Die Zweideutigkeit der Wirklicheit in "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das serapiontsche Prinzip
2.1 Zwei feindliche Prinzipien
2.2 Die höhere Welt
2.3 Transzendentaler Realismus
2.4 Ironie

3 Die verschiedenen Realitätsebenen
3.1 Das Wunder im Alltag
3.2 Die Realität
3.3 Das Wunderbare
3.4 Verbindung von Realität und Wunderbarem

4 Die Personen
4.1 Bürger, Geister und Anselmus
4.2 Der Leser
4.3 Der Erzähler

5 Erzähltechnik
5.1 Sinnestäuschungen
5.2 Übergang zum Glauben
5.3 Perspektivwechsel
5.4 Bewährung des Glaubens

6 Zusammenfassung

7 Literaturangabe

1 Einleitung

Eines der beherrschenden Themen E.T.A. Hoffmanns ist die Zweideutigkeit der Wirklichkeit. In fast allen seinen Werken taucht dieses Motiv auf. Die Darstellung der Duplizität ist dem Autor am vollkommensten im goldenen Topf gelungen.

Mit fester Überzeugung einer höheren Welt, beschreibt er hier den wiederholten und vollkommen unerwarteten Einbruch des Phantastischen in den gewohnten Alltag der Bürger. Während anfänglich der Hauptperson und dem Leser die eigentümlichen Geschehnisse noch als Sinnestäuschungen erscheinen, erlangen sie mit fortschreitendem Verlauf der Handlung immer mehr Glaubwürdigkeit. Vor allem die Erzähltechnik trägt einen wesentlichen Anteil zu diesem Perspektivwechsel bei. Aber auch die Art der Darstellung der handelnden Personen, des Erzählers und der Anrede des Lesers bewirken dies mit.

Diese Arbeit soll sich damit beschäftigen, auf welche Weise genau die beiden Welten dargestellt werden und wie sich deren, damit zusammenhängender, Perspektivwechsel allmählich vollzieht.

2 Das serapiontsche Prinzip

2.1 Zwei feindliche Prinzipien

Die romantische Dichtung sieht die Befangenheit des menschlichen Geistes an dem Festhalten des Interesses an der Welt und der Vernunft. Ihre Forderung besteht deshalb in einer vollkommenen Inhaltsleere. Dies und der feste Glaube an das Phantastische ist eine nötige Vorbedingung, um „Zugang zum Reich wahrer Freiheit“1 zu erhalten. Dieser Idealismus soll nach Auffassung der Romantik ohne eine Hinterfragung angenommen werden. Da diese abstrakten Vorstellungen dem Leser schwer verständlich sind, versucht sie der Autor durch Allegorien näher zu bringen.

Im goldenen Topf werden aus diesem Grund zwei sich feindlich gegenüberstehende Prinzipen entworfen, wobei es sich in der Hauptsache um zwei Figuren handelt, einen Bösewicht (das Apfelweib) und eine Symbolfigur des Wunderbaren (Serpentina), die stets dazu auffordert, an die höhere Welt zu glauben. Diese Methode soll der poetischen Phantasie die „Stellung zur Realität als das einzig objektive Urteil“2 verleihen.

2.2 Die höhere Welt

Hoffmann war fest von der Existenz einer höheren Welt überzeugt. Diese, so meinte er, zeigte sich aufmerksamen Menschen bei bestimmten Ereignissen des alltäglichen Lebens. Jene phantastischen Erlebnisse erscheinen dem Autor genauso real wie die Wirklichkeit selbst. Für Hoffmann stellte das serapiontsche Prinzip ein oberstes Gebot in seinen Werken dar. Er selbst glaubte fest daran, denn der Künstler müsse ja daran glauben, woran er die anderen glauben machen möchte3. Allerdings besaß er in dem gleichem Maße auch eine Auffassungsgabe für die Realität. Denn nur wer über die Erkenntnis beider Welten verfügt, kann auch die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten des gleichen Sachverhalts wahrnehmen. Wem dagegen nur die Sicht einer Welt zukommt, der ist entweder ein Wahnsinniger, der nur das Phantastische sieht oder ein Philister, der lediglich das Offensichtliche wahrnimmt. Beides bedeutet für Hoffmann einen schwerwiegenden Mangel.

„Eine Bereitschaft dafür muss freilich als Anlage im Menschen vorhanden sein, nämlich die Empfänglichkeit für die Schönheit in Natur und Kunst.“4 Diese Gabe besitzt die Hauptperson des goldenen Topfes, Anselmus. Er lebt in der alltäglichen Welt, gewinnt allerdings im Verlauf der Handlung auch die Erkenntnis der höheren Welt.

Für Hoffmann existiert das Wunder im Alltag. In seinen Werken versucht er eine „Doppelrealität im Erleben des Menschen“5 aufzeigen. Durch diese Darstellungsweise wird die Natürlichkeit des Wunders, das sich in allen möglichen gewöhnlichen Gegebenheiten finden lässt, ersichtlich.

Demzufolge erweisen sich auch Geschehnisse im goldenen Topf im Nachhinein als sehr viel bedeutender als sie anfangs erschienen. Dies weist auf ein Einwirken der jenseitigen Welt hin. Erkenntlich wird das an den zeichenhaften Vordeutungen. Jene Zeichen werden allerdings immer erst im Nachhinein als diese erkenntlich. Sobald diese Vorboten in den Alltag einbrechen, wirken sie befremdlich.

Die Wirklichkeit ist nie eindeutig. Sie erscheint lediglich den unpoetisch gestimmten Menschen des Philistertums auf diese Weise. Diese sind in ihrer Sichtweise beschränkt und können in den Erscheinungen nur das ihnen Offensichtliche, das Gewohnte, erkennen. Versucht man jedoch sich auf die phantastische Seite der Realität einzulassen, so kann man auch die „Doppelbödigkeit der Wirklichkeit“6 erfassen. Hinter jeder offensichtlichen Auffassung einer Begebenheit verbirgt sich somit auch eine phantastische Anschauungsweise des selben Gegenstands. Um dies zu ermöglichen, muss man sich jedoch zuerst seiner Zweifel entledigen.

2.3 Transzendentaler Realismus

Hoffmanns besondere Art, die Wirklichkeit aufzufassen und sie dem Leser zu vermitteln, zeichnet seine Darstellungsweise der Duplizität aus. Auf der einen Seite stehen die realen Begebenheiten, die sich auf eine prosaische Weise repräsentieren. Allerdings kann man hinter jeder jener Begebenheiten auch eine höhere Bedeutung finden. Diese aufzuzeigen versucht der Autor, indem er seine subjektiven Eindrücke der Wirklichkeit an den Leser weitergibt. Hoffmann besaß eine besonders bewusste Auffassungsgabe der Realität und gleichzeitig einen tiefen Glauben in eine höhere Welt, die sich dahinter verbirgt.

Im goldenen Topf wird die Hauptperson deshalb vor die wesentliche Entscheidung gestellt, entweder zu einer äußerlich schönen (oberflächlichen) Person oder einem irrealen Wesen, dem er innerlich durch einen tiefen Glauben verbunden ist, zu stehen. Hoffmanns besondere Kunst besteht vor allem in der Akzentverschiebung die in den verschiedenen Handlungsebenen statt findet. Während zu Beginn die Wirklichkeit die Maßstäbe zur Beurteilung verschiedener Situationen bereitstellt, verlagert sich dies im Laufe des Geschehens immer weiter auf das Phantastische, ohne dass dabei ein wesentlicher Eingriff in den Inhalt vorgenommen würde. Die veränderte Auffassung der Wirklichkeit erfolgt vor allem durch den veränderten Aufbau der Erzählstruktur. Letztendlich erscheint die Welt, in der Serpentina und Linhorst zu Hause sind, genauso real wie die Wirklichkeit selbst.

2.4 Ironie

Durch die Ironie werden Transzendenz und Realität miteinander verbunden. Dies zeigt sich dadurch, dass die phantastischen Erlebnisse des Anselmus von den Philistern immer wieder banalisiert werden. Denn diese können sich nicht aus der Sphäre ihres Wahrnehmungsbereichs herausbewegen. Ihre Erklärung, der scheinbar wunderbaren Geschehnisse, teilen sie darauf folgend der transzendental gestimmten Person mit. Somit erhält das Erlebnis anschließend eine Desillusion. Es passt sich nun der vorstellbaren bürgerlichen Realität an. Anselmus und somit auch der Leser werden dadurch einer Unsicherheit ausgesetzt, die oftmals auf das phantastische Erlebnis folgt. Die realen, von der Umwelt anerkannten, Schönheiten (Veronika) treten mit den nur subjektiv bewussten (Serpentina) in Konkurrenz. Letztendlich soll sich das als gültig erweisen, was auch real erscheint, und nicht das, was nach bürgerlichen Maßstäben wirklich ist. Für Hoffmann „ist jede Transzendenz [...] in dem Sinne real, als sie subjektiv ist, denn das Wunderbare besteht nur in seinem Glauben“7.

Der Autor fasste die Existenz des Wunderbaren in der Weise auf, dass jene in allen gewöhnlichen Gegebenheiten inbegriffen ist. Jeder ist dadurch in der Lage, das Phantastische zu erblicken, falls er nur den Willen dazu besitzt. Hoffmanns eigne Aussage dazu lautet: „Ich meine, dass die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, sodass jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann, immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem phantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben.“8

3 Die verschiedenen Realitätsebenen

3.1 Das Wunder im Alltag

Bei Hoffmanns Märchen geschieht das Wunderbare erstmals in der romantischen Dichtung nicht fern ab vom Alltag, sondern es geschieht mitten in der realen Welt. Es stiftet eine Verwirrung im gewohnten Leben. Denn die Helden werden ebenso wie auch die Leser in eine spezielle Lage versetzt. Sind sie erst einmal in der Wirklichkeit mit dem Wunderbaren in Kontakt gekommen, so sind sie im Verlauf der weiteren Handlung auf alles gefasst, nichts erscheint mehr unmöglich. „Es wird ihnen jedes neue aber auch jedes altvertraute Lebewesen und Ding grundsätzlich wunderverdächtig. Allemal ist dann Befremdliches zu argwöhnen, ganz egal, ob der Argwohn sich bestätigt oder nicht.“9 Der Autor versucht damit die Wirklichkeitsauffassung grundsätzlich in Frage zu stellen. Auch „dort, wo die mehrdeutigen Erscheinungen sich unverhofft als eindeutig herausstellen, ist die grundsätzliche Unsicherheit nicht behoben. Denn wer darauf und dran ist, mit dem Unberechenbaren zu rechnen, mag sich vollends bestätigt fühlen, wenn es ausbleibt.“10 Auf diese Weise „wird das ganze Märchen zur Allegorie des Zwiespalts zwischen Traum und Wirklichkeit, den der Künstler zu bewältigen hat.“11

3.2 Die Realität

Das Märchen beginnt dementsprechend auch mit einer ganz bestimmten Ortsangabe – Dresden, am Schwarzen Tor. Man befindet sich hier in der „bürgerlichen Realität“12. Zweckmäßige Einrichtungen herrschen vor. Das ist die „Scheinwelt der Philister“.13 Vertreten werden diese zunächst durch die Spaziergänger in der ersten Vigilie, später auch durch andere Personen des Bürgertums.

Auch ein genauer Zeitpunkt, nämlich der Himmelfahrtstag, nachmittags um drei Uhr, wird angegeben. Unvermittelt befindet sich der Leser also in diesem Raum und damit in dem laufenden Geschehen. Über die Herkunft und die Bewandtnis der Personen erfährt er zunächst nichts.

