Das Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" ist das Ergebnis eines gemeinschaftlichen Schöpfungsprozesses von Bertold Brecht, Elisabeth Hauptmann, Hermann Borchardt und Emil Burri. Das Stück wurde von Radio Berlin am 11. April 1932 in einer stark gekürzten Hörspielfassung erstmals ausgestrahlt. Brechts Bemühungen das Theaterstück auf die Bühne zu bringen scheiterten an der politisch schwierigen Situation. Es wurde erst am 30. April 1959 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt, danach folgten zahlreiche weitere Inszenierungen. Sebastian Baumgarten brachte es 2012 erneut auf die Bühne und wurde damit ein Jahr später zum 50. Theatertreffen nach Berlin eingeladen, bei dem die bemerkenswertesten Theaterinszenierungen der Saison ausgezeichnet werden.
Brechts episches Theater beinhaltet viele Unterschiede zur dramatischen Form. Der elementarste, welcher eine Einfühlung des Zuschauers in die Darstellung verhindern soll, stellt die Einführung des Verfremdungseffektes dar. In meiner Arbeit möchte ich der Fragestellung nachgehen, wie Baumgarten den Verfremdungseffekt in seiner Inszenierung interpretiert und integriert. Um eine Basis dafür zu schaffen ist es sinnvoll zuerst die Begrifflichkeit zu klaren um dann über die Bedeutung der Verfremdung für das epische Theater zu einer Inszenierungsanalyse zu kommen. Die Inszenierungsanalyse behandelt diese Fragestellung anhand von ausgewählten Passagen und beansprucht nicht den Umfang einer Gesamtanalyse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verfremdungseffekt nach Brecht
2.1 Begriffsherkunft
2.2 Notwendigkeit der Verfremdung
2.2.1 Historisierung
3. Inszenierungsanalyse
3.1 Bühnenbau und Musik
3.2 Kostüme und Maske
3.3 Schauspiel
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Umsetzung des Verfremdungseffekts in Sebastian Baumgartens Inszenierung des Theaterstücks "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertold Brecht und analysiert, wie diese ästhetischen Mittel zur kritischen Distanzierung des Publikums beitragen.
- Theoretische Grundlagen des Brechtschen Verfremdungseffekts
- Analyse des Inszenierungskonzepts von Sebastian Baumgarten
- Untersuchung von Bühnenbild, Musik und Kostümierung als Verfremdungsmittel
- Übertragung epischer Schauspieltechniken in der modernen Praxis
- Kritische Reflexion über die Wirkung von Verfremdung auf ein zeitgenössisches Publikum
Auszug aus dem Buch
3.1 Bühnenbau und Musik
Die Bühne ist eine Vorbühne. Mit einem Steg, der in den Zuschauerraum hineinragt wodurch der Eindruck beim Zuschauer entsteht, dass der Darsteller eher „Teil des Zuschauerraumes ist“. Die Abtrennung zwischen Zuschauerraum und Spielstätte durch eine hintere und zwei Seitenwände wird während des Spiels durch verschiedene Einzüge von Vorhängen unterbrochen. Bis auf ein aufwändigeres Bühnenbild am Anfang, welches einem Westernsaloon nachempfunden ist, bleiben die Bühnenbilder sehr zweidimensional. Im ganzen Verlauf des Stücks werden immer wieder auf eingeschobene Vorhänge oder auf den Hintergrund Filmsequenzen, Brechts Titelüberschriften oder Bilder projiziert. Diese stellen teilweise Requisiten dar oder werden als erklärende visuelle Einschübe genutzt. Es werden sogar Filmsequenzen eingeblendet in der Yvon Jansen zu sehen ist, obwohl sie als Johanna auf der Bühne steht. Dieses doppelte Vorhandensein auf der Bühne ist die visuelle Darstellung von Brechts Auffassung des epischen Schauspiels, dass der Darsteller immer noch als er selbst erkennbar sein muss und somit doppelt auf der Bühne steht. Dieses von Piscator eingeführte Projektionsverfahren verwandelt laut Brecht „die Bühne in einen Mitspieler“.
Dadurch wird die sonst nur indirekte Darstellung durch die Schauspieler ergänzt durch eine direkt an das Publikum gerichtete und somit epische. Die Szenen welche bei Brecht vor der Viehbörse spielen, werden von Baumgarten in einen Westernsaloon verlegt mit hintergründigem McDonalds-Logo passend zu den Cowboykostümen, welche die Schauspieler der Fleischfabrikanten tragen. Baumgarten setzt die Figuren in einen bildlich historischen Kontext mit neuzeitlichen Effekten und Elementen, was rein visuell schon eine gewisse Distanz zu den Zuschauern schafft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" ein und formuliert die Fragestellung zur Interpretation und Integration des Verfremdungseffekts durch Regisseur Sebastian Baumgarten.
2. Verfremdungseffekt nach Brecht: Dieses Kapitel erläutert die Herkunft und Notwendigkeit des Verfremdungsbegriffs innerhalb der Theatertheorie Brechts, inklusive des Verfahrens der Historisierung.
3. Inszenierungsanalyse: Die Inszenierung wird anhand der Kategorien Bühnenbau, Musik, Kostüme, Maske und Schauspiel detailliert auf ihre epischen Elemente untersucht.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Wirksamkeit der Verfremdungsmittel sowie die Anpassung der Inszenierung an die veränderte Wahrnehmung des heutigen Publikums.
5. Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten Quellen und Medien dokumentiert.
Schlüsselwörter
Bertold Brecht, Verfremdungseffekt, Episches Theater, Inszenierungsanalyse, Sebastian Baumgarten, Die heilige Johanna der Schlachthöfe, Historisierung, Bühnenbild, Schauspieltechnik, Charaktermaske, Kapitalismuskritik, Distanzierung, Theaterwissenschaft, Performance, Mediale Rezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die theoretische Konzeption und praktische Umsetzung des Brechtschen Verfremdungseffekts am Beispiel der Inszenierung von "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" durch Sebastian Baumgarten.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der theatertheoretischen Definition der Verfremdung, dem epischen Schauspiel, dem Bühnenbild, dem Einsatz von Musik sowie der Kostümgestaltung als Mittel zur Zuschauerdistanzierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, wie Baumgarten Brechts V-Effekt interpretiert, in seine moderne Inszenierung integriert und welche Wirkung diese Mittel auf die kritische Haltung des Zuschauers haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine Inszenierungsanalyse auf Basis von Aufzeichnungen einer Aufführung am Schauspielhaus Zürich/Berliner Festspiele, wobei explizite szenische Zeichen (sprachlich und nicht-sprachlich) ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Begriffsherkunft der Verfremdung und eine detaillierte Analyse der szenischen Umsetzung in den Bereichen Bühne, Kostüm und Schauspieltechnik.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Zu den Schlüsselbegriffen gehören Episches Theater, V-Effekt, Historisierung, Charaktermaske, Inszenierung und kritische Distanz.
Welche Rolle spielt die Musik in der analysierten Inszenierung?
Die Musik, gestaltet vom Pianisten Jean-Paul Brodbeck, dient nicht bloß als Begleitung, sondern agiert als eigenständiges Element, das durch den Mix aus Jazz, Blues und moderneren Melodien eine bewusste Verfremdung erzeugt.
Wie bewertet der Autor den Einsatz von kontroversen Mitteln wie Blackfacing?
Der Autor ordnet den Einsatz solcher ethnischen Stereotype kritisch ein und stellt die Frage, ob diese Provokationen noch im Sinne der Brechtschen Intention stehen oder als veränderte Verfremdungsversuche für ein zeitgenössisches Publikum zu deuten sind.
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- Christina Meggiorini (Author), 2016, Verfremdungseffekte in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" unter der Regie von Sebastian Baumgarten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322675