in den Verteilungsrelationen sozialer Ungleichheit eine überwiegende Kontinuität zu verzeichnen, konträr dazu steht jedoch die fundamentale Veränderung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Als Beispiel für diese Entwicklung lässt sich der „Fahrstuhl-Effekt“ anführen, der die Gesamtgesellschaft um eine Stufe anhebt und damit zu einem Anstieg des materiellen Wohlstands aller Gesellschaftsmitglieder führt (Beck 1986: 122). Zwar bewirkt die dadurch entstehende Auflösung der Klassenidentitäten, dass soziale Ungleichheiten nicht mehr aufgrund des Schicht- oder Klassenzusammenhangs wahrgenommen werden, aber eine vollständige Aufhebung der Ungleichheitsstrukturen wird dennoch nicht konstatiert. Vielmehr werden soziale Ungleichheiten nun in individuelle Risiken umdefiniert und treten verstärkt in anderen Dimensionen auf (ebd.; BMFSFJ). Dies lässt sich exemplarisch am Beispiel des Arbeitsmarktes verdeutlichen. Infolge der Klassenlosigkeit sind die Individuen fortan auf sich allein und ihr persönliches Arbeitsmarktschicksal gestellt (Beck 1986: 116). Gleichzeitig wird durch diesen Wandel der Arbeitsverhältnisse der Einzelne für die Reproduktion der Gesellschaft verantwortlich gemacht (Beck 1986: 119). Die Folgen dieser signifikanten Risikosteigerung sind gravierend: Im Zeitraum von 1974 bis 1983 war jede dritte Erwerbsperson mindestens einmal von Arbeitslosigkeit betroffen (Beck 1986: 117). Diese Individualisierung von Arbeitsmarktrisiken und die steigenden Anforderungen an das Individuum rufen bei ihm einen unmittelbaren Zwang hervor, sich selbst in den Mittelpunkt der Lebensplanung zu stellen und bewirken dadurch einen Wandel des individuellen Lebenslaufs (Beck 1986: 116f.; Kohli zit. in Huinink/Feldhaus 2013: 130). Die institutionelle Struktur der standardisierten Normalbiografie, die durch eine Dreiteilung in zeitlich voneinander getrennte Lebensabschnitte der Ausbildung, der Erwerbszeit und des Ruhestandes gekennzeichnet ist, wird durch den Übergang zu einer „Bastelbiografie“, in der die Individualität die maßgebliche Institution ist, aufgelöst. Durch diese De-Standardisierung des Lebenslaufs werden unterschiedliche Entwicklungen sichtbar (Kohli; Beck-Gernsheim zit. in Huinink/Feldhaus 2013: 130ff.). Einerseits werden Lebensläufe facettenreicher und gehen mit einem problemlosen Wechsel zwischen Ausbildung, Erwerbstätigkeit und zeitlicher Arbeitslosigkeit einher, wodurch eine zunehmende Flexibilisierung des Lebenslaufs skizziert wird. Desweiteren wird eine zeitliche Streuung der Übergangsphase in das Erwachsenenalter konstituiert, die sich in den Tendenzen einer Re-Standardisierung manifestiert (Schader Stiftung 2014). Dem entgegengesetzt werden Lebensläufe durch die konfuse Struktur der „Bastelbiografie“ und die damit verbundene Unsicherheit von Erwerbsverläufen riskanter und fördern die Entstehung existenzieller Ängste. Dadurch ergeben sich neue Abhängigkeiten von Institutionen des Arbeitsmarktes oder des Bildungssystems, die in der erhöhten Krisenanfälligkeit der individuellen Lebensgestaltung zum Ausdruck kommt. Die Ursache dafür liegt in der fehlenden Vereinbarkeit gesellschaftlicher Teilbereiche, die besonders bei der Kombination von Familie und Beruf verstärkt vorzufinden ist (BMFSFJ; Huinink/Feldhaus 2013: 131). Dieses Dilemma scheint vor allem durch die Frauen zu einem zunehmenden Problemfaktor zu werden. Aufgrund ihrer hohen beruflichen Motivation, die durch die Freisetzung aus traditionellen Rollenmustern wie der Ehe- und Hausarbeitsversorgung im Zuge des zweiten Individualisierungsschubs entsteht, wird ihre Lebensplanung in außerfamiliale Bereiche verlagert (Ebers 1995: 305). Dadurch tritt ein Wandel der Familie und der Lebensformen ein, der mit einer De-Institutionalisierung der Ehe und der Familie einhergeht und weitreichende Folgen nach sich zieht. Demnach steigt der Anteil der Haushalte ohne Kinder kontinuierlich an und alternative Lebensformen wie Einpersonenhaushalte oder nichteheliche Lebensgemeinschaften gewinnen an Bedeutung (Beck-Gernsheim 2000: 20). Diese Pluralisierung der Lebensformen wird insbesondere durch ihre Häufigkeitsverteilung vor und während der zweiten Modernisierungsphase ersichtlich. So stieg die Anzahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften von 0,5% im Jahr 1972 auf 3,6% im Jahr 1995. Für Einpersonenhaushalte wird ein Anstieg von 26,2% auf 35,9% registriert, der sich im Jahr 2010 auf 40% erhöhte (Huinink/Wagner 1998: 99; Schäfers 2012: 99). In der Konsequenz dieses „zweiten demografischen Übergangs“ kommt es zu einer Abnahme der Geburtenzahlen unter das Reproduktionsniveau (van de Kaa zit. in Huinink 2005: 221).

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Details

Titel
Dimensionen der Modernisierung und sozialstruktureller Wandel in der zweiten Modernisierungsphase
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Theorie und Empirie sozialstrukturellen Wandels
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
8
Katalognummer
V318728
ISBN (eBook)
9783668179028
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dimensionen, modernisierung, wandel, modernisierungsphase
Arbeit zitieren
Mascha Matri (Autor), 2014, Dimensionen der Modernisierung und sozialstruktureller Wandel in der zweiten Modernisierungsphase, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318728

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