Die proletarische Frauenbewegung und ihre Bildungskonzepte


Vordiplomarbeit, 2004
46 Seiten, Note: zwei

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Soziale Lage der Arbeiterin/ Lage der proletarischen Arbeiterschicht
3.1 Marie Toth: „Schwere Zeiten- Aus dem Leben einer Ziegelarbeiterin“
3.2 Hans Mehner: „Der Haushalt und die Lebenserhaltung einer Leipziger Arbeiterfamilie“
3.3 Ottilie Baader: „Die Lage der Frauenarbeit“
3.4 Aspekte der Lebensverhältnisse
3.4.1 Lohnverhältnisse
3.4.2 Wohnverhältnisse
3.4.3 Arbeitsverhältnisse
3.4.4 Eheleben
3.4.5 Sozialisation der proletarischen Kinder
3.4.6 Frauenarbeit

4. Frauenbewegung
4.1 Allgemeine Aspekte
4.2 Bürgerliche Frauenbewegung
4.3 Proletarische Frauenbewegung
4.3.1 Unterschied zwischen bürgerlicher- und proletarischer Bewegung
4.3.2 Die Gleichheit
4.3.3 Errungenschaften der proletarischen Frauenbewegungen

5. Clara Zetkin : Ihr Leben

6. Bildungsforderungen der proletarischen Frauenbewegung
6.1 Clara Zetkin: „Die Schulfrage“
6.2 Clara Zetkin: „Über die sozialistische Erziehung in der Familie“
6.3 Zusammenfassung der Bildungsforderungen von Clara Zetkin
6.4 Weitere proletarische Stimmen

7. Reflexion

8. Anmerkungen

9. Literaturverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

Aufruf!

Wir leben hier in Dämm`rung tief, In unserm Haupt das Denken schlief. Wir schafften spät, wir schafften frühe, bei hartem Zwang, mit schwerer Mühe

Man hat von jeher uns gelehrt, Daß wir nicht haben eignen Wert. Nichts darf für sich die Frau erstreben, Für Mann und Kind nur soll sie leben

So war`s gelehrt, so war`s geglaubt, So ward der Frau das Recht geraubt; Das Recht, zu wollen und zu denken. Das eigne Schicksal selbst zu lenken

Doch plötzlich sind wir aufgewacht, Die bittre Not hat es vollbracht. Sie pocht an unsres Hirnes Schranken: Heraus ihr schlummernden Gedanken!

Sie spricht: Ermanne dich, o Frau! Der Kraft im eignen Busen trau. Wirf ab der Ketten schwere Bürde Und fühle deine Menschenwürde

Im Lichte stehn wir, frei und frank, O herbe Not, dir werde Dank! Du hast zu denken uns gelehrt, Du gabst die Kraft, die dich zerstört

Nicht dem Manne, der unser Feind, Der unsre Rechte schroff verneint; Nur mit Genossen gleichen Strebens Geschlossen sei der Bund des Lebens

Dieselbe Pflicht, dasselbe Recht

Führt Mann und Weib nun ins Gefecht; Mit gleicher Kraft, mit gleichen Waffen Ein schönes Leben uns zu schaffen

In Ost und West, in Nord und Süd, Arbeiterinnen, hört das Lied! Erwacht und folgt unsern Bahnen Und führt zum Siege unsre Fahnen

So laßt uns wirken, dicht geschart, Uns Frauen neuer, echter Art, Daß siegesfroh der Ruf erschalle: Freiheit und gleiches Recht für alle!

M.H

Aus: Zeitschrift „Die Arbeiterin“1891. In: Frederiksen, Elke(Hrsg): „Die Frauenfrage in Deutschland 1865- 1915“. Phillipp Reclam Jun. Stuttgart.1988. S. 58ff

Die proletarische Frauenbewegung und ihre Bildungskonzepte

1. Einleitung

„Freiheit und gleiches Recht für alle!“

Eine Fo rderung, für die schon tausende Menschen und Völker eingestanden und gestorben sind.

„Freiheit und gleiches Recht für alle!“

Eine Forderung, entstanden aus der sozialen Ungerechtigkeit zwischen einer kleinen Obrigkeit und der großen Masse des Volkes.

„Freiheit und gleiches Recht für alle!“

Eine Forderung, die auch das weibliche Geschlecht, das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts weder die gleiche Freiheit noch die selben Rechte des männlichen Geschlechts hatte, langsam für sich beanspruchte.

