Spiegel und Spiegelungen. Funktion und Bedeutung des Spiegelmotivs im Film


Bachelorarbeit, 2013
44 Seiten, Note: 2,3
Katrin Graf (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Spiegel und seine Eigenschaften

3. Verwendung des Spiegelmotivs im Film

4. Der Spiegel als Instrument der Identitätsfindung

5. Spiegel zur Visualisierung von Identitätskrisen
5.1. Das Spiegelmotiv in Black Swan – Anzeichen einer Schizophrenie
5.2. Das Spiegelmotiv in Dorian Gray - Verlust der eigenen Identität

6. Magische Spiegel
6.1 The Matrix – Der Spiegel als Tür zwischen zwei Welten
6.2. Spiegel im Horrorfilm Mirrors

7. Fazit

8. Filmverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

10. Bildquellen- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Mythologie, die sich durch Volkssagen, Märchen und Aberglaube um das Objekt des Spiegels rankt, birgt seit jeher etwas Geheimnisvolles. Hauptsächlich steht dabei der Spiegel immer in Verbindung mit dem Tod. So werden zum Beispiel nach dem Tod eines geliebten Menschen alle Spiegel im Haus verhüllt, um den Toten, der im Spiegel erscheinen kann, daran zu hindern einen weiteren Menschen zu sich zu holen1. Heutzutage hat der Spiegel allerdings etwas von seinem geheimnisvollen Zauber eingebüßt, denn er ist als Alltagsgegenstand in die Einrichtung eines jeden Haushalts integriert, hat dort allerdings als Gebrauchs- und Dekorationsgegenstand nur kosmetische bzw. ästhetische Funktion. Dem Spiegel können jedoch noch andere Funktionen zugesprochen werden. So sagt Manfred Faßler „[…] mal steht Spiegel für Abbild, mal für Nicht-Identität, mal für Differenz, mal für Symbiose, mal für Selbsterkenntnis, mal für 'Ankündigung von der Wahrheit' […].“2 In der Literatur gilt der Spiegel als Symbol der Eitelkeit, wie in der Sage von Narziss, als Portal der Wahrheit, wie in Grimms Märchen Schneewittchen, sowie als Tor in andere Zeiten und Orte, wie in Lewis Carrols Kinderbuch Through the Looking-Glass and What Alice Found There. Das Medium des Films macht sich dabei diese semantische Vielschichtigkeit des Spiegels zu Nutzen. Dieser fungiert dabei nicht nur als visuell ästhetisches Handlungsrequisit, sondern hat gehäuft darüber hinaus eine symbolische Bedeutung. So dienen Spiegel im Rahmen der filmischen Erzählung als Objekt und Metapher zugleich. Das Vorkommen von Spiegeln und Spiegelungen im Film bleibt aber von den Zuschauern oft unbemerkt oder ihnen wird keine weitere Bedeutung zugemessen. Allerdings werden aufmerksame Zuschauer schnell merken, dass das (gehäufte) Erscheinen von Spiegeln einer visuellen Semantik unterliegt und häufig essentielles Element der Narration ist. So zeigt auch die genauere Analyse, der für die vorliegende Arbeit gesichteten Filme, dass Spiegel in der filmischen Gestaltung nicht willkürlich eingesetzt, sondern als Teil einer durchkonstruierten Bildsprache anzusehen sind. Sie avancieren als Metapher zu einem essentiellen Motiv, um Selbsterkenntnis, Identitätskrisen, ambivalente Gefühle, innere Konflikte, sowie die Parallelität zweier Welten auch ohne Dialog zu visualisieren.

Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei Teilen. Dabei beschäftig sich der erste Teil der Arbeit zunächst mit einer Zusammenfassung der vielfältigen physikalischen Eigenschaften eines Spiegels. Herausgestellt werden hierbei Besonderheiten und Spezifika des Spiegelmotivs. Um eine Verständnisgrundlage zu schaffen, die für die weitere Auseinandersetzung mit den analysierten Filmen maßgeblich ist, werden die unterschiedlichen Verwendungen von filmischen Spiegelmotiven im Allgemeinen kurz diskutiert und ein Abriss über die filmgeschichtliche Einordnung von Spiegelszenen geliefert. Der zweite Teil dieser Arbeit analysiert vier ausgewählte Filme motivisch. In diesem Teil sollen die Spiegelmotive von Black Swan (2010), Dorian Gray (2009), Mirrors (2008) und The Matrix (1999) herausgefiltert und charakterisiert werden. Dabei orientiert sich die Auswahl der Filme an der Funktion und Bedeutsamkeit von Spiegelszenen und versucht zugleich eine größtmögliche Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten abzudecken. Dennoch bilden diese vier Filme nicht die einzige Analysegrundlage der vorliegenden Arbeit, denn es werden mehrere Filmbeispiele kurz erwähnt, die auf Grund ihres weniger starken motivischen Nutzens nicht explizit diskutiert werden können, die aber, dessen ungeachtet, für diese Ausführung einen passenden Überblick verschaffen. Des Weiteren muss angeführt werden, dass alle sich in der Untersuchung ergebenen Spiegelmotive nicht ausführlich beleuchtet werden können. Zu bedenken gilt, dass die Auswahl der Filme bereits ein breites Spektrum an Beispielen bietet und es daher unmöglich ist, im Rahmen dieser Arbeit, auf jedes einzelne Motiv minuziös einzugehen. So sagt auch Karl E. Scheibe: “[…] a reflected visual image looks simple enough, but it presents a considerable interpretive challenge.”3 Anhand dessen, beschränkt sich diese Arbeit auf die drei Spiegeltypologien der Identitätssuche, der Identitätskrise, sowie der Funktion und Bedeutung von magischen Spiegeln. Auch wenn die ersten beiden Typologien größtenteils psychoanalytischer Natur sind und es für das Verständnis der Identitätsproblematik vonnöten ist, sich mit den psychoanalytischen Theorien von Jacques Lacan und Sigmund Freud auseinanderzusetzen, muss sich hier dennoch auf die motivische Funktion der Spiegelszenen beschränkt werden. Für ein literarisches Vorverständnis dienen jedoch folgende Texte: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint von Lacan, Das Unheimliche. Aufsätze zur Literatur von Freud, sowie Freuds Theorien zum primären Narzissmus, bei dem das eigene Ich ein Liebesobjekt darstellt4. Dabei ist es notwenig sich die verschieden Spiegelstadien von Lacan genau zu betrachten, da dies vor allem im Film Black Swan (2010) zu einem besseren Filmverständnis führt und auch die Wahrnehmung des Unheimlichen, die Freud als eine Wiederkehr des Verdrängten5 bezeichnet, kommt als Motiv in Filmen häufig vor. So wird das eigene Gesicht im Spiegel schnell zu einem Fremden.

Letztendlich verfolgt diese Arbeit im Wesentlichen das Ziel die vielen Spiegelszenen, die der Zuschauer oft nicht bewusst wahrnimmt, in ihrer Relevanz zu charakterisieren und eine möglichst große Variationsbreite an Motiven zum Vorschein zu bringen, so dass der Zuschauer in Zukunft Spiegelszenen im Film für sich selbst interpretieren kann und so zu einem besseren Filmverständnis gelangt.

