Peter Altenberg - eine wissenschaftliche und didaktische Herangehensweise an eine besondere Persönlichkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsangabe

I Einleitung

II Kurzportrait Peter Altenberg – Richard Engländer

III Wien – Fin de Siècle

IV Exemplarische Textanalyse
a) Thema
b) Motiv
c) Figuren
d) Einordnung in Gattungszusammenhänge
e) Stilebenen

V Didaktische Umsetzung

VI Literaturangabe

I Einleitung

„Peter Altenberg, der antimoderne Modernist und misogyne Feminist, der antisemitische Jude und drogensüchtige Gesundheitsfanatiker, war die Verkörperung der janusköpfigen Kultur im Wien des Fin de Siècle. Er inspirierte einige seiner begabtesten Zeitgenossen, nicht nur auf dem Gebiet der Literatur, sondern im gesamten Spektrum der Kunst [...]“[1] Er wurde nicht nur von Oskar Kokoschka porträtiert (siehe Titelbild) und Alban Berg vertont (Postkartentexte), sondern galt auch als Müßiggänger, Aussteiger und Kaffeehausliterat. Seine Werke bewegten die Gesellschaft, vor allem die Weibliche, und sind dennoch schwer einzuordnen; ein Impressionist? Ein Naturalist oder gar ein Dadaist? Über Altenberg scheiden sich die Geister, die einen sprechen von Genie, die anderen wollen ihm nicht einmal den Dichtertitel anerkennen. Er wurde 1914 für den Nobelpreis vorgeschlagen und wenig später verbrannte man seine Bücher. Trotzdem ist dieses sonderbare Talent nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn er erst in den 80er Jahren wiederentdeckt wurde. Als der „alleinige Schöpfer des deutschen Prosagedichtes in modernem Gewande [wurde er] gefeiert“[2] und heute gilt er mehr als jemals zuvor als „repräsentativste[n] Figur der Treibhausatmosphäre des Wiener Spätsommers[...].[3]

Peter Altenberg mit seiner facettenreichen Persönlichkeit und seinem besonderen Schaffungstrieb soll Gegenstand dieser Hausarbeit sein.

Dazu werde ich zunächst einen kurzen Einblick in seine Biografie geben, welche sehr bedeutend für das Verstehen seiner Werke ist, und eine Einführung in die Wiener gesellschaftlichen Verhältnisse um die Jahrhundertwende vornehmen. Diese Vorarbeiten sollen sich schließlich mit der exemplarischen Textanalyse verknüpfen, welche die Komplexität und Besonderheit der altenbergischen Literatur präsentieren soll. Dieser wissenschaftliche Teil wird weiterhin durch eine didaktische Aussicht ergänzt, in ihr soll versucht werden die Schultauglichkeit der Werke Peter Altenbergs auszumachen und Möglichkeiten für eine Umsetzung im Unterricht offen zu legen.

II Kurzporträt: Peter Altenberg – Richard Engländer

Am 9. März 1859 wird Richard Engländer in Wien als erstes Kind des jüdischen Ehepaars Moriz und Pauline Engländer, eine wohlhabende Kaufmannsfamilie, geboren. Sein Vater betreibt einen Großhandel mit kroatischer Bauernware und liebt Victor Hugo, seine wunderschöne Mutter verehrt er abgöttisch.

Er wird mit seinen Geschwistern von einer Gouvernante und einem Hofmeister erzogen sowie von Hauslehrern unterrichtet, „die Eltern spielten nur eine zweite diskretere Rolle, traten erst in Aktion bei außergewöhnlichen Ereignissen. Sie waren einfach der <Oberste Gerichtshof>,“[4] so sieht und beschreibt Peter Altenberg die Rolle seiner Eltern in seinem Buch ‚ Neues Altes’.

[1878] besteht Richard Engländer im zweiten Anlauf die Matura, beginnt ein Jurastudium, bricht dieses nach dem ersten Semester ab und versucht es mit der Medizin. Einen Teil seiner Freizeit verbringt er bei einem Schulfreund in Altenberg an der Donau, dort verliebt er sich in die 13jährige Schwester Bertha Lechner, die von ihren Brüdern „Peter“ gerufen wird, da die Jungen es als unstandesgemäß erachten, von einem Mädchen, ihrer Schwester, bedient zu werden, sie bevorzugen männliches Personal. Richard Endländer empfindet diese Demütigung des Mädchens als Grausamkeit und nennt sich daher später aus Solidarität und Verehrung Peter Altenberg.

Sein Medizinstudium verläuft ebenfalls nicht erfolgreich, so bricht er auch dieses ab und beginnt daraufhin eine Lehre in einer Stuttgarter Buchhandlung. Engländer empfindet diese Arbeit aber als „langweilig und geisttötend“[5] und verlässt Stuttgart. Ein erneuter Versuch sein Jurastudium in Graz fortzusetzen und zu beenden scheitert aber ebenfalls. Der Psychiater Ludwig Schlager wird vom Vater 1882 herangezogen, um herauszufinden warum Richard Engländer der zweckgerichtete Ehrgeiz fehle, dieser findet ihn ungeeignet zum Ergreifen eines Berufes, da er eine Überempfindlichkeit des Nervensystems aufweist. Diese Diagnose ist für die Mutter eine tiefe Enttäuschung und so distanziert sich Engländer immer mehr von seiner Familie. Für ihn selbst scheint diese Bescheinigung jedoch ein großes Glück zu sein, sie ist seine Entschuldigung sowie sein Freischein für jegliches Versagen und für alle Verfehlungen, er muss keine Verantwortung für sich übernehmen.

In Kaffeehäusern, bevorzugt das Griensteidl, verbringt er seine Tage und bringt seine Gedanken, Wahrnehmungen und Weltanschauungen zu Papier, dort wird er von Karl Kraus „entdeckt“. Dieser sendet die zahllosen Manuskripte von ‚Wie ich es sehe’ an den ersten deutschen Verleger, S. Fischer in Berlin und ebnet so den Weg Altenbergs. Bei der Veröffentlichung dieses Werkes benutzt er zum ersten Mal sein Pseudonym Peter Altenberg, welches bekannt werden wird. Mit seiner Namensänderung bekräftigt Altenberg aber nicht nur seine Liebe zu Bertha in den Jugendjahren, sondern wählt bewusst einen Namen der eine Assoziation mit dem Jüdischen ausschließt. Er distanziert sich somit von der jüdischen Gemeinde und hofft dadurch in der „deutschen Kultur“ aufzugehen. Diese Abwendung von seinem ursprünglichen Glauben bekräftigt er mit der Konvertierung zur römisch-katholischen Kirche 1900, er fügt sich in den Glauben der Wiener Gesellschaft ein. Dieser Übertritt gipfelt in seinem christlichen Begräbnis, ist aber nicht unüblich für die Zeit. Auch die Namen Felix Salten, Egon Friedell und Alfred Polgar sind Pseudonyme, die die jüdische Herkunft verleugnen sollen.

Mit seinem Telegrammstil, wie es Egon Friedell nennt, in welchem Altenberg seine Skizzen schreibt, trifft er den Nerv der Zeit und erhält dadurch Anerkennung. Er selbst sagt darüber: „Meine Sachen haben das Malheur, daß sie immer für kleine Proben betrachtet werden, während sie leider bereits das sind, was ich überhaupt zu leisten imstande bin. Aber was macht es?! Ob ich schreibe oder nicht, ist mir gleichgültig.“[6] Wie produktiv und erfolgreich er damit aber ist, zeigt die folgende Titelauflistung seiner Werke:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bald zählt Altenberg zu den Kaffeehausliteraten, zu der Gruppe des Jungen Wien die sich um Hermann Bahr schart und sich zunächst im Café Griensteidl und später im Central trifft. Das Kaffeehaus wird zu Altenbergs zweitem Wohnsitz, hier lebt und schreibt er und findet Anregungen für neue Extrakte. Franz Kafka schreibt über ihn Folgendes: „ In seinen kleinen Geschichten spiegelt sich sein ganzes Leben wider. Und jeder Schritt, jede Bewegung, die er macht, bestätigen die Wahrheit seiner Worte. Peter Altenberg ist ein Genie der Nichtigkeiten, ein seltsamer Idealist, der die Schönheiten der Welt wie Zigarettenstummel in den Aschenbechern der Kaffeehäuser findet.“[7]

Er hat kleine, scheinbar unbedeutende Geschichten und Begebenheiten des alltäglichen Lebens gewählt, Personen wie Stubenmädchen, Protagonisten der „untersten Schicht“ haben seine Aufmerksamkeit erregt. Diese Momentaufnahmen präsentiert er in seinen Büchern der Gesellschaft, hält sie ihr vor wie ein Spiegel in dem sie sich erkennen soll. Vor allem die weiblichen Leser erkennen den Wahrheitsgehalt, fühlen sich erkannt und verstanden und genau dies macht einen großen Teil seines Erfolges aus. Er gilt als Frauenversteher, wird verehrt und geliebt und hat trotzdem ein gespaltenes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Er idealisiert das junge, unschuldige Mädchen, verehrt die reine Seele und verabscheut alte, dicke Frauen die herausgeputzt und mit lauter Stimme versuchen Aufsehen zu erregen. Ebenso wie sein Frauenverhältnis und Frauenverständnis ist auch sein Umgang mit Geld gestört. Diese Eigenarten Altenbergs hat Adolf Loos in seinem Nachruf besonders deutlich hervorgehoben, und so möchte ich an dieser Stelle ihn die Komplexität des Charakters Altenbergs erklären lassen:

Abschied von Peter Altenberg

Mein lieber Peter,

man hat mich gebeten, etwas über Dich zu schreiben. Der Leser erwartet vielleicht etwas Feierliches, große und klangvolle Worte, wie sie eben ein Freund finden wird. Aber ich weiß, mein lieber Peter, Du erwartest das nicht von mir. Du warst selbst gegen alles Feierliche. In Deinen Büchern erscheinst Du dem Leser oft pathetisch. Aber wer einmal den Klang Deiner Stimme gehört hat – o, welche schöne Stimme hast du gehabt! – ,dem erscheinen Deine Schreibweise das Natürlichste von der Welt, directement nonchalant.

Aber ich soll Dich den Leuten erklären. Man weiß von Dir nur, daß Du bei Tage schliefst und bei Nacht in den Vergnügungslokalen herumsaßest.

Also ein Lump, einer, der sein Geld vergeudet! Aber nein, das warst Du nicht; Du warst der Sparsamste der Sparsamsten. Jeden Morgen, bevor Du Dich zur Ruhe legtest, zähltest Du Dein Geld. Über jeden Heller konntest Du Dir Rechenschaft geben. Jeden ersparten Groschen trugst Du in die Sparkasse. Und als Du einmal – es war in Gmunden – von einem Hoteleinbruch hörtest, da wurde auch der letzte Heller deponiert, und Du hast folgendes Telegramm an Deinen Bruder aufgegeben: „Lieber Georg, schicke mir hundert Kronen, habe mein ganzes Geld auf die Postsparkasse getragen und starre nun dem Hungertod entgegen.“

Also ein Geizhals. Nein, bei Gott, das warst Du nicht. Stets hattest Du eine Kleinigkeit für alle die mißhandelten Kinder, von denen P.A. in den Zeitungen erfuhr. Peter Altenberg – zehn Kronen. Das war eine ständige Notiz in den Ausweisen der Kinderschutz- und Rettungsgesellschaften. Und man frage die Kellner, Marköre und Stubenmädchen. Nein, kein Kavalier gab größere Trinkgelder, als P.A. Und wenn es sich darum handelte, jemandem eine Herzensergießung rasch zukommen zu lassen, dann wurde der Hausdiener in der Nacht aufgeklingelt, und er mußte ein zehn Seiten langes Telegramm am Hauptamt aufgeben, für das die hundert Kronen fast aufgingen, die er von Dir mitbekam. Inhalt: Ich liebe Dich! Aber auf Altenbergerisch.

Also doch ein Verschwender! Nein, denn die letzten zwei Jahre hast Du nur von Kartoffeln, drei Portionen täglich, gelebt, weil Du es für eine irrsinnige Verschwendung gehalten hast, zehn Kronen für eine Fleischspeise auszugeben.

Also ein Genügsamer, dem alles recht war! Nein, das warst du schon gar nicht. Nie hat die Welt vor Dir einen empfindlicheren, sensibleren Feinschmecker gesehen als Dich. Unter Hunderten von Äpfeln konntest Du mit Todsicherheit den köstlichsten heraussuchen, nicht mit Deinen Händen, nein, mit den Augen. [...]

Also warst Du genußsüchtig. Denn Du warst am liebsten dort, wo Zigeunermusik spielte, Champagner getrunken wurde und die Mädchen tanzten. Also warst du ein Alkoholiker, mein Lieber. Aber nein, kein Mensch hat den Alkohol so tief gehaßt, wie Du. Wie die Kinder die bittere Medizin verabscheuen, so graute Dir vor Wein und Schnaps, Getränke, die literweise auf Deinem Nachttisch standen und von denen Du glasweise trinken mußtest, um Dir den Schlaf zu verschaffen. Aber bei Tisch hätte es niemand vermocht, dir ein Gläschen Likör einzureden. Bier und Champagner? Als aber das erstere zum Schlafmittel wurde – vierundzwanzig Flaschen für die Nacht – da mußtest Du auch Deinen philisterhaften Stammtischschoppen aufgeben.

Also waren es die Frauen, die Dich hinzogen. Aber Du saßest in einem Winkel und sprachst mit Freunden und kümmerst Dich nicht um die Mädchen. Der Walzer war dir verhaßt. Nur wenn eine amerikanische oder englische Melodie ertönte, da konntest Du zuhören, begeistert zuhören und mitsingen. Wie eine Oboe klang Deine Stimme, manchmal gefiel Dir auch ein Mädchen. Aber reden wolltest Du mit ihr nicht. Mit Deinen Augen wolltest Du sie genießen – jedes Wort, das sie sprach, brachte Dir eine Enttäuschung.

[...]


[1] Barker, Andrew: Telegrammstil der Seele. Peter Altenberg – Eine Biographie. 1998 (S. 11)

[2] ebd. (S. 12)

[3] ebd. (S. 12)

[4] Christian Kosler (Hg.): Peter Altenberg, Leben und Werk in Texten und Bildern. 1984 (S. 238)

[5] ebd. (S. 240)

[6] Christian Kosler (Hg.): Peter Altenberg, Leben und Werk in Texten und Bildern. 1984 (S. 144)

[7] Christian Kosler (Hg.): Peter Altenberg, Leben und Werk in Texten und Bildern. 1984 (S.52)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Peter Altenberg - eine wissenschaftliche und didaktische Herangehensweise an eine besondere Persönlichkeit
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Zwischen Kaffeehaus und Kabarett: Lyrische uns szenische Texte aus der Donaumetropole Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V33321
ISBN (eBook)
9783638338226
ISBN (Buch)
9783638652322
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit hat ihren Schwerpunkt auf dem literaturwissenschaftlichen Teil, fügt jedoch didaktische Umsetzungsmöglichkeiten für Peter Altenbergs Texte an.
Schlagworte
Peter, Altenberg, Herangehensweise, Persönlichkeit, Zwischen, Kaffeehaus, Kabarett, Lyrische, Texte, Donaumetropole, Wien
Arbeit zitieren
Cathrin Dehmer (Autor), 2004, Peter Altenberg - eine wissenschaftliche und didaktische Herangehensweise an eine besondere Persönlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33321

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