Warum Bußgelder nicht immer abschrecken. Erklärungsansätze und Studien im Überblick


Seminararbeit, 2015
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Feldstudie von Gneezy und Rustichini
2.1 Aufbau der Feldstudie
2.2 Ergebnisse der Feldstudie
2.3 Erklärungsansätze der Autoren
2.4 Kritik

3 Formaler Erklärungsansatz nach Lin und Yang
3.1 Darstellung des formalen Modells
3.2 Untersuchung des formalen Modells

4 Diskussion

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Durchschnittliche Anzahl zu spät kommender Eltern je Woche

Abbildung 2: Ausgangssituation ohne Bußgeld

Abbildung 3: Psychologische Kosten

Abbildung 4: Einführung eines kleinen Bußgeldes

Abbildung 5: Einführung eines kleinen aber nicht unbedeutenden Bußgeldes

Abbildung 6: Das Bußgeld wurde aufgehoben

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Anzahl zu spät kommender Eltern nach KiTa und Woche

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Ab sofort zahlt jeder der zu spät kommt für jede Minute 10 Cent!“

Wie viele Arbeitsberatungen, Teambesprechungen oder Sportstunden wurden schon mit diesem Satz oder einem ähnlichen Satz eingeleitet? Auch in der Presse ist häufig von Kindergärten, Schulen und Vereine zu lesen, die Strafgebühren für das Zuspätkommen erheben.

Die Idee, Pünktlichkeit durch die Einführung eines Strafzinses herbeizuführen, ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Bisher wurde das Zuspätkommen nicht durch eine solche monetäre Strafe sanktioniert. Durch die Einführung der Strafe steigen nun die Kosten für das Zuspätkommen, weshalb ein nutzenmaximierender homo oeconomicus unter sonst gleich bleibenden Bedingungen versuchen wird, künftig pünktlich zu erscheinen, um sein Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht zu verschlechtern. Folglich führt bereits die Androhung einer Strafe entsprechend der Hypothese der Abschreckung ceteris paribus dazu, dass Regeln, Gesetze und Normen eingehalten werden.[1]

Diese Hypothese wird jedoch von Uri Gneezy und Aldo Rustichini in dem Artikel „A fine is a price“, in welchem eine Feldstudie an mehreren Kindertageseinrichtungen (KiTa) beschrieben wird, in Frage gestellt.[2] Einige Eltern kamen erst nach der eigentlichen Öffnungszeit, um ihre Kinder abzuholen, weshalb ein Erzieher so lange bleiben musste, bis alle Kinder abgeholt wurden. Um diesem Verhalten der Eltern entgegenzuwirken, wurde ein Bußgeld für jene Eltern eingeführt, die ihre Kinder erst nach der Schließzeit abholten. Doch entgegen der Erwartung, dass aufgrund des Bußgeldes weniger Eltern ihre Kinder zu spät abholen werden, stieg deren Anzahl signifikant an. Wie kommt es zu diesem aus standardökonomischer Sicht nicht rationalem Verhalten?

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst der Aufbau der Fallstudie von Uri Gneezy und Aldo Rustichini dargestellt und die Erklärungsansätze der beiden Autoren skizziert. Anschließend wird das formale Modell von Chung-cheng Lin und C.C. Yang zur Erklärung des Verhaltens der Eltern erörtert und veranschaulicht. Schließlich werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Erklärungen diskutiert.

2 Feldstudie von Gneezy und Rustichini

”Suppose you are the manager of a day-care center for young children. The center is scheduled to operate every day until four in the afternoon, when the parents are supposed to come and collect their children. Quite frequently, however, parents arrive late, and force you to stay after working hours .” [3] Mit diesen Worten leiten Uri Gneezy und Aldo Rustichini ihren Artikel “A fine is a price“ ein und erläutern dabei die Ausgangssituation für ihre Feldstudie. Im Folgenden Abschnitt werden der Aufbau dieser Feldstudie dargestellt und deren Ergebnisse präsentiert. Anschließend werden die Erklärungsansätze der Autoren skizziert und schließlich kritisch gewürdigt.

