Rationalität und Organisation. Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation und Agenturtheorie der Bürokratie im Vergleich


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Forschungsfrage und Einleitung

2. Vergleich ausgewählter Theorien
2.1 Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation
2.1.1 Dimension der Rationalität
2.1.2 Dimension der Organisation
2.2 Agenturtheorie der Bürokratie
2.2.1 Dimension der Rationalität
2.2.2 Dimension der Organisation
2.3 Interkonzeptionelle Überschneidungen und Zusammenhänge
2.4 Hypothesen
2.5 Variablen

3. Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Forschungsfrage und Einleitung

Warum ergänzen sich die Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation und die Agenturtheorie der Bürokratie mit Blick auf Organisation und Rationalität?

Gegenstand dieser empirischen Hausarbeit ist der Vergleich zweier sich u a. mit Bezug auf die Rational Choice-Dimension ähnelnder organisationsoziologischer Theorien. Nämlich der, der „Verhaltenswissenschaftlichen Theorie der Organisation“ (Simon: 1945/1981/1990/1991) und der sogenannten „Agenturtheorie der Bürokratie“ (Moe 1995). Im Vergleich sollen insbesondere zentrale Begriffe geklärt, Grundannahmen sowie das Erkenntnisinteresse beider theoretischen Konzeptionen herausgearbeitet und anschließend schwerpunktmäßig auf deren jeweilige, spezifische Erklärungskraft auf der Ebene von Organisation und Rationalität hin untersucht werden.

Weil sich insbesondere für Untersuchungen und Erklärungen organisationaler Rationalität - z. B in Konzepten der Verwaltungsmodernisierung, wie etwa dem, des Neuen Steuerungsmodells oder kommunalen Privatisierungen und Kooperationen - Theorien mit ausgeprägtem Bezug zur Rational-Choice Perspektive eignen, (vgl. Holtkamp 2008: 426) stechen bei der Auswahl geeigneter Theorien zur Erklärung soziologischer Phänomene dieser Art, (wie z. B. in Bürokratien und deren Organisationen und Unternehmen) die o. g. zwei organisationssoziologischen Theorien mittlerer Reichweite besonders heraus und erscheinen damit aus sozialwissenschaftlicher Sicht für den interkonzeptionellen Vergleich interessant.

Der Theorienvergleich soll nicht allein eine Identifizierung interkonzeptioneller Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden theoretischen Ansätze ermöglichen. Vielmehr sollen auch durch deren Untersuchung Zusammenhänge und Überschneidungen in deren theoretischer Verortung sichtbar werden, die – zur Beantwortung der Fragestellung - einer hinreichenden Erörterung und der damit verbundenen Interpretation bedürfen. Im Anschluss an diese Kontextuierung werden sämtliche relevanten Ergebnisse abschließend zusammengefasst.

2. Vergleich ausgewählter Theorien

Für den Vergleich der Verhaltenswissenschaftlichen Theorie der Organisation mit der Agenturtheorie der Bürokratie ist im ersten Schritt eine umfassende Beschreibung beider Ansätze notwendig. Der zweite Schritt sieht deren Untersuchung mit Blick auf die Dimensionen Rationalität und Organisation vor. Im dritten Schritt werden die bis dahin erarbeiteten Erkenntnisse zusammengefasst, um die Vereinbarkeit beider Konzepte zu verdeutlichen. Im vierten Schritt sollen zunächst die bis dahin zugrunde liegenden Hypothesen des interkonzeptionellen Vergleichs vorgestellt und daraus im fünften Schritt dann Variablen zur Messung des Grades interkonzeptioneller Komplementarität operationalisiert werden.

2.1 Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation

Die Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation (Simon: 1981/1990/1991) geht bei organisational getroffenen Entscheidungen von individuell konstruierten und damit lediglich subjektiv wirksamen Zweck-Mittel-Ketten jeweiliger Entscheidungsträger aus. Dabei dienen die Zweck-Mittel-Ketten der Integration von Verhalten, und werden in einer durch unterschiedliche Präferenzen unvollständigen sowie inkonsistenten Hierarchie verortet. Ziele und Zwecke stehen dabei relational zueinander, das bedeutet Zwecke sind definierte Instrumente zur Erreichung von Zielen, (vgl. Simon 1981: 99f.).

Handlungsalternativen ergeben sich aus den mit der Handlungswahl des Individuums verbundenen Konsequenzen und bestimmen damit auch dessen Verhalten oder besser - dessen Handeln (ebd.: 100ff.). Aufgrund unterschiedlicher Motive, aber auch Ressourcen von Individuen bzw. Organisationen, [können diese] […] „eine vollständige Integration ihres Verhaltens durch die Berücksichtigung [von] Mittel-Zweck-Beziehungen nicht erreichen“, (ebd.: 102).