„Freiheit und gleiches Recht für alle!“

Eine grundlegende Forderung der proletarischen Frauen in Deutschland.

Begriffe wie: „harter Zwang“, „schwere Mühe“ und „bittere Not“ fallen in diesem Lied (siehe: Lied „Aufruf!“). Beschreibungen, die den Frauen, vor allem aus der Arbeiter- schicht im 19. Jahrhundert, immer mehr zur Realität geworden sind. Durch die schnelle Industrialisierung entstand eine neue Gesellschaftsschicht: das Proletariat. Diese Arbei- terschicht, geprägt von Besitzlosigkeit und dem Verkauf ihrer eigenen Arbeitskraft barg in sich selbst noch eine unterlegenere Schicht - die Arbeiterfrauen. Um diese Frauen soll es sich in dieser Schrift drehen.

Im ersten großen Abschnitt soll aufgezeigt werden, wie die Lebensrealität dieser Frauen aussah (Kapitel 3), indem Originalberichte herangezogen werden. Darüber hinaus wer- den einige Aspekte der Lebensverhältnisse, wie die Arbeits- oder Wohnbedingungen der Arbeiterschicht, genauer betrachtet. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts fingen die Frauen Deutschlands an aktiv für ihre Rechte zu kämpfen. Mit dieser Bewegung der Frauen soll sich der zweite Teil dieser Arbeit befassen (Kapitel 4). Hier wird zuerst die bürgerliche Frauenbewegung berücksichtigt, die der proletarischen Frauenbewegung im gewissen Maße den Weg geebnet hatte. Im Mittelpunkt steht die proletarische Frauenbewegung mit ihren Forderungen und ihren führenden Vertreterinnen. Eine der führendsten Frauen der Arbeiterinnenbewegung war Clara Zetkin. Ihr erstaunlich aktives Leben soll hier nicht außer Acht gelassen werden (Kapitel 5). Viele Forderungen Clara Zetkins werden mit den Forderungen der proletarischen Frauenbewegung gleichgesetzt. Sie kann des- wegen als „Sprachrohr“ der Arbeiterinnenbewegung bezeichnet werden. Ein wichtiges Anliegen der Vertreterinnen der proletarischen Frauenbewegung war die Bildung. Diese Bildungsforderungen nehmen den letzten großen Raum dieser Arbeit ein (Kapitel 6). Vor allem Clara Zetkins Rede zur „Schulfrage“ (Kapitel 6.1) beinhaltete wesentliche Forderungen. Der Aspekt der Einheitsschule, der für Zetkin ein wesentlicher war, soll in meiner Reflexion in Bezug auf die heutigen bildungspolitischen Debatten ( Kapitel 7) diskutiert werden.

2. Historischer Kontext

Nur kurz soll hier auf den historischen Hintergrund eingegangen werden, um sich im nächsten Kapitel der Lage der proletarischen Schicht und speziell der der Arbeiterinnen vollkommen gewahr zu werden.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts bestand Mitteleuropa aus vielen Kleinstaaten. Preußen war neben Österreich das größte und mächtigste Land Europas. Nach dem gewonnenen Deutsch- Französischen Krieg (1870/71) wurde im Spiegelsaal des Schlosses Versailles Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ernannt und damit das „Deutsche Reich“ gegründet. Die Politik in der Regierungszeit Wilhelms I. wurde vor allem vom Reichskanzler Otto von Bismarck geleitet, der zum einen das Deutsche Reich absichern und zum anderen Verbündete gewinnen wollte. „Bismarck regierte mit der Peitsche von staatlichen Ver- folgungen und Verboten (Sozialistengesetz) und dem Zuckerbrot einer fortschrittlichen Sozialpolitik (Kranken-, Unfall-, Rentenversicherung für Arbeiter).“1 Ab 1888 über- nahm Wilhelm II. als letzter deutscher Kaiser die Krone. Er führte eine aggressive und militärisch ausgerichtete Politik, und wollte noch die letzten freien Kolonien auf ande- ren Kontinenten gewinnen (Imperialismus). Wilhelm II. repräsentierte das wilhelmini- sche Bürgertum. Seine Politik zerstörte das Bündnissystem von Bismarck.

