Shakespeares Frauenfiguren in Komödie und Tragödie - Merchant of Venice und Othello


Hausarbeit, 2001
34 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einteilung nach gattungstypischen Merkmalen

3. Frauenfiguren in "The Merchant of Venice" und "Othello"
3.1 Portia und Nerissa in “The Merchant of Venice”
3.2 Die Ring-Episode
3.3 Desdemona und Emilia in “Othello”
3.4 Die Willow-Szene

4. Vergleich der Figuren nach Gattungen

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

1. Einleitung

In Shakespeares Stücken spielen Frauenfiguren oft eine entscheidende Rolle für den dramatischen Verlauf. Genau wie in der Realität der Zeit Shakespeares sind die meisten seiner weiblichen Charaktere der Dramen auch an die Regeln und Konventionen der elisabethanischen Zeit gebunden. So war zum Beispiel im damaligen England der Austausch von Frauen durch erzwungene Heirat, um Macht, Erbe, Mitgift oder Land zu erhalten, durchaus üblich. Frauen wurden von ihren Vätern besessen und durch die Hochzeit nach patriarchalischen Prinzipien an ihre Ehemänner weitergegeben, um sich deren harten Regeln zu unterwerfen. Nach außen hin galten Frauen in der Gesellschaft als verdächtig, da ihr Geschlecht und ihre Sexualität als mystische Kraftquelle galten, die den Männern offensichtlich Angst bereitete. Innerhalb dieser engen und von außen vorgegebenen Handlungsspielräume werden die Frauen in Shakespeares Dramen allerdings sehr unterschiedlich dargestellt.

Diese Arbeit geht an den exemplarischen Beispielen der Figuren Portia aus "The Merchant of Venice" und Desdemona aus "Othello" den Entwicklungen der Frauencahraktere vor dem Hintergrund nach, dass die jeweilige Gattung des Stückes, hier Komödie und Tragödie, spezifische Auswirkungen hat. Zunächst geht es um die Frage der Einteilung beider Stücke nach ihren gattungstypischen Merkmalen und ihrem zentralen Thema. Danach wird auf die Figuren im Einzelnen und ihre jeweilige Entwicklung im Kontext der Form des Stückes eingegangen. Beachtung finden hier auch die Nebenfiguren Nerissa aus "The Merchant of Venice" und Emilia aus "Othello", die als Zofen für die Hauptfiguren wirken, und je ein Motiv aus der Handlung, das für den Handlungsverlauf entscheidend ist.[1] Zentral in diesem Abschnitt ist, wie der Autor die gängigen Rollenvorstellungen der Frauen aus seiner Zeit einarbeitet und inwieweit er in dabei den Unterschied zwischen seinen Heldinnen der Komödie und der Tragödie herausstellt. Anschließend werden Komödie und Tragödie direkt anhand der Beispiele gegenüber gestellt, wobei im Vordergrund die Frage nach einer Shakespeare-typischen Verteilung der Figuren innerhalb der Gattungen steht.

2. Einteilung nach gattungstypischen Merkmalen

Die in dieser Arbeit betrachteten Gattungen Komödie und Tragödie gelten als langlebigste literarische Gattungen überhaupt, etabliert sind sie bereits seit der Antike. Interessant wird die Betrachtung von Shakespeares Frauenfiguren anhand dieser Gattungen wegen ihrer polaren Gegensätze.

„Komödie“ stammt von „komos“ (griechisch), was „nächtlicher Umzug, fröhliches Gelage unter Musikbegleitung“ bedeutet. Komik als Gattungsmerkmal der Komödie reizt zum Lachen durch kleine Ungereimtheiten, durch eine Abweichung von Normen, durch menschliche Schwächen und einem Missverhältnis zwischen Schein und Sein, auch durch Ironie. Oft gilt es auch, ein Rätsel zu lösen. Komik ist nicht immer für jeden verständlich, zum Teil wird ein Vorwissen und Verständnis besonderer Begebenheiten vorausgesetzt. Shakespeares literarische Komik ist größtenteils allgemein menschlich, beruhend auf Wortspielen, Verwechslungen und verbalen Anzüglichkeiten, und ist deshalb meist allgemein verständlich. Im Falle von „The Merchant of Venice“ allerdings handelt es sich nicht um eine „typische“ Komödie, wo das Lustige und die Komik im Vordergrund stehen, sondern das Stück beinhaltet viele Merkmale, die eine Zuordnung in eine andere Gattung andeuten. Als eher kritisches Thema hat diese Komödie die gegenseitige Abhängigkeit von Menschen, sei es zum Beispiel im wirtschaftlichen Bereich durch Verträge besiegelt oder auf familiärer Ebene durch ein Testament, das Portia in ihrer Partnerwahl abhängig von ihrem Vater macht.[2] Als tragisches Merkmal steht der Vertrag um ein Pfund Fleisch zwischen Antonio und Shylock, der später einem Todesurteil für Antonio gleichkommt. Antonio ist anfangs ein Beispiel für den typischen Helden der Tragödie, dem der totale Untergang nach eigenem Verschulden droht. Bevor es aber schließlich im „Merchant of Venice“ zu einem komödientypischen Ende kommt, in dem es keinen Schaden für die guten Charaktere gibt[3] und nur die schlechten Figuren beeinträchtigt enden,[4] sowie verschiedene Vermählungen stattgefunden haben,[5] zeigen kleine Episoden bereits den komödienhaften Status des Stückes.[6] Hier gibt es als Beispiel die „Casket-Szene“, in der Bassanio sich der Prüfung zur Tauglichkeit als Portias Ehegatte unterziehen muss, die er erst durch eine Täuschung antreten darf und mit Hilfe von Portia besteht.[7] So ist dann auch eine Einordnung von "The Merchant of Venice" als Komödie gerechtfertigt.

Als ein der Komik entgegengesetzt stehendes Erleben der Welt steht die Tragik, das Gattungsmerkmal der Tragödie. Frei definiert nach Aristoteles´ „Poetik“ ist die Tragödie die dramatische Darstellung eines Geschehens, in dem der Held - weder Verbrecher noch Heiliger- durch eine schuldhafte Verfehlung zuerst in Gefahr gerät und dann ins unausweichliche Verderben stürzt. Die tragischen Personen werden unausweichlich in Leid und Vernichtung geführt, unter Umständen auch in den Tod, wie z.B. Othello und Desdemona. Die Tragödie rührt an der grundsätzlichen Frage nach der Ursache des Leidens, nach der Natur des Bösen im Menschen, sie erweckt Mitleid und Trauer durch den erfolglosen Kampf gegen das Verhängnis. „Othello“, eingeordnet als eine der „großen“ Tragödien Shakespeares neben „Hamlet“, „King Lear“ und „Macbeth“, gilt als „subjektive“ oder „Charaktertragik“. Das Leiden erwächst aus den Eigenschaften der Person, zum Beispiel ihrem inneren Konflikt zwischen Passion und Rationalität.[8] Daraus ergibt sich ein äußerer Konflikt, der für das Publikum fassbar ist. Dem Zuschauer bleibt es, die Tragödie und ihre Charaktere zu bewerten und zu interpretieren, kleine Unklarheiten bleiben im Stück offen. So sind auch die allgemeinen Konflikte die das Thema von „Othello“ sind - das Verhältnis zwischen Frauen und Männern, Liebe und falsch verstandene Ehre - ungelöst. Allerdings weist „Othello“ auch Merkmale auf, die eher dem entgegengesetzten Genre der Komödie entsprechen, wie "The Merchant of Venice" als Komödie tragische Elemente aufweist. Als Beispiel ist hier der Beginn des Stückes zu nennen, wenn Othello den Vater von Desdemona trickreich hintergeht, um an die Hand der Tochter zu gelangen. Das führt am Ende des ersten Aktes fast zum Happy-End einer Liebeskomödie, der Vermählung. Desdemonas Vater Brabantio ist hierbei die traditionelle Komödienfigur, die dem glücklichen Lauf der Dinge im Wege steht und auf deren Kosten sich dann aber doch alles zum Guten wendet. Die sich aus dieser Konstellation aber schon abzeichnenden Konflikte, die sich später zur Katastrophe ausweiten und der von Iago ausgelöste und genährte Zwiespalt in Othello, der schließlich zu Mord und Verderben führt, sind die Merkmale, die "Othello" dann zur Tragödie machen.

3. Frauenfiguren in "The Merchant of Venice" und "Othello"

3.1 Portia und Nerissa in “The Merchant of Venice”

Beginnend mit dem Stück "The Merchant of Venice" folgt nun die Untersuchung der weiblichen Hauptpersonen. Im Zentrum der Frauenfiguren dieser Komödie steht Portia, die zusammen mit ihrer Zofe Nerissa die Handlung entscheidend prägt und deren Darstellung im Stück als exemplarisch für die Darstellung von Frauen in Shakespeares Komödien beleuchtet wird.

Portia ist die reiche Herrscherin von Belmont, der weiblich dominierten Gegenwelt zur männlich geprägten Stadt Venedig, in der alles dem Handel und ökonomische Motiven untergeordnet ist. Belmont stellt dagegen einen weiblich geprägten ländlichen Zufluchtsort dar, in dem Gastfreundlichkeit und Romantik zuhause sind unter dem Vorsitz Portias.

Gleich zu Beginn des Stückes lernt der Zuschauer Portia und ihre Situation kennen.[9] In einem intimen Gespräch mit Nerissa erfährt man von ihrer Traurigkeit, ausgelöst durch Langeweile und hauptsächlich durch das Testament ihres Vaters. Der hat ihr auferlegt, dass jeder Bewerber um ihre Hand eine Art Lotterie zu bestehen hat. Somit ist sie von Beginn an in einer Abhängigkeit vom Willen ihres Vaters und dem Schicksal, der Glücksgöttin Fortuna. Obwohl sie „Lord“[10] von Belmont ist, kann sie nicht über sich selbst verfügen und ist über diese Bedingungen bedrückt. Der Ernst um die vom Vater aufgestellte Lotterie zeigt sich durch die Sanktionen, die einem Bewerber bei Misserfolg drohen, unter anderem die Abgabe des Schwures, nicht mehr zu heiraten. Erkennbar wird aber gleichzeitig ihr aktiver Geist, ihr Bedürfnis das Schicksal aktiv zu gestalten und die Möglichkeiten innerhalb der Restriktionen durch den Willen ihres Vaters auszutesten. Dieser aktive Geist, der Portia im gesamten Stück charakterisiert, wird sichtbar in ihrem Selbstbewusstsein, mit dem sie sich im Gespräch mit Nerissa gegen den Druck durch den Plan ihres Vaters erhebt. Bestärkt wird dieser Eindruck auch durch Nerissas Worte, die aufgrund der „Virtuosität“ von Portias Vater annimmt, dass das Schicksal ihr bei der Partnerwahl gesonnen sei.[11] Portia lacht über die Bewerber, die bereits vergeblich um ihre Hand angehalten haben und es entsteht der Eindruck, dass auch sie überzeugt ist, trotz Vorbestimmung einen attraktiven Mann selbst zu finden. Hierbei stehen für Portia offensichtlich persönliche und moralische Qualitäten im Vordergrund, Wohlstand und Besitz zieht sie beim Sinnieren über ihre gescheiterten Bewerber nicht in Betracht. Als dann schließlich noch Bassanio im Gespräch mit Nerissa erwähnt wird und sich Portias Stimmung daraufhin sichtlich aufhellt, ist die Einführung und Charakterisierung der weiblichen Hauptfigur fast abgeschlossen. Dramaturgisch hat dieser Abschnitt des Stückes - Akt I, Szene 2 - kaum eine Bedeutung, er stellt Portias Charakter und die Funktion Nerissas heraus, die als Stimme des „Status quo“ sachlich Dinge festhält und den Zuschauer aufklärt, wie hier über den letzten Willen von Portias Vater. Portia wird ausschließlich durch eigene Aussagen oder durch Nerissa charakterisiert, Kommentare von anderen Figuren beeinflussen den Zuschauer noch nicht. Gleichzeitig wird auch der Eindruck von weiblicher Kameradschaft trotz des unterschiedlichen gesellschaftlichen Ranges erzeugt, ein privater weiblicher Zusammenhalt im Gegensatz zur öffentlichen Männerwelt.

Nachdem im zweiten Akt dann zwei weitere Männer beim Werben um Portias Hand an der Lotterie scheitern, da sie von jeweils drei Behältern einen falschen wählen, erscheint im dritten Akt, Szene 2, Bassanio in Portias Welt Belmont. Sehr schnell wird klar, dass Portia Bassanio als Partner für sich auserkoren hat, sie liebt ihn schon, bevor er sich der Lotterie unterwirft und auch er will sich durch Liebe zu ihr bei der Wahl leiten lassen.[12] Die Wahl Bassanios fällt dann auf den richtigen, aber äußerlich unscheinbarsten, Behälter, den aus Blei. Bei dieser Wahl soll Bassanio aber durch Portia und Nerissa geholfen worden sein, ein weiterer Hinweis, dass Portia ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt.[13] Durch die richtige Wahl Bassanios ist Portia somit aus dem Bann des Vaters befreit, sie gibt sich Bassanio scheinbar ganz hin,[14] behält aber trotzdem ihre Unabhängigkeit und Kontrolle und bewahrt ihre eigene Identität,[15] indem sie nun aktiv in das spätere Geschehen eingreift. Um sich für die Befreiung zu revanchieren, steht sie Bassanio und Antonio bei und will sie aus dem Bann des Vertrages mit Shylock zu lösen. Hierbei fällt zuerst besonders die Großzügigkeit auf, mit der Portia anbietet, Antonio freizukaufen.[16] Bereits vorher hat sie ihrem Bräutigam Bassanio einen Ring als formelles Zeichen ihres Bundes übergeben,[17] wobei Portia gleich vorausblickend sagt, sie hätte einen Vorteil gegenüber Bassanio auszuspielen, wenn dieser den Ring verlöre.[18] Somit gibt sie für den Zuschauer einen Hinweis auf mögliche tragische Verwicklungen. Als wichtigstes Element dieser Szene für die Entwicklung der Figur Portia bleibt festzuhalten, dass sie mehrere Identitäten hat. Diese eröffnen sich dem Zuschauer, meist durch eigene Aussagen im Gespräch mit Nerissa und weniger durch Charakterisierung anderer, als schwankend zwischen Hingabe und Selbstbesitz, zwischen dem Bild der heiligen Jungfrau des ersten Aktes und dem ungebildeten Mädchen, hin zur totalen Herrscherin Belmonts.[19] Trotzdem aber bleibt ihre Freiheit auf die weibliche Welt Belmonts beschränkt. Um auch außerhalb aktiv zu werden nach der Befreiung vom Willen ihres Vaters muss sie sich und Nerissa von ihrer weiblichen Erscheinung und den damit verbundenen Einschränkungen durch venezianische Konventionen lösen. Bis dahin entspricht sie gegenüber ihrer Außenwelt weiter dem Frauen-Ideal der Renaissance von Keuschheit, Unterwürfigkeit und Gehorsam, ausgedrückt in ihrem Schwur „My maid Nerissa, and myself meantime/ Will live as maids and widows.“, als Bassanio aufbricht, um dem Freund Antonio in Venedig zu helfen.[20] Unterstützend erwähnt sie in Akt III, Szene 4, gegenüber Lorenzo, einem Freund Bassanios, dass sie mit Nerissa ein Kloster aufsuchen werde, während Bassanio in Venedig weilt. Tatsächlich aber hat sie bereits einen Plan gefasst, um aus den herrschenden Geschlechterrollen auszubrechen. Dieser Plan beinhaltet die Übernahme von männlichen Rollen in Verkleidung für sie und Nerissa, was ihnen in Venedig ein aktives Eingreifen erst ermöglicht. Mit diesem Durchbrechen des in der Männerwelt Venedigs herrschenden Frauen-Ideals stellen die Frauen bestehende Konventionen in Frage und regen den Zuschauer zum Nachdenken an. Verstärkt wird dieser Impuls zum Nachdenken dadurch, dass Portia Nerissa, und damit die Zuschauer, nicht in ihre Pläne einweiht, sondern erklärt, die Zofe erst in der Kutsche auf dem Weg nach Venedig einzuweihen.[21] In diesem Teil des Stückes wird deutlich der Stand der Frauen in der Welt der Männer beschrieben, hauptsächlich in ihren Gesprächen untereinander, in denen sie auch Verhaltensweisen der Männer klar und kritisch analysieren.[22]

Kurz bevor dann Portia und Nerissa in die männliche Welt Venedigs aktiv eingreifen, wird Portia noch einmal von außen charakterisiert, und zwar durch Jessica, Shylocks Tochter.[23] Dieser letzten Beschreibung Portias vor der „Gerichts-Szene“ fällt große Bedeutung zu, da nochmals von einer Frau das Bild Portias beschrieben wird, in diesem Falle von der Frau, die im Gegensatz zu Portia aus ihrer geschlechtsspezifischen Rolle ausgebrochen ist, indem sie mit ihrem Vater gebrochen hat. Insgesamt entsteht so, hauptsächlich aber geprägt durch ihre eigenen Selbstbeschreibungen und ihr Verhalten, das Bild einer einmaligen und unvergleichbaren Figur Portia, die nahezu unfehlbar erscheint.

Aus diesem Bild erwächst dann auch beim Zuschauer das Gefühl, dass sie im Gerichtssaal, dem Schauplatz des vierten Aktes, die Kontrolle übernehmen wird und die Handlung positiv beeinflussen kann. Vor Gericht stehen Antonio und Shylock, deren Vertrag über ein Pfund Fleisch fällig geworden ist. Die Situation steht schlecht für Antonio, Shylock wetzt bereits sein Messer und Antonio scheint sicher verloren. Die Spannung ist auf dem Höhepunkt, und trotz des Erscheinens von Nerissa und schließlich Portia in Verkleidung als Rechtsanwalt wird die Situation nicht sofort aufgelöst, die Spannung bleibt erhalten. Aber Portia übernimmt von Beginn an, wie erwartet, die Kontrolle und spielt mit der Spannung im Gerichtssaal um den dramatischen Triumph zu erzielen. Somit wird sie in die handelnde Welt der Verträge und des Rechts von Venedig integriert, sie kann den Lauf der Dinge aktiv beeinflussen und tätig werden, nachdem sie zuvor in Belmont mit Nerissa nur fiktiv agieren konnte. Es gelingt Portia, dem Senat eine Lösung aufzuzeigen, die Gesetzeskonform ist und Antonio rettet, wodurch die Gegensätze zweier Rechtsauffassungen vereint werden und der Männerwelt ein Ausweg geöffnet wird. Möglich wird dieses durch Portias Projektion alles Schlechten und Widersprüchlichen, das Shylock sieht, auf ihn zurück, zusammen mit der absolut genauen Auslegung seines Vertrages. Sie pocht darauf, dass nichts passieren darf, was nicht im Kontrakt aufgeführt ist. Übertragen auf ihre Situation steht diese Auslegung für ihr Verhalten in Venedig – ihre genaue Unterwerfung unter das patriarchale Prinzip - das durch Erkennen der nicht festgelegten Grenzen in femininer Überlegenheit durch Verkleidung resultiert. Aus dieser Überlegenheit gibt sie Shylock drei Möglichkeiten, den Vertrag zu annullieren, durch Gnädigkeit, durch finanzielle Auslösung und durch Wohltätigkeit, die er alle ablehnt. Als Portias Triumph dann perfekt ist, verlangt sie dafür, dass Shylock um Gnade fleht. Das ist ein Rückgriff auf ihre Rede über Gnade aus dem ersten Akt.[24] Auch sie lernt nicht, Gnade zu üben und zeigt so leichte charakterliche Schwächen. Trotzdem wächst sie im Verlauf der Handlung und stellt deshalb nicht die typische Helden-Frau dar, die als Heilige von Anfang einen festen Charakter ohne Schwächen hat. Sie ist stellt vor Gericht vielmehr eine sehr untypische Frau dar, die sich in Politik und Gesetze einmischt.[25] Sie greift somit in maskulin bestimmte Welten ein und fordert die Regeln und ungeschriebenen Gesetze Venedigs, eines führenden Handelsplatzes der Welt, heraus. Zu bemerken ist hierbei auch, speziell für den damaligen Zuschauer, dass Portia anscheinend über eine enorme Bildung verfügt, die zu jenen Zeiten den Frauen in der Erziehung üblicherweise vorenthalten blieb. Sie kann auf dem Gebiet der Rechtswissenschaften mitreden, beweist Logik, Verstand und rhetorische Fähigkeiten - ganz und gar „unweibliche“ Kenntnisse. Portia löst sich durch ihr Eingreifen vehement vom vorherrschenden Rollenverständnis, das Frauen zu den Objekten der Männer macht und sie deren Ermessen unterwirft, verkehrt dieses sogar ins Gegenteil.

Nach dem Erfolg im Gerichtssaal ist das Stück aber noch nicht beendet. Zunächst wird die „Ring-Episode“ fortgesetzt, als Bassanio und Graziano ihre Ringe, die sie von Portia und Nerissa unverkleidet erhalten haben, an diese in Verkleidung als Dank für den Rechtsanwalt abgeben.[26] Diese Episode setzt sich auch im fünften Akt fort und wird dort beendet.[27] Des weiteren kehren die Erfolgreichen und Geretteten nach Belmont zurück, in eine Märchenwelt voll Mondlicht und Sphärenmusik, die für zurückgewonnene Harmonie und das wiederhergestellte Gleichgewicht des Universums steht. Portia nimmt ihre feminine - nach außen unbedrohliche - Stellung als Herrscherin Belmonts wieder ein, nachdem sie ihre Verkleidung aufgegeben und die „Ring-Episode“ aufgelöst hat. Sie scheint zufrieden mit ihrer weiblichen Rolle, Bassanios Meinung dazu bleibt allerdings unklar. Ihre Aufgabe in Belmont besteht darin, Antonio gänzlich aus der Verpflichtung mit Shylock zu lösen und damit auch Bassanio von Antonio. Außerdem gilt es für sie, die eigene Autonomie zu sichern und ihre zukünftige Position zu definieren. Sie erreicht dieses durch die Rückgabe des Ringes an Bassanio über Antonio, was Bassanio in ihrer Abhängigkeit hält und nach dem Sieg über Shylock im vierten Akt nun ihren Erfolg über Antonio im Ringen um Bassanios Loyalität besiegelt. Schließlich dient sie auch noch als Überbringerin der guten Nachricht für Antonio, dass seine Schiffe wider Erwarten gerettet sind, was beim Betrachter einen letzten Eindruck von ihr als Lenkerin und Retterin des Geschehens festigt.