2.1 Aufbau der Feldstudie

Um die Auswirkung einer Geldbuße auf das Verhalten von Eltern und die Häufigkeit, wie oft sie ihre Kinder zu spät von einer KiTa abholen, zu studieren, wurden von Januar bis Juni 1998 insgesamt 10 private Einrichtungen in Israel über eine Zeit von 20 Wochen beobachtet.[4] Die KiTas befanden sich alle im gleichen Teil der Stadt Haifa und waren von 07:30 Uhr bis 16:00 Uhr geöffnet. Zu Beginn der Studie gab es keine Vereinbarung, was passiert, wenn die Eltern die Kinder nach 16:00 Uhr abholen.[5]

Zunächst wurde die Ausgangssituation festgestellt, indem lediglich die Anzahl der Eltern, die zu spät kamen, 4 Wochen lang erfasst wurde. Anschließend wurde in 6 zufällig ausgewählten Einrichtungen ein Bußgeld in Höhe von 10 Schekeln (umgerechnet etwa 2,72 Dollar beziehungsweise etwa 2,50 Euro) pro Kind für jene Eltern eingeführt, die 10 Minuten oder mehr zu spät kamen. Die Einführung des Bußgeldes erfolgte durch eine Information auf dem schwarzen Brett der jeweiligen KiTa. Die übrigen 4 Einrichtungen dienten als Kontrollgruppe, hier wurde keine Strafgebühr eingeführt.

Mit Beginn der siebzehnten Woche wurde das Bußgeld durch eine Information auf dem schwarzen Brett ohne weitere Erklärungen wieder aufgehoben.

Die Höhe des Bußgeldes wurde von Gneezy und Rustichini so festgelegt, dass sie relativ klein, aber nicht unbedeutend ist.[6] Vergleichsweise wird darauf hingewiesen, dass ein Babysitter damals etwa 15-20 Schekeln pro Stunde verdiente und dass das durchschnittliche Bruttoeinkommen in Israel zu dieser Zeit etwa 5.595 Schekel betrug.[7]

2.2 Ergebnisse der Feldstudie

In Tabelle 1 wird die Anzahl der zu spät kommenden Eltern nach Kindertagesstätte und Woche dargestellt. Die grau hinterlegten Zellen stellen die Wochen und Werte der jeweiligen Kindertagesstätten dar, in denen das Bußgeld eingeführt war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Anzahl zu spät kommender Eltern nach KiTa und Woche

Quelle: Eigene Darstellung nach Gneezy und Rustichini (2000, S. 6)

Bereits aus diesen Rohdaten ist ersichtlich, dass sich die Anzahl der zu spät kommenden Eltern nach der Einführung der Strafgebühr bedeutsam erhöht. Das folgende Liniendiagramm verdeutlicht die Entwicklung, indem die durchschnittlichen Werte je Woche sowohl von der Gruppe mit Geldstrafen, als auch von der Gruppe ohne Geldstrafen gegenübergestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Durchschnittliche Anzahl zu spät kommender Eltern je Woche

Quelle: Eigene Darstellung nach Gneezy und Rustichini (2000, S. 7)

Das Diagramm zeigt, dass die Anzahl der zu spät kommenden Eltern mit der Einführung des Bußgeldes ab Woche 5 stetig steigt und schließlich ab Woche 11 auf einem hohen Niveau bleibt. In Woche 17, in welcher die Strafgebühr wieder aufgehoben wurde, ist zwar ein leichter Rückgang zu verzeichnen, dem jedoch wieder ein Anstieg auf den hohen Durchschnittswert folgt. Folglich bleibt die Anzahl der zu spät kommenden Eltern auch nach der Aufhebung der Geldstrafe gleich hoch und geht nicht auf das niedrige Ausgangsniveau zurück. In einigen Gruppen ist sogar noch ein weiterer Anstieg zu verzeichnen.

In den Gruppen ohne Bußgeld hingegen, ist keine signifikante Veränderung zu verzeichnen. Der Durchschnitt der Anzahl von zu spät kommenden Eltern bleibt über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg auf dem niedrigeren Ausgangsniveau.

2.3 Erklärungsansätze der Autoren

Bei der Erklärung der Untersuchungsergebnisse legen Gneezy und Rustichini Wert darauf, dass die Modelle sowohl den Effekt des Anstieges der Anzahl zu spät kommender Eltern nach Einführung der Strafgebühr, als auch die Beobachtung, dass die Anzahl auch nach Abschaffung der Gebühr auf einem hohen Niveau bleibt, erklären.[8] Die Autoren präsentieren zwei Erklärungen zu diesen Beobachtungen, die im Wesentlichen auf der Annahme beruhen, dass das Bußgeld die Wahrnehmung der Eltern über ihre eigene soziale Situation verändert.[9] Angenommen wird, dass diese Veränderung aus einem zunächst unvollständigen Vertrag resultiert, da in den Verträgen mit den KiTas nicht eindeutig geklärt ist, was die Eltern schlimmstenfalls erwartet, wenn sie ihre Kinder zu spät abholen.[10] Bisher wird das Zuspätkommen ohne Konsequenzen und zusätzliche Kosten akzeptiert, die Anzahl der zu spät kommenden Eltern ist eher gering. Die Eltern wissen jedoch nicht was passiert, wenn sie zu oft zu spät kommen oder die Anzahl der zu spät kommenden Eltern steigt.

Die Einführung des Bußgeldes verschlechtert diese Situation zwar, da nun für das Zuspätkommen bezahlt werden muss. Allerdings erhalten die Eltern dadurch die Informationen, die den unvollständigen Vertrag inhaltlich vervollständigen. Formell bleibt der Vertrag unverändert.[11] Die Autoren begründen mit dieser Erklärung den allmählichen Anstieg der Anzahl zu spät kommender Eltern nach der Einführung der Strafgebühr, da die Eltern zunächst die Reaktion der Kindertagesstätte auf die steigende Rate testen. Da die Gebühr nicht erhöht wird, steigt die Rate von Woche zu Woche an, bis sie ein bestimmtes Niveau erreicht hat.

Zur Erklärung der Ergebnisse aus der Feldstudie wählen Gneezy und Rustichini zunächst ein Spiel mit unvollständigen Informationen. Es gibt einen milden oder strengen Leiter der KiTa. Als streng wird dabei zum Beispiel der Ausschluss des Kindes aus der KiTa als Konsequenz für das Zuspätkommen der Eltern definiert. Als milde Strafe wird die Einführung einer Gebühr beschrieben.[12] In der Ausgangssituation wissen die Eltern nicht, ob der Leiter ihrer KiTa mild oder streng ist.

Mit der Einführung einer Strafgebühr offenbart der Leiter seine Milde; somit ist die Geldbuße das schlimmste, was verspätete Eltern zu erwarten haben. Ein strenger Leiter hätte sich für den Ausschluss eines Kindes entschieden. Durch diese Informationsoffenbarung steigt die Anzahl der zu spät kommenden Eltern. Auch nachdem die Gebühr abgeschafft wird, bleibt den Eltern die Information über die Milde des Leiters erhalten, die Eltern erwarten nichts Schlimmeres als ein Bußgeld.[13] In dieser Theorie ist die Rücknahme der Gebühr sogar eine Bekräftigung der Milde des Leiters, wodurch der zusätzliche Anstieg der Rate zu spät kommender Eltern nach Abschaffung der Gebühr erklärt werden kann. Die Spieltheorie geht dabei von absolut selbstständigen und rationalen Individuen aus.

Als zweite Erklärung für das Verhalten der Eltern wird ein informales Modell auf Basis von sozialen Normen und Werten aufgestellt. Entscheidend ist dabei, dass die Einführung der Gebühr die Erwartung der Eltern verändert.

Bevor das Bußgeld eingeführt wurde, wird das Warten eines Erziehers als nett und großzügig wahrgenommen und generell als nicht-wirtschaftliches Verhalten interpretiert. Daher sind die Eltern gehemmt, von dieser Großzügigkeit zu profitieren.[14] Als erste soziale Norm wird das Verhalten beschrieben, eine unentgeltliche Hilfe zurückhaltend anzunehmen. Die Einführung der Gebühr führt hier zu einer veränderten Wahrnehmung der Eltern. Gneezy und Rustichini drücken diese Wahrnehmung wie folgt aus: “The teacher is taking care of the child in much the same way as she did earlier in the day. In fact this activity has a price (which is called a ‘fine’).Therefore, I can buy this service as much as needed.’’[15] Das Kaufen einer Ware oder Dienstleistung ist nicht mit einem Schuld- oder Schamgefühl durch die Verletzung einer sozialen Norm besetzt. Scheinbar wird das Bußgeld als Preis wahrgenommen, Gneezy und Rustichini konstatieren als zweite Norm: “A fine is a price.“ [16] Entsprechend der ersten Norm wäre zu erwarten, dass sich die Anzahl der zu spät kommenden Eltern wieder verringert, wenn die Gebühr wieder aufgehoben wird und die Leistung folglich wieder einer unentgeltlichen Hilfe entspricht. Da dieses Verhalten jedoch nicht eintritt, erkennen Gneezy und Rustichini die Notwendigkeit einer dritten Norm, um die Ergebnisse der Feldstudie zu erklären: “Once a commodity, always a commodity.“ [17] Da die zunächst unentgeltliche Hilfe durch die Gebühr als kaufbare Ware wahrgenommen wird, bleibt diese Wahrnehmung als Ware auch nach der Aufhebung der Gebühr erhalten.

2.4 Kritik

Die beiden beschriebenen Modelle erklären sowohl, warum die Anzahl der zu spät kommenden Eltern nach Einführung der Gebühr deutlich ansteigt als auch, warum die Anzahl nach Aufhebung der Gebühr noch bleibt. CHUNG-CHENG LIN und C.C. YANG entdecken jedoch Schwachstellen an beiden Modellen.

Beim Spiel ist eine Bedingung, dass die Eltern anfangs nicht wissen, ob der Leiter der Kindertagesstätte streng oder mild ist. Damit wird das niedrige Ausgangsniveau zu spät kommender Eltern begründet. Dies ist in der Realität jedoch eher unglaubwürdig, da sich Eltern üblicherweise intensiv über die künftige Kindertagesstätte ihrer Kinder informieren.[18] Dabei würden auch Informationen über besonders strenge Leiter nicht verborgen bleiben, zumal die Verbreitung und Verfügbarkeit dieser Informationen durch das Internet und soziale Medien verstärkt werden.

Gneezy und Rustichini kritisieren ihr zweites Modell selber als informell und begründen dies mit der zum Zeitpunkt der Entstehung des Artikels geringen Erforschung von Theorien zu sozialen Normen. [19] Lin und yang beschreiben die Begründung des Verhaltens der Eltern mittels drei sozialer Normen ihrerseits als “awkward“ [20] und stellen daher ein eigenes formales Modell auf, um die Erkenntnisse der Feldstudie von Gneezy und Rustichini formal zu verifizieren.

3 Formaler Erklärungsansatz nach Lin und Yang

Aufgrund der Kritik an den Erklärungsversuchen von Gneezy und Rustichini stellen Lin und Yang das nachfolgend dargestellte formale Modell auf, in dem das Modell der sozialen Normen und die Auswirkung der Verletzung dieser Normen in Form psychologischer Kosten berücksichtigt werden. Dabei beschränken sich Lin und Yang auf eine einzige soziale Norm: „individuals should be on time and not late.“ [21]

Wesentlicher Bestandteil des Modells ist, dass die psychologischen Kosten, die für ein Individuum bei der Verletzung einer sozialen Norm entstehen, aufgrund der Einführung einer Geldbuße geringer werden und somit die Wirksamkeit einer sozialen Norm aufheben. Damit wird der Anstieg der Anzahl zu spät kommender Eltern nach der Einführung einer Gebühr begründet. Auch das Untersuchungsergebnis, dass die Anzahl nach Abschaffung der Gebühr hoch bleibt, wird durch das Modell beschrieben.

3.1 Darstellung des formalen Modells

Das im Folgenden dargestellte formale Modell bezieht sich im Wesentlichen auf die Veröffentlichung von Lin und Yang “Fine enough or don’t fine at all“ ( Journal of Economic Behavior & Organization, Vol. 59/2 2006, 195-213) . Diese Quelle wird daher im aktuellen Abschnitt nicht nochmals kenntlich gemacht.

Ähnlich wie in der Spieltheorie nach Gneezy und Rustichini haben die Eltern auch im Modell nach Lin und Yang die souveräne Wahl, ob sie ihre Kinder pünktlich aus der KiTa abholen oder nicht. Diese Entscheidung wird im Modell als bezeichnet und entspricht einer booleschen Variablen mit für die Entscheidung, zu spät zu kommen und für die Entscheidung, pünktlich zu kommen. Wenn sich die Eltern entscheiden, zu spät zu kommen ( , können sie diese Zeit individuell für sich selber nutzen. Der Wert dieser Zeit wird im Modell mit dargestellt. Die oben genannten psychologischen Kosten, die aufgrund der Verletzung der sozialen Norm entstehen, werden mit dargestellt und entstehen kausal nur dann, wenn die Eltern zu spät kommen ( . Die Auswirkung des Zuspätkommens wird durch das Einkommen ergänzt. Demnach wird folgende nutzenmaximierende Funktion aufgestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entscheidend für die Nutzenmaximierung ist die Höhe der psychologischen Kosten , weshalb diesem Parameter eine Schlüsselrolle zukommt.

Die Variable wird wie folgt determiniert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Norm, die im Falle des Zuspätkommens verletzt wird, wählen Lin und Yang die „Pünktlichkeitsregel“. Da es für derartige Normen keine Gesetze für deren Einhaltung gibt, sind andere Mechanismen erforderlich, um deren Existenz zu bewahren. Lin und Yang beschränken sich als Sanktion im Falle des Verstoßes gegen die „Pünktlichkeitsregel“ auf die Gefühle „Schuld“ als interne psychologische Kosten und „Scham“ als externe psychologische Kosten. Jeder Mensch durchläuft einen individuellen Sozialisationsprozess, weshalb die Auswirkungen von Schuld- und Schamgefühlen beim Verletzen der „Pünktlichkeitsregel“ heterogen ist. Dies erklärt, warum von dem spezifischen Faktor determiniert wird. Damit eine soziale Norm als solche in der Gesellschaft Bestand hat, muss sie weitergegeben und eingehalten werden. Je weniger Individuen eine soziale Norm einhalten, desto bedeutungsloser wird sie. Dies erklärt die Abhängigkeit der psychologischen Kosten von der Gesamtanzahl der zu spät kommenden Eltern . Der Term verdeutlicht, dass bei steigender Anzahl zu spät kommender Eltern, die Wirkung der sozialen Norm „Pünktlichkeit“ abnimmt.

Im Gegensatz zu Gneezy und Rustichini definieren Lin und Yang das Bußgeld nicht als Preis, da sie davon ausgehen, dass das Bußgeld zusätzlich mit den psychologischen Kosten von Schuld und Scham besetzt ist. Entsprechend des Prinzips der relativen Gleichheit nach Adams ist ein Individuum in sozialen Interaktionen bestrebt, das Verhältnis von Input und Output gleich zu halten. [22] Im Falle des Zuspätkommens ist der Input ohne Bußgeld lediglich die Summe der psychologischen Kosten aus Schuld und Scham, der Output ist die gewonnene Zeit . Die Einführung eines Bußgeldes als zusätzlicher Input bei gleichbleibendem Output erfordert die Reduzierung der psychologischen Kosten. Daher wird davon ausgegangen, dass die psychologischen Kosten von Schuld und Scham mit steigendem Bußgeld geringer werden. Entsprechend dieser Dynamik ergibt sich , bei steigender Geldbuße verringern sich die sozialen Kosten.

Die Nutzenfunktionen der Eltern können entsprechend konkretisiert werden. Wenn Eltern pünktlich kommen ( , bleibt deren Nutzen gleich, da und . Diese Eltern haben keinen Zeitvorteil und keine psychologischen Kosten, da sie die Norm nicht verletzt haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sofern Eltern zu spät kommen (, haben sie einen Zeitvorteil ( ) und psychologische Kosten, da sie eine soziale Norm verletzen ( ). Sofern eine Gebühr erhoben wird, wirkt sich diese ebenfalls auf die Nutzenfunktion aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein homo oeconomicus wird sich dann dafür entscheiden, zu spät zu kommen, wenn , folglich wenn gilt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Höhe der psychologischen Kosten ist maßgeblich abhängig von dem Faktor . Je größer dieser individuelle Faktor ist, desto höher sind die psychologischen Kosten des Individuums und umgekehrt. Interessant ist hierbei der Grenzfall indifferenter Haushalte, denen es gleichgültig ist, ob sie zu spät kommen oder pünktlich sind. Durch Umstellung und Gleichsetzung der Formel (4) nach dem Faktor kann dieser Grenzfall untersucht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Eltern, deren individueller Faktor größer als der oben genannte Grenzfall ist, haben hohe psychologische Kosten und werden folglich pünktlich sein. Jene Eltern, deren Faktor geringer oder gleich dem Grenzfall ist, werden sich entscheiden, zu spät zu kommen.

Die erste Bedingung (5a) ist von dem Abschreckungseffekt ( ) und der Auswirkung der psychologischen Kosten ( ) abhängig. Die Bedingung beschreibt, dass sich die Anzahl zu spät kommender Eltern durch die Einführung eines Bußgeldes erhöht oder verringert.

Der individuelle Faktor in Abhängigkeit von der Geldbuße ( ist nur dann größer als Null, wenn

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Elastizität beschreibt dabei das Ausmaß der Verringerung der psychologischen Kosten durch die Einführung des Bußgeldes. Aus dieser Ungleichung kann bei gegebener Elastizität und bei gegebener Zeit eine Bußgeldhöhe ermittelt werden, sodass der Term nur dann gilt, wenn . Dies drückt formal aus, dass die Wirkung der psychologischen Kosten größer sein muss als die Abschreckungswirkung der Geldbuße.

Die zweite Bedingung (5b) beschreibt die Auswirkung der Anzahl der zu spät kommenden Eltern zum aktuellen Zeitpunkt auf die Entscheidung anderer Eltern. Je mehr Eltern zum aktuellen Zeitpunkt zu spät kommen, desto geringer ist die Wirkung der Pünktlichkeitsnorm und umso geringer sind die psychologischen Kosten für jedes weitere Elternteil.

Zur Erklärung der dritten Bedingung (5c) wird angenommen, dass (5) eine Produktionsfunktion ist, mit als Output und als Input. Entsprechend des Ertragsgesetzes nimmt der Grenzertrag zunächst zu, nimmt dann ab, bis er schließlich negativ wird.[23] In der Neoklassischen Produktionsfunktion werden von Anfang an abnehmende Grenzerträge unterstellt.[24] Da Lin und Yang zur Vereinfachung annehmen, dass gleichmäßig verteilt ist [0,1], ergibt sich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Untersuchung des formalen Modells

Gleichung (7) drückt aus, dass es bei einer bestimmten Anzahl zu spät kommender Eltern zum aktuellen Zeitpunkt auch eine entsprechende Anzahl von Eltern gibt, die sich entscheiden werden zu spät zu kommen. Demnach muss eine Gleichgewichtsmenge sowohl Formel (5) als auch Formel (7) erfüllen.[25] Um diese Schnittpunkte zu erhalten, werden die Graphen beider Funktionen in ein Koordinatensystem übertragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ausgangssituation ohne Bußgeld

Quelle: Eigene Darstellung nach Lin und Yang (2006, S. 203)

Der Graph XX(f=0) zeigt die funktionale Beziehung zwischen und entsprechend Funktion (5), wenn, wie in der Ausgangssituation der Feldstudie von Gneezy und Rustichini, noch kein Bußgeld eingeführt wurde. Entsprechend der Bedingung (5b) ist der in Abbildung 2 grün dargestellt Anstieg von XX(f=0) stets positiv. Die Darstellung des Anstieges verdeutlicht, dass dieser etwa bis zum Punkt ansteigt und anschließend bei größerem wieder kleiner wird. Zudem wird in der Abbildung die Bedingung (5c) bestätigt, da bei kleinem größer als 0 ist, mit steigendem ist entsprechend des Ertragsgesetzes kleiner als 0.[26]

Der Graph YY stellt die Beziehung zwischen und entsprechend Term (7) dar. Oberhalb des Graphen ist , unterhalb des Graphen ist , auf YY ist . In Phase I und III ist die Anzahl der Eltern, die sich entscheiden zu spät zu kommen, größer als deren Anzahl im Status Quo. Daher werden sich in diesen Situationen mehr Eltern entscheiden, zu spät zu kommen. In den Phasen II und IV gilt dies genau umgekehrt. Diese Entscheidungen werden durch die Pfeile auf YY symbolisiert.

Die Graphen von XX(f=0) und YY haben insgesamt drei Schnittpunkte, in diesen sind sowohl (5) als auch (7) erfüllt. Entsprechend der durch die Pfeile dargestellten Entscheidungen der Eltern sind jedoch nur und stabile Gleichgewichte.[27]

[...]


[1] Becker (1968, S. 170)

[2] Lin und Yang (2006, S. 195)

[3] Gneezy und Rustichini (2000, S. 1)

[4] Gneezy und Rustichini (2000, S. 3)

[5] Gneezy und Rustichini (2000, S. 4)

[6] Gneezy und Rustichini (2000, S. 5)

[7] Gneezy und Rustichini (2000, S. 5)

[8] Gneezy und Rustichini (2000, S. 8)

[9] Gneezy und Rustichini (2000, S. 10)

[10] Gneezy und Rustichini (2000, S. 10)

[11] Gneezy und Rustichini (2000, S. 10)

[12] Gneezy und Rustichini (2000, S. 11)

[13] Lin und Yang (2006, S. 196)

[14] Lin und Yang (2006, S. 196)

[15] Gneezy und Rustichini (2000, S. 14)

[16] Gneezy und Rustichini (2000, S. 14)

[17] Gneezy und Rustichini (2000, S. 14)

[18] Lin und Yang (2006, S. 196)

[19] Gneezy und Rustichini (2000, S. 13)

[20] Lin und Yang (2006, S. 197)

[21] Lin und Yang (2006, S. 197)

[22] Adams (1965, S. 273 ff.)

[23] Gutenberg (1983, S. 303 ff.)

[24] Fandel (1996, S. 267 ff.)

[25] Lin und Yang (2006, S. 202)

[26] Lin und Yang (2006, S. 203)

[27] Lin und Yang (2006, S. 204)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Warum Bußgelder nicht immer abschrecken. Erklärungsansätze und Studien im Überblick
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik)
Veranstaltung
Freakonomics
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V322012
ISBN (eBook)
9783668213104
ISBN (Buch)
9783668213111
Dateigröße
844 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, bußgelder, eklärungsansätze, studien, überblick
Arbeit zitieren
B.A. Thomas Brösicke (Autor), 2015, Warum Bußgelder nicht immer abschrecken. Erklärungsansätze und Studien im Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322012

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