Deutschland befand sich in einer Aufholjagd, da andere Staaten längst schon vereinigte Nationen waren. Es erfolgte eine rapide Industrialisierung, dadurch erstarkte die Wirt- schaft, die wiederum ein schnell anwachsendes Proletariat nach sich zog. Es entstanden unter anderem Modernisierungen im Rechtssystem, in der Währung, bei der Post, der Eisenbahn und in der allgemeinen Infrastruktur. Laut Schwanitz war das Wirtschafts- wachstum zeitweise größer als in den USA.2 Die Bevölkerungszahl stieg in Deutschland explosionsartig an. Über die Hälfte der Bevölkerung arbeitete jetzt in der Industrie (vor- her Landwirtschaft). Das Deutsche Reich existierte 47 Jahre von 1871- 1918. Ungefähr diese Zeitspanne interessiert hier im Hinblick auf die deutsche Frauenbewegung - mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865 bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges 1814.

3. Soziale Lage der Arbeiterin/ Lage der proletarischen Arbeiterschicht

Die Lage der Frau im Proletariat darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenhang mit ihrer Familie, mit der Gesellschaft und den allgemeinen Lebensverhältnissen zu dieser Zeit. Um die Lebensrealität der Arbeiterinnen zu verbildlichen beziehe ich mich auf Originaltexte.

3.1 Marie Toth: „Schwere Zeiten- Aus dem Leben einer Ziegelarbeiterin“

Marie Toth beschreibt die Arbeit des Ziegelschlagens als eine der schwersten Arbeiten, die es gab und auch eine der schlecht bezahltesten. Sie berichtet über die vielen Krankheiten, die durch schlechte Arbeitsbedingungen, durch Hunger, fehlende Hygiene und Überarbeitung entstanden. Zum Beispiel starb ihr Vater mit 37 Jahren, wie viele andere Männer an Lungentuberkulose, und auch ihre Schwester erlag dieser Krankheit schon früh. „Wer hat sich damals um die armen Menschen gekümmert oder sie aufgeklärt? (...) Gerade in diesem Alter, wo die Jungen am stärksten wachsen, hat die nötige Nahrung gefehlt. Da hat die Tuberkulose ihre Opfer gefunden. Es hieß die `Proletarierkrankheit`.“1 Das Gehalt der Frauen war so gering, dass sie kaum eine Chance hatten alleine zu überleben. Eine Heirat war also notwendig und auch dann lebten viele am Existenzmi- nimum. „Ich kann mich nicht erinnern, daß es jemals etwas anderes gegeben hat als ein Stück trockenes Brot und ein Häferl dunkles, gefärbtes Wasser- (...).“2 Sie erzählt über den gefährlichen Einsatz des Arbeiters für die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse, denn es gab damals für jeden Arbeiter ein Arbeitsbuch. Wenn dort nur ein kleiner ne- gativer Vermerk des Arbeitgebers vorhanden war, war es sehr schwer eine neue Arbeit zu bekommen. „Wenn jemand verdächtigt wurde und wurde er entlassen, genügte ein Punkt oder ein kleines Zeichen in seinem Arbeitsbuch, (...) daß er keine Arbeit mehr fand und die Not noch größer wurde.“3 Die Wohnverhältnisse beschreibt sie als kata- strophal.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Ziegelarbeiterinnen in Wien (um 1900)

3.2 Hans Mehner: „Der Haushalt und die Lebenserhaltung einer Leipziger Arbeiterfamilie“

Hans Mehner, der im Hinblick auf die Arbeiterfrage eine Familie über einen bestimm- ten Zeitraum (ab 1883) interviewte und besuchte, beschrieb hier die Lebenssituation einer ganzen Familie. Die Mittel für die Familie wurden gemeinsam beschafft. Mann und Frau arbeiteten beide in einer chemischen Fabrik, die tierische Abfälle verarbeitete. Der Mann arbeitete an der Knochenstampfe und bekam ungefähr 2,20 Mark pro Tag. Die Frau sortierte Knochen und bekam nur etwa die Hälfte des Lohnes ihres Mannes (1,20 Mark pro Tag). Auch die Kinder trugen zum Unterhalt der Familie bei, in dem sie kleinerer Gelegenheitsjobs ausübten. Da „ihre häusliche Wirtschaft durch ihre unnatür- liche Abwesenheit zu Grunde geht (...)“4, wollte die Frau lieber zu Hause bleiben.