Verhaltensweisen, die über einen längeren Zeitraum zu Routinen geworden sind, bilden die individuellen und organisationalen Strategien. Eine Evaluation der berücksichtigten Strategien durch Organisationen und deren Mitglieder, ist zwingend erforderlich, da es sonst zu Zielkonflikten zwischen den unterschiedlichen Strategien kommen kann und weil durch bereits verfolgte Strategien die Auswahl darauf folgender eingegrenzt wird, (ebd.: 104).Die Bestimmtheit, also Kontingenz von Entscheidungen wird erschwert, sobald mehr als ein Individuum an Entscheidungsprozessen beteiligt werden muss und sich alle Akteure in einer Konkurrenzsituation befinden. Ist dies der Fall, wird zur Zielerreichung jedes Individuum seine Strategie nämlich nur unter Berücksichtigung der möglichen Strategieauswahl der jeweils anderen Individuen vornehmen. Verfolgen mehrere Individuen - wie es in Organisationen der Fall ist - allerdings gemeinsame Ziele, so müssen deren Strategien mittels Kooperation und Koordination in Einklang gebracht werden, um die organisational angestrebten Ziele erreichen zu können. Die Verteilung von Informationen über Strategien und das Handeln jeweils anderer Organisationsmitglieder an alle Organisationsmitglieder erfolgt hierbei durch die Organisation und umfasst den Begriff der Koordination, aber auch der Kollaboration (ebd.: 107ff.).

Das Erkenntnisinteresse dieses theoretischen Ansatzes, bezieht sich somit auf die allgemeine Untersuchung und Erklärung organisationaler Entscheidungen unter Berücksichtigung individueller und organisationaler Rationalität. Diese Rationalität kann - wie im nächsten Abschnitt ausgeführt wird – unterschiedliche Formen annehmen. Die Dimension von Organisation in dieser Theorie dagegen entspricht einer Kooperation mehrerer individueller Verhaltensweisen – wie noch in Abschnitt 2.1.2 weiter zu erörtern sein wird.

2.1.1 Dimension der Rationalität

In der Verhaltenswissenschaftlichen Theorie der Organisation wird zwischen organisationaler und persönlicher bzw. individueller Rationalität unterschieden. Die Entscheidungsträger sind zwar Individuen, die aufgrund begrenzter Ressourcen, (wie z. B. Wissen, Macht, Zeit, Geld usw.) und unterschiedlichen Präferenzen auch lediglich eine begrenzte Rationalität aufweisen können, jedoch ist dies nicht entscheidend für die damit zu erklärende Dimension von Rationalität. Entscheidend ist die Wahl der Mittel in Bezug auf deren Zwecke. Rationalität in dieser Konzeption kann als subjektiv oder objektiv rational beschrieben werden. Als ‚subjektiv‘ rational gilt eine Entscheidung, […] „wenn sie die Zielerreichung relativ zum tatsächlichen Wissen des Individuums maximiert“. Demgegenüber gilt eine Entscheidung als ‚objektiv‘ rational, [...] „wenn sie tatsächlich das richtige Verhalten zur Maximierung gegebener Werte in einer gegebenen Situation ist.

„Sie ist ‚bewußt‘ rational in dem Maße, in dem die Abstimmung der Mittel auf die Zwecke ein bewußter Prozess ist. Sie ist ‚absichtlich‘ rational in dem Maße, in dem die Abstimmung der Mittel auf die Zwecke absichtlich […] zustande gebracht worden ist. Eine Entscheidung ist ‚organisatorisch‘ rational, wenn sie auf die Organisationsziele ausgerichtet ist.“ […], (Simon 1981: 111f.).

Diese Annahmen implizieren eine interpretative Und/Oder-Funktion. Schließlich können Entscheidungen sowohl subjektiv rational, als auch beispielsweise organisatorisch rational zugleich getroffen werden. Nämlich zwangsläufig dann, wenn der einzige Entscheidungsträger im Namen seiner Organisation handelt und dabei diese getroffene organisationale Entscheidung nach organisationalen und damit eben auch aufgrund individueller Präferenzen, subjektiven Maßstäben zustande kommt.

