Johann Wolfgang von Goethe und Madam de Stael. Eine Begegnung am Weimarer Hof


Seminararbeit, 2015

19 Seiten, Note: 2

Lisa Gebauer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. GOETHE
2.1 Am Weimarer Hof
2.2 Aufgaben, Interessen, Bekanntschaften

3. GERMAINE DE STAËL
3.1 Ein biographischer Einblick
3.2 Verbindungen zu Deutschland und Goethe

4. DIE BEGEGNUNG: GOETHE UND GERMAINE DE STAËL
4.1 Goethes Eindruck
4.2 Germaine de Staëls Eindruck
5. ERGEBNIS UND ZUSAMMENFASSUNG

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Das kleine Fürstentum Sachsen-Weimar erlebte im 18. Jahrhundert einen kulturellen Aufschwung, welcher den Weimarer Hof zu einem deutschsprachigen Literatur- und Kulturzentrum machte, der aus der Geschichte der Dichter und Denker dieser Epoche nicht mehr wegzudenken ist. Der Reiz, den der Musenhof versprühte, war für zeitgenössische Schriftsteller so enorm, dass es für die Herzogin Anna Amalia und ihren Sohn Carl August nicht schwer war, die deutschen Dichter und Denker an den Hof zu holen. Als Wieland 1772 als Prinzenerzieher an den Hof gerufen wurde1, folgten in den darauffolgenden Jahren auch Goethe, Herder, Schiller, Knebel und viele andere Dichter und Dichterinnen und Gelehrte aller Art.2 Sie bekamen am Hof die Möglichkeit, exklusive Prestigepositionen einzunehmen, die normalerweise nur dem Adel vorbehalten waren.3 So erhielt auch der Weimarer Hof einen besonderen Charakter, indem das adelige mit dem bürgerlichen Leben verbunden wurde. Dadurch wurde der Hof nicht nur im deutschsprachigen Raum zu einem angesehenen Zentrum von Kultur und Literatur, auch über die Landesgrenzen hinaus, besonders unter den Intellektuellen, war der Hof bekannt.

Als Johann Wolfgang Goethe am Höhepunkt seiner Karriere war, sorgte in Frankreich eine Frau für Aufsehen, die neben ihren Publikationen auch für ihre Opposition gegen Napoleon Bonaparte bekannt wurde. Ihr Ruf eilte ihr voraus, als sie 1803 ins Exil nach Deutschland ging, nachdem sie von Napoleon aus Paris verbannt worden war. In Deutschland besuchte sie verschiedene Städte, unteranderem auch den Musenhof Weimar, um die Literaten der Zeit zu treffen. Vor allem die Begegnung mit Goethe erscheint in einem interessanten Licht, da sowohl auch die Madam in Briefen und ihrem Buch Über Deutschland von der Begegnung erzählt, auch als Goethe die mit der Bekanntschaft verbundenen Eindrücke in Briefen und Tagebücher festhielt. So trafen 1803 zwei unterschiedliche Menschen mit unterschiedlicher Nationalität aufeinander, die sich zunächst nur vom Hören und Sagen und der erschienenen Literatur kannten. Die Literaturforschung berichtet von der Begegnung um Weihnachten 1803, wobei sich Goethe der Madam gegenüber sehr still und selbstsicher verhalten haben soll. Da Germaine de Staël zu dieser Zeit eine angesehene „Weltfrau“4 war, wie Goethe sie selbst bezeichnete, erscheint diese Verhaltensweise Goethes als negative Umgangsweise. Interessant ist nun, einen Blick auf die Aufzeichnungen zu werfen, die Madam de Staël, aber auch Goethe, nach der Begegnung machten. Wie war der Eindruck auf den jeweils anderen? Was veranlasste Goethe zu seinem forschen Verhalten? Und wie beschrieben sie den Charakter des jeweils anderen? Dass Germaine de Staël in Über Deutschland, neben Berlin und Wien, dem Weimarer Hof ein eigenes Kapitel zuschreibt, obwohl sie zahlreiche andere, bedeutungsvolle Städte der Zeit besucht hatte, verschafft den Eindruck, dass Weimar für sie einen besonderen Standort der Epoche in Deutschland dargestellt haben muss. Obwohl von Weimar zu dieser Zeit Schilderungen bekannt sind, dass der Kleinstaat durch Dreck und Gestank manche Besucher abschreckte, erwähnt sie diesen Zustand, in keinem Wort. In anderen Kapiteln ihres Buches schildert sie Orte sehr genau, diese Tatsache fehlt hier. Die Madam scheint von der Brillanz des großen Goethes so beeindruckt gewesen zu sein, dass sie diese negativen Komponenten in ihrem Buch komplett ausblendete.