2. Der Spiegel und seine Eigenschaften

Bevor das Spiegelmotiv in Filmen einer genauen Analyse unterzogen wird, ist es erst einmal wichtig sich der grundlegenden Eigenschaften eines Spiegels bewusst zu werden. So ist der Spiegel auf Grund seines kosmetischen und ästhetischen Werts schon so sehr ins gesellschaftliche Leben integriert, dass seine vielfältigen Eigenschaften schnell in Vergessenheit geraten:

Der Spiegel ist eine leere reflektierende Fläche, die durch die Reflexion von Licht Abbilder gegenüberliegender Objekte entstehen lässt und diese dadurch verdoppelt. Als Projektionsfläche ist der Spiegel immer an die Anwesenheit eines Referenten gebunden, denn das Wesen des Spiegels besteht darin, dass er an sich eigenschaftslos, also Nichts, ist und erst durch die Präsenz eines Objektes zu etwas wird, das eng an die Eigenschaften dieses Objektes gebunden ist6. Dies setzt die Gleichzeitigkeit von dem gespiegelten Objekt und dem Objekt des Spiegels voraus, denn der Spiegel ist kein Speichermedium und somit stetiger Revision unterzogen. Folglich kann sich das Spiegelbild durch Bewegung jederzeit verändern und bleibt demnach kurzlebig, flüchtig und vergänglich. Des Weiteren sind Spiegel Werkzeuge, um die Neugierde zu befriedigen, denn sie gewähren zum Beispiel Einblicke in Räume ohne selbst in dem Raum anwesend zu sein. Der Spiegel macht dadurch eigentlich Nicht-sichtbares für den Betrachter sichtbar7. Auch erlaubt einem der Spiegel unbemerkt Leute zu beobachten. Dass der Spiegel allerdings Rechts und Links vertauscht ist eine falsche Annahme, denn der Spiegel reflektiert Rechts und Links genau dort, wo Rechts und Links sind, demnach ist der Spiegel ein Garant für die Wahrheit. Umberto Eco sagt dazu:

Er [der Spiegel] 'übersetzt' nicht. Er registriert, was auf ihn trifft, so, wie es auf ihn trifft. Er sagt die Wahrheit auf unmenschliche Weise, wie jeder weiß, der vor dem Spiegel alle Illusionen über seine Jugendlichkeit verliert. Das Gehirn interpretiert die Daten der Netzhaut, der Spiegel interpretiert die Objekte nicht.8

Das Spiegelbild ist so immer ein identisches Abbild des Urbildes, dessen Spiegelbilder als Realität rezipiert werden. Diese Realität ist aber von virtueller Natur, denn im Spiegel werden reale Räume zu virtuellen Räumen, sowie reale Objekte zu virtuellen Objekten. So erzeugt der Spiegel eine Differenz zwischen Urbild und Abbild, denn er zeigt deren Realität und Virtualität9 und schafft dadurch verschiedene Wirklichkeitsdimensionen10. Wenngleich das Spiegelbild das Urbild identisch abbildet, kann die Oberfläche eines Spiegels so uneben sein, dass das reflektierte Spiegelbild verzerrt und damit von der Realität weit entfernt ist, wie etwa bei Zerrspiegeln auf der Kirmes. Der Spiegel kann also auch die Sinne täuschen. So auch, in dem er Räume entgrenzt und dadurch scheinbar vergrößert. Diese perspektivische Erweiterung der visuellen Wahrnehmung bezeichnet Umberto Eco als „Prothesenfunktion“11, denn der Spiegel ergänzt den Aktionsradius des Sehorgans. Allerdings verliert das Abbild im Spiegel dadurch an Glaubwürdigkeit.12 Der Spiegel kann durch seine ambivalenten Eigenschaften die Wahrheit zeigen und gleichermaßen die Sinne täuschen. Joscijka Gabriele Abels sagt dazu:

Für einige, sage ich, waren Spiegel die Hieroglyphen der Wahrheit, weil sie alles enthüllen können, was sich ihnen zeigt, so wie es der Wahrheit Brauch ist, die nicht verborgen bleiben kann. Andere dagegen halten Spiegel für Symbole der Falschheit, weil sie die Dinge oft anders zeigen, als sie sind.13

Was der Spiegel jedoch immer zeigt, wenn sich eine Person darin betrachtet, ist das abgebildete Selbst14. So ist der Spiegel Sinnbild der eigenen Identität. Er gestattet, sich selbst so zu sehen, wie Andere einen sehen und ist somit essentielles Instrument der Selbstvergewisserung und Identitätsfindung.15 Nach Lacan fördert der Spiegel aber nicht nur die Ich-Bildung des Menschen, sondern stürzt das Individuum gleichzeitig in eine Krise, denn das Abbild im Spiegel kann dem imaginierten Idealbild, Lacan nennt es auch „wahnhafte Identität“16, nicht entsprechen. Diese Identitätsproblematik des Spiegels wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher analysiert werden. Noch zu erwähnen sind weitere Eigenschaften des Spiegels, die allerdings nur im Medium des Films eine Rolle spielen, denn der Film erweitert die genannten Eigenschaften des Spiegels um magische Funktionen. So können Spiegel sprechen und weissagen, das Abbild tatsächlich verdoppeln und Türen in andere Welten öffnen17, wie in Kapitel 6 eingehender besprochen wird.

Doch wie werden Spiegel im Film inszeniert und warum werden sie von Regisseuren so häufig eingesetzt?

3. Verwendung des Spiegelmotivs im Film

Der Spiegel ist in Filmen gar nicht mehr wegzudenken, denn er ist sowohl wichtiges Handlungsrequisit, als auch essentielles Objekt der Mise-en-scène. Am häufigsten wird der Spiegel im Film zu kosmetischen Zwecken verwendet. So richten sich Figuren vor dem Spiegel die Haare, putzen sich die Zähne, schminken sich oder betrachten ihr Outfit, bevor sie zu einer Verabredung gehen. Der Spiegel ist somit dafür da, innere Unsicherheiten zu besiegen und sich selbst zu vergewissern. Einer der ersten nicht kosmetisch bedingten Einsätze, fand der Spiegel in Der Student von Prag unter der Regie von Hanns Heinz Ewers aus dem Jahr 1913. Der deutsche Stummfilm erzählt die Geschichte des Studenten Balduin, der sein Spiegelbild verkauft, um mit diesem Geld seinen gesellschaftlichen Aufstieg zu garantieren. Als Balduin sich eines Tages im Spiegel betrachtet tritt sein Abbild aus dem Spiegel heraus und tötet am Ende den Verlobten seiner Geliebten. In den meisten Filmen, die den Spiegel mit dem Doppelgängermotiv in Verbindung bringen, tritt das Spiegelbild jedoch nicht aus dem Spiegel, sondern verselbstständigt sich im Spiegel. Dass der Spiegel zur Darstellung von Doppelgängern benutzt wird liegt an seiner natürlichen Eigenschaft Objekte in seinem Reflexionsradius zu verdoppeln. So steigern Spiegel die Intensität der Darstellung des Doppelgängers und werden eingesetzt, um eine zweite Seite eines Protagonisten, eine Art Alter Ego, zu visualisieren. Sven Herget sagt dazu:

Der Doppelgänger avanciert zu einem vollkommen konträren Charakter, der sich sukzessive als verselbstständigter Teil der Persönlichkeit entpuppt. Dieser kann sich als ein Produkt der Imagination erweisen, das als Alter Ego auftritt und sich als Projektionsfläche lang gehegter Wünsche materialisiert, Fähigkeiten und Eigenschaften vereint, die das Original selbst nicht verwirklichen mag.18

Das Abbild im Spiegel muss allerdings nicht identisch mit dem Urbild sein. So kann die in den Spiegel sehende Person auch ein anderes Gesicht erblicken als sie selbst. Dies ist der Fall, wenn das Spiegelbild einen Teil der Persönlichkeit sichtbar macht, der zuvor verdrängt wurde.19 Der Spiegel verändert also die Identität dessen, der in ihn hinein sieht, indem er seinen Alter Ego, ein Wunsch-Ich, abbildet. Im Film Identity (2003) erblickt der an Persönlichkeitsstörung leidende Serienmörder Malcom Rivers einen Fremden im Spiegel und gerät durch die Differenz zwischen seinen internalisierten äußeren Erscheinungsbild und der Realität in einen Identitätskonflikt.20 Das Doppelgängermotiv bzw. die Abbildung des Alter Egos unterliegt somit einer visuellen Verdopplung und inneren Aufspaltung. Aber nicht nur Doppelgänger, sondern auch verzerrte Spiegelbilder dienen der Darstellung von Identitätskrisen, denn durch die Verzerrung ist die Identifikation mit dem Abbild gestört.

Der Spiegel muss in Filmen immer auch als Metapher verstanden werden. So dient die Spiegelmetapher u.a der Darstellung der Ich-Psychologie, im Sinne einer Erkenntnis- und Identitätsproblematik. Die Auslegung dieser Spiegelmetapher unterliegt jedoch einer Interpretation, die eng an die Filmhandlung geknüpft ist. So kann auf der einen Seite das Zerbrechen eines Spiegels als Ankündigung eines Todesfalls gedeutet werden, denn das Verletzen des Abbildes trifft nach Sven Herget das Urbild, den Menschen, immer selbst21 und auf der anderen Seite deutet die Zerstörung eines Spiegels, zum Beispiel durch einen Schlag in den Spiegel, auf Angst vor Konfrontation mit dem Selbst und vor der Begegnung mit Verdrängten hin22. Im Falle des Films Dorian Gray (2009) treffen beide Auslegungen zu, die aber im weiteren Verlauf noch besprochen werden. Des Weiteren kann ein fehlendes Spiegelbild sowohl auf eine Seelenlosigkeit, wie etwa bei Vampiren, als auch auf ein Identitätsverlust, oder sogar beides zugleich, hindeuten. Die Seele ist wichtiger Bestandteil der Spiegelmetapher23, denn im Film kann das Spiegelbild auch als symbolischer Ausdruck von Seelenzuständen und zur äußeren Darstellung innerer Konflikte dienen. Eine weitere Verwendung des Spiegelmotivs hat nicht mit der Identität der Figuren, sondern mit der Zuschaueridentifikation zu tun. In Taxi Driver (1976) von Regisseur Martin Scorsese gibt es die berühmte Szene, in der Robert De Niro als Taxifahrer Travis Bickle mit gezücktem Revolver vor einem Spiegel steht und einen vermeintlichen Gegenüber, sein Spiegelbild, zum Duell auffordert. Diese Szene ist so inszeniert, dass die Kamera als Spiegel fungiert mit dem Travis spricht. So ist der Zuschauer der direkte Dialogpartner von Travis und wird in die Erzählung involviert. Filmszenen, in denen die Filmkamera bzw. die Kinoleinwand den Spiegel repräsentiert und die Figur vor dem Spiegel dadurch die vierte Wand durchbricht, sollen durch die Interaktion die Identifikation der Zuschauer mit dieser Figur fördern, denn der Zuschauer wird zum Spiegelbild der Figur. Gleichzeitig wird dadurch der Zuschauer zur Reflexion angeregt24. Im gleichen Film gibt es eine Szene in der Travis in den Rückspiegel seines Taxis blickt und sich erstmals dem Dreck der Stadt New York bewusst wird. Da Rückspiegel konvexe Spiegel sind und dadurch den Blickwinkel vergrößern, erscheinen die abgebildeten Objekte und Personen weiter weg, als sie eigentlich sind. So kann der Blick in den Rückspiegel als Metapher für einen Abschied und/oder eine Trennung gedeutet werden. In Travis Fall ist es wohl die Entscheidung sich von dem Abschaum und Dreck in New York zu trennen. Weiter aufzuführen sind genrespezifische Spiegelmotive. In Fantasy-, Märchen- und Science-Fiction-Filmen spielen Spiegel mit magischen Funktionen eine große Rolle. So öffnet der Spiegel der Prinzessin im Fantasydrama Orphée (1950) von Jean Cocteau, einer modernen Version des antiken Orpheus-Mythos, Räume in andere Welten und Zeiten und in den vielen Schneewittchen-Verfilmungen liefert der Spiegel der bösen Königin Informationen über ihre Stieftochter. Aber auch im Horrorfilm ist der Spiegel als Objekt und Motiv allgegenwärtig. In The Shining (1980) spiegelt sich die Vorahnung „Murder“ im Schlafzimmerspiegel und in John Carpenter's Prince of Darkness (1987) ist der Spiegel das Tor zum Bösen. Des Weiteren erwartet der Zuschauer immer, wenn eine Figur in den Spiegel schaut, dass gleich etwas Erschreckendes passiert. Ein beliebter Schock-Effekt ist dabei, die Spiegelung einer Person, die zuvor nicht da war. Auf den Einsatz des Spiegelmotivs im Horrorfilm wird im letzten Kapitel, zum Film Mirrors (2008), kurz Bezug genommen.

4. Der Spiegel als Instrument der Identitätsfindung

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan stellte 1936 seine Theorie des Spiegelstadiums vor, in der er die Entstehung des Selbstbewusstseins des Menschen an Kleinkindern erforschte. Nach Lacan entwickelt ein Kind erst durch das im Spiegel erblickte Selbstbild ein Bewusstsein. So konstituiert sich mit dem ersten Blick auf das Ich als Ganzes die Identität des Kindes. „Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation [Hervorh. d. Verf.] verstehen im vollem Sinne, […] als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung“25, so Lacan. Der Spiegel ist somit ein Objekt, welches die Identität des Individuums bestätigt. Demnach ist das Spiegelbild Sinnbild der eigenen Identität. Da der Mensch die Wirklichkeit vor dem Spiegel in einer ungewohnten Form erlebt, das heißt in der scheinbar totalen Verdopplung26, kann der Mensch sich als Ganzes, als Einheit erfassen und ist nicht abhängig von der Weisung anderer. So kann sich der Mensch vor dem Spiegel selbst sehen oder vielmehr selbst erkennen. Dieses Sichselbsterkennen ist wesentlicher Bestandteil der eigenen Identität. Allerdings kann das Spiegelbild auch erschreckend sein, wenn nicht jenes Bild reflektiert wird, dass man zu sehen wünschte oder das Idealbild, das ein jeder von sich selbst hat, widerlegt wird. So muss auch Meryl Streep, als ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher in The Iron Lady (2011), schmerzlich im Spiegel erkennen, dass ihre besten Jahre vorbei sind. Der Film veranschaulicht dem Zuschauer, dass Margaret ein Doppelleben führt. Dies wird dem Zuschauer nicht nur durch die Narration, sondern auch durch die Inszenierung der Spiegel suggeriert. So zeigt eine Einstellung Margaret in einer Naheaufnahme vor einem Spiegel sitzen. Dem Zuschauer hat sie den Rücken zugekehrt, aber ihr Gesicht ist im Spiegel sichtbar. Da der Spiegel zweigeteilt ist, sieht der Zuschauer Margarets Gesicht jeweils auf der linken und rechten Seite (s. Abb.1). Dies soll Margarets Doppelleben bzw. ihr Leben in zwei Welten visualisieren und kennzeichnet gleichzeitig ihre gestörte Psyche. Margaret lebt einerseits in ihrer phantastischen Welt, in der sie noch immer Premierministerin und ihr Mann noch am Leben ist. Andererseits ist Margaret schon eine alte Frau, die ihren toten Mann zu ihrem Trost nur halluziniert. In einer Szene am Ende des Films jedoch betrachtet sich Margaret im Spiegel und wird sich der Realität bewusst. Daraufhin verliert sie ihre Selbstbeherrschung und wirft vor Wut Sachen im Zimmer herum. Dies ist ein Beweis dafür, dass die Konfrontation mit dem Ich und das Sichselbsterkennen nicht immer positiv sein muss, da der Spiegel als wahrheitabbildendes Objekt auch Züge des Selbst offenbart, die zuvor verdrängt oder idealisiert wurden. Manfred Faßler sagt dazu:

Spiegel ist ein Anwesenheits-Double [Hervorh. d. Verf.], das immer auch eine Geschichte über den 'unfertigen' Beobachter erzählt, über die dahinterliegende Wahrheit, über die unsaubere Rasur. 'Im Angesicht des eigenen Gesichts' wird dem Spiegel die Gleichzeitigkeit von Unterschied und Identität [Hervorh. d. Verf.] zugeordnet […].27

Folglich ist das Idealbild, wie sich ein Jeder zu sein wünscht, nicht kompatibel mit der tatsächlichen Identität. Die Differenz zwischen diesem Schein und Sein wird dem Betrachter jedoch erst durch den Blick in den Spiegel bewusst. So ist der Spiegel Instrument der Selbsterkenntnis. Doch nicht nur das, denn der Spiegel ist des Weiteren Instrument der Selbstvergewisserung und stärkt das Selbstbewusstsein. In Seven Psychopaths (2012) steht Billy Bickle alias Sam Rockwell vor dem Spiegel. Billy ist zu einer Party bei seinem Freund und Drehbuchautor Marty Faranan eingeladen. Doch bevor er geht, betrachtet er sich noch lange im Spiegel und richtet seine Kleidung. Er beginnt mit seinem Spiegelbild zu reden und übt Gesprächssituationen, die auf der Party auf ihn zukommen könnten (s. Abb. 2). Dadurch versucht Billy über seine Unsicherheit hinwegzutäuschen und selbstsicherer zu werden. Für Literaturwissenschaftlerin Helena Frenschkowski weist die übertriebene Faszination des gespiegelten Ichs auf das unstabile Selbstbewusstsein des Subjekts hin, das die Vergewisserung seiner Existenz durch das Abbild unverzichtbar benötigt.28 Auch in der Komödie Wanderlust (2012) von Regisseur David Wain gibt es eine ähnliche Szene in der Paul Rudd, als George Gergenblatt, in einer Hippie-Kommune mit der Ausübung der freien Liebe konfrontiert wird. George darf, nach Absprache mit seiner Ehefrau Linda Gergenblatt, gespielt von Jennifer Aniston, mit Eva, einer Kommunen-Bewohnerin, Sex haben. Daraufhin verschwindet George im Bad und versucht sich vor dem Spiegel Mut zu zusprechen (s. Abb.3). In einem langen Monolog übt er Dirty-Talk in der Hoffnung Eva damit in Wallungen bringen zu können. Diese Szene hat nicht nur hohen komödiantischen Wert für die Zuschauer, sondern zeigt auch, dass die Konfrontation mit sich selbst vor dem Spiegel helfen kann das Selbstbewusstsein zu stärken und sich damit selbst zu vergewissern. Doch der Spiegel bestätigt und stärkt nicht nur das Individuum, sondern stellt dessen Identität gleichzeitig in Frage, denn er spaltet das Ich in ein betrachtendes und ein betrachtetes.29

[...]


1 Vgl. Millner 2004, S. 51.

2 Faßler 2000, S. 9.

3 Scheibe 1979, S. 59.

4 Siehe Text „Die Bedeutung von Idealisierung und Idealbildung für das Selbstgefühl. Eine Auseinandersetzung mit den Narzißmustheorien Freuds und Kohuts von Marlies Frommknecht-Hitzler.

5 Die Vorsilbe „Un“ markiert das Verdrängte und das Vertraute „Heimische“ wird zum „Heimlichen“. So wird nach Freud das Vertraute zum Fremden. (Vgl. Freud 1963, S. 75).

6 Vgl. Millner 2004, S. 49. Auch Umberto Eco formuliert einen treffenden Satz zur Objektbeziehung des Spiegels: „[…] was immer ein Spiegelbild sein mag, in jedem Fall wird es an seinem Ursprung und in seiner physischen Subsistenz von einem Objekt determiniert […].“ (Eco 1988, S. 40).

7 Nach Helena Frenschkowski ist der Spiegel ein wissendes Objekt, denn er sieht was hinter dem Rücken der Schauenden vorgeht. (Vgl. Frenschkowski 1995, S. 40).

8 Eco 1988, S. 34

9 Vgl. Kirchmeier: Das Verlassen der Spiegelwelt. Grenzüberschreitungen im Film The Matrix . URL: http://www.medienobservationen.lmu.de/artikel/kino/kirchmeier_matrix.html.Stand: 15.05.2013.

10 Als Objekt im realen Raum trennt der Spiegel, den realen von dem gespiegelten virtuellen Raum und erzeugt so eine Grenze.

11 Vgl. Eco 1988, S. 35f.

12 „Mit der Erweiterung der visuellen Wahrnehmung verliert das Abbild für den Menschen zugleich an Kontrollierbarkeit und somit auch an Glaubwürdigkeit.“ (Millner 2004, S. 35).

13 Abels 1990, S. 69.

14 Vampire besitzen auf Grund ihrer Seelenlosigkeit und ihres Untotenstatus kein Spiegelbild, denn das Spiegelbild wird als Abbild der Seele verstanden. (Vgl. Millner 2004, S. 65) Visualisiert wird dieser Effekt in vielen Vampirfilmen, wie u.a in der berühmten Tanzszene im Spiegelsaal in Roman Polańskis Film The Fearless Vampire Killers (1967), bei dem die Leerstellen im Spiegelbild die Vampire als solche entlarven.

15 Des Weiteren ist das Spiegelbild für den primitiven Menschen wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit, da er Person und Bild als Einheit erlebt. (Vgl. Frenschkowski 1995, S. 41).

16 Vgl. Lacan 2008, S. 180f.

17 Vgl. Ziolkowski 1977, S. 162f.

18 Herget 2009, S. 14.

19 Vgl. Sagert 2004, S. 31.

20 Vgl. Herget 2009, S. 199f.

21 Vgl. Herget 2009, S. 23. Ein Beispiel dafür wäre das Ende von Der Student von Prag (1913): Balduin feuert einen Pistolenschuss auf sein Spiegelbild ab, doch die Kugel, die er auf seinen Doppelgänger gerichtet hat, landet in seiner eigenen Brust.

22 Vgl. Millner 2004 S. 50.

23 Im Volks – und Aberglauben ist das Spiegelbild Sitz der Seele zu Lebzeiten einer Person. (Vgl. Herget 2009, S. 23).

24 Die Auflösung der vierten Wand ist ein Verfremdungseffekt, der mit dem normalen filmischen Sehen der Zuschauer bricht und somit zur Reflexion anregt. Der Verfremdungseffekt ist dabei eine von Bertolt Brecht geprägte Bezeichnung für die technischen Mittel, die im Stück verwendet werden, um die Illusion des dargestellten zu brechen.

25 Lacan 2008, S. 176.

26 Vgl. Keith 1965, S. 4.

27 Faßler 2000, S. 24.

28 Vgl. Frenschkowski 1995, S. 38.

29 Vgl. Rösler 2002, S. 209.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Spiegel und Spiegelungen. Funktion und Bedeutung des Spiegelmotivs im Film
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
44
Katalognummer
V334364
ISBN (eBook)
9783668244474
ISBN (Buch)
9783668244481
Dateigröße
1446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spiegel, Spiegelungen, Requisiten, Film, Bildsprache, filmische Gestaltung, filmische Erzählung
Arbeit zitieren
Katrin Graf (Autor), 2013, Spiegel und Spiegelungen. Funktion und Bedeutung des Spiegelmotivs im Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334364

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