Utopien bei Walter Moers - Überlegungen zu ausgewählten Städten des Romans 'Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär' - Eine Untersuchung


Seminararbeit, 2004
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Einleitung

Dieser Essay will sich mit einem sicherlich merkwürdig anmutenden Thema auseinandersetzen: Die Suche nach Utopien in den Romanen von Walter Moers. Des weiteren sollen diese Utopien auf mögliche Anknüpfungspunkte zur Antike hin untersucht werden.

Wie kommt man auf eine solche Idee im Werk von Walther Moers nach Utopien und ihren möglichen Anknüpfungen zur antiken Tradition zu suchen? Ich bin mir sicher, dass dies als Gegenstand einer Arbeit Erstaunen auslöst, so wie die unzähligen Geschichten von Walter Moers selbst. Meinem Erkenntnisstand nach hat sich auch bis jetzt noch niemand eingehend damit beschäftigt. Der Grund dafür ist wohl, dass die „ernsthafte Forschung“ - wenn wir sie so nennen wollen - Walter Moers als einen Autoren nicht ernst nimmt. Das Problem ist wohl, dass sein Werk als das eines Kinderbuchautors verstanden wird. Diese einseitige Klassifizierung ist meiner Meinung nach jedoch nicht tragbar. Auch wenn mir eine eindeutige Einordnung in eine bestimmte Sparte nicht gelingen will, so vereinen seine Bücher doch eindeutig Elemente von Kinder- und Erwachsenenliteratur. So hält es auch Tilmann Gangloff in einem Beitrag fest: „Die Zwischenzeit vertreibt sich Walter Moers literarisch: Käpt’n Blaubär wird Romanfigur. Das Buch soll sich [...] wieder an Jugendliche und Erwachsene richten.“[1]

Die Suche begann schließlich mit einer Beschäftigung mit antiken Texten zur Utopie. Da las man von wundersamen Reisen in ferne und unwirkliche Länder, von Abenteuern und vor allem von großartigen und legendären Städten. Schaut man sich allein diese Aufzählung an fühlt man sich an Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär, an Rumo & Die Wunder im Dunklen und die Wilde Reise durch die Nacht erinnert. Mit diesem Gedanken war die Idee geboren, der Weg bzw. die Frage war klar: Für mich sind viele der in den Romanen beschriebenen Städte von utopischen Charakter. Eine Utopie bezeichnet nach der Auffassung von Thomas Morus einen ‚Nicht-Ort’. Kombiniert man dies mit dem Gedanken der Antike ist der ‚Nicht-Ort’ auch ein ‚guter Ort’. Für uns bezeichnet die Utopie also einen Ort, der den Menschen entrückt ist – nur wenige Auserwählte haben ihn erreicht und berichten uns davon – und der phantastisch und perfekt ist. All diese Elemente bündeln sich meiner Meinung nach geradezu auffällig in den Romanen Walter Moers’ und sind somit auf dem von ihm geschaffenen Kontinent Zamonien präsent. Ich werde Atlantis, Anagrom Ataf und die Tornadostadt aus den 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär untersuchen. Das Ziel ist es die Orte darzustellen, um damit ihren utopischen Charakter freizulegen. Ein sekundäres Ziel soll es sein bei der Untersuchung mögliche Anknüpfungspunkte zur Antike zu finden, wobei es wahrscheinlich ist, dass sich dies auf einem unterschiedlichen Niveau realisieren wird. Es ist daher sinnvoll eine Abstufung bei dem Problem der Rezeption zu beachten, manche Motive erinnern stärker, andere weniger an die Antike.

Die Eingrenzung auf die Untersuchung des Motivs Utopie bei den Moers’schen Städten dient vor allem der Übersichtlichkeit des Essay. Vollständigkeit definiert sich hier sowieso schwer und so gibt es sicherlich auch noch andere Zugänge zu den Romanen, indem man z.B. die Antikenrezeption an sich in den Mittelpunkt rückt und so mehr die Geschichten hinter den Utopien untersucht. Z.B. erinnert die ganze Reise, die Käpt’n Blaubär in seinen 13 ½ Leben zu bestehen hat, an die wunderliche Fahrt die Lukian in seinen Wahre Geschichten beschreibt, oder auch an die abenteuerliche Heimkehr des Odysseus. Wie in Lukians Wahre Geschichten wird auch der junge Gustave Doré in der Wilden Reise durch die Nacht auf den Mond geschickt. Ansonsten begegnen uns in den Moers’schen Romanen jede Menge Gestalten[2], die in unterschiedlichster Art und Weise an die Antike erinnern: So heißt der Rettungssaurier, der Blaubär aus den Fängen einer gefräßigen Insel befreit Deus X. Machina[3]. Ein weiteres Beispiel sind die Teufelsfelszyklopen, die den kleinen Rumo verschleppen, einäugige Wesen, die in einer auf dem Meer treibenden Insel wohnen. Doch die verschiedenen Städte Zamoniens sind ein übersichtlicher Gegenstand für einen solchen Essay, der sicherlich auch ausbaufähig ist.

Bei dieser Arbeit habe ich mich rein äußerlich für die etwas zwanglosere Form des Essays entschieden, da ich denke, dass eine allzu strenge Gliederung, wie sie eine Hausarbeit erfordert, dem Thema nicht gerecht wird. Diese Arbeit ist, wie bereits angedeutet sehr individuell und damit subjektiv, so dass ein persönlicher Bezug stets den Mittelpunkt der Ausführung bestimmen wird. Dies ist in einem Essay viel leichter zu realisieren. Und nirgends ist das Postulat, dass auch Wissenschaft Kunst sei, so zutreffend wie hier.

Fragt man nach all diesen einleitenden Ausführungen nach einem Sinn dieser Arbeit, so wird dies schwer zu erklären bleiben. Meiner Meinung nach leistet dieser Essay einen Beitrag zur Literatur- und Rezeptionsgeschichte. Es ist interessant zu beobachten, wie das überwiegend literarisch interpretierte Motiv der Utopie sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Von Platons Atlantis ausgehend, über Augustinus’ Civitate Dei bis hin zu Thomas Morus und seiner Utopia, ebenso wie Hobbes mit seinem Leviathan war die Utopie stets ein Mittel der politischen Meinungsäußerung. Sie stand für den Versuch, literarisch ein Programm für eine bessere Politik, an der man sich orientieren sollte, zu schaffen. Die Utopie war damit ein ideelles Vorbild, was die Herrscher anleiten sollte. Jedoch wurde diese strenge Auslegung der Utopie schon immer durchbrochen. Beispiele dafür sind wohl Theopomps Meropis, was nach der Meinung von Heinz-Günther Nesselrath[4] als Parodie auf Platons Atlantis-Mythos verstanden werden kann, vor allem aber Lukian mit seinen Wahre Geschichten, welche eine Parodie sämtlicher utopisch angehauchter Literatur bis zu seiner Zeit sind. Utopie wurde so schon immer zweiseitig betrachtet und oft auch zum Spielball für immer phantastischere Erzählungen, die völlig den Zusammenhang zur Realität verlieren.

Walter Moers ist auf keinen Fall mit einem politischen Hintergrund zu betrachten, die Lektüre von Walter Moers dient der Unterhaltung, genau wie es Lukian in der Vorrede zu seinen Wahre Geschichten forderte: „Ich glaube, dass auch diejenigen, die sich mit Literatur befassen, nach ausgiebigem Studium ernster Werke Entspannung suchen und ihren Geist auf künftige Anstrengungen vorbereiten sollten. Für sie dürfte es wohl einen angemessenen Ausgleich darstellen, sich mit Werken zu beschäftigen, die zum einen auf geistreiche und witzige Art Vergnügen bereiten, zum anderen aber auch anspruchsvolle Betrachtung ermöglichen.“[5] Diese einleitenden Worte hätte auch Käpt’n Blaubär an den Anfang seiner Lebensbeschreibung setzen können. Warum also suchen? Ich denke, weil es interessant und spannend ist, herauszufinden, wie in einem solchen Bereich der modernen Literatur Utopie dargestellt und somit eingesetzt wird – dies ist das Ziel.[6]

Die Geschichte von Käpt’n Blaubär

Was für eine Geschichte ist der Roman Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär eigentlich? Wie der Titel vermuten läßt, liegt uns hier die Lebensbeschreibung des Käpt’n Blaubär vor, eine Art Biographie des halben Lebens unseres Helden: „Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben. Dreizehneinhalb davon werde ich in diesem Buch preisgeben, über die anderen werde ich schweigen.“ (S. 6) Das Buch ist demnach aus der Perspektive des handelnden Helden erzählt, da es ja auch von ihm geschrieben wurde. Man erfährt nicht genau, wann sein Leben zeitlich einzuordnen ist, nur, dass es „früher“ (ebd.) war. Das erklärt auch die Gestalt der Erde, die von mehr Kontinenten bedeckt ist.[7] Zur zeitlichen Einordnung meint Käpt’n Blaubär: „Man fragt mich oft, wie es früher war. Dann antworte ich: Früher gab es von allem viel mehr. Ja, es gab Inseln, geheimnisvolle Königreiche und ganze Kontinente, die heute verschwunden sind - überspült von den Wellen, versunken im ewigen Ozean. [...] Von diesen Inseln und Ländern will ich erzählen, und von den Wesen und Wundern, die mit ihnen versunken sind.“ (ebd.)

Das Leben von Blaubär (wie er sich im Buch immer selbst bezeichnet) beginnt auf hoher See. Von einer Familie oder den Umständen der Geburt erfährt man nichts: „Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt - meins nicht. Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin. Ich könnte - rein theoretisch - aus dem Schaum einer Welle geboren[8] oder in einer Muschel gewachsen sein, wie eine Perle.“ (S. 15) Blaubär tritt in seine Geschichte in einer Walnußschale liegend und auf den großen „Malmstrom“ (ebd.) zutreibend. Dieser ist ein gewaltiger Wirbel im nördlichen Meer von Zamonien. Kurz vor dem verschwinden in diesem wird unser Held von den sogenannten „Zwergpiraten“ (S. 18) gerettet, Meerfahrer, die, aufgrund ihrer geringen Körpergröße, kein Glück beim kapern fremder Schiffe haben. Blaubär resümiert im nachhinein: „Die Zwergpiraten waren die Herrscher des Zamonischen Ozeans. Es wußte allerdings niemand davon, weil sie so klein waren, dass keiner sie bemerkte.“ (ebd.) Bei diesen wächst Blaubär nun auf, lernt er das Seefahren und alles was einen sonst zu einem Seemann macht. Allerdings wird er für die Zwergpiraten bald zu groß, so dass diese ihn auf ihrem Schiff nicht mehr beherbergen können und auf einer Insel zurücklassen müssen. Blaubär muss sich von nun an allein durch das Leben schlagen. Sein nunmehr zweites Leben verbringt er bei den sogenannten „Klabautergeistern“ (S. 31) Dies sind gespenstische Wesen die aus einer Vereinigung von Irrlichtern und „zamonischen Friedhofgas“ (S. 39) entstehen, wie uns das „’Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung’ von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller“ mitteilt.[9] Da diese Geister nun kein Innenleben hatten, waren sie demzufolge auch frei von Gefühlen jeder Art. Dies sicherte Blaubär sein Überleben bei den Klabautergeistern, indem er sie über bewußt gespielte Weinkrämpfen mit Emotionen versorgte. Hier zeigen sich das erste mal die Qualitäten eines Entertainer bei dem uns so bekannten Käpt’n Blaubär. Nach einiger Zeit wurde dieses Leben jedoch immer unerträglicher - Blaubär flieht über das Meer und verbringt sein drittes Leben auf der Flucht: „Gab es etwas Aufregenderes als eine Entdeckungsfahrt ins Unbekannte, als eine Reise über den großen, weiten Ozean?“ (S. 49) Dabei begegnet ihm die „Moloch“ (S. 51), ein monströses Schiff, dass Blaubärs 13. Leben bestimmen wird. Des weiteren die sogenannten „Tratschwellen“ (S. 57), die eigentlich die Aufgabe haben, hoffnungslos in der See Treibende um den Verstand zu bringen mit ihrem Gerede - im Falle von Blaubär allerdings ihre erste gute Tat vollbringen indem sie ihm das Sprechen beibringen. Nachdem die Tratschwellen ihn verlassen haben, begegnet Blaubär ein urzeitlicher Riesenfisch, dem „Tyrannowalfisch Rex“[10] (S. 67), auf dessen Rücken er mitfährt. Dieser setzt ihn bei einer traumhaften Insel ab, bedeckt mit einer üppigen Vegetation. Hier verbringt Blaubär sein viertes Leben - auf der sogenannten „Feinschmeckerinsel“. (S. 77) Diese zeichnet sich dadurch aus, dass auf ihr ohne Unterlass die schmackhaftestes Speisen wachsen. Allerdings entpuppt sich diese Insel als raffinierte Falle, sie ködert einen und mästet ihr Opfer mit den Speisen, bevor sie ihr wahres Ich enthüllt, als große fleischfressende Insel „Gourmetica Insularis“ (S. 90). Doch Blaubär, mittlerweile träge und dickbäuchig geworden durch das gute Essen, wird in letzter Sekunde durch den „Rettungssaurier“ oder auch „Pterodaktylus Salvatus“ (S. 95) „Deus X. Machina“ (S. 94) gerettet. Mit diesem Rettungssaurier, dessen Beruf es ist Lebewesen aus ausweglosen Lagen „in letzter Sekunde“ (ebd.) zu retten, verbringt Blaubär sein fünftes Leben. „Mac“ (ebd.), wie er sich selbst nennt, ist nämlich leider kurzsichtig und Blaubär fungiert seit seiner Rettung als eine Art Navigator, der bei der Orientierung helfen soll. Der angenehme Nebeneffekt für Blaubär ist, dass er die Welt und vor allem Zamonien aus der Luft kennenlernt, so sieht er auf den Rücken von Mac das erste mal Atlantis. Gemeinsam bestehen die beiden viele heldenhafte Taten, z.b. retten sie einmal ein Rudel „Wolpertingerwelpen“[11] (S. 118) vor dem Tod durch einen „Bollog“ (S. 114), ein urzamonisches Riesenwesen mit ungeheurer Zerstörungskraft. Bald jedoch geht auch diese Freundschaft auseinander, Mac geht in Rente und gibt Blaubär in der sogenannten „Nachtschule des Professor Nachtigaller“ (S. 124) ab. Hier beginnt Blaubär nun sechstes Leben. In der Nachtschule erhält er eine umfassende Ausbildung durch den Eydeet Prof. Dr. Nachtigaller, ein kleinwüchsiges Männchen mit sieben Gehirnen und unfassbaren Denkvermögen. Die Wissensübertragung funktioniert dabei in der Art einer Infektion mit Krankheitsviren, d.h. je näher und länger man in der Nähe dieses Eydeet ist, desto mehr Wissen geht auf denjenigen über. Bald ist Blaubär Grenze jedoch erreicht - Prof. Dr. Nachtigaller schickt ihn auf seinen weiteren Weg, der ihn über das Labyrinth in den Finsterbergen in den sagenumwobenen „Großen Wald“ (S. 213) Zamoniens führt. Dieser war einst ein großes Siedlungsgebiet der unterschiedlichsten Lebewesen, bis die große „Waldspinnenhexe“ (S. 225) sich hier niederließ und alles Leben vernichtete. Sie spannt große Netze die mit einem Halluzinationen verursachenden Sekret bedeckt sind, so dass man blind in die Falle tappt - wie es auch Blaubär passiert. Er kann sich jedoch befreien und rettet sich nach einer mehrstündigen Verfolgung durch die Waldspinnenhexe in ein Dimensionsloch (S. 254). Sein achtes Leben verbringt Blaubär somit in anderen, fremden Dimensionen - unter anderem in der 2364. Dimension, wo sein Freund Qwert Zuiopü herstammt, den er in der Nachtschule kennengelernt hat, und die nur aus Teppichen besteht. Die Verknüpfung der verschiedenen Dimensionen ist äußerst komplex und nur mit viel Glück schafft es Blaubär dass eine Dimensionsloch zu finden, welches ihn zurück nach Zamonien bringt. Der erneute Sturz durch das Dimensionsloch katapultiert unseren Helden in die sogenannte „Süße Wüste“ (S. 275), von der später noch zu sprechen sein wird. Hier begleitet er die Bewegung der „Gimpel“ auf ihrer Suche nach der legendären Stadt „Anagrom Ataf“ (S. 278). Blaubär ist es schließlich, dem es gelingen wird diese zu finden und für die Gimpel bewohnbar zu machen - jedoch geraten die neuen Herren von Anagrom Ataf mit den alten Bewohnern in Konflikt. Blaubär weiß schließlich einen Ausweg und schickt die Gimpel erneut auf die Wanderschaft, denn nur dafür lebt und taugt diese Gemeinschaft wirklich. Er selbst verfolgt jedoch seinen Plan weiter nach Atlantis zu gelangen und trennt sich deshalb von den Gimpeln. Er wandert auf eigene Faust bis er eine Stelle der Süßen Wüste erreicht, wo eine „Tornadohaltestelle“ (S. 339) eingerichtet ist. Denn im östlichen Teil der Wüste zirkuliert der sogenannte „Ewige Tornado“ (S. 345), ein konstanter Wirbelsturm. Blaubär hofft so schneller nach Atlantis zu gelangen. Leider versteht er die Tornadohaltestelle völlig falsch, sie bezeichnet nur den Ort, wo der Tornado durchzieht, damit man Opfergaben (!) darbringen kann, um ihn gnädig zu stimmen. Doch als Blaubär seine Fehleinschätzung bemerkt, wird er schon in den Wirbelsturm gezogen. Aufgrund des Sturzes durch die Tornadowand altert man ziemlich schnell, da sich in der Tornadowand die Zeit verdichtet. Innerhalb des Wirbelsturmes vergeht die Zeit dafür unglaublich langsam, so dass man quasi nicht mehr altert. Hier haben andere, die auch das Wagnis eingingen mit dem Tornado zu reisen, eine Stadt gegründet, in der Blaubär nun sein zehntes Leben verbringt. Nachdem er sein Schicksal verarbeitet hat, wird Blaubär, der hier nur unter Menschen lebt, zum Chronist der „Tornadostadt“ (S. 351). Bei seinen Nachforschungen stößt er auf eine Möglichkeit zur Flucht, die allerdings sehr gefährlich ist. Denn wenn der Tornado seine Richtung ändert, steht er für weniger Minuten still und eine Flucht durch die Tornadowand kann gelingen. Mit einigen wenigen läßt sich Blaubär auf dieses Wagnis ein, welches natürlich auch gelingt. Den Weg nach Atlantis versperrt Blaubär nun nur noch ein Gebirge und der „Große Kopf“ (S. 397)[12]. Dieser ist in der Tat ein Kopf und zwar der eines Bollog, von dem wir schon gehört haben. Diese haben die Angewohnheit ihre Köpfe einfach abzulegen und sich dann auf die Suche nach dem eben Verlorenem zu begeben. Blaubär muss nun also durch den Kopf hindurchwandern, um die andere Seite und damit Atlantis zu erreichen. Auf dem Weg durch die unübersichtlichen Gehirngänge steht Blaubär die Idee „16 U“[13] zur Seite, die ihn zu dem „Planmacher“ (S. 419) bringt. Dieser fertigt Blaubär einen Plan durch das Gehirn an, mit dem er die andere Seite erreicht. Sein zwölftes Leben, sein Leben in Atlantis beginnt. Von dieser Stadt wird noch ausführlich zu sprechen sein - hier nur ein kurzer Abriß. Mit verschiedenen Jobs verdient sich Blaubär sein Geld, bis er seine Berufung erfährt: „Lügengladiator“ im „Megather“ (S. 511) von Atlantis. In dieser vermeidlichen Sportart sitzen sich zwei Duellanten gegenüber, erzählen raffinierte Lügengeschichten und versuchen so um die Gunst des Publikums zu kämpfen. Schnell wird Blaubär zum großen Helden in Atlantis, bis er schließlich in einem Prestigeduell gegen den größten aller Lügengladiatoren aller Zeiten - „Nussram Fhakir“ – antreten muss (S. 511). Am Ende eines mehrere Stunden dauernden Kampfes gewinnt Blaubär, muss aber fliehen, da sein vorherigen Gönner sein sämtliches Geld gegen ihn gesetzt hatte und nun völlig pleite ist. Eine wilde Flucht durch den Untergrund von Atlantis beginnt, an derem Ende Blaubär doch noch überwältigt und auf die Moloch verschleppt wird - das monströse Schiff, dem er bereits auf seiner Flucht von der Insel der Klabautergeistern begegnet ist. Auf diesem riesigen Schiff muss Blaubär in der „Ofenhölle“ (S. 633) arbeiten und dort die großen Öfen beheizen, die es antreiben. Mit der Zeit stumpft er unter dem Eindruck der Arbeit völlig ab - nach einem kurzen Ausflug an Deck wird ihm jedoch die Sinnlosigkeit dieses Tun wieder klar. Blaubär verweigert die Arbeit und wird daraufhin zum Herzen der Moloch geführt. Das Schiff wird von keinem Lebewesen, sondern von dem von Prof. Nachtigaller geschaffenen, denkenden Element „Zamonin“ (S. 638) gesteuert. Dieses hypnotisiert die gesamte Besatzung, die ihm so bedingungslos untertan wird. Blaubär gelingt es jedoch mit Hilfe von Prof. Nachtigaller, der mit einem selbstgebauten Fahrzeug zur Moloch gekommen war, das tückische Element zu vernichten. Allerdings war damit auch die Moloch dem Untergang geweiht, da niemand mehr das Schiff steuerte und sie so unkontrolliert auf den großen Malmstrom zufuhr. Doch in letzter Sekunde greifen die Rettungssaurier unter Führung von Deus X. Machina, der nun eine Brille trägt, ein und befreien die vermeidliche Besatzung, von der der Bann des Zamonins abgefallen war aus ihrer misslichen Lage. Nur Blaubär bleibt aufgrund eines Streiches eines alten Gegners hilflos zurück. Doch er stellt fest, dass der Malmstrom in Wahrheit ein großes Dimensionsloch ist, aus dem ihm auf einen Teppich sein alter Freund Qwert Zuiopü entgegen geflogen kommt - um ihn doch noch vor einem erneuten Verschwinden in fremdem Dimensionen zu retten.

[...]


[1] Gangloff, Tilmann P., Von Murmelmöhren und Ekelburgern - die Welt des Walter Moers: den Blaubär wieder lügen lassen, in: Medien + Erziehung 40 (1996), 2, S. 109-110, hier: 110.

[2] Ich möchte hier nur hinweisen auf eine den Lebensbeschreibungen vorangestellte Liste sämtlicher Abenteuer und Kreaturen die Käpt’n Blaubär auf seiner Reise begegnen. Vgl. Blaubär, S. 6-7.

[3] Ein „Deus ex machina“ ist ein „Gott aus der Maschine“. In der griechischen Tragödie eingesetztes Mittel um einen scheinbar unlösbaren Konflikt doch noch zu einer Lösung zu führen. Dabei erscheint ein Gott und gibt die unantastbare Weisung sich zu fügen, so z.b. bei Sophokles und seinem Philoktet. Der Schauspieler wird dabei in einer Art Kran auf die Bühne gehoben, deshalb der Bezug zur Maschine. Vgl. Lamer, Hans, Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens, Stuttgart 61963, S. 116. Diese Lösung im letzten Moment ist sicherlich eine Anspielung auf die Tätigkeit der Rettungssaurier.

[4] Vgl. dazu Nesselrath, Heinz-Günther, Theopomps Meropis und Platon: Nachahmung oder Parodie, Göttinger Forum für Altertumswissenschaft 1 (1998), 1-8, entnommen: www.gfa-d-r.de/1-98/nesselrath.pdf

[5] Lukian von Samosata, Wahre Geschichten, hrsg. von Manuel Baumbach, Zürich 2000, S. 5.

[6] Des weiteren kann man die (sekundäre) Suche nach möglichen Anknüpfungen zur Antike hin als einen Beitrag zur modernen Rezeptionsgeschichte verstehen unter der Fragestellung: Inwieweit ist die Antike in modernen Romanen noch präsent?

[7] Vgl. dazu die Weltkarte im Anhang.

[8] Bemerkenswert ist direkt auf der ersten Seite der Handlung der erste Bezug zur Antike. Die hier beschriebene Möglichkeit der Geburt, ist die sagenhafte Geburt der griechischen Liebesgöttin Aphrodite. Vgl. Leis, Mario, s.v. Aphrodite/Venus, in: Walther, Antike Mythen und ihre Rezeption, S. 39-44, hier: 39.

[9] Dieses Lexikon ist fettgedruckt in der ganzen Geschichte immer dann eingeschoben, wenn ein neues Phänomenen auftaucht, welches nach einer Erklärung verlangt. Von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller wird später noch zu berichten sein.

[10] Auch Lukian lässt seinen Helden in seinen Wahre Geschichten mit einem übergroßen Walfisch zusammentreffen, allerdings wird er bei Lukian verschluckt und erlebt Abenteuer im Inneren des Wals, Blaubär dagegen reitet nur auf dem Rüken des Tieres. Vgl. Lukian, Geschichten, 2000, S. 28-40.

[11] Unter diesen ist auch Rumo, der Held des dritten Zamonien-Roman von Walter Moers.

[12] Vgl. dazu auch die Karte Zamoniens im Anhang.

[13] Ideen werden nach der Uhrzeit ihrer Entstehung benannt, Blaubärs Begleitung wurde genau 16 Uhr geboren. Bemerkenswert ist, dass Walter Moers Blaubär die Idee zur Seite stellt, die dass ablegen des Kopfes verursacht hat. Darum ist 16 U eine sogenannte „schlechte Idee“ (S. 406).

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Utopien bei Walter Moers - Überlegungen zu ausgewählten Städten des Romans 'Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär' - Eine Untersuchung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Altertumswissenschaft)
Veranstaltung
Von Atlantis nach Utopia. Antike und andere Texte zur Utopie
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V33162
ISBN (eBook)
9783638337038
Dateigröße
3113 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Über antike Texte zur Utopie entstand die Idee auch in anderen Texten nach Spuren von Utopien zu suchen. Fokus sollten dabei Werke sein, die nicht sofort in das Blickfeld einer Untersuchung geraten würden. Als lohnenswert erschien mir die fiktive Welt Zamonien, die Walter Moers geschaffen hatte, und hier vor allem die zahlreichen Städte.
Schlagworte
Utopien, Walter, Moers, Städten, Romans, Leben, Käpt, Blaubär, Eine, Untersuchung, Atlantis, Utopia, Antike, Texte, Utopie
Arbeit zitieren
Erik Fischer (Autor), 2004, Utopien bei Walter Moers - Überlegungen zu ausgewählten Städten des Romans 'Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär' - Eine Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33162

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