[...]


[1] Die „Ring-Episode“ aus "The Merchant of Venice" und die „Willow-Szene“ aus "Othello".

[2] Antonio und Shylock

[3] Antonio ist gerettet, sein Wohlstand gesichert

[4] Shylock verliert sein Vermögen

[5] Bassanio – Portia, Graziano - Nerissa

[6] „Casket-Szene“, „Ring-Episode“, Verkleidung Portias

[7] Kredit von Antonio

[8] Othellos Eifersucht

[9] Shakespeare, William: Othello. Hrsg.: E. A. J. Honigmann. The Arden Shakespeare, London 1997.

Akt I, Szene 2

[10] III, 3, 167-68

[11] I, 2, 27

[12] III, 1, 1-31

[13] Siehe auch LERNER, Laurence. Shakespeare’s Comedies. An Anthology of Modern Criticism. London 1967. S. 123, „Portia’s Verbal Slip“: Portia verspricht sich und weist dadurch auf das Bleibehältnis hin. In HALIO´s Ausgabe von "The Merchant of Venice"(Shakespeare, William: The Merchant of Venice. Hrsg.: J. L. Halio. The Oxford Shakespeare, Oxford 1993) S. 167-168, geht der Herausgeber in den Anmerkungen zum Originaltext auf das Lied ein, das während Bassanios Wahl erklingt. Der Text reimt sich an mehreren Stellen auf „lead“ – Blei, und gebe Bassanio damit eindeutig ein Zeichen, welches Behältnis zu wählen sei.

[14] III, 2, 164-65: „ ..to be directed,/ As from her lord, her governor, her king.“

[15] III, 2, 167-69: „ ..I was the lord/ Of this fair mansion, master of my servants,/ Queen o´er myself“. Laut DUSINBERRE, Juliet: Shakespeare and the Nature of Women. London 1996. S. 85, handelt Portia im Geiste des Puritanismus, mit Hingabe und Unterwerfung als Wegbereiter für Harmonie in der Ehe, aber dem Ideal der Freiheit dienend.

[16] III, 2, 296-98: „What, no more?/ Pay him six thousand, and deface the bond./ Double six thousand, and then treble that.“

[17] Womit die „Ring-Episode“ von "The Merchant of Venice" beginnt, auf die später noch eingegangen wird.

[18] III, 2, 174

[19] III, 2, 159-69

[20] III, 2, 307-08

[21] III, 4, 81-84

[22] III, 4, 76-78: „ ..I have within my mind/ A thousand raw tricks of these bragging Jacks/ which I will practise.“

[23] III, 5, 70-78

[24] I, 2, 12-17: „If to do were as easy as to know what were good/ .. /..than to be one of the twenty to follow mine own teaching.“

[25] Siehe COYLE, Martin (ed.). The Merchant of Venice. Contemporary Critical Essays. London 1988. S. 126: Sie verhält sich wie die Portia, die Tochter Catos und Frau von Brutus war.

[26] IV, 2

[27] Siehe Kapitel 3.2 „Die Ring-Episode“

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Shakespeares Frauenfiguren in Komödie und Tragödie - Merchant of Venice und Othello
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Anglistik)
Veranstaltung
Shakespeare - Othello, Merchant of Venice
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
34
Katalognummer
V3287
ISBN (eBook)
9783638120005
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Shakespeares, Frauenfiguren, Komödie, Tragödie, Merchant, Venice, Othello, Shakespeare
Arbeit zitieren
Eric Johannsen (Autor), 2001, Shakespeares Frauenfiguren in Komödie und Tragödie - Merchant of Venice und Othello, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3287

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