Um einmal genau in solch ein Leben hineinzuschauen, beschreibt Mehner den Ta- gesablauf dieser Familie. Die Mutter stand gegen vier Uhr morgens auf und mit ihr die zwei ältesten Kinder. Das erste Frühstück wurde vorbereitet, und eine halbe Stunde später stand dann der Mann auf. Die Verpflegung für den ganzen Tag bereitete die Frau für ihre Kinder und für ihren Mann uns sich selbst vor. Das Frühstück war kläglich- nur der Mann bekam eine Mehlsuppe. Dann gingen die Eltern in die Fabrik. Die Kinder waren außerhalb der Schulzeit auf sich selber gestellt. Während der Schulzeit der größe- ren Kinder wurde das jüngste Kind von einer anderen Frau betreut, die dafür bezahlt wurde. „Er wird dort nur beaufsichtigt, zu essen erhält er nichts.“5 Die Bedingungen in der Fabrik beschreibt Mehner so: „Sie befinden sich meist im ungeheizten Raume, die Weiber stehen auf eisigem Pflaster und arbeiten mit den Händen in den nassen kalten Knochen umher, zum Teil im Zugwinde.“6 Der Mann trank öfter in der Fabrik Schnaps oder Bier, die Frau aber verzichtete, weil sie laut ihrer Aussage zu Hause sonst gar nichts mehr essen können. Nur abends gab es eine kleine warme Mahlzeit. Ein kultu- relles Leben war in der Familie so gut wie gar nicht vorhanden. Diese Menschen gingen selten aus, da sie nur den Sonntag frei hatten. „Die Frau meint, sie müsse sonntags erst recht arbeiten.“7 Meist wusch, stopfte oder flickte sie die Sachen ihrer Familie an die- sem „freien“ Tag. Der Besuch in der Kirche galt als einzige Abwechslung. Für fünf Per- sonen war die Wohnung der Familie war viel zu klein. Sie bestand aus einer kleinen Wohnstube, einer Kammer und einem Vorraum. „Nur durch die Verbindung mit dem Vorraum wird die enge Wohnung offenbar erst für die fünf Menschen nutzbar, (...).“8 Hans Mehner schildert ganz genau die Ausgaben der Familie und kam zu dem Fazit, dass die Ausgaben der Familie trotz kläglichster Lebensweise, höher waren als die Ein- nahmen. Wenn jetzt plötzlich eine Krankheit dazwischen kam, was bei diesen Arbeits- bedingungen nicht selten war, konnte es sehr schnell zu großen Verschuldungen kom- men. Zu den Kindern ist noch zu sagen, dass sie außerhalb der Schule keine Bildung erhielten. Ihre Eltern waren selber kaum gebildet und außerdem hätte die notwendige Zeit dafür gefehlt.

3.3 Ottilie Baader: „Die Lage der Frauenarbeit“

Ottilie Baader, die eine führende Rolle in der proletarischen Frauenbewegung inne hat- te, hielt eine Reihe von Versammlungen in kleineren Städten Thüringens ab, und be- richtete hier über ihre Eindrücke. In dem kleinen Ort Waltershausen sah man tagsüber kaum Menschen auf der Straße, selbst Kinder waren nicht zu entdecken. „Spielende Kinder sind nicht zu sehen. Die Allerkleinsten sind in der Kinderbewahranstalt, wo sie für 10 Pfennig den Tag über versorgt werden.“9 Die größeren Kinder mussten schon vor der Schule mitarbeiten. „Sie müssen bei der Herstellung von Puppen für glücklichere Kinder helfen.“10 Die vorherrschende Arbeit war hier die Herstellung von Spielwaren als Hausindustrie. Sehr geringe Löhne in den Fabriken veranlasste viele Arbeiter zu Hause weiterzuarbeiten. Die Löhne der Männer betrugen etwa 7- 11 Mark in der Wo- che, Frauen und Jugendliche bekamen nur die Hälfte der „Männerlöhne“.11 Neben der Lohnarbeit mussten die Frauen auch die Hauswirtschaft besorgen und „wenn sie abends die Kinder ins Bett geschickt hat, oder Sonntags, steht sie noch am Waschfaß oder flickt oder stopft.“12

Diese drei Originalberichte zeigen uns einige Aspekte der damaligen Lebensrealität der Arbeiter auf. Zum einen waren die Arbeitsbedingungen vor allem in den Fabriken kata- strophal. Von Hygiene und Gesundheitsförderung war keine Rede. Viele Arbeiter er- reichten kein hohes Alter. Zum anderen war die Wohnsituation sehr schlecht. Zu viele Personen mussten gemeinsam auf engstem Raume leben. Die Löhne waren so gering, dass sie gerade zum Überleben reichten. Kinderarbeit war keine Seltenheit und oft ein Muss. Innerhalb der Arbeiterschicht gab es noch einen weiteren Unterschied in der Größe des Elends. Der Faktor, der den Unterschied ausmachte, war der des Geschlechts. Die Frauen bekamen fast nur die Hälfte des Lohns der Männer, mussten zusätzlich die Hausarbeit machen und die Kinder versorgen.

Um sich ein ausführlicheres Bild vom Leben der Arbeiterschicht zu machen, sollen die Lohn-, die Wohnungs- und Arbeitsverhältnisse, das Eheleben, die Sozialisation der Kinder und natürlich die Frauenarbeit mit ihren Auswirkungen noch genauer betrachtet werden.

3.4 Aspekte der Lebensverhältnisse

3.4.1 Lohnverhältnisse:

Die Höhe des Lohnes einer Arbeiterinnen war reine Willkür des Fabrikherrn. Er legte nicht die einzelne Arbeitsleistung zu Grunde, sondern den Bedarf einer Familie. Diese Berechnung entsprach dem bürgerlichen Ideal des männlichen Ernährers. So wurde der Lohn der Frau nur als ein Hinzuverdienst zum Gehalt des Mannes gesehen. „Oft arbei- tete die ganze Familie in der gleichen Fabrik, was gern gesehen wurde, da sich auf diese Weise das Band befestigte, das den Arbeiter mit seinem Brotherrn verknüpfte.“13 War der Arbeiter erst einmal abhängig, konnte der „Brotherr“ den Lohn des Mannes bis zur Existenzgrenze sinken lassen, da ja seine gesamte Familie mitarbeitete.

Lohnbeispiel einer Baumwollspinnerei14:

- gelernter männlicher Arbeiter pro Schicht: 1,34 M
- ungelernter männlicher Arbeiter pro Schicht: 1,09 M
- Frau pro Schicht: 0,63 M

Die Frauen nahmen diese Ungleichbehandlung meist hin, da sie zum einen gar keine andere Abrechnung gewohnt waren und zum anderen kaum Mittel hatten sich gegen den Fabrikherrn zu wehren. Sie waren meist froh darüber, überhaupt etwas zum Lebensunterhalt der Familie beitragen zu können.

Lohnbeispiel einer alleinstehenden Textilarbeiterin 185515:

Wochenlohn: 6,00 M

- Miete für eine Schlafstelle in einem Dreibettzimmer: 1,00 M/ wöchentl.
- Frühstück/ Abendessen von Vermieterin: 2,25 M/ wöchentl.
- Mittag in der Volksküche: 1,75 M/ wöchentl.
- Krankenkasse: 0,15 M/ wöchentl.

Insgesamt: 5,15M/ wöchentl.

Noch nicht mit eingerechnet waren alle anderen Dinge wie Kleidung, Pflegemittel und Heizung. Dieser Frau blieben nur 85 Pfennig (!) in der Woche. Eine Spinnerin im gleichen Betrieb bekam nur 3 Mark pro Woche. Wie konnte diese überleben?

Der Arbeitslohn war die einzige Geldquelle des Proletariats und hatte somit eine im- mense Bedeutung. Die stärkste Bedrohung und Existenzgefährdung war die Arbeitslo- sigkeit.

3.4.2 Wohnverhältnisse:

Durch die große Bevölkerungsexplosion und den enormen Zustrom der Landbevölke- rung in den Industriegebieten herrschte absoluter Wohnungsmangel. „Wohnen bedeu- tete damals für die proletarische Familie nicht mehr als eine Schlaf - und Eßgemein- schaft inmitten von minderwertigem, erbärmlichem Mobiliar: (...).“16 Es wohnten zu viele Personen auf engstem Raum, und viele hatten nicht einmal ein ei- genes Bett. Die hygienischen Zustände müssen sehr schlecht gewesen sein, da viele Aktivitäten (essen, schlafen, arbeiten etc.) meist in einem einzigen Raum stattfanden. Viele Krankheiten konnten dadurch entstehen. Noch schlimmer waren die Zustände, wenn Heimarbeit betrieben wurde. In dem zu engen Raum wurde noch zusätzlich gear- beitet. Schädliche Stoffe waren zur Herstellung bestimmter Waren keine Seltenheit. Die Arbeit war einfach wichtiger als das Wohlergehen der Familie.

Zusätzlich gab es noch das Wohnphänomen der „Schlafburschen“. Ein Bett der Familie wurde an unverheiratete Arbeiter vermietet, und durch Schichtarbeit war es möglich mehrere Menschen darin schlafen zu lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Elendswohnung

„Hier nahm oft die Prostitution der heranwachsenden Mädchen ihren Anfang, (...).“17

Ganz im Gegensatz zur bürgerlichen Schicht, die der Wohnung einen hohen Stellenwert einräumte, hatte der Begriff „Heim“ keine großen Bedeutung im Proletariat. Durch die Enge der Wohnverhältnisse und durch das Schlafburschenwesen konnte keine Privatsphäre aufkommen. Von Ruhe und Erholung konnte gar keine Rede sein. Die Männer flüchteten sich oft aus diesen Zuständen in die Kneipen. Den Frauen war dies nicht „vergönnt“, da ihr „Bereich“ fast ausschließlich die Wohnung war.

3.4.3 Arbeitsverhältnisse:

Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind zwar zwei voneinander abhängige Größen, trotzdem war der Arbeitnehmer der Unterlegenere. Er musste wegen seiner Besitzlosigkeit stän- dig seine Arbeitskraft verkaufen. Unter den Arbeitnehmern herrschte immer eine große Konkurrenz und es fehlte immer noch an Interessenvertretungen. In der betrieblichen Hierarchie stand der Arbeiter am untersten Ende. Die Arbeit in einer Fabrik war meist hochgradig in Einzelprozesse zerlegt. Insbesondere wurden geistige und körperliche Arbeiten getrennt. „Die wesentliche Funktion der hierarchischen Organisation des Pro- duktionsablaufes bestand in der Disziplinierung der Arbeiterschaft durch Machtaus- übung von Vorgesetzten.“18 Im Unterschied zu heute, war der Arbeitstag sehr lang, was sich bis zur Jahrhundertwende kaum änderte.19 Sonntagsarbeit war in den Fabriken kei- ne Seltenheit. Dazu kam noch, dass viele Arbeiter jeden Tag einen sehr langen Weg zu Fuß bis zu ihrer Arbeitsstelle zurücklegen mussten. „Entfernungen von 2 bis 3 Kilome- ter gelten als nahe, es gibt aber zahlreiche Arbeiterinnen, welche täglich 10-12 Kilome- ter auf ihren Fabrikwegen zu Fuße zurücklegen müssen.“20 Die Arbeitsbedingungen variierten mit der beruflichen Qualifikation. Ungelernte Arbeiter, dazu zählten immer auch die Frauen, hatten die schlechtesten Bedingungen und die am schlechtesten be- zahlten Löhne. Außerdem waren sie immer austauschbar.

3.4.4 Eheleben:

Vornehmlich erfolgte die Partnerwahl aus der eigenen Schicht. Bei der Wahl des zu- künftigen Ehepartners war kein Besitzinteresse ausschlaggebend, da beide meist kein Vermögen hatten. Uneheliche Kinder waren keine Seltenheit und auch keine Katastro- phe im Gegensatz zum Bürgertum. Die Männer heirateten häufig zwei - oder dreimal in ihrem Leben, da die Frauen auf Grund ihres harten Lebens oft nicht alt wurden.21 Die Sterblichkeit der Frauen zwischen 25 bis 34 Jahren war viel höher als bei Männern glei- chen Alters.22 Mit dem Anstieg der Kinderzahl wuchs oft die Not in der Familie. Die „unbeschwerteste Zeit“ hatten die Eheleute nur ganz am Anfang ihrer Ehe. Erst wenn die Kinder mitverdienen konnten, wurde die Situation wieder etwas besser. Durch Angst und Not konnte das Bild einer harmonischen Ehe kaum aufkommen, obwohl das Familienideal der proletarischen Schicht oft dem des bürgerlichen entsprach. Konnte es sich eine Familie leisten, blieb die Frau zu Hause. Die dominierende Rolle des Mannes war - auch im Proletariat - rechtlich und politisch abgesichert. „Die Rolle des Mannes als Ernährer der Familie wurde von der Frau nur selten ernsthaft in Frage gestellt - auch dann nicht, wenn sie erwerbstätig war.“23 Zumal der Verdienst der Frauen so gering war, dass sie immer ökonomisch abhängig war. Oftmals konnte der Mann seine Über- legenheit nur in seiner Familie ausdrücken, da ihm dies am Arbeitsplatz nicht möglich war. Der Vater in der proletarischen Familie war der Einzige, der sich einige Privilegien erlauben konnte.24 Wie oben schon erwähnt, flüchteten viele Männer aus ihrem Elend in die Kneipen und somit in den Alkohol. Es entstand das typische Bild der wartenden Frauen vor der Fabrik am Zahltag des Ehemannes, um zu verhindern, dass er das verdiente Geld vertrinkt.25

