"Miß Sara Sampson" von Gotthold Ephraim Lessing. Ist Sara die Inkarnation der Tugend und Marwood die personifizierte Lasterhaftigkeit?


Hausarbeit, 2013

17 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesellschaft aus historischer Perspektive

3. Inhalt

4. Die Unterschiede der beiden Frauen
4.1 Tugendhaftigkeit und Lasterhaftigkeit
4.2 Ehrlichkeit und Verlogenheit
4.3 Körper und Geist
4.4 Glaube und Vernunft
4.5 Altruismus und Egoismus
4.6 Vergebung und Rache

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Proseminar der Literaturgeschichte „Mann und Frau in der Literatur des 18. Jahrhunderts“ befassten wir uns mit Werken verschiedener Autoren des 18. Jahrhunderts und legten währenddessen unseren Primärfokus auf die Darstellung der beiden Geschlechter. Die Werke wurden in kleinen Gruppen gelesen, Inhalte erarbeitet und Themenrelevantes extrahiert, um im weiteren Verlauf den anderen Seminarteilnehmern im Plenum präsentiert werden zu können. Desweitern wurden in kleineren Exkursen immer wieder Schriften und Gedichte gelesen, deren Kernaussagen wiedergegeben und anschließend diskutiert. Auffallend waren die Parallelen des Frauenbildes, das sich durch zahlreiche Werke abzeichnete. Zwar wurde das weibliche Geschlecht oft stigmatisiert und der Charakter einer Frau pauschalisiert, doch kommt man nach intensiverer Lektüre nicht umhin, manche Aussagen nach ihrer Ernsthaftigkeit zu überprüfen. Auf den ersten Blick scheinen sich viele Aussagen in Form von einem destruktiven Frauenbild zu wiederholen, doch es steckt in einigen auch eine gewisse gesellschaftliche Kritik und die indirekte Aufforderung nach einem Umdenken. Zwar kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Emanzipation der Frauen von damals annähernd das gleiche Ausmaß wie das der heutigen Zeit aufweist, dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass gewisse emanzipatorische Tendenzen schon in der Literaturlandschaft des 18. Jahrhunderts zu erkennen sind. Ein Autor dieser Zeit ist Gotthold Ephraim Lessing. Seiner Feder entstammen zahlreiche Werke, wie zum Beispiel Miß Sara Sampson (1755), Minna von Barnhelm (1767), Emilia Galotti (1772) und sein wohl bekanntestes Werk Nathan der Weise (1782). In den drei erstgenannten Werken spielen Frauen die Hauptrolle und sind zugleich die Namensgeberinnen. Unter diesem Aspekt ist es interessant, den einzelnen Charakteren verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen und ihre Rolle in der Gesellschaft herauszuarbeiten. Die folgende Arbeit befasst sich mit der Figur Miß Sara Sampson im gleichnamigen Werk, deren Charakter, Entwicklung und Handeln. Vor allem im direkten Vergleich mit ihrer Kontrahentin Marwood, werden die augenscheinlichen und auch vermeintlichen Unterschiede herausgearbeitet und durchleuchtet.

2. Gesellschaft aus historischer Perspektive

Um Lessings Werk Miß Sara Sampson verstehen und adäquat interpretieren zu können, ist es vonnöten, sich mit der damaligen Gesellschaftsform und den historischen Ereignissen vertraut zu machen. Das Deutschland im frühem 18. Jahrhundert, in das Lessing hineingeboren wurde und in welchem er aufwuchs, wurde von der absolutistischen Herrschaft geprägt. Mit Frankreichs König Ludwig XIV. als Vorbild, war der Absolutismus auch innerhalb deutscher Grenzen eine verbreitete Herrschaftsform. Ohne die Einbeziehung politischer Staatsorgane, lediglich an „Gottes Gnaden“ gebunden, konnte der Adel seine Macht gegenüber dem Bürgertum nahezu ungehindert ausüben. Die Grenze zwischen der adligen und bürgerlichen Schicht war klar definiert und die damit verbundenen gesellschaftlichen Pflichten waren different. Von Gleichstellung zu reden oder diese gar zu fordern galt als utopisch. Dies wird schon allein durch die damalige Steuerpflicht, von der der Adel befreit wurde, deutlich. Somit wurden die Steuereinnahmen vollständig vom Bürgertum geleistet, was sich eher kontraproduktiv auf die Beliebtheit des Adelsstandes auswirkte. Doch unter der absolutistischen Herrschaft wurden auch fortschrittliche Ideen realisiert. Unter Friedrich Wilhelm I. von Preußen wurde 1717 erstmals die Schulpflicht eingeführt. Zwar wurde diese erst nur in der Theorie eingeführt, da die Realisierung erst Jahrzehnte später stattfand, doch in diesem Gesetz zeigte sich auch ein positiver Aspekt der Herrschaftsform. In dieser Zeit entstand auch der Berufsstand des Beamten als eine Folge der Modernisierung des Staatswesens (Karthaus 2007). Desweiteren wurden während dieser Modernisierungsprozesse die Macht der Kirche dezimiert, deren Folgen in der Säkularisierung innerhalb der Epoche der Aufklärung mündeten. Durch die genannten und weiteren Gesellschaftsprozesse wurde die Epoche der Aufklärung eingeläutet. Ihre Anfänge stammen noch aus dem 17. Jahrhundert, die Blütezeit kann von 1760 bis 1780 ausgemacht werden. Die Vernunft des Menschen galt als Schlüsselbegriff, sämtliche Abhandlungen und Theorien basierten auf ihr und wurden durch diese begründet, verteidigt und legitimiert. „Die Aufklärung entwickelte sich zu einem Prozess der Erkenntnis, der die Menschen von allen Traditionen, Normen, und Konventionen befreite, die nicht als Prüfung durch die autonome menschliche Vernunft bestehen und die sich deshalb als Irrtum, Vorurteil oder Aberglaube darstellten.“ (Karthaus 2007).

Der „Kritik“ wurde eine große Bedeutung beigemessen und Kants Grundgedanke war, dass die Kritik durch die Verbindung zwischen der Forderung nach Meinungsfreiheit und Toleranz verkörpert wurde und Letztere Bedingung für den Anspruch auf die Duldung der eigenen Normen durch andere ist. Aufbauend auf den Gedanken der Vernunft und das Ausüben von Kritik stieg das Bedürfnis nach Fortschritt und Entwicklung und zog sich durch sämtliche gesellschaftliche Aspekte, von der Naturwissenschaft bis hin zur Literatur.(Karthaus 2007). Das 1780 erschienene Werk „Erziehung des Menschengeschlechts“ von Lessing und weitere Publikationen anderer Literaten ließen darauf zurückschließen, dass die Menschheit als Einheit gesehen wurde, man dachte über Staatsgrenzen hinweg und der Horizont erweiterte sich. Wie schon erwähnt, wurde die Säkularisierung durch die Veränderungen, die die Aufklärung mit sich brachte, begünstigt und auch die Inquisition wurde im Zuge dieser beendet. Die Kirche als unanfechtbare Instanz verlor an Macht und wurde „weltlicher“. Laut Max Weber wurde die Welt während dieser Zeit „entzaubert“, die Vorstellungen und Verhaltensweiesen der Kirche wurde auf weltliche Verhältnisse übertragen.

Demnach konnte man durchaus gläubig sein, der Glaube sollte jedoch vorher einer kritischen Prüfung durch den menschlichen Verstand unterzogen werden und nicht als gegeben hingenommen werden. Aus dieser Zeit stammt auch die Empfindsamkeit, in die Lessings Miß Sara Sampson einzuordnen ist, welches als sein erstes bedeutendes Trauerspiel gilt. Zwar gilt es laut Durzak als ein Werk, das eine neue literarische Epoche einleitete, doch weist es Kritikern nach dramaturgische Mängel auf. Das Werk besitzt einerseits eine große Bedeutung, da es die Epoche der „Empfindsamkeit“ einleitet, anderseits erscheinen die Handlungen unlogisch und die Rollen in hohem Ausmaß gekünstelt und äußerst sentimental. Dieses Paradoxon wird in Manfred Durzaks Poesie und Ratio (1970) näher beschrieben.

3. Inhalt

Lessings Werk erschien 1755 und ist ein bürgerliches Trauerspiel, das die Werte der Familie und die der Liebe thematisiert. Bestehend aus fünf Akten und in Prosaform geschrieben, spielt es sich im zeitlichen Rahmen von einem Tag auf einem Gasthof in England ab. Die äußerst tugendhafte und empfindsame Miß Sara Sampson hat sich der Liebe wegen heimlich von ihrem Elternhaus entfernt und möchte ihren Geliebten Mellefont in Frankreich heiraten. An dem Gasthof sehen sich die Beiden gezwungen, eine angebliche Erbschaft Mellefonts abzuwarten, um über die nötigen finanziellen Mittel für eine Hochzeit in Frankreich zu verfügen. Der Zustand des unehelichen Zusammenlebens ist für Sara nur schwer zu ertragen, da sie die Segnung der Kirche benötigt, um ihre Tugend bewahren zu können. Außerdem plagt sie ihr schlechtes Gewissen, da sie ihren liebevollen Vater, Sir William Sampson verlassen hat, mit dem sie eigentlich ein gutes Verhältnis hat. Dieser reist Sara mitsamt seinem Diener hinterher und ist gewillt, ihr zu verzeihen, da er für seine Tochter tiefe Zuneigung empfindet. Er kommt im gleichen Gasthaus wie die beiden Liebenden an und möchte im weiteren Verlauf seine Tochter mittels eines versöhnenden Briefes zur Rückkehr bewegen. Um sie nicht zu erschrecken und ihre Gesinnung in Erfahrung zu bringen, hält er sich anfänglich bedeckt und schickt seinen Diener mit dem Versöhnungsbrief zu Sara. Hinzu kommt eine weitere Figur, die der Marwood, eine ehemalige Geliebte Mellefonts, mit der er auch ein außereheliches Kind namens Arabella hat. Marwood möchte Mellefont um jeden Preis zurückgewinnen und richtet all ihre Handlungen auf dieses Primärziel aus. Allem Anschein nach ist nicht Liebe der Grund für ihre Bemühungen, sondern der der gesellschaftlichen Rehabilitation. Sie ist sehr fokussiert und versucht mithilfe von Intrigen und Schauspielerei Mellefont zur Rückkehr zu bewegen. Nachdem sie allerdings realisiert, dass dieser Sara wirklich liebt, gelingt es ihr durch eine Täuschung Sara zu vergiften. Sara erliegt der Vergiftung im letzten Akt, nachdem sie Frieden mit ihrem Vater schließt und ihrer Kontrahentin großzügig verzeiht. Saras Schicksal und seine Teilhabe daran lässt Mellefont verzweifeln und treibt ihn in den Suizid. Er erdolcht sich, nachdem Sir William Sampson ihm verzeiht und als Sohn annimmt. Marwood flüchtet, doch ihre Tochter Arabella wird von Sir William Sampson adoptiert.

4. Die Unterschiede der beiden Frauen

Der liebt nicht, der die Fehler des Geliebten nicht für Tugenden hält

-Johann Wolfang von Goethe

Meines Erachtens nach spiegelt Goethes Zitat Saras Einstellung gegenüber Mellefont in adäquater Weise wider. Aus der objektiven Perspektive des Zuschauers lassen sich im Laufe des Trauerspiels immer wieder Situationen herausfiltern, in denen Sara mit sehr wohlwollenden, zeitweise gar naiven Einstellungen gegenüber Mellefonts Vergangenheit auffällt. Dessen ehemalige Geliebte Marwood hingegen, ist mehr in der Lage, Mellefonts Wesen zu durchleuchten und seine Beweggründe zu erforschen. Doch dies sind nicht die einzigen Unterschiede zwischen den beiden Frauenfiguren. Jede Frau für sich verkörpert ein schienbar komplementäres Frauenbild und so unterscheiden sich auch die Handlungen und Beweggründe der Figuren. Diese sollen im Folgenden näher beleuchtet und anschließend interpretiert werden.

4.1 Tugendhaftigkeit und Lasterhaftigkeit

Die Tugend wird immer wieder betont und ist an rund 180 Stellen im Text wiederzufinden, wo sie Gegenstand einer Unterhaltung ist. Somit nimmt sie eine zentrale Rolle in dem Werk ein und ihre Erhaltung ist das Bestreben Saras. Deren unschuldiges Wesen, sittliches Benehmen und tiefer Glaube an Gott lassen keinen Zweifel daran, dass sie die Tugendhaftigkeit verkörpert. Diese Tatsache wird in Situationen verdeutlicht, in denen andere Figuren über Sara reden. „Das beste, schönste, unschuldigste Kind, das unter der Sonne gelebt hat... .“ So lautet Waitwells Urteil über Sara, das er während eines Gesprächs mit Saras Vater, Sir William Sampson im ersten Akt fällt (S.5). Ferner heißt es „Sie haben das liebreichste und zärtlichste Herz, das die beste ihres Geschlechts nur haben kann.“ (S.35). Doch auch aus anderen Gesprächen kann immer wieder herausgefiltert werden, dass Sara allgemein einen guten, wenn nicht gar exzellenten Ruf genießt. Selbst ihre Konkurrentin Marwood muss gestehen, dass Sara eine anscheinend vollkommene Person ist. „ [...], daß das beste Mädchen oft den nichtswürdigen Mann lieben kann.“ (S.50). Von der Tugendhaftigkeit wird oft gesprochen und die Einstellungen der Figuren ihr gegenüber suggerieren dem Leser, dass ihre Erhaltung oder das Bestreben danach von einer Frau erwartet wird. Etymologisch gesehen bedeutet Tugendhaftigkeit zwar in erster Linie „Nützlichkeit“, doch es kann auch mit Keuschheit gleichgesetzt werden, was im Hinblick auf Sara nur bestätigt werden kann.

Saras Rivalin hingegen genießt einen denkbar schlechten Ruf. Kaum eine Textstelle lässt sie in einem guten Licht dastehen und auch ihre Handlungen revidieren den Anschein nur unzureichend. Auch über Marwood wird des Öfteren gesprochen, jedoch unterschieden sich diese Gespräche völlig von denen über Sara. Marwood wird die meiste Zeit über in einem denkbar schlechten Licht dargestellt und kaum einer traut ihr sittliche Charakterzüge zu. In einer Unterhaltung mit Mellefont redet dessen Diener Norton über die Vergangenheit seines Herrn und resümiert diese. „[...]Und ihr strafbarer Umgang mit allen Arten von Weibsbildern, besonders der bösen Marwood-„ (S.4). Doch auch Mellefont selbst verflucht seine ehemalige Geliebte und wünscht ihr gar den Tod. „Verflucht sei ihr Name! Daß ich ihn nie gehört hätte! Daß er aus dem Buche der Lebendigen vertilgt würde!“ (S.12). So wie Sara die Tugend darstellt, so steht Marwood für die Lasterhaftigkeit einer Frau. Ihr Name wird oft in einem Atemzug mit den Begriffen Laster und Buhlerin genannt. „ Eine buhlerische Marwood führte mich in ihren Stricken, [...]“ (S.11). „Ich gehe und habe Ihnen weiter nichts zu sagen, als daß Sie mich in wenig Tagen auf eine Art sollen gebunden wissen, die Ihnen alle Hoffnung auf meine Rückkehr in Ihre lasterhafte Sklaverei vernichten wird.“ (S.17). Doch auch Marwood selbst ist sich im Klaren darüber, dass sie eine lasterhafte Person ist. Sie steht nicht nur zu dieser Tatsache, sondern instrumentalisiert diese sogar, wenn sie sich davon Vorteile erhofft. „ Ich will Sie an den ersten Tag erinnern [...], an das zitternde Erwarten der nahenden Wollust; an die Trunkenheit ihrer Freuden; an das süße Erstarren nach der Fülle des Genusses, in welchem sich die ermatteten Geister zu neuen Entzückungen erholten.“ (S.19). So wird auch in diesem Ausschnitt deutlich, dass Marwood ihre Sexualität genießt und bewusst einsetzt, was den Gedanken der Tugendhaftigkeit heftig widerspricht. Außerdem haben Marwood und Mellefont ein außereheliches Kind namens Arabella. Das Kind ist somit ein Beweis für die verlorene Jungfräulichkeit Marwoods, also dessen verlorene Tugendhaftigkeit.

[...]

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Details

Titel
"Miß Sara Sampson" von Gotthold Ephraim Lessing. Ist Sara die Inkarnation der Tugend und Marwood die personifizierte Lasterhaftigkeit?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Germanistik)
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V324288
ISBN (eBook)
9783668234710
ISBN (Buch)
9783668234727
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessing, Miss Sara Sampson, Tugend, Frauenbild, Emanzipation
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, "Miß Sara Sampson" von Gotthold Ephraim Lessing. Ist Sara die Inkarnation der Tugend und Marwood die personifizierte Lasterhaftigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324288

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