Die Ständegesellschaft in Mähren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

26 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Landespatriotismus und Loyalität

2. Die Regierung Ferdinands I. (1526-1564)
2.1. Die Erbfolge Ferdinands
2.2. Die Regierungsgrundsätze Ferdinands I.
2.3. Die Schlacht von Mohacs und deren Folgen
2.4. Die ständische Oppositionsbildung in Mähren

3. Rudolf II. und der Weg zur Gegenreformation
3.1. Die Erbfolge Rudolfs II
3.2. Auf dem Weg zur Gegenreformation unter Rudolf II.
3.3. Der „Bruderzwist“ im Hause Habsburg

4. Gegenreformation und Ständeaufstand in Böhmen und Mähren
4.1. Die katholische Glaubenserneuerung und Gegenreformation
4.2. Aufstand und Gegenreformation unter Ferdinand II.
4.3. Die „Politiques“: Konfessionelle Orientierung und politische Landesinteressen in Böhmen und Mähren
4.4. Die „Verneuerte Landesordnung“ für Böhmen und Mähren

5. Fazit und abschließende Bemerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einführung

Was sind die Gründe für die Kontinuität der Adelsmacht in den habsburgischen Ländern in der Frühen Neuzeit? Diese Fragestellung umfasst Probleme wie die sozialen Verhältnisse und den Staatsaufbau der habsburgischen Herrschaft.[1]

Das Verhältnis zwischen Adel und Herrscher

Der absolutistische Machtstaat der Habsburger war eine Voraussetzung und ein Modell für den Verfassungs- und Nationalstaat im 19. Jahrhundert. Dieser war ein Staat, der seine eigenen sozialen und politischen Grundlagen nicht rational darlegte, sondern propagandistisch überhöhte. „In einer gesamteuropäischen Perspektive wird diese Form des absolutistischen Staates als „Normalfall“ einer Modernisierungstendenz in der Frühen Neuzeit angesehen, der zum erfolgreichen Staatsaufbau führt.“[2] Die Entwicklung im habsburgischen Machtbereich beispielsweise durch die Verneuerte Landesordnung von 1627 kann in diesem Sinn als Schritt zu einem absolutistischen Staat angesehen werden.

Die Konflikte zwischen Adel und Herrscher

Eine bedeutende Richtung innerhalb der Geschichtswissenschaft betont den Machtkampf, der im 16. Jahrhundert zwischen den Habsburgern und den vom Hochadel dominierten Landständen um politische Ansprüche bestand. Dieser Machtkampf wurde noch verstärkt durch die konfessionelle Spaltung und verlagert auf die symbolische Ebene. Besonders um die Konfessionalisierungsfrage entzündeten sich die Konflikte zwischen Adel und Herrscher, die letztlich ihren Höhepunkt in der Erhebung der Stände von 1620 ihren Höhepunkt fanden.[3]

Gab es eine Alternative zum absolutistischen Staat habsburgischer Prägung?

Was die Landstände angeht, so stellte der landständische Adel immer nur den kleineren Teil des gesamten Adels. Im 16. Jahrhundert mobilisierte die Türkengefahr ebenso wie die Reformation die organisatorischen Aktivitäten der Stände. Diese Aktivitäten führten aber schließlich nur zu dem, was als so genannter „Dualismus“ in der Verwaltung bezeichnet wird. Dieser Begriff bezeichnete eben die Alternative zum absolutistischen Machtstaat.

Was war die Konfliktlinie zwischen den Ständen und dem Herrscher?

Diese Alternative zum „absolutistischen, bürokratischen und expansiven Befehlsstaat“[4] wurde jüngst besonders in den komparatistischen Ansätzen besonders betont. So beinhaltet dieser Ansatz die Vorstellung eines konsensgebundenen Ständesystems, das „in Ostmitteleuropa eine modellhafte frühparlamentarische Alternative zum Absolutismus funktionsfähig erhielt“[5].

Die Kollaboration des Adels

Nach 1620 setzte in Böhmen und den Erblanden der Versuch ein, einen habsburgisch- böhmisch- österreichischen loyalen Adel zu schaffen. Zudem versuchte der Herrscher einen disziplinierten Adel im Umfeld des Hofes anzusiedeln.[6]

Die Adelskonkurrenzen

Ein besonderes Merkmal ist die Ausdifferenzierung des Adels in einen „Herrenstand“ und einen „Ritterstand“. Hinter dieser Differenzierung stehen verschiedene soziale und verfassungsrechtliche Gesichtspunkte. Für Böhmen und Mähren ist bei dieser Entwicklung kennzeichnend gewesen, dass die wirtschaftliche Begünstigung des Hochadels sich in einem zahlenmäßigen Anwachsen des Herrenstandes gegenüber dem Ritterstand ausdrückte.[7]

Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts benutzten die Habsburger ihre Rekrutierungsmöglichkeiten (Vergabe von Hofämtern, Nobilitierungen etc.), um ihre Macht durchzusetzen. Dabei favorisierten sie nachgewiesenermaßen den katholisch loyalen Teil des Adels. Die Konfessionalisierung brachte keine grundsätzliche Schwächung der ständischen Bewegung. Eberhard zufolge löste sie sogar eine erneute Dynamik aus. Böhmen und Mähren nahmen dabei eine unterschiedliche Entwicklung:

Während in Böhmen durch den Zusammenschluss der Reformierten Konfessionen 1575 die evangelischen Stände politisiert wurden, verhinderte in Mähren offenbar die religiöse Toleranz eine ähnliche Formierung. Zudem hatte die „alte“ Kirche die Hussitenzeit besser überstanden als in Böhmen. Die katholische Kirche musste dort aber für religiöse Toleranz sorgen, womit gleichzeitig Bestrebungen nach Schaffung einer evangelischen Landeskirche keine Grundlagen besaßen. „Die unterschiedlichen Entwicklungsverläufe in Böhmen und Mähren machen somit die Grundlagen ständischer Freiheitsideologie deutlich: Es handelt sich um kollektive Freiheit einer privilegierten Gruppe, keine individuellen Freiheiten.“[8] Nach diesem Modell widersetzte sich der Adel also dem Ausbau der Staatsmacht der Habsburger nicht grundsätzlich, weil er ja von diesem profitierte. Der Teil des Adels leistete Widerstand, der sich ausgeschlossen fühlte und daher verstärkt ständische Aktivitäten betrieb.

Stand der Forschung und Quellenlage

Bislang sind die Länder der böhmischen Krone nicht in ihrer Gesamtheit untersucht worden. In dem Band von Joachim Bahlke: „Regionalismus und Staatsintegration im Widerstreit: die Länder der böhmischen Krone im ersten Jahrhundert der Habsburger (1526- 1619)“ ist nunmehr versucht worden, die wechselseitigen Beziehungen der Kronländer und die Entwicklung des Ständewesens auf überregionaler Ebene darzustellen. Lange Zeit beschränkte sich die Forschung auf Arbeiten über das Hauptland Böhmen. Winfried Eberhard

forderte eine neue Darstellung der Geschichte, in der die „Einheit der Kronländer in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und Verwiesenheit auf den einen König ebenso wie ihre Interessengegensätze und unterschiedlichen Strukturen“[9] berücksichtigt werden müssten. Neuerdings ist auch auf tschechischer Seite versucht worden, die vielfältigen Beziehungen zwischen den Ländern der böhmischen Krone stärker zu berücksichtigen. Besonders Jaroslav Panek hat in einer Reihe wegweisender Studien über die unterschiedlichen Strukturen in den einzelnen Kronländern gearbeitet. Was den Stellenwert des Adels angeht, so hat sich die Forschungslage entscheidend verändert: Noch vor zwanzig Jahren wurden nur wenige Versuche unternommen, die Struktur des Adels als soziale Gruppe zu beschreiben. Komparatistische Ansätze wie der von Joachim Bahlke versuchen neuerdings eine Brücke zwischen Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu schlagen.[10]

Auf deutscher und tschechischer Seite wurde bisher auch das böhmische Ständewesen in habsburgischer Zeit unterschiedlich bewertet: Das Jahr 1918 nämlich bedeutete in diesem Zusammenhang nicht nur den Zerfall der Habsburgermonarchie und die Entstehung des tschechoslowakischen Nationalstaates, sondern auch einen Perspektivwechsel in der tschechischen Geschichtsschreibung. Galten die Stände bis 1918 als hemmend für die Entwicklung der absolutistischen Habsburgermonarchie, gewannen sie nach 1918 eine wichtige identitätsstiftende Funktion für die junge tschechische Demokratie.[11] Nach der kommunistischen Machtergreifung im Jahr 1948 wurden, bedingt durch die marxistische Geschichtswissenschaft, stärker sozio- ökonomische Fragestellungen in den Vordergrund gerückt. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund analysierte Eberhard in seinem Aufsatz: „Konfession, Stände und Nation 1400- 1620“, die Darstellung dieser Epoche in tschechischen Schulbüchern der 1970er Jahre. Unter den damaligen marxistischen Voraussetzungen in der Forschung hoben die Darstellungen in den Schulbüchern die sozialrevolutionäre Bedeutung dieser Epoche hervor. Der politische Begriff der Stände erschien nach der Untersuchung Eberhards in der tschechischen Schulbuchliteratur relativ selten. In ihnen sah man soziale Gruppen und Klassen, aber keine politische Korporationen. Erst bei der Abhandlung Husas über die Herrschaft Ferdinands wurden die Stände als Strömung „eines Teils des Adels und des Bürgertums“ dargestellt, die sich gegen die frühabsolutistischen Tendenzen des Herrschers wandten. Eine solche Beachtung der ständischen Opposition blieb Eberhard zu folge jedoch vereinzelt.[12] Im Gymnasialbuch von Charvat von 1976 fand Eberhard die politischen Stände nur als „Protestanten“, „Katholiken“ sowie als „protestantische Fürsten und Städte“ erwähnt. Zwar wird deutlich gemacht, dass sich in den mitteleuropäischen Ländern die ständische Opposition in Verbindung mit der Reformation gegen die Habsburger stellte und dass der böhmische Majestätsbrief von 1609 ein Sieg der Stände über diesen Absolutismus war. Der Ständeaufstand von 1618 aber ist nur noch ein Kampf zweier Feudalgruppen um die Macht.[13]

Insgesamt bewertet Eberhard die Schulbuchdarstellungen folgendermaßen: Die Formierung von politischen oppositionellen Ständegruppen hätte deutlicher in ihrem Wert für die politische Gestaltung des historischen Prozesses der konstitutionellen Ständemonarchie und des autokratischen Absolutismus hervorgehoben werden müssen. Dadurch wäre dem politischen Durchbruch des Bürgertums in Form der Stände mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden.

1. Landespatriotismus und Loyalität

Das mittelalterliche Mähren blieb im Gegensatz zum verwaltungsmäßig einheitlichen Böhmen ein politisch zerstückeltes Land. „Eine Reihe von Ansätzen, das in drei Teilfürstentümer gegliederte premyslidische Mähren im 11. und 12. Jahrhundert zu einen, schlug fehl.“[14] Daher konnte sich weder ein Herrschaftsmittelpunkt noch ein eigener Fürstenhof in Brünn, Olmütz oder Znaim bilden. Diese Städte waren neben der Bergbaustadt Iglau die bedeutendsten des Landes. Regiert wurde Mähren nach dem Aussterben der dortigen Premysliden am Ende des 12. Jahrhunderts, indirekt durch den böhmischen König vertreten durch seinen Burgverwalter.[15]

Am Ende des Spätmittelalters und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verfestigten sich die Privilegien der führenden Herrengeschlechter in Böhmen und Ungarn. Wie bereits erwähnt, wurde der Hochadel als Adelselite wirtschaftlich gegenüber dem Ritterstand bevorzugt. Dies ist eine Scheidelinie zwischen den Eliten, die spätestens um 1600 aber wieder erstarrt.[16]

In Mähren konnte sich, durch diese Voraussetzungen begünstigt, um die Wende des 13. und 14. Jahrhunderts, eine selbstbewusste Adelselite herausbilden. Bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts hatten sich etwa zwanzig Herrengeschlechter herausgebildet. Dieser Adel nahm in Mähren eine politisch, wirtschaftlich und kulturell dominierende Stellung ein. Das Reformationszeitalter nahm in Mähren eine andere Entwicklung als in Böhmen:

In den Hussitenkriegen waren die Auseinandersetzungen nicht von einer solchen Schärfe geprägt wie in Böhmen. Die katholische Kirche vermochte ihren Besitz und ihre Organisation zu erhalten. Zudem wurde von beiden Religionsparteien bereits im Jahre 1434 ein Landfrieden unterzeichnet, auf dessen Grundlage die Rechtsordnung und die Landeseinheit wiederhergestellt werden konnten.[17] Das Selbstbewusstsein des mährischen Hochadels kam im Anfang der achtziger Jahre des 15. Jahrhunderts vollendeten Tobitschauer Rechtsbuch zum Ausdruck. Dieses vereinte nicht nur das gesamte Rechtssystem der Markgrafschaft Mähren, sondern war gleichzeitig auch das politische Programm dieser mährischen Adelselite. „Keiner anderen Rechtssammlung in den böhmischen Ländern kam jene Autorität des Tobitschauer Rechtsbuchs zu, das den mährischen Ständen und ihrem politischen Selbstverständnis bis in das 17. Jahrhundert hinein gleichermaßen Stabilität und Selbstbewusstsein verlieh.“[18]

Hinsichtlich des Kennzeichens der Adelskonkurrenz innerhalb des habsburgischen Herrschaftsgebietes stellte sich die Situation in Mähren folgendermaßen dar: Anders als im nachhussitischen Böhmen konnten sich die Ritter gegenüber dem Kreis der knapp zwanzig alteingessenen Familien des Hochadels in Mähren bis zum Ende des 15. Jahrhunderts nicht durchsetzen. Die Autorität dieser Elite manifestierte sich in den höchsten Ämtern der Institutionen dieses Landes: Landeshauptmann, Kämmerer, Landrichter, Landschreiber und Unterkämmerer besetzten diese Gruppe ausschließlich aus ihren eigenen Reihen. „Zu den Sitzungen des Landrechts waren nur Vertreter solcher alteingessener Familien zugelassen, die schon seit mindestens drei Generationen dem Herrenstand angehörten.“[19] Im Jahr 1492 endlich konnten sich die Ritter in dem auf 20 Sitze beschränkten Landgericht neben dem Hochadel nun sechs Sitze sichern. Jetzt musste der Adel an die Ritter noch weitere Zugeständnisse machen:

[...]


[1] Vgl. Markus Reisenleitner. Frühe Neuzeit, Reformation und Gegenreformation, Innsbruck, 2000, S. 176.

[2] ebd., S. 177.

[3] Vgl. ebd., S. 178 f.

[4] Joachim Bahlke: Ständefreiheit und Staatsgestaltung in Ostmitteleuropa, S. 7, zit. nach: Reisenleitner, S. 182.

[5] Winfried Eberhard: Integration und Konsens im Ständesystem, eine Alternative zum Absolutismus, in: Frühneuzeit-info- 5, 1994, S. 201, zit. nach: Reisenleitner.

[6] Vgl.: ebd., S. 184 f.

[7] Vgl.: ebd., S. 185.

[8] ebd., S. 187.

[9] Bahlke: Regionalismus und Staatsintegration im Widerstreit, München, 1994., S. 10.

[10] Vgl. Reisenleitner, S. 177.

[11] Vgl. ebd., S. 10.

[12] Vgl. Eberhard: Konfession, Stände und Nation 1400- 1620, S. 115.

[13] Vgl. ebd.

[14] Bahlke, S. 32.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Reisenleitner, S. 185.

[17] Vgl. Bahlke: Regionalismus und Staatsintegration im Widerstreit, S. 33.

[18] ebd., S. 35.

[19] ebd., S. 37.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Ständegesellschaft in Mähren
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Zwischen Konfrontation und Kompromiss. Stände und Landesherren im östl. Mitteleuropa in der Frühen Neuzeit
Note
2,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V32785
ISBN (eBook)
9783638334143
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ständegesellschaft, Mähren, Zwischen, Konfrontation, Kompromiss, Stände, Landesherren, Mitteleuropa, Frühen, Neuzeit
Arbeit zitieren
Markus Schubert (Autor), 2004, Die Ständegesellschaft in Mähren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32785

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