In dieser Hinsicht wird die Parallele zur Rational Choice-Theorie deutlich; auch der Rational Choice Ansatz ermöglicht die Analyse von Rationalität auf individueller und organisationaler Ebene und es wird zwischen objektiver und subjektiver Entscheidungsfindung bzw. derartigen Einschätzungen zu zukünftigen Ereignissen unterschieden. Die Vereinbarkeit von Rationalität unter Berücksichtigung des menschlichen Strebens nach Nutzenmaximierung ist – wie am Beispiel subjektiv rationaler Entscheidungen von Entscheidungsträgern deutlich wird - ebenfalls in der verhaltenswissenschaftlichen Theorie der Organisation gegeben, (vgl. Abraham 2001: 2ff.).

Die Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation integriert mit Blick auf die Dimension von Rationalität des Weiteren auch das Modell der „bounded rationality“ bzw. begrenzter Rationalität. Dieses geht davon aus, dass Individuen aufgrund begrenzter physiologischer und mentaler Möglichkeiten zwar rationale Entscheidungen zu erreichen versuchen, dies aber nicht schaffen können. Langfristig müssen so Strategien entwickelt werden, die zu möglichst optimalen, zumindest aber zufriedenstellenden Entscheidungen führen, (vgl. Simon 1990: 8ff.).

2.1.2 Dimension der Organisation

Wie bereits angedeutet, wird Organisation in der verhaltenswissenschaftlichen Theorie der Organisation als eine Art Konglomerat individueller Verhaltensweisen interpretiert. Implizit wird vorausgesetzt, dass die Mitglieder der Organisation […] „ihr Verhalten an gewissen Zielen ausrichten, die als ‚Organisationsziele‘ angesehen werden“, […] (Simon 1981: 108). Eine derartige Kooperation zwischen den Mitgliedern setzt deren stetige Versorgung mit Informationen über das Verhalten der jeweils anderen Mitglieder voraus, die wiederum organisatorisch geregelt sein muss. Dadurch wird gewährleistet, dass die Organisationsmitglieder Ihre gemeinsamen Ziele mithilfe derselben Strategie versuchen zu erreichen. Diese „Brückenannahmen“ […] „zwischen der individuellen Handlungssituation“[…] einerseits […] „und der Ausgangssituation auf der Makroebene“ […] andererseits, entsprechen somit im vollen Umfang den Grundlagen der Rational Choice-Theorie und weisen ebenso bei der Dimension von Organisation auf einen Zusammenhang zwischen beiden theoretischen Ansätzen hin, (Abraham 2001: 2f.).

Am Beispiel des Lernens in bzw. von Organisationen wird die bisher beschriebene, durchaus stark ausgeprägte Interpretationskraft des Einflusses von Mitgliedern auf deren Organisation in der verhaltenswissenschaftlichen Theorie der Organisation deutlich. So ist demnach weniger vom Lernen von Organisationen, als vielmehr vom Lernen der Organisationsmitglieder auszugehen. Eine weitere Möglichkeit für Organisationen Wissen zu erlangen, welches noch nicht vorhanden ist, besteht darin, Mitglieder aufzunehmen, die das von ihnen benötigte Wissen bereits besitzen. Das Wissen der Organisationsmitglieder – so, wie es in diesem theoretischen Ansatz ausgelegt wird - ist also insofern ausschlaggebend für das Verhalten von Organisationen, soweit es in den Köpfen ihrer Mitglieder vorhanden ist, (vgl. Simon 1991: 126).

Auch wird anhand dieses theoretisches Lernmodells deutlich, dass die Erklärung individueller Phänomene nicht allein unter Berücksichtigung der Makroebene erklärt werden können. Dies liegt offensichtlich daran, dass Organisationen ihre Ressourcen hauptsächlich auf der Mikroebene – nämlich ausschließlich durch ihre Mitglieder – erhalten. Wie sich aber anhand der zweiten zu untersuchenden Theorie zeigen wird, können Ressourcen von Organisationen zusätzlich auch strukturell bedingt sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Rationalität und Organisation. Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation und Agenturtheorie der Bürokratie im Vergleich
Veranstaltung
Modul VS1: Organisation (ehemals 2.8)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V335048
ISBN (eBook)
9783668248427
ISBN (Buch)
9783668248434
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien der Soziologie, Theorien im Vergleich, Agenturtheorie, Theorie der Organisation, Agenturtheorie der Bürokratie, Organisation, Rationalität, Herbert A. Simon, Terry M. Moe, Bounded rationality, Comprehensions of Theories, Rational Choice
Arbeit zitieren
Thiemo Schiele (Autor), 2012, Rationalität und Organisation. Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation und Agenturtheorie der Bürokratie im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335048

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rationalität und Organisation. Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Organisation und Agenturtheorie der Bürokratie im Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden