Der Management-Konflikt Pflege und Ökonomie

Oder: die Erfüllung des Pflegebedarfs eines Individuums


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2016
29 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis.

1. Abstract.

2. Einleitung.

3. Die Menschenwürde als Pflege-Kriterium.

4. Die Konkretisierung der Wahrung von Menschenwürde.

5. Die Dienstleistung Pflege als Organisations-Aufgabe.
Die Pflegebedürftigkeit als Maß für die Pflegeversicherung und den Pflegeprozess.
Das Kriterium „Leistung am Individuum“.
Die Effizienz der Pflege unter dem Blick von Ökonomie.

6. Das Personal der Pflegeeinrichtung im Gesamtentgelt der Pflegekassen
Möglichkeiten und Grenzen individueller Pflege.
Die Pflegefachkraft als Bemessungsgrundlage.

7. Das Unternehmensziel Wirtschaftlichkeit bei der Dienstleistung Pflege.
Die Pflege-Ökonomie.
Die Prüfung des Arbeitsvorgabe und des -ergebnisses.
Kostendeckungen auf Grund von Bedarfsplanung.
Die Management-Aufgaben.
Das zentrale Anliegen für das Management: bestmögliches Fachpersonal.
Überlegungen zur ethischen Zielerfüllung bei knappen Finanzmitteln.

8. Aspekte von Pflege und Pflegefachkraft.

9. Die Grenztypen von Pflegeunternehmen (stationäre Einrichtungen).
Das Dienstleistungs-Unternehmen.
Die stationäre Pflegeeinrichtung.

10. Was bewirken unterschiedliche Unternehmensprioritäten in Ökonomie und Pflege?

Abstract.

Pflege ist eine besondere Dienstleistung im Sozialstaat, bei der man stets zur Aktualisierung auf den medizinischen und pflegewissenschaftlichen Stand und zu einer Weiterentwicklung der dabei verwendeten Verfahren verpflichtet ist. So wird die Pflegebedürftigkeit um die Komponente des selbständigen Handelsfähigkeit des zu pflegenden Individuums erweitert und die Verfahren zur Personalbemessung in einer stationären Pflegeeinrichtung und der Messung der erreichten Pflege-Qualität werden überarbeitet.

Das Ziel der Pflege, die weitgehend von einer Pflegeversicherung in der Form der Kosten-übernahme (Pflegesatz) finanziert wird, ist der Erhalt von Denk- und Handlungs-Fähigkeiten des Individuums, worunter auch die Menschenwürde, die Achtbarkeit der Person verstanden werden kann, Es ergibt sich von selbst, dass dieser Aufgaben-Komplex stark von der Zusam-mensetzung der in einem Heim zu pflegenden Individuen und des qualifizierten Pflegeperso-nals abhängt und dass an das Management des Heims hohe Anforderungen gestellt sind.

Jedes zu pflegende Individuum hat ein von Gutachtern erstelltes Pflegebedürftigkeits-Profil, was Maßstab der in einem Heim zu erbringenden Leistungen sein kann. Für die Leistun-gen muss die Leitung einer Pflegeeinrichtung spezielles Personal einsetzen, das unter dem Regiment eines Personalmanagements steht und organisiert werden muss. Als Faden durch den Alltag im Heim wird von der Arbeitsvorbereitung u.a. ein Tagesablauf mit definierten Zeitpunkten geplant, in den die verschiedenen Fachkräfte optimal eingespannt werden, so dass die ökonomischen Forderungen von Eignern bzw. dem Management erreicht werden. Das zwingt zu einer Philosophie, wonach (speziell) nur dann gepflegt wird, wo und wann es nötig wird. Das scheint vertretbar, solange keine Missstände oder Mängel zu beklagen sind und die Fremd-Qualitätsprüfungen ein befriedigendes Ergebnis erbringen.

Aus der Datenlage über die Pflegeheime kann bisher kein optimales Modell abgeleitet wer-den, nach dem sowohl die Zufriedenheit der Bewohner maximiert wird als auch der vom Unternehmer angestrebte Unterlohn (Gewinn) erreicht werden kann. Untersuchungen der Pflegeheime haben ergeben, dass das für das Individuum von der Pflegeversicherung gezahl-te Entgelt nicht immer in einem angemessenen Verhältnis zu dem an dem Individuum er-brachten Leistungen steht, was allerdings nur über Rückschluss aus spezifischen Datenerhe-bungen gefolgert wurde. Die Möglichkeit mit einem modernen Zeiterfassungssystem die Sachlage definiert zu ermitteln, wurde bisher nicht genutzt. Das müsste allerdings geschehen, um darüber urteilen zu können, ob der immense Aufwand der individuellen Pflegebedürf-tigkeit in jetziger Weise gerechtfertigt sein könnte. Denkbar erscheint ein rationelleres Verfahren, das gleichzeitig der gegenwärtigen Situation entspricht.

Es scheint wenig wahrscheinlich, dass allein durch ethische Forderungen an die Unterneh-mensleitung das individuelle Optimum am zu Pflegenden verwirklicht wird, denn der beste-hende Konflikt ist eine Konsequenz politischer Vorgaben und Zwänge..

Einleitung.

Das Management eines Unternehmens gibt sich selbst oder bekommt vorgegeben das Unter-nehmensziel, nach dem sie bei ihrem Handeln vorzugehen hat. Der Erfolg davon ist ein Maßstab, wie gut sie in Ihrem Entscheiden und ihrem Leiten gewesen waren. Dabei wird dies gewöhnlich monetär gemessen, nur bei gewissen Unternehmen z.B. mit hoheitlichen Aufga-ben kann auch eine andersartige Wertung vorgenommen werden. Als Dienstleistung, wird bei Pflege in die Intimsphäre und in die Integrität von Pflegeempfängern eingegriffen[1], sie steht damit professionell in unmittelbarer interaktiver Arbeit, die an Hand von Qualitätskriterien gemessen und kontrolliert werden kann. Allgemein benutzt man hier die Aussage der zu Pfle-genden, die nicht objektiv zu sein braucht, weil das Spektrum der Bewohner eines Heimes unterschiedlich situiert ist, eingezwängt in die jeweiligen individuellen Vorstellungen und Erwartungen an eine Pflege. Durch die Installation eines Qualitätsmanagements, flankiert von Vereinbarungen mit den finanzierenden Pflegekassen[2], was eine weitere Kontrollmöglichkeit bedeuten könnte, ist aber noch keine Gesamtausrichtung auf eine Behandlungsausführung im Pflegeheim erreicht, denn hierfür sind die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, wo-zu wesentlich die Zufriedenheit des Pflegepersonals gehört.[3] Qualitätsindikatoren sollen für aus-wertbare Daten sorgen, sie bauen aber zumeist auf Erhebungen, also auf Befragungen von Individuen auf und sind damit nicht frei von subjektiven Einschätzungen zu einer bestimmten Zeit und geben damit kein Bild vom Verlauf des Prozesses am Individuum, abgesehen von der Tatsache des Unvermögens definitive Angaben machen zu können.[4].

Der Pflegemarkt ist Teil des Gesundheitswesens und einer der größten deutschen Wirtschafts-zweige, wovon 40 % auf ambulante und stationäre Versorgung ohne Arztpraxen entfallen, er ist zwar nicht stabil, aber in der Zukunft weiterhin gesetzliche „gesichert“.[5] 2013 gab es etwa 11 Tausend Pflegeheime mit vollstationärer Dauerpflege[6], davon über 42 % mit Bewohner-zahlen von 61 bis 150, insgesamt 743 Tausend, davon 40 % in Pflegestufe II und 37 % in Pflegestufe I, die durchschnittlich mit 61,7 €/(Person und d) vergütet wurden. In der Statistik wird als Personal (nach SGB XI) 490 Tausend aufgeführt, wovon 36 % vollzeitbeschäftigt waren und 30 % in Pflege und Betreuung. Die zweithöchste Gruppe war im hauswirtschaft-lichen Bereich tätig. Bei einer Umfrage unter den Unternehmensleitungen waren nur 4 von 10 mit ihrer finanziellen Lage zufrieden[7], eine Reihe von Pflegeheimen geraten in die Insolvenz. Man prognostiziert eine wachsende Zahl von alters- und pflegebedürftigen Menschen, also von notwendigen zukünftigen Pflegeplätzen in sogenannten Heimketten, in denen wiederum das Finanzkapital das Sagen hat.[8] Die anstehende Konsolidierung auf dem deutschen Pflege-heimmarkt wird von relativ wenigen größeren Unternehmen ausgehen, die über die Finanz-kraft und die Managementressourcen verfügen, die nötig sind, um aktiv die von den meisten Betreibern erwartete Konsolidierung voranzutreiben. Zukünftig wird es immer weniger Be-treiber geben, die nur eine oder wenige Einrichtungen führen. Es ist unzweifelhaft so, dass von der Rendite-Erwartung[9] her hohe Anforderungen an das Management gestellt werden; es geht schlicht hier nicht mehr nur um Pflege und deren Qualität.[10]

Die Menschenwürde als Pflege-Kriterium.

Die Klarheit des Evolutionszieles zum Menschen ist wissenschaftlich noch nicht gesichert; das menschliche Individuum zeigt in seinen Merkmalen/Eigenschaften, seinem Verhalten zuviel Variabilität und Vielfalt, so dass der Mensch an sich im Sinne seiner Würde nur als ein idealisierter Typus verstanden werden kann, von manchem Wissenschaftler wird die Evo-lution mit dem Überlebenswillen als eine Art biologischen Imperativ, der fest in unseren Gefühlsapparat eingebrannt ist, verstanden. Jeder Einzelne von uns wird zukünftig noch be-wusster als bisher damit leben müssen, dass dieser Super-GAU auch für ihn eintreten wird.

Mein Existieren ist begrenzt – diese Einsicht trifft uns bereits als biologische Wesen: im Alten- und Pflegeheim ist das Sterben ein fortlaufendes Ereignis .[11] Die manchmal prokla-mierte Lebensqualität [12], die es zu erreichen gilt, ist von zweifelhafter Konkretheit und Einheitlichkeit. Manche Religionen und Philosophien haben in ihren Vorstellungen für den homo sapiens eine Aufhöhung zum Göttlichen vorgenommen[13], d.h. die Menschenwürde sei etwas besonderes, das im staatlichen Zusammenleben zur ethischen Norm erklärt und ge-schützt werden müsste, im Rechtsbewusstsein und teilweise auch in der Praxis zu einem Maßstab gesellschaftlicher Lebensordnung, der im Wert über allem stehe, ggf. durch die Verfassung geschützt[14], aber die Menschenwürde muss von allen Seiten auch tatsächlich anerkannt werden.[15]

Das menschliche Individuum, die menschliche Population ist im Laufe der Evolutionsge-schichte schon mehrfach durch Naturereignisse und durch Kämpfe um die jeweilige Stellung innerhalb der Menschheit zusammengebrochen, was beweist, dass die Begrenztheit menschli-chen Lebens auch durch den Menschen herbeigeführt werden kann. Diesem versuchen einzel-ne Individuen und auch Staaten durch Wahrung der Menschenrechte zu verwirklichen, in der Verfassung der deutschen Bundesrepublik ist in Artikel 1, Abs.1 die Menschenwürde als unantastbar bezeichnet mit der staatlichen Schutzverpflichtung. Der Staat hat alles zu unter-lassen, was die Menschenwürde beeinträchtigen könnte. [16] Das Grundgesetz stellt die freie menschliche Persönlichkeit auf die höchste Stufe der Wertordnung, ihren Eigenwert, ihre Eigenständigkei [17] . Staatlichen Schutz darf vor allem die private Sphäre des Menschen bean-spruchen, der Bereich, in dem er allein zu bleiben, seine Entscheidungen in eigener Verant-wortung zu treffen und von Eingriffen jeder Art nicht behelligt zu werden wünscht [18] . Für Pflegeeinrichtungen gilt: Inhalt und Organisation der Leistungen haben eine humane und aktivierende Pflege unter Achtung der Menschenwürde zu gewährleisten.[19]

Menschenwürde ist ein Begriff von Wert und Achtung innerhalb der menschlichen Gemein-schaft, er wird oft mit einer Philosophie oder Religion verbunden und wird zu einem Merk-mal des idealisierten Menschen, ihm wird sogar ein Rechtsanspruch zuerkannt.[20] Nach der Menschenrechts-Erklärung von 1948 hat der Mensch Vernunft und Gewissen. Würde ist in der Vorstellung etwas, was auch einem eingeschränkt selbstbestimmenden hilfsbedürftigen Menschen zusteht und es wird zu einem Maßstab menschlichen Handelns, so bei der Pflege. Jeder Mensch ist und bleibt immer eine Persönlichkeit, die sein Leben dem Grunde nach selbst gestaltet (bestimmt) und selbst bei dementiellen Defekten so weit wie möglich darin und in ihrer Würde unterstützt werden muss, unabhängig davon, ob die gesetzlichen Rahmen-bedingungen dafür gegeben sind oder erst zu entwickeln sind.[21] Grundsätzlich kann das Herabwürdigen auf ein bloßes Pflege-Objekt bereits eine Verletzung seiner personalen Eigenständigkeit sein, denn jeder Mensch braucht einen Rückzugsraum, wo er allein sein kann, und ein Gefühl der Sicherheit dort, wo er sich befindet, wo er auch seine demokrat-ischen Rechte wahrnehmen kann.[22]

Demente Personen können durch eine Syndromdiagnostik[23] auf kognitive Defizite unter-sucht werden, was aber keine Differenzierung hinsichtlich Veranlagung bzw. Erziehung er-möglicht. Im Modul „Verhaltensweisen und psychische Problemlagen“ des neuen Pflegebe-dürftigkeitsbegriffes wird der Status kognitiven Fähigkeiten etc. und die relevante Beein-trächtigung häufigkeitsbezogen differenziert erfasst[24], aber es bleibt das Problem, ob der spe-zifizierte Ausschnitt des Ermittlers voll der Wirklichkeit entspricht. Die Feststellung einer Einschränkung z.B. bei Verrichtungen des Alltags ist eine Form, die davon ausgeht, dass diese gleichmäßig anhält oder sogar progredient ist und das Zusammenwirken mit anderen Lebensfaktoren hier nicht beeinflusst. Das Verhältnis zur Menschenwürde und geeigneter Maßnahmen zur Wahrung und zum Erhalt dazu wird nicht berührt. In der Pflege soll versucht werden, vorhandene Einschränkungen auszugleichen und ein weitestgehend ungestörtes, menschenwürdiges und der persönlichen Lebensgeschichte angepasstes Leben zu ermög-lichen. Die Menschen mit Demenz sollen sich wohlfühlen. Der Mensch mit Demenz hat mög-lichst immer die gleichen Bezugspersonen, so dass sich eine personale Beziehung zwischen ihnen aufbauen kann („Paten“) [25], denn erst dann kann eine besondere Zuwendung auch positiv empfunden werden, in der ständigen Interaktion wird Zugehörigkeit erlebbar.[26]

Dass Demenz vielfach nicht behebbar ist, wird angenommen und auch in Pflegeheimen oft unterstellt, besonders dann, wenn kein relevanter Arzt die Heimbewohner betreut. In einem fortgeschritteneren Stadium sind Menschen mit Demenz vielfach überfordert, wenn sie eigene Entscheidungen treffen sollen.[27]. Hier zeigt sich: Weil sowohl die von einer Person zu for-mulierenden Ziele als auch deren Realisierung nur in Abhängigkeit vom sozialen Umfeld vor-genommen werden können, ist von Selbstbestimmung als einem relationalen Sachverhalt aus-zugehen. Wird die Würde des Menschen aus seiner Bestimmung als Vernunft- und Freiheits-wesen hergeleitet, so wird mit dem Verlust der für diese Bestimmung notwendigen Fähigkei-ten zugleich auch die Anwendbarkeit der Begriffe Menschenwürde und Menschenrechte im konkreten Fall fraglich. [28]

Manchmal sind die Pfleger sogar weitgehend auf sich allein gestellt: Was sollen sie tun, wenn ein (einzelner) schwer Demenzkranker besnders auffällig verhält[29] oder sich allem gegenüber verweigert, einen Pfleger verhaltensauffällig abwehrt, wenn er tagsüber auf dem Bett liegt und nicht mehr zugänglich ist? Da hilft die Einteilung in eine Bedürftigkeitsklasse (mit De-menz), wobei das Verfahren mit Bedürfnis-Klassen in gewisser Weise ist immer so etwas wie das einer Entindividualisierung darstellt[30], da ist der richtige Einfall gefragt, wie man in solcher Situation stressfrei eine Lösung herbeiführt.[31] Gerade bei Demenzkranken sind die Grenzen der Belastung der Pflegenden weder voraussehbar noch in Art und Dauer definiert beherrschbar. Interessant ist die Bemerkung, dass das NBA nicht dazu beiträgt, die Heterogeniät innerhalb der gleichen Einstufung von Pflegebedürftigkeit zu reduzieren. [32].

Die Konkretisierung der Wahrung von Menschenwürde.

Dass die Umsetzung der Forderung auf Menschenwürde eigentlich konkrete Handlungs-anweisungen bedingt, um eine einheitliche Anwendung und Kontrollierbarkeit zu gewähr-leisten, ist natürlich. Insbesondere betrifft das die qualitative Auswahl der Kräfte für jewei-lige Leistungen und den Zustand des zu Pflegenden zu. Wird die Würde des Menschen aus seiner Bestimmung als Vernunft- und Freiheitswesen hergeleitet, so wird mit dem Verlust der für diese Bestimmung notwendigen Fähigkeiten zugleich auch die Anwendbarkeit der Begriffe Menschenwürde und Menschenrechte im konkreten Fall fraglich [33] . Das dem Pflegenden angemessene Verhalten des Pflegenden setzt also ein Erkennen der jeweiligen Situation als auch die entsprechende Reaktionsfähigkeit voraus, weshalb die Delegation bestimmter Maß-nahmen der Behandlungspflege auf - ausgewählte – angelernte Kräfte in stationären Pflege-einrichtungen zu delegiert einen Qualitätsmangel i.S.d. § 115 Abs. 2 S. 1 SGB XI darstellen kann.[34] Im Wesentlichen erschöpft man sich in allgemein gehaltene Hilfen, wonach sich der Pflegende mit dem zu Pflegenden identifiziert.[35] Auch die Spezialisierung in einzelne Tätig-keiten und Klassenbewertungen für die Beurteilung im Pflegeergebnis[36] sind für den Pfle-genden keine Anleitung, denn ein anderer bildet die Einordnung in die Werte-Skala.

Wenn der unbestimmte Begriff Menschenwürde und ihre Wahrung bei der Pflege kein Messprinzip für eine Unternehmensführung sein können, ist es auch schwer, das Nichtein-halten einer solchen Priorität als Anlass für eine Mangel-Feststellung zu nehmen. Umgesetzt schrumpft die so hochgestochene Würde auf einzelne Punkte herab[37], aber mehr allgemein gehalten, was soll z.B. wertschätzende Einstellung sein? Da genügt eher die pragmatische Erkenntnis, dass für das Management für eine stationäre Pflegeeinrichtung auf jeden Fall ein diesbezüglich nachweisbarer Mangel zu vermeiden oder zumindest das Risiko eines Ruf-Schadens klein zu halten ist. Bei einer häuslichen Pflege walten andere – meist familiär ge-prägte persönliche Einstellungen. Die Einstellung des Pflegepersonals eines Dienstleistungs-betriebes hauptsächlich auf die Anforderungen eines Qualitätsbewerters (Gutachters) ent-spricht dieser Geisteshaltung genau so wie die funktionsbezogene Organisation des Ar-beitsablaufes in einer Pflegeeinrichtung, wo für die Bewohner, z.B. in einer Hausgemein-schaft, der Alltag mehr oder weniger gleich (geordnet) abläuft, die individuelle Pflege wird auf ein Minimum eingeschränkt.[38] Der durch Begutachtung gewonnene Rahmen einer Pflege-bedürftigkeit schrumpft auf diese Weise auf ein Maß, das z.B. durch die Struktur der Pflege-einrichtung bestimmt wird, der für eine Unternehmensführung zu Pflegende wird ein Objekt des Einkommens über die Pflegeversicherten und über diesen Aspekt zu einem Problem betriebswirtschaftlicher Buch-führung und des Managements, das meist nur in geringem Maße schwankt.

Die Dienstleistung Pflege als Organisations-Aufgabe.

Die Pflegebedürftigkeit als Maß für die Pflegeversicherung und den Pflegeprozess.

Die Feststellung der individuellen Bedürftigkeit für Pflege und Hilfe[39] beruht auf der Vor-stellung, dass man dadurch die soziale Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem ein-zelnen Individuum gerecht lösen kann. In der Praxis bleibt der Prozess aber stecken, er wird am Ende nicht durch eine Prüfung oder Kontrolle am Individuum abgeschlossen und taugt damit nicht als Maßstab für die Leistung am vorgesehenen Objekt. Man begnügt sich viel-mehr in einer vollstationären Einrichtung mit einer summarischen oder Durchschnittsbe-trachtung durch einen Prüfbeauftragten (MDK/TÜV) unter der Annahme, die träfe auf jedes dortige Individuum zu, zumal Abweichungen im Qualitäts-Empfinden durch Erkrankung/De-menz oder kulturelles Anders-Niveau gering zu sein scheinen. Manchmal wird die Ableitung von vorgeblichen Schwächen durch teils problematische Schlussfolgerungen entwertet. Aus einzelnen Beobachtungen und Auffälligkeiten werden pauschalierende Rückschlüsse gezo-gen [40] ohne die Voraussetzungen dafür geprüft zu haben. Die Eingliederung eines Menschen in ein Heim nach „Bedürftigkeit“ bedeutet nämlich die für die Unternehmens-Leitung eine Organisation und Umdeutung in einen Pflegeprozess mit einer Bewertung der Gesamtlei-stung anhand von erstellten Dokumentationen[41], Beschwerden oder Zufriedenheits-Bekun-dungen etc.[42]

Will man näheren Aufschluß darüber erhalten, ob die Qualität der Leistung am Individuum tatsächlich ankommt oder ankommen kann, muss man den Prozess analysieren. Die Doku-mentation der Ergebnisse des pflegediagnostischen Prozesses in Form einer Pflegediagnose mit Kennzeichen und Ursachenzusammenhängen sei pflegefachlich ge boten , da sonst eine Kontinuität der pflegerischen Versorgung in einem Team nicht sichergestellt werden könne und jede Pflegeperson zu anderen Ergebnissen komme. Da das Strukturmodell ein hohes Maß an Fachlichkeit der Pflegekräfte voraussetze, sei neben den Schulungen zur Anwendung der SIS (Strukturierten Informationssammlung) [43] auch die Gesamtheit der fachlichen Qualifika-tion zu erfassen.[44] Hier werden – faktisch ergänzend zur Feststellung des Pflegebedarfs – die individuelen Erwartungen und die bestehenden Risiken zu erfassen gesucht unter der Divise einer Entbürokratisierung des Dokumentationsprozesses bzw. eines Ersatzes davon. Es ist jedoch noch offen, ob die Erwartungen des Pflegepersonals dahin auch gerechtfertigt sind, insbeson-dere bei Mangel an Fachpersonal in Hochbedarfssituationen.

Die Vorstellung, dass die Feststellung der Bedürftigkeit auf Pflege zugleich sowohl eine kal-kulatorischer als auch arbeitsvorbereitender Vorgang (Pflegeplanung[45] ) sein könnte, ist zwar ungewohnt, aber zwangläufig, wobei außer einem Arbeitszeit-Rahmen hinaus zugleich artspezifische Hinweise auf die Dienstleistungsdurchführung zu beachten sind. Da im Sozial-gesetzbuch XI (Pflege) dem Grunde nach neben dem Solidaritäts- das Individualitätsprin-zip gilt und damit der Gutachter sich ausschließlich auf den Einzelfall, das Individuum und dessen wirkliche Lebensgewohnheiten zu konzentrieren bzw. einzustellen hat, müsste auch der Pflegeprozess individualisiert werden, was aber nur in der Familie, zu Hause zu bewerk-stelligen ist; was auch vom Gesetzgeber so gesehen wird. Allerdings besteht schon wegen der auf eine kurze Begutachtungszeit beschränkten Feststellung immer das Risiko, die tatsäch-liche Situation nicht objektiv und voll individuumsgemäß zu erfassen, da Antworten unprä-zise, die Angaben der laienhaften Pflegeperson oder von Angehörigen zu unbestimmt, die Sachlage nicht stetig u.a. sein können, so dass die Genauigkeit der Befunderhebung leidet.[46] Letztendlich mündet alles zunächst in einen Empfehlungsbericht einer Pflegestufe mit mone-tärer Wertigkeit, der die Pflegekasse im Allgemeinen entspricht und später finanzielles Einkommensmaß für die Pflegeeinrichtung wird.

Jetzt heißt es, dass man mit der neuen, flexibleren Festlegung in Pflegegraden (NBA) sogar noch genauer und gerechter[47] würde, man entwertet aber zugleich das bisherige auf Erfah-rungswerten beruhende Festlegungs-System, das mit Zeitwerten einfacher für den Laien ver-ständlich zu sein scheint[48], zumal die Selbständigkeit als NBA-verfahrensabhängig gelten kann, weil es kein Messen[49] im eigentlichen Sinne ist, und es keine genormten Verfahren zum Erfassen von Pflegetätigkeiten gibt.[50] Das neue Begutachtungsassessment (NBA) wird zwar als vereinfachtes Verfahren gepriesen, aber es stellt eben an die Einheitlichkeit der Verfah-rensanwendung über alle relevanten Lebensbereiche des Individuums und enorm hohe Anfor-derungen an die breite Erfahrung des Gutachters und die individuumsgerechte Zuordnung.[51] Außerdem können nicht alle Situationen des Pflegers korrekt erfasst werden, weil zuweilen Parallel-Tätigkeiten oder Abbrechungen stattfinden, eine andere Kraft eingesetzt wird usw.[52]

Das Streben jeden Prozessergebnisses mit Qualität geht in Richtung auf ein von Subjektivem befreiten Verfahren, und das wird um so schwieriger, je komplexer die Einfluß-Funktionen verknüpft sind und je mehr man Menschen bei der Bewertung einsetzt.[53] Die Güte der Beur-teilung von „Bedürftigkeit“ hängt aber auch bei NBA nicht nur von der Güte des Gutachters, sondern - evtl. nicht unerheblich – schon von der der formalisierten Abfragetechnik ab, je mehr über einzelne Kriterien entschieden werden muss, desto kürzer ist die Einzelzeit. Ob sich die (neu) Beurteilten dann gerechter eingestuft fühlen, bleibt abzuwarten. Es dürfte bei diesem (neuen) Verfahren jedoch sehr viel schwieriger sein, Einspruch gegen eine nicht er-teilte oder nach eigener Einschätzung unzutreffende Pflegestufe zu erheben. Das Berech-nungsverfahren, nach dem die Teilergebnisse der 8 Module zu einem Gesamtergebnis ad-diert werden, um daraus eine Zahl zu bilden, die sich in einer Pflegestufe ausdrückt, scheint kompliziert zu sein.[54] Schon die Frage des Grades an noch verbliebener echter Selbständigkeit bei Demenzkranken kann schon zwischen Arzt und Gutachter auseinander klaffen, was keine bloße Fiktion ist. Dadurch kann das Vertrauen in die Gründlichkeit der Erhebung gestört werden oder sein. Die Frage der gerechten Einstufung oder –graduierung ist dann eine weiterer Überlegung wert, was eine gesonderte Untersuchung erfordert.

[...]


[1] http://www.pflegewiki.de/wiki/Dienstleistung

[2] http://tinyurl.com/hmfz9b7

[3] http://tinyurl.com/gpy7hbm

[4] http://tinyurl.com/h9un2f3

[5] http://tinyurl.com/grcfomf

[6] http://tinyurl.com/h7x64dk Tab. 3.1/3.2ff.

[7] http://tinyurl.com/h4pyxb9 S. 32/33 und 49

[8] http://tinyurl.com/j7l3t3h http://tinyurl.com/jkwldqw

[9] http://tinyurl.com/hkm687j

[10] http://tinyurl.com/z4fr5ka http://tinyurl.com/hoz4uy5 http://tinyurl.com/jvcp7fk

[11] http://tinyurl.com/hghvejh S.32

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensqualität

[13] http://tinyurl.com/jts8ft3 S. 258/259

[14] http://tinyurl.com/hhgd3xy S.239

[15] http://tinyurl.com/z2n3ug7 S. 349ff.

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenwürde

[17] BVerfGE 30, 39 – Abhörurteil

[18] BVerfGE 27, 1 - BVerfGE 34, 290

[19] SGB XI, § 11, (1).

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenwürde

[21] http://tinyurl.com/hobt7jo http://tinyurl.com/hzc8twf

[22] http://tinyurl.com/hul2cvz S. 8, 10, 23

[23] http://tinyurl.com/hboutyj

[24] http://tinyurl.com/h9cck4p S. 69, 75 vgl. hierzu: http://tinyurl.com/h8byy5o

[25] http://tinyurl.com/hjm9p8v

[26] http://tinyurl.com/jxx4ktr

[27] http://tinyurl.com/hguqktp

[28] http://tinyurl.com/z8hlmxd S.354/355

[29] http://tinyurl.com/jqqz3at

[30] http://tinyurl.com/o2ffu4n Abschnitt 4.1

[31] http://tinyurl.com/jkm8k55

[32] http://tinyurl.com/q2blyos im Abschlussbericht Folie 24 ff.

[33] http://tinyurl.com/hdwdttu S.355

[34] SG Speyer, 27.07.2005 S 3 P 122/0o3

[35] http://tinyurl.com/glj5saw S. 80/81

[36] http://tinyurl.com/jdewc45 S. 76

[37] http://tinyurl.com/z2hpzlu Abschnitte 3.1 bis 3.4

[38] http://tinyurl.com/hho4bag S. 257

[39] http://tinyurl.com/gmc6kbc

[40] http://tinyurl.com/zs384v7 S. 43 und 46.

[41] http://tinyurl.com/zm3vpdj

[42] http://tinyurl.com/h7auura

[43] http://tinyurl.com/jra8tas http://tinyurl.com/ht544x8

[44] http://tinyurl.com/z58rmwj http://www.pflegewiki.de/wiki/Strukturierte_Informationssammlung

[45] Als Beispiel: http://tinyurl.com/zrocd23

[46] http://tinyurl.com/na7zyk2

[47] http://tinyurl.com/pgqxo5h

[48] http://tinyurl.com/prpeqbh S. 185ff. http://tinyurl.com/px4m5pw http://tinyurl.com/ptsqx5w http://tinyurl.com/pprlsjw Abschnitt 6, S. 151ff.

[49] http://tinyurl.com/p5smlvd https://de.wikipedia.org/wiki/Messung keine Messbarkeit

[50] http://tinyurl.com/ozttlbd Korrelation Versorgungsaufwand, Pflegebedürftigkeit An hang A Zwischenfazit

[51] http://tinyurl.com/j48oj7z

[52] http://tinyurl.com/zbar6j8 S. 38

[53] http://tinyurl.com/zj9bmmu

[54] http://tinyurl.com/j65ztuo S. 11 dort Fußnoten

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Details

Titel
Der Management-Konflikt Pflege und Ökonomie
Untertitel
Oder: die Erfüllung des Pflegebedarfs eines Individuums
Autor
Jahr
2016
Seiten
29
Katalognummer
V334180
ISBN (eBook)
9783668242869
ISBN (Buch)
9783668242876
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
management-konflikt, pflege, ökonomie, oder, erfüllung, pflegebedarfs, individuums
Arbeit zitieren
Dr.-Ing. Adalbert Rabich (Autor), 2016, Der Management-Konflikt Pflege und Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334180

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