Die Schilderungen, die für diese Begegnung untersucht werden sollen, sind neben de Staëls Buch Über Deutschland auch Briefe von Goethe an Schiller, die genauer betrachtet werden. Neben diesen Briefen gibt es auch interessante Tagebucheinträge von Goethe und die später verfasste Autobiographie, die ebenfalls die Nennung von Madam de Staël enthält. Man muss bei der Analyse der Aufzeichnungen jedoch berücksichtigen, dass die Bücher in einem zeitlich größerem Abstand zur Begegnung stehen, als die Briefe. Die Briefe enthalten einen viel persönlicheren und ehrlicheren Charakter, da sie direkt während des Aufenthalts von de Staël in Weimar oder kurz danach verfasst wurden. Durch die Adressierung an eine bestimmte Person, fällt die Gefahr weg, dass Eindrücke anders dargestellt wurden als sie empfunden wurden, weil sie ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Um die Ergebnisse der Begegnung erfassen zu können, gilt es nicht nur einen Blick auf die Begegnung selbst zu werfen. Da zwei unterschiedliche Nationalitäten aufeinander treffen, muss man die Vorgeschichte betrachten, aber auch die ersten Verbindungen vor dem persönlichen Treffen.

2. Goethe

2.1 Am Weimarer Hof

Weimar war in der Zeit der Regentschaft von Herzogin Anna Amalia und unter ihrem Sohn Herzog Karl August, Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Zentrum von Kultur und Kunst. Vor allem der Herzog Carl August galt als tolerant und aufgeklärt und war zudem bereit, an seinem Hof Künstler zu beschäftigen. Dies hing vor allem damit zusammen, dass seine Mutter, Anna Amalia, die Verbindung zwischen Adel und Bürgertum anstrebte, und somit Dichter und Künstler an den Hof holte, welchen verschiedene Aufgaben zugeteilt wurden.5 Das Herzogtum Sachsen-Weimar könnte man als Kleinstaat bezeichnen, von dessen Sorte man sehr viele im deutschen Reich finden konnte.6 Politisch war es nicht bedeutend, wirtschaftlich stand es oft sehr nah am bankrott, doch die kulturelle und literarische Bedeutung war im ganzen Land, bis über die Grenzen hinaus, groß. Die erste Persönlichkeit, die Weimar zu einem Musenhof machte, war Christoph Martin Wieland, der als Prinzenerzieher an den Hof geholt wurde. Er bildete den Beginn des später sehr angesehenen Dichterkreises am Weimarer Hof.7

So kam es, dass man neben Wieland, der seit 1772 am Weimarer Hof war, auch den jungen Goethe an den Hof holen wollte. Goethe befand sich zu dieser Zeit in Frankfurt, seine Laune war verstimmt, und er hatte „einen Ärger auf die ganze Welt“, wie er später in seinem autobiographischen Werk Dichtung und Wahrheit beschrieb.8 Dass die Entscheidung auf den Weimarer Hof zu kommen, sein Leben durchaus prägte, war dem jungen Goethe, der zu diesem Zeitpunkt keine Anstellung und somit kein Geld hatte, noch nicht bewusst. Im November 1775 kam Goethe in Weimar an, zunächst auf unbestimmte Zeit9, doch er war sich nicht bewusst, dass Weimar bis zu seinem Lebensende ein wichtiges Zentrum für ihn bleiben wird.

Goethe war zu diesem Zeitpunkt kein Unbekannter, er hatte mit seinem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers bereits für Aufregung gesorgt, nicht zuletzt wegen des Stoffes, der den Freitod des Protagonisten betraf. Ein weiteres Beispiel für seine Bekanntheit war eine öffentliche Auseinandersetzung mit Wieland. Goethe hatte Wielands Werk Alceste in der Farce Götter Helden und Wieland lächerlich gemacht, und es auch gewagt, über den angesehenen Wieland zu spotten.10 Diese Reiberein wurden schließlich, spätestens nach seiner Ankunft am Weimarer Hof, eingestellt.

2.2 Aufgaben, Interessen, Bekanntschaften

Mit der Einstellung am Weimarer Hof wuchs eine innige Freundschaft zwischen Goethe und dem Herzog Karl August, der damals 18-jährig, eine sehr große Begeisterung für Goethe aufbrachte. Gemeinsam zogen sie durch die Dörfer, tranken und führten lange, philosophische Gespräche.11 Doch nicht alle am Hof konnten sich so begeistern. So war die junge Gemahlin des Herzogs nicht erfreut, dass dieser so viel Zeit mit Goethe verbrachte, hatte er sich ihr gegenüber seit der Einstellung Goethes sehr distanziert. Sie forderte sogar, dass man Goethe ermahnen sollte.12 Ein anderer Zweifler war Graf Görtz, der vorherige Prinzenerzieher, der nun als Kammerherr für die Herzogin angestellt war. Er hegte großes Misstrauen gegen Goethe, das später sogar in Hass mündete.13 Die Bedenken die Görtz hatte, scheinen nicht unberechtigt zu sein. Denn wenn jemand Wieland ins lächerliche zog, was Goethe durch Publikationen von Artikeln getan hatte, könnte automatisch auch der Weimarer Hof in schlechtes Licht geraten. Somit schrieb Goethe noch bevor er in Weimar einreiste, einen Versöhnungsbrief an Wieland.14

Zu Beginn seines Aufenthalts war Goethe ein Gast auf dem Hof, ohne dass ihm spezifische Aufgaben zugeteilt wurden. Wie bereits erwähnt, verbrachte der junge Herzog mit dem acht Jahre älteren Goethe viel Zeit, ganz im Sinne des Sturm-undDrangideals. Im Jahre 1776 entschied sich Goethe dafür, in Weimar zu bleiben und der Herzog legte ihm testamentarisch ein Gehalt von 100 Talern fest, und eine Pension von 800 Talern. Des Weiteren bekam er ein Gartenhaus im Weimarer Park geschenkt, in welchem Goethe noch viel Zeit verbringen wird.15 Einige Zeit später wurde er zum Geheimen Legationsrat ernannt, der Sitz und Stimme im Geheimen Konsilium, der obersten Behörde der Landesregierung, hatte. In diesem Amt kümmerte er sich beispielsweise um das Straßenbauwesen, um Bergwerksangelegenheiten, um die Finanzverwaltung und Kriegskommissionen.16

Doch auch auf der literarischen und kulturellen Ebene bekam er einige Aufgaben am Hof, so kümmerte er sich um den Bau eines neuen Theaters, half bei Theateraufführungen und arbeitete in der Anstalt für Wissenschaft und Kunst mit.17 So kam es, dass seine Interessen auch in jenen Bereichen zu finden waren. Wenn er gerade nicht seinen Verpflichtungen nachkommen musste, traf er sich mit Freunden in seinem Gartenhaus, betrieb naturwissenschaftliche Studien oder zeichnete.18 Nicht zu vergessen ist dabei auch das Entstehen weiterer literarischer Werke wie „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, „Torquato Tasso“ und „Faust“.

Je älter Goethe wurde desto weniger Ämter bekleidete er19, dies könnte auch damit zusammenhängen, dass er sich mit zunehmenden Alter lieber um seine eigenen, persönlichen Interessen kümmerte als um die zugeteilten Aufgaben. Nun stand der Gedankenaustausch mit „Gleichgesinnten“ im Vordergrund, mit denen er neue Theorien entwickelte, über die unterschiedlichsten Themen der Wissenschaften sprach und unzählige Briefe schrieb. Als Beispiel ist der fast zehnjährige Gedankenaustausch mit Schiller zu erwähnen, der neben persönlichen Gefühlsschilderungen beispielsweise auch Beiträge zu Schillers Zeitschrift Die Horen enthielt.20 Die enge Freundschaft zwischen Goethe und Schiller ist spätestens seit dem Tod Schillers bekannt. Goethe sei zu tiefst betroffen gewesen, über den Verlust den Freundes, und ging einige Tage nicht mehr außer Haus.21

[...]


1 Andrea Heinz, Wieland und das Weimarer Theater. 1772-1774. Prinzenerziehung durch das Theater als politisch-moralisches Institut, in: Hofkultur und aufklärerische Reformen in Thüringen. Die Bedeutung des Hofes im späten 18. Jahrhundert, hrsg. v. Marcus Ventzke, Köln 2002, S. 82-98, hier S. 82.

2 Friedrich August Pischon, Denkmäler der deutschen Sprache von den frühesten Zeiten bis jetzt. Eine vollständige Beispielsammlung zum sechsten und siebten Zeitraum seines Leitfadens der Geschichte der deutschen Literatur, Band 5, Berlin 1847, S. 29.

3 Gerhard Müller, Goethe und Carl August. Freundschaft und Politik, in: Anna Amalia, Carl August und das Ereignis Weimar, hrsg. v. Hellmuth Th. Seemann, S. 132-164, hier S. 136.!!

4 Johann Wolfgang Goethe, Goethes sämtliche Werke, Achtunddreißigster Band, hrsg. v. Curt Noch, Berlin 1909-1925, S. 1804.

5 Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München 2013, S. 521.

6 Sabine Appel, Madam de Staël. Kaiserin des Geistes. Eine Biographie, München 2011, S. 169.

7 Appel, Madam de Staël, S. 170.

8 Safranski, Goethe, S. 186.

9 Safranski, Goethe, S. 195.

10 Safranski, Goethe, S. 198.

11 Safranski, Goethe, S. 211.

12 Safranski, Goethe, S. 202.

13 Safranski, Goethe, S. 198.!!

14 Safranski, Goethe, S. 199.

15 Hartmut Fröschle, Goethes Verhältnis zur Romantik, Würzburg 2002, S. 15f.

16 Fröschle, Goethes Verhältnis zur Romantik, S. 16.

17 Fröschle, Goethes Verhältnis zur Romantik, S. 16.

18 Fröschle, Goethes Verhältnis zur Romantik, S. 16.!

19 Fröschle, Goethes Verhältnis zur Romantik, S. 17.

20 Fröschle, Goethes Verhältnis zur Romantik, S. 17.

21 Safranski Rüdiger, Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft, Frankfurt am Main 2013, S. 301ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Johann Wolfgang von Goethe und Madam de Stael. Eine Begegnung am Weimarer Hof
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Neuzeit)
Note
2
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V319122
ISBN (eBook)
9783668182745
ISBN (Buch)
9783668182752
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Madam de Stael, Weimarer Hof
Arbeit zitieren
Lisa Gebauer (Autor), 2015, Johann Wolfgang von Goethe und Madam de Stael. Eine Begegnung am Weimarer Hof, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319122

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Johann Wolfgang von Goethe und Madam de Stael. Eine Begegnung am Weimarer Hof



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden