Das Sexuelle in "House of Dolls" und "Piepel" von Ka-Tzetnik. Literarische Zeitzeugnisse des Holocausts im Vergleich


Bachelorarbeit, 2014
41 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Berichte aus dem Feuer

2. Der Roman בית הבובות / house of dolls
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Darstellungen des Sexuellen
2.2.1 Versteckte Drohungen
2.2.2 Exkurs: Fremdes im Text
2.2.3 Erste ‚Selektion‘
2.2.4 Medizinische Vorkehrungen
2.2.5 Vergewaltigung der ‚Puppen‘

3. Der Roman פיפל / Piepel
3.1 Inhaltsangabe
3.2 Päderastie und sexuelle Unterwürfigkeit
3.2.1 Die Bezeichnung ‚Piepel‘
3.2.2 Verschenkte Jungen
3.2.3 Exkurs: Funktion im KZ
3.2.4 Die sexuelle Funktion
3.2.5 Benutzt und weggeworfen

4. Die Romane im Vergleich
4.1 Funktionshäftlinge in der Historie und der Literatur
4.2 Die Sex-Zwangsarbeiterinnen der KZs
4.2.1 Die Lagerbordelle und ihre Arbeiterinnen
4.2.2 Zwangssterilisation
4.3 Päderastie im KZ
4.4 Missbrauchte Literatur – Stalags in Israel
4.4.1 Die Stalags
4.4.2 Beliebtheit in Israel

5. Aus der Asche erhoben

Literaturverzeichnis

Bildnachweis:

1. Berichte aus dem Feuer

Die Ereignisse des Holocausts sind bis heute unfassbar. Die grausame und menschenverachtende Brutalität, die diesen Gewaltakt einmalig in der Geschichte macht, fordert auch noch 70 Jahre später Aufmerksamkeit. Während Historiker bis heute versuchen, die Geschehnisse zu rekonstruieren und nachzuvollziehen, verstummen die Zeugen des Völkermordes. Lücken, die historisch nur schwer ausgefüllt werden können, werden mit Hilfe von Zeitzeugnissen geschlossen. Berichten von Überlebenden werden nachgegangen, die Erinnerung hinterfragt und meist auch belegt.

Ein Überlebender, der sehr früh nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sein Zeugnis ablegte, ist der Autor Yehiel Fajner[1]. Er überlebte zwei Jahre in Auschwitz und wurde von sovjetischen Truppen 1945 befreit.[2] Nach dieser Befreiung verfasste er das erste Buch סלמנדרה / Salamandra, welches die Ereignisse, die er durchleben und mitansehen musste, für die Nachwelt festhalten sollte.[3] Doch es ist kein persönlicher Bericht, das Erzählte ist nicht nur mit einem einzelnen Mann in Verbindung zu bringen. Es ist die Geschichte Vieler, die der anderen Häftlinge der Konzentrationslager[4], der so genannten ‚Ka-Tzetniks‘[5]. Fajner verfasste nach Auschwitz die sog. Chronik einer jüdischen Familie im 20. Jahrhundert [6], auf deren Titelblätter der Autorname Ka-Tzetnik 135633[7] vermerkt ist. Die Chronik umfasst sechs Romane, in denen die Protagonisten sowohl in den Ghettos als auch in den Lagern um ihr Überleben kämpfen müssen.

Fajner änderte nach seiner Ankunft in Palästina/Israel seinen Nachnamen in Dinur (די נור), was auf Aramäisch ‚aus dem Feuer‘ bedeutet.[8]

Dinur war aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse darauf bedacht, nicht mit den Texten über den Holocaust in Verbindung gebracht zu werden. Doch während seiner Befragung im Eichmann-Prozess 1961 in Israel, wurde seine Identität hinter Ka-Tzetnik aufgedeckt.[9]

Ka-Tzetniks Erzählungen sind schonungslose Berichte über den Alltag in den Ghettos und Konzentrationslagern. Sie handeln über Gewalt, Unmenschlichkeit, Sexualität und dem Kampf ums Überleben. Und doch sind seine Schilderungen keine reinen Tatsachenberichte. Sie sind Romane, die Wahrheit und Fiktion vermischen. Dies ist einer der Kritikpunkte an den Romanen Ka-Tzetniks, da man Fiktion im Zusammenhang mit dem Holocaust nicht in Verbindung bringen dürfe.

Besonderer Kritik waren die beiden Romane בית הבובות / house of dolls[10] und פיפל / Piepel ausgesetzt. In den beiden Erzählungen steht der sexuelle Missbrauch an Lagerhäftlingen im Vordergrund. Die Darstellungen der sexuellen Gewaltverbrechen, denen die Protagonisten in beiden Romanen ausgesetzt sind, wurden oft als „obscene, pornographic, melodramatic, voyeuristic, [and] vulgar“[11] beschrieben.

Insbesondere der