3.3 Das Wunderbare

Während Dresden die Wirklichkeit veranschaulicht, stellt der zweite bedeutende Ort in diesem Werk, Atlantis, das Reich der Poesie dar. Es ist der „symbolische Ort der wahrhaftigen Seligkeit“14. Schon in der ersten Vigilie erscheint neben den gewöhnlichen Menschen ein Elementargeist, der als dieser jedoch nicht sofort klar zu erkennen ist. Er wird vertreten durch das Apfelweib. Dieses steht für die abgefallene Vernunft der Bürgerwelt, ebenso wie der Apfel die Sünde symbolisiert. Die entgegengesetzte Seite, der Einklang aller Lebewesen, wird durch Serpentina und Linhorst repräsentiert.

Die Urgeschichte erscheint aus der Sicht des Lesers grauenvoll und anziehend zugleich. Doch der moderne Mensch kann sie ohne weiteres nicht erkennen. Aus diesem Grund wurde der mythische Hintergrund in das Märchen eingebracht. Durch diesen Eingriff wird an den ursprünglichen paradiesisch Zustand erinnert. Jener konstruierte Hintergrund des Märchens „bietet die symbolische Parallele zur realen Rahmenhandlung, ist die in die urzeitliche Ferne verlegte Urgeschichte, die sich in der zeitgenössischen Dresdener Realität nur wiederholt“15.

3.4 Verbindung von Realität und Wunderbarem

Die beiden Welten kommen erstmals miteinander in Kontakt, als Anselmus ein Missgeschick passiert und er unverhofft in den Korb des Apfelweibes stürzt. Was zunächst wie ein lächerlicher Vorfall erscheint, wirkt durch den Fluch und die gellende, krächzende Stimme der alten Frau wie eine grauenhafte Vordeutung. Aber ihre Worte sind rätselhaft. Es lässt sich erahnen, dass sich hinter diesem Geschehen mehr verbirgt. Jedoch wird eine tiefere Bedeutung der ganzen Situation lediglich angedeutet. Gleichzeitig wird dies aber auch offen gehalten. Es werden keine konkreteren Angaben zum weiteren Verlauf gegeben. Durch diese Erzähltechnik bereitet der Autor eine Reihe von sonderbaren Erlebnissen des Anselmus vor. Das Merkwürdige liegt dabei nicht in der Situation selbst, sondern in der Erzähltechnik, welche einen bestimmten Sinn nahe legt, ihn aber gleich wieder zurücknimmt und somit durch die damit entstehende Verfremdung und Irritation nur um so eindringlicher auf das verborgene Wirken des Wunderbaren hinzuweisen.16 Im weiterem Verlauf des Geschehens tauchen nun immer wieder Konfrontationen zwischen Realität und Wunderbarem auf, wobei das Phantastische immer wieder ganz unverhofft in die Wirklichkeit einzubrechen scheint.

[...]


1 Wellenberger, Georg: Der Unernst des Unendlichen. Die Poetologie der Romantik und ihre Umsetzung durch durch E.T.A. Hoffmann, Marburg 1986, S.159

2 Ebd.

3 Vgl. Cohn, Hilde: Realismus und Transzendenz in der Romantik, insbesondere bei E.T.A. Hoffmann, Heidel- berg 1933, S. 47

4 Cohn: a.a.O., S. 47

5 Ebd., S. 48

6 Wellenberger: a.a.O., S. 141

7 Cohn: a.a.O., S.53

8 zitiert nach E.T.A. Hoffmann, in: Cohn: a.a.O., S. 53

9 Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen, München 2002, S. 197

10 Ebd.

11 Schumacher, Hans: Narziß an der Quelle. Das romantische Kunstmärchen, Wiesbaden 1977, S. 115

12 Wellenberger: a.a.O., S. 127

13 Ebd.

14 Ebd., S.128

15 Schumacher, a.a.O., S. 117

16 Vgl. Wellenberger: a.a.O., S.129

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Zweideutigkeit der Wirklicheit in "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakulät)
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V32566
ISBN (eBook)
9783638332521
ISBN (Buch)
9783638789752
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweideutigkeit, Wirklicheit, Topf, Hoffmann
Arbeit zitieren
Susanne Fass (Autor), 2004, Die Zweideutigkeit der Wirklicheit in "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32566

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