Verfremdungseffekte in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" unter der Regie von Sebastian Baumgarten


Hausarbeit, 2016

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verfremdungseffekt nach Brecht
2.1 Begriffsherkunft
2.2 Notwendigkeit der Verfremdung
2.2.1 Historisierung

3. Inszenierungsanalyse
3.1 Bühnenbau und Musik
3.2 Kostüme und Maske
3.3 Schauspiel

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe ist das Ergebnis eines gemeinschaftlichen Schöpfungsprozesses von Bertold Brecht, Elisabeth Hauptmann, Hermann Borchardt und Emil Burri. Das Stück wurde von Radio Berlin am 11. April 1932 in einer stark gekürzten Hörspielfassung erstmals ausgestrahlt.1 Brechts Bemühungen das Theaterstück auf die Bühne zu bringen scheiterten an der politisch schwierigen Situation. Es wurde erst am 30. April 1959 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt, danach folgten zahlreiche weitere Inszenierungen. Sebastian Baumgarten brachte es 2012 erneut auf die Bühne und wurde damit ein Jahr später zum 50. Theatertreffen nach Berlin eingeladen, bei dem die bemerkenswertesten Theaterinszenierungen der Saison ausgezeichnet werden.

Brechts episches Theater beinhaltet viele Unterschiede zur dramatischen Form. Der elementarste, welcher eine Einfühlung des Zuschauers in die Darstellung verhindern soll, stellt die Einführung des Verfremdungseffektes dar.2 In meiner Arbeit möchte ich der Fragestellung nachgehen, wie Baumgarten den Verfremdungseffekt in seiner Inszenierung interpretiert und integriert. Um eine Basis dafür zu schaffen ist es sinnvoll zuerst die Begrifflichkeit zu klären um dann über die Bedeutung der Verfremdung für das epische Theater zu einer Inszenierungsanalyse zu kommen. Die Inszenierungsanalyse behandelt diese Fragestellung anhand von ausgewählten Passagen und beansprucht nicht den Umfang einer Gesamtanalyse.

2. Verfremdungseffekt nach Brecht

2.1 Begriffsherkunft

Um sich ein genaues Bild von Brechts Verständnis der Verfremdung zu machen, bedarf es erstens einer Analyse der Begriffsherkunft und zweitens der Beantwortung der Frage, wieso Brecht ihn nicht nur für wichtig hält, sondern ihn als elementaren Baustein seiner umfassenden Theatertheorie und auch Praxis sieht.

Den Ausdruck verfremden benutzt Brecht 1936 zum ersten Mal. In früheren Schriften ist der Begriff entfremden dafür eingesetzt. Dabei kann man allerdings schon bemerken, dass beide Begriffe in ihrer Bedeutung sich selbst nicht ganz fremd sind.

So findet man im Duden als Definition von entfremden 3

a. bewirken, dass eine bestehende enge Beziehung aufgelöst wird, fremd machen
b. nicht dem eigentlichen Zweck entsprechend verwenden
c. sich innerlich von jemandem, etwas entfernen

Mit der Definition bei c. kommt man der Verwendung des späteren Verfremdungs- begriffs bei Brecht schon sehr nahe. Bis zur heutigen Verwendung war es allerdings ein weiter Weg der Entwicklung von der lateinischen Grundbedeutung, über Hegel und Feuerbach4 bis hin zu Marx, der dem Begriff eine eindeutig negative Konnotation gibt und ihn mit seinen Wirtschaftstheorien und der daraus resultierenden Kapitalismuskritik verbindet.5

Ernst Schumacher stellte schon früh eine Verbindung des späteren Verfremdungsbegriffs bei Brecht und dem der Entfremdung bei Hegel und Marx her6 und impliziert somit eine untrennbare Verbindung des Begriffs zu einem bestimmten politischen Standpunkt. Reinhold Grimm hingegen vertritt die Ansicht, dass die Verfremdung als Kunstgriff zu verstehen sei und freigestellt von jedem politischen Einfluss zur Anwendung gebracht werden könne. Alfred Schöne bezeichnete die Verfremdung bei Brecht als „deiktisches Formprinzip“7, wodurch weder die Theorie von Schumacher noch die von Grimm gestützt wird. Für Grimm spricht, dass Arten der Verfremdung auch in früheren Theaterformen anzutreffen sind, wie im japanisch-chinesischen Theater. Dieses weist eindeutige Berührungspunkte mit Brechts Theorie auf, was er ausführlich im Essay Verfremdungseffekte in der chinesischen Schauspielkunst erörtert. Doch bei Brecht findet man im Kleinen Organon f ü r das Theater in den einleitenden Passagen eindeutig kapitalismuskritisches Material8:

Das gemeinsame gigantische Unternehmen, in dem sie engagiert sind, scheint sie mehr und mehr zu entzweien, Steigerungen der Produktion verursachen Steigerungen des Elends, und bei der Ausbeutung der Natur gewinnen nur einige wenige, und zwar dadurch, daß sie Menschen ausbeuten.

Im folgenden stützt sich Brecht auf diese Sichtweise und leitet daraus ab, dass das bestehende Theater nicht zu leisten vermag, was es seiner Ansicht nach sollte, das Publikum unterhalten und ihm gleichzeitig eine kritische Haltung zu dem Gezeigten ermöglichen. Diese Ansicht ist grundlegend um zu verstehen, wieso Brecht das bestehende Theater als Reformationsbedürftig erachtete.

2.2 Notwendigkeit der Verfremdung

Bei Brecht ist die Verfremdung das Grundgerüst, das Skelett seiner Theatertheorie. Er sah die Notwendigkeit zur Reformation des Theaters, weil das Theater so wie er es vorfand Strukturen der Gesellschaft, die auf der Bühne abgebildet wurden als unveränderlich durch die Gesellschaft, also die Zuschauer darstellte.9 Brecht brachte eine neue Form von Theater auf die Bühne das e pische Theater, welches im Gegensatz zur dramatischen Form steht. In der dramatischen Form ist der Zuschauer passiv, steht mittendrin und erlebt das Geschehen mit. In der epischen Form ist dies der zu vermeidende Effekt. Das Publikum wird nicht in die Handlung hineinversetzt, sondern es wird ihm eine Außensicht ermöglicht. Diese neue Form des Theaters beinhaltete viele Neuerungen, welche aber alle dem Zweck dienten den Zuschauern einen nüchternen Blick auf Darstellungen komplizierter, gesellschaftlicher Vorgänge zu ermöglichen.10 Im Zuge dessen ist die Verfremdung oder auch V-Effekt ein unerlässliches Mittel. Die Zuschauer sollen sich nicht in einer Illusion verlieren oder mit den Schauspielern mitempfinden.11 Was im klassischen Theater auf der Bühne unabänderlich scheint wird durch die Verfremdung in ein anderes Licht gerückt. Brechts Verfremdung ermöglicht den Zuschauern durch neue Methoden der Darstellung auf der Bühne außerdem einen ungewöhnlichen Blick auf Vertrautes.12 Die Verfremdung findet dabei auf drei Ebenen statt. Erstens beim Schreiben eines Stückes, zweitens bei der Inszenierung und drittens durch das Schauspiel auf der Bühne.13 Das Prinzip der Verfremdung steht in engem Zusammenhang mit einem Verfahren, dass Brecht als Historisierung bezeichnet.

[...]


1 Grimm, Reinhold, Bertold Brecht, S. 19.

2 Brecht, Bertold, Schriften zum Theater 3, S. 155.

3 http://www.duden.de/node/812924/revisions/1313214/view.

4 Vgl. Frankhauser, Gertrud, Verfremdung als Stilmittel vor und bei Brecht, S. 2.

5 Springer Gabler Verlag (Hg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Entfremdung.

6 Vgl. Fischer, Matthias-Johannes, Brechts Theatertheorie, S. 244.

7 Schöne, Albrecht, Bertold Brecht, Theatertheorie und dramatische Dichtung, S. 279.

8 Brecht, Bertold, Schriften zum Theater 7, S. 18.

9 Brecht, Bertold. Schriften zum Theater 7, S. 27.

10 Ebd., S. 28.

11 Ebd., S. 35.

12 Ebd., S. 33.

13 Vgl. Grimm, Reinhold. Bertold Brecht, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Verfremdungseffekte in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" unter der Regie von Sebastian Baumgarten
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Kapitalismuskritik und Theater
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V322675
ISBN (eBook)
9783668240261
ISBN (Buch)
9783668240278
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verfremdungseffekte, brechts, johanna, schlachthöfe, regie, sebastian, baumgarten
Arbeit zitieren
Christina Meggiorini (Autor), 2016, Verfremdungseffekte in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" unter der Regie von Sebastian Baumgarten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322675

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