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 3: Lohntag

3.4.5 Sozialisation der proletarischen Kinder:

War es der Mutter möglich, wurde das Kind lange gestillt, da die Frauen glaubten, sich so vor einer erneuten Schwangerschaft zu schützen. Die ersten Jahre eines Kindes wur- den in der Familie als Last und Stress empfunden. Oftmals wendeten die Mütter unge- wöhnliche Strategien an, damit ihre Kinder nicht schrien, da das in der Enge der Woh- nung nur Stress bedeutete. „Die Verwendung von Branntwein, Opiaten, Lutschern und Schlafmitteln wird bezeugt.“26 Während die Eltern arbeiteten, war das Kind meist auf sich selbst gestellt oder wurde von älteren Geschwistern beaufsichtigt. Wenn es Kin- dererziehung gab, lag diese in den Händen der Mutter. War die Mutter selber voll be- rufstätig, kamen Großeltern, Kinderhort, ältere Geschwister oder Nachbarn für die Be- aufsichtigung und Erziehung der Kinder in Frage. „Der Vater war, außer in Fällen von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, für das Kind nur abends und am Wochenende gegenwärtig.“27 Aufenthaltsort und Spielplatz der proletarischen Kinder war die Straße. Mehr als zwei Kinder in einer Familie, waren auf Grund ihrer schlechten finanziellen Lage eine große Belastung. Die Kinder mussten so früh wie möglich mitarbeiten. Es war nicht Böswilligkeit oder Geldgier der Eltern, die die Kinder arbeiten ließ, sondern pure Notwendigkeit. Die Eltern waren nicht immer unfähig ihren Kindern Liebe und Zuneigung entgegenzubringen - es fehlte nur oft an Zeit und Kraft. Die Kindheitsphase war nur sehr kurz und ein hartes arbeitsreiches Leben löste sie ab. „Schon mit sechs bis acht Jahren mußten viele Kinder einen Beitrag zum Familienunterhalt leisten.“28 Als Ruhe- pause von der harten Arbeit galt die Schule. Viele Eltern sahen keine Notwendigkeit für eine grundlegende schulische Ausbildung und „Trotz Einführung der allgemeinen Schulpflicht konnten sich viele Kinder dem Schulbesuch entziehen.“29 Schlechte Schulbedingungen, mangelnde Akzeptanz der El- tern und kein Geld für Schulmaterialien hinderte die Kinder meist an einem regelmäßi- gen Schulbesuch. „Der Effekt des Schulbesuchs beschränkte sich auf die Vermittlung von ein wenig Rechnen, Schreiben und Lesen.“30 Mit 14 Jahren waren die Kinder voll berufstätig. Eine Ausbildung konnten nur männliche Jugendliche machen, den Mädchen war dies nur äußerst selten möglich. Die Söhne bekamen schon am Anfang relativ viel Geld, was sich dann aber nicht mehr steigerte. Somit waren sie schon früh finanziell unabhängig und zogen von zu Hause aus. Die Töchter hingegen mussten als angelernte oder ungelernte Arbeiterinnen Geld verdienen. Durch ihre niedrigen Löhne blieben sie länger bei den Eltern wohnen. Mädchen wurden von Anfang an für ein Leben in der Familie mit ihren weiblichen Verpflichtungen erzogen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 4: Fabrikmädchen um1883

3.4.6 Frauenarbeit:

Die wirtschaftliche Notlage war der primäre Grund für die Frauen in die Erwerbsarbeit zu gehen. Es gab für Frauen, die Geld verdienen mussten, wenige Alternativen neben der Fabrikarbeit. Ein hoher Anteil von Frauen arbeitete im Alter von 20-30 Jahren,31 also gerade in einer Zeit, in der der Nachwuchs noch klein war. Die Frauenarbeit hatte, wie oben schon angedeutet, gravierende Auswirkungen auf die gesamte Familie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 5: Zwischen Beruf und Hausarbeit

Ihre Arbeit wurde von den Frauen nicht als emanzipatorisch bewertet. Durch die fehlende Ausbildung erledigten sie meist die schmutzigsten Arbeiten. In der Fabrikhierarchie standen die Arbeiterinnen noch weiter unten als ihre männlichen Kollegen. Ein Selbstbewusstsein der Frauen konnte hier kaum aufkommen. „Es kann daher keine Rede sein, daß die Erwerbstätigkeit von Frauen, auch ihre Eingliederung in den kapitalistischen Produktionsprozeß, einen ersten Schritt zu politischem und gesellschaftlichem Selbstbewußtsein der Frau darstellte.“32 Die größte Zunahme der Anzahl der Frauen im Erwerbsleben lag zwischen den Jahren 1895 bis 1907.33

Fazit:

Die aufgezeigten Verhältnisse in der proletarischen Schicht und insbesondere die der Arbeiterinnen lassen sich gut zu einem Bild konstruieren: ein Bild des Elends und der Not. Es gab natürlich auch Ausnahmen, doch der überwiegende Teil der Proletarier lebte unter diesen Verhältnissen. Gegen solche Bedingungen musste irgendwann angegangen werden und genau das tat das Proletariat. Die Gründung des ersten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1875 von Ferdinand Lassalle machte hier den Anfang. Auch die Frauen regten sich langsam. Im nächsten Kapitel soll es um die deutsche Frauenbewegung gehen und insbesondere um die Arbeiterinnen.

[...]


1 Schwanitz, Dietrich: „Bildung“. Eichborn Verlag. Frankfurt/Main. 2002. S. 251

2 Schwanitz, 2002. S.251

1 Toth, Marie: „Schwere Zeiten- Aus dem Leben einer Ziegelarbeiterin“. Böhlau- Verlag. Wien/Köln/Weimar. 1992. S.34 f.

2 Toth, !992, S. 31

3 Toth, !992, S.26

4 Hans Mehner: „Der Haushalt und die Lebenserhaltung einer Leipziger Arbeiterfamilie“ (1887). In: Rosenbaum, Heidi (Hrsg.): „Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur“. Suhrkamp. Frankfurt/Main. 1988. S. 312

5 Mehner, 1887, S. 314

6 Mehner, 1887, S. 315 f.

7 Mehner, 1887, S. 318

8 Mehner, 1887, S. 321

9 Baader, Ottilie: „Die Lage der Frauenarbeit“. In: Kürbisch, Friedrich, G. (Hrsg.): „Der Arbeitsmann, er stirbt, verdirbt, wann steht er auf?“. Verlag J.H.W. Dietz Nachf.. Berlin/ Bonn. 1982. S. 73

10 Baader, Ottilie, 1982, S. 73

11 vgl. Baader, Ottilie, 1982, S. 74

12 Baader, Ottilie, 1982, S. 74

13 Weber-Kellermann, Ingeborg: „Frauenleben im 19. Jahrhundert“. Verlag C. H. Beck. München. 1991. S. 163

14 vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg, 1991, S. 163

15 vgl. Kürbisch, Friedrich, 1982, S. 189

16 Weber-Kellermann, Ingeborg, 1991, S.184

17 Weber-Kellermann, Ingeborg, 1991, S.188 ( siehe auch Bild S. 189 unten)

18 Rosenbaum, Heidi: „Formen der Familie“. 6.Auflg. Suhrkamp Verlag. Frankfurt/Main. 1993. S.387

19 Rosenbaum, Heidi, 1993. S. 388 (Diagramm)

20 Rosenbaum, Heidi, 1993. S. 409

21 vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg, 1991, S. 175

22 vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg, 1991, S. 178

23 Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 445

24 vgl. Mehner, Hans, 1887 S. 309-333 (Er beschrieb, wie nur der Mann (Leipziger Arbeitsfamilie) sich noch ein wenig „Luxus“ gönnte)

25 siehe Bild: Weber- Kellermann, Ingeborg, 1991, S.179 unten

26 Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 455

27 Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 456

28 Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 460

29 Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 463

30 Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 464

31 vgl. Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 404

32 Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 441 f.

33 vgl. Rosenbaum, Heidi. 1993. S. 403

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Die proletarische Frauenbewegung und ihre Bildungskonzepte
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
zwei
Autor
Jahr
2004
Seiten
46
Katalognummer
V32020
ISBN (eBook)
9783638328616
Dateigröße
3981 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenbewegung, Bildungskonzepte
Arbeit zitieren
Susanne Täntzler (Autor), 2004, Die proletarische Frauenbewegung und ihre Bildungskonzepte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32020

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