"Die Verscheuchte" und "Die Flüchtende". Die Auswirkung der Emigration auf die Lyrik von Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Else Lasker-Schüler
2.1. Das Leben der Dichterin
2.1.1. Die Wandlung von ‘Else’ zu ‘Jussuf, Prinz von Theben’
2. 1.2. Die Jahre im Exil - ‘Unerträgliches Dasein’ in Zürich und Jerusalem3
2.2. ‘Die Verscheuchte’

3. Nelly Sachs
3.1. Das Leben der Dichterin
3.1.1. Von einer einsamen Kindheit zum ‘Leben unter Bedrohung’
3.1.2. Gerettet, und dennoch ‘In der Flucht’
3.2. ‘In der Flucht’

4. Vergleich und Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs teilen aufgrund ihrer jüdischdeutschen Herkunft ein gemeinsames, leidvolles Schicksal. Nach der Machtergreifung Hitlers waren beide nicht mehr sicher in Deutschland. Im April 1933, kurz nach Erlassung des ‘Ermächtigunsgesetzes’, flieht Lasker-Schüler nach Zürich in die Schweiz. Sie wird nie mehr in ihr Geburtsland zurückkehren können und stirbt im Januar 1945 in Jerusalem. Nelly Sachs hingegen verlässt Berlin erst im Mai 1940. Die Einberufung in ein Arbeitslager war schon eingetroffen, als nach jahrelangen Bemühungen ein schwedisches Visum erteilt wird. In Stockholm lebt Nelly Sachs dreißig Jahre bis zu ihrem Tod 1970.

Beide Frauen haben die Entwurzelung, welche so prägend für ihr jeweiliges Leben war, in ihrem schriftlichen Werk thematisiert. Dennoch stellt man bei genauerer Betrachtung ein Gefühl der Einsamkeit bei beiden Dichterinnen schon vor dem Verlassen Deutschlands fest. In dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden, wie unterschiedlich dies lyrisch verarbeitet wird. Auf das Leben der älteren Else Lasker-Schüler gehe ich am Anfang ein, darauf folgt eine Betrachtung des Gedichts ‘Die Verscheuchte’. Es schließt sich die Biographie von Nelly Sachs und ihr Poem ‘In der Flucht’ an. Abschließend werde ich wichtigste Punkte aus Werk und Biographie vergleichen.

2. Else Lasker-Schüler

2.1. Das Leben der Dichterin

2.1.1. Die Wandlung von ‘Else’ zu ‘Jussuf, Prinz von Theben’

Elisabeth Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld, heute zu Wuppertal gehörend, als sechstes und letztes Kind einer wohlhabenden, bürgerlichen Familie geboren. Diese zählte zu der israelitischen Gemeinde, war jedoch weitesgehend assimiliert.[1] Religionsunterricht wurde der jungen Else sowohl von Rabbinern als auch Geistlichen erteilt.[2] “Joseph und seine Brüder war meine Lieblingsgeschichte und ich durfte sie immer erzählen in der Religionsstunde. Ich sei ja der Joseph von Ägypten selbst, rief eines Tages, ganz dumm, eine Mitschülerin.”[3] Das kleine Mädchen, Else Schüler, entdeckte in der biblischen Gestalt ein Sinnbild und nannte sich selbst Jussuf[4], der Prinz von Theben. “Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam, im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich.”[5] fasste die über 50-jährige Else Lasker-Schüler ihre Entwicklung in einem Lebenslauf zusammen, den sie 1920 in einer Anthologie publizierte. Als Grund für das Verlassen der öffentlichen Schule und den darauf folgenden Unterricht im Elternhaus gibt sie in der Prosa ‘Der letzte Schultag’ eine rheumatische Kinderkrankheit, den Veitstanz, an, den sie “vom ersten Schmerz meines Lebens, den auch das schönste Elternhaus nicht hat verhindern können”[6], bekam. Dieser erste Schmerz waren antisemitische Ausschreitungen auf dem Heimweg nach Schulschluß; ein anfängliches Gefühl des Nicht-dazu-Gehörens, als Jüdin war sie ausgeschlossen unter den christlichen Mitschülern. Weitere Schmerzen folgten; 1882 starb ihr Lieblingsbruder Paul, acht Jahre später die vergötterte Mutter. Die Trauer verarbeitet Lasker-Schüler lyrisch. Im Gedicht ‘Mutter’, das 1902 in der ersten Gedichtsammlung ‘Styx’ veröffentlicht wurde, heißt es

Ich fühle mein nacktes Leben, Es stößt sich ab vom Mutterland, So nackt war nie mein Leben, [][7]

Der Tod der Mutter bedeutete die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, und 1894 verlässt die 25-jährige Elberfeld und zieht als Ehefrau Berthold Laskers nach Berlin. Die Ehe haelt nur einige Jahre und wird kurz nach der Jahrhundertwende geschieden. Ob der Arzt der Vater des 1899 geborenen Sohnes Paul ist, bleibt ungeklärt; Lasker-Schueler behauptete später, das Kind stammt von einem griechischen Prinzen ab.[8] Der Kreis der ‘Neuen Gemeinschaft’ bot der ihrem Ehemann entlaufenen Dichterin eine Zufluchtsstätte.[9] Hier lernt sie auch den Schriftsteller Peter Hille kennen, in dessen Begleitung sie zum ersten Mal an die Öffentlichkeit tritt. Er beschreibt sie als den schwarzen Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist.[10] Eine zweite Heirat ging Lasker-Schüler mit dem Komponisten und Schriftsteller Georg Levin ein. Um neben dem jungen Mann nicht allzu alt zu erscheinen, nannte sie als ihr Geburtsjahr von dem Zeitpunkt an 1876. Sie gab Levin sein Pseudonym Herwarth Walden. Dieser begründete die Zeitschrift ‘Der Sturm’, die das berühmteste Organ der modernen Kunst und der expressionistischen Dichtung wurde. Durch ihre eigenen Beiträge und ihr auffälliges, extravagantes Auftreten in den Berliner Cafés wurde Lasker-Schüler in der Vorkriegszeit zu einer Schlüsselfigur der sonst ganz männlichen Bewegung des Expressionismus. Nach der Trennung von Herwarth Walden 1912 lebt sie auf sich allein gestellt als mittellose Schriftstellerin in Berlin. “Ich bin Zitiert nach Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. S. 38.

die letzte Nuance der Verlassenheit, nichts kommt mehr danach.”[11] schreibt sie. Zudem sehnt sie sich immer mehr nach den Orten ihrer Phantasie. Im Gedicht ‘Heimweh’ heißt es Ich kann die Sprache Dieses kühlen Landes nicht Und seinen Schritt nicht gehn. Auch die Wolken, die vorbeiziehn, Weiß ich nicht zu deuten.

Die Nacht ist eine Stiefkönigin.

Immer muss ich an die Pharaonenwälder denken Und küsse die Bilder meiner Sterne. [][12]

Das Heimweh des Titels konzentriert sich auf die ‘Pharaonenwälder’, nach denen sich das lyrische Ich sehnt, auch wenn unklar bleibt, wo diese zu finden sind.

Der erste Weltkrieg macht Lasker-Schülers Leben noch schwieriger. In ihren Briefen schreibt sie: “Ich weine oft, ich bin müde, ich bin ohne Stand, ich bin haltlos, verkommen in meinem Herzen - verwirrt, verdorben und lange schon gestorben.”[13] Die Klagen werfen ein Licht auf die wirtschaftliche Situation der Dichterin in diesen Jahren, in denen sie sich bemühte, Manuskripte an Verleger zu verkaufen. Die Geldnöte wurden existientiell, als ihr Sohn Paul an Tuberkulose erkrankte. Befreundete Dichter riefen zu Spenden auf “an alle Freunde der Kunst, die allerärmste, die allerreichste Dichterin deutscher Sprache in ihrer Not nicht versinken zu lassen.”[14] 1927 starb Paul. Fünf Jahre später schien die Verleihung des Kleistpreises für ihr Gesamtwerk eine Wende zu bringen, doch dies erwies sich als bitterer Abgesang. “Die Tochter eines Beduinenscheichs erhält den Kleistpreis” titelte der ‘Völkische Beobachter’, das Zentralorgan der NSDAP.[15] Fluchtartig verlässt die 64-jährige im April 1933 Berlin.

2.1.2. Die Jahre im Exil -

‘Unerträgliches Dasein’ in Zürich und Jerusalem “Zerschlagen kam ich blutend in Zürich an Ich lag 6 Nächte am See hier versteckt [16] ” In diesem Kontext entstand kurz darauf das Gedicht ‘Die Verscheuchte’.

[...]


[1] Vgl Nalewski, Horst: Deutsche Dichterinnen jüdischen Schicksals. Leipzig 2008. S.14.

[2] Vgl Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. München 1987.S. 31.

[3] Else Lasker-Schueler. Gesammelte Werke in 3 Baenden. Hgg F.Kemp, W.Kraft. München 1962. Band2. S. 866. Zitiert nach Klüsener, Erica: Else Lasker-Schüler. Reinbek bei Hamburg 1992. S.24.

[4] arabische Form von Joseph

[5] Pinthus, Klaus (Hg). Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus. Reinbeck 1991. S. 352.

[6] Else Lasker-Schüler. Prosa und Schauspiele. Hg F. Kemp. München 1962. S. 699. Zitiert nach Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. S. 40.

[7] Klüsener, Erica: Else Lasker-Schüler. S. 29.

[8] Vgl Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. S.64.

[9] Vgl Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. S.70.

[10] Zitiert nach Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. S.77.

[11] Zitiert nach Bollmann, Stefan: Frauen, die schreiben, leben gefährlich. München 2007. S.93.

[12] Lasker- Schüler, Else. Helles Schlafen - dunkles Wachen. Gedichte. München 1962. S.11.

[13] Zitiert nach Klüsener, Erica: Else Lasker-Schüler. S. 97.

[14] Zitiert nach Klüsener, Erica: Else Lasker-Schüler. S.107.

[15] Zitiert nach Nalewski, Horst. Deutsche Dichterinnen jüdischen Schicksals. S.45.

[16] Zitiert nach Hessing, Jakob: Else Lasker-Schüler. S. 180.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
"Die Verscheuchte" und "Die Flüchtende". Die Auswirkung der Emigration auf die Lyrik von Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter Szondi Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V319501
ISBN (eBook)
9783668187214
ISBN (Buch)
9783668187221
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler, Emigration
Arbeit zitieren
B.A. Janina Jasencak (Autor), 2010, "Die Verscheuchte" und "Die Flüchtende". Die Auswirkung der Emigration auf die Lyrik von Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319501

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