Politischer Liberalismus und Gerechtigkeit bei John Rawls


Essay, 2013

4 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

John Rawls ist wohl einer der bedeutendsten Vertreter der politischen Philosophie des Zwanzigsten Jahrhunderts. Seine intensive Auseinandersetzung mit dem politischen Liberalismus resultierte nicht nur in dem Aufblühen des egalitären Liberalismus, sondern auch in einer kritischen Debatte über die Leistungsfähigkeit, Gerechtigkeit und den normativen Wert liberaler Konzeptionen und spezifischer Gesellschaftsmodelle dieser Tradition, die noch bis heute anhält und äußerst fruchtbare Erkenntnisse hervorbringt.

Rawls politische Konzeption kann zunächst einmal als die Antwort, auf eine der fundamentalen Frage der politischen Philosophie (vor allem der Gegenwart) verstanden werden, nämlich: Wie ist eine stabile, effiziente und gerechte Gesellschaft möglich, wenn deren Mitglieder (Bürger) durch teils konträre oder einander ausschließende Lehren und Weltanschauungen (d.s. Religionen, Philosophien oder Moralsysteme) von einander getrennt sind? Rawls Antwort auf diese Frage lautet: Durch eine spezifische, liberale Ordnung, in der das Fundament des gesellschaftlichen Kooperation mittels Grundsätzen geregelt ist, die von allen Bürgern (trotz der Pluralität ihrer Weltanschauungen) anerkannt werden – eine politische Gerechtigkeitskonzeption.[1]

Die Idee, dass sich Menschen mit teils widersprechenden Überzeugungen dennoch in den grundlegenden Fragen der politischen Interaktion bzw. der Beschaffenheit ihrer Institutionen einig werden können (d.h. einen „übergreifender Konsens“ finden), resultiert nach der Auffassung Rawls, aus dem sog. „Faktum des vernünftigen Pluralismus“. Dieses „Faktum“ artikuliert eine grundlegende Annahme des politischen Liberalismus, nämlich dass es eine Vielzahl von Weltanschauungen (Lehren) gibt, für die gute Gründe sprechen und die somit rational nachvollziehbar sind. Ferner wird jener Pluralismus, als das Ergebnis eines kontinuierlichen, praktischen Vernunftgebrauches von Individuen erachtet, die unter freien Institutionen (d.h. liberale Ordnungssysteme) leben und bringt demgemäß die Subjektivität ihrer Evaluationen zum Ausdruck.[2]

Eine weitere Idee, die hinter der Rawls'schen Konzeption steht und nicht weniger essenziell ist, befindet sich implizit in der spezifischen Beschaffenheit von liberalen Ordnungssystemen. Wie jede andere Form von Ordnungssystem verfügen auch liberale Systeme über politische Macht (Autorität), daher die Möglichkeit ihre Entscheidungen via staatlicher Gewalt (Zwang) durchzusetzen. Jedoch unterliegt diese Gewalt zwei entscheidenden Limitierungen: 1. Die politische Macht einer liberalen Ordnung entspricht der kollektiven Macht freier und gleicher Bürger. Woraus sich schlussfolgern lässt, dass der staatliche Zwang (sowohl qualitativ als auch quantitativ) durch die Öffentlichkeit bestimmt wird – ergo ist dieser durch demokratische Verfahrensweisen beschränkt. Überdies unterliegt die öffentliche Gewalt einer zusätzlichen Limitierung, die eine Diktatur der Majorität (da demokratische Verfahrensweise implizieren, dass Entscheidungen durch 50%+ X der Bürger getroffen werden) verhindern soll. 2. Diese ist das Legitimitätsprinzip, welches der Doktrin des Konstitutionalismus entspringt und politische Gewalt dahin gehend beschränkt, dass ihre Ausübung nur im Rahmen der bestehenden Verfassung (deren Inhalt vernünftigerweise von allen Bürgern anerkannt wird) ausgeübt werden darf.[3]

Des Weiteren ist es von gesonderter Bedeutung den Begriff der Vernunft bzw. der Vernünftigkeit in dieser Konzeption etwas genauer zu betrachten. Denn dieser artikuliert, nach Rawls Verständnis, nicht nur ein gewisses Maß an Rationalität (bezüglich des Verhaltens der Akteure und ihrer Begründung von Überzeugungen), sondern auch eine Palette von politischen Tugenden, die die Bürger (bzw. die Angehörigen einer vernünftigen Lehre) einer konstitutionellen Ordnung aufweisen und die Kooperation auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung erst möglich machen. Zu diesen gehören vor allem Toleranz, Kompromissfähigkeit und ein gewisser Sinn für Fairness, wobei Rawls ebenfalls annimmt, dass diese Bürger gemäß ihrer Vorstellung des Guten (die ein integraler Bestandteil einer Lehre ist), auch ein Verständnis von Gerechtigkeit entwickeln. Jene Gerechtigkeitsvorstellungen variieren der Erscheinung nach, da sie Ausfluss der jeweiligen Weltanschauung sind, nichtsdestotrotz bringen sie fundamentale Gerechtigkeitsintuitionen zum Ausdruck, welche sich implizit in jeder spezifischen Gerechtigkeitskonzeption widerspiegeln.[4]

An dieser Stelle knüpft Rawls Idee des „übergreifenden Konsens“ an, der durchaus als eine Erweiterung des Prinzips des Verfassungskonsens verstanden werden kann und das Grundkonstrukt der gesellschaftlichen Kooperation auf eine noch allgemeinere Ebene hebt. Denn seiner Auffassung nach beinhaltet ein solcher Konsens die Übereinkunft aller Bürger bezüglich einer politischen Gerechtigkeitskonzeption, die die fundamentale Frage nach der richtigen Distribution[5] von Gütern, Rechten und Pflichten beantworten soll und somit die diversen Interessenkonflikte einer (vernünftigen!) pluralistischen Gesellschaft zu bewältigt vermag.

Wie muss nun eine Gerechtigkeitskonzeption beschaffen sein, um jenes angestrebte Ziel zu erreichen? Rawls Antwort auf diese Frage greift zunächst die bereits erwähnten Gerechtigkeitsintuitionen auf und verbindet sie im nächsten Schritt mit der Methodik des Kontraktualismus, wobei der Vertrag lediglich hypothetisch und nicht als realer Vertragsschluss zu verstehen ist. Die Grundlegende Intuition die Rawls allen Bürgern (gerade aufgrund der Vernünftigkeit ihrer Weltanschauungen) unterstellt, ist dass jene ihre Institutionen als gerecht erachten, sofern diese bei der Verteilung der Grundrechte und -pflichten keine willkürlichen Unterschiede zwischen den Individuen machen und es Normierungen gibt, die einen sinnigen Ausgleich zwischen den konkurrierenden Ansprüchen bewirken und dadurch das Wohl des gesellschaftlichen Lebens befördert wird.[6]

Auf der Grundlage dieser Annahme konzipiert Rawls sein kontraktualistisches Argument, dessen Ziel es ist von den Bedingungen der gesellschaftlichen und natürlichen Welt zu abstrahieren, sodass alle willkürlichen und zufälligen Komponenten, die die Wahl der Gerechtigkeitsgrundsätze beeinflussen würden, wegfallen. Die implizite Prämisse, welcher hinter dieser Methodik steht ist sowohl einfach als auch evident – die Beschaffenheit von Institutionen kann nur dann gerecht sein, wenn sie durch die freien und gleichen Bürger einer Gesellschaft, unter fairen Bedingungen, kollektiv beschlossen und anerkannt wird. Daher trägt das Rawls'sche Model der Verfahrensgerechtigkeit den Titel – Gerechtigkeit als Fairness.[7]

Um diese Abstraktionsebene zu erreichen wird ein Gedankenexperiment konzipiert, das der Idee des vertragstheoretischen Naturzustandes ähnelt und von Rawls als „Urzustand“ bezeichnet wird. In diesem Zustand befinden sich die Bürger einer Gesellschaft hinter dem sog. „Schleier des Nichtwissens“, welcher bewirkt, dass niemand spezifisches Wissen über sich selbst, die anderen Teilnehmer der Gesellschaft oder die Rahmenbedingungen ihrer Gesellschaft (d.s. z.B. der ökonomische Status quo oder der soziokulturelle Entwicklungsstand) hat. Folglich wissen die Individuen nichts über ihr Geschlecht, ihren sozialen Kontext, ihr Alter, ihre Weltanschauung, ihre Intelligenz, ihre Körperkraft, etc.. Was bedeutet, dass alle gesellschaftlichen und natürlichen Ungleichheiten zwischen den Menschen, die aus der Geburt in einen bestimmten Kontext und den genetischen Determinanten (daher willkürlich oder zufällig sind) hervorgehen, außer Acht gelassen werden. Des Weiteren nimmt Rawls an, dass diese freien und gleichen Individuen eigennützig motiviert und vernünftig[8] sind, was für ihn bedeutet, dass sie (auch wenn sie nicht genau Wissen was ihre Präferenzen sind) darauf bedacht sind ihren Eigennutz zu mehren. In diesem Zustand müssen die Menschen nun die Grundsätze ihres Zusammenlebens, daher die Art und Weise der Distribution von Gütern, Freiheiten, Grundrechten und -pflichten, festlegen. Dabei gilt jedoch, dass eine Konzeption nur dann als gültig anerkannt wird sofern ihr alle Individuen zustimmen.[9]

Rawls Argumentation zufolge würden die vernünftigen und eigennutzorientierten Menschen bestrebt sein, nur solche Grundsätze vorzuschlagen die ihren persönlichen Nutzen am meisten befördern. Da sie aber kein Wissen bezüglich ihrer Fähigkeiten, Überzeugungen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen haben, müssen sie Aspekte die solche Bedingungen begünstigen oder benachteiligen aus ihrem Kalkül ausschließen. Denn diese könnten sich, aufgrund ihrer tatsächlichen Beschaffenheit und ihres gesellschaftlichen Kontextes, als ein signifikanter Nachteil herausstellen. Demnach konkludiert Rawls, dass nur solche Grundsätze gewählt werden würden, die von möglichst allgemeiner Art sind und somit die (durch den Schleier des Nichtwissens) exkludierten Bedingungen außen vor lassen. Als ein mögliches (und äußerst evidentes) Ergebnis dieses Gedankenexperimentes erachtet er demnach seine zwei Prinzipien der Gerechtigkeit: 1.) Jeder Teilnehmer der Gemeinschaft hat einen gleichen Anspruch auf eine angemessene Sammlung gleicher Grundrechte und -freiheiten, die mit der Sammlung gleicher Grundrechte und -freiheiten aller anderen Teilnehmer vereinbar ist. 2.) Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen a) an Positionen gebunden sein, die allen Teilnehmern gleichermaßen zugänglich sind, und b) Vorteile für jedermann hervorbringen, vor allem für jene Teilnehmer der Gesellschaft die am schlechtesten gestellt sind.[10]

Würde eine vernünftige, pluralistischen Gesellschaft eine derartige Gerechtigkeitskonzeption als das Fundament ihres Zusammenlebens anerkennen, so wäre es möglich, die konträren und inkommensurablen Weltanschauungen miteinander in Einklang zu bringen. Denn durch diese Konzeption würden kontroverse Themen (bspw. Konfessionsfragen) aus der Sphäre des Politischen exkludiert werden, wodurch schließlich keine politischen Streitigkeiten, bezüglich der Wahrheit von Weltanschauungen und Lehren mehr aufkommen können und damit ein hohes Maß an gesellschaftlicher Stabilität geschaffen wird.[11]

[...]


[1] Vgl. Rawls, John: Politischer Liberalismus, übers. von Wilfried Hinsch, Frankfurt am Main 1998, S. 219f.

[2] Vgl. Ebd. S.221.

[3] Vgl. Ebd. S. 222f.

[4] Vgl. Ebd. S. 230, 248 & 257.

[5] Richtig ist eine Distribution in diesem Kontext gdw. alle Bürger sie (vernünftigerweise!) anerkennen und aus ihr somit sozialer Frieden und Stabilität resultiert. Des Weiteren ist anzumerken, dass sich die Anerkennung in Institutionen manifestiert, weshalb der Gegenstand der Rawls'schen Gerechtigkeitskonzeption stets die Institutionen einer Gemeinschaft (bzw. die Verfahren wie diese zustande kommen) sind.

[6] Vgl. Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main 1975, S. 21f.

[7] Vgl. Ebd. S.27f, 34 & 159.

[8] Rawls scheint in diesem Kontext Vernunft als ökonomische Rationalität zu verstehen, wobei das Mehren und Bewahren von Mitteln und Freiheiten als etwas genuin nützliches aufgefasst wird. Vgl. Ebd. S. 30f & 166f.

[9] Vgl. Ebd. S.20f, 23, 28ff, 36f &159f.

[10] Vgl. Ebd. S. 31f.

[11] Vgl. Rawls: Politischer Liberalismus, S.240f & 246.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Politischer Liberalismus und Gerechtigkeit bei John Rawls
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Positionen der Modernen Politischen Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
4
Katalognummer
V322194
ISBN (eBook)
9783668213876
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liberalismus, Gerechtigkeit, John Rawls, Politische Philosophie, Gleichheit, Vernunft
Arbeit zitieren
Gino Krüger (Autor), 2013, Politischer Liberalismus und Gerechtigkeit bei John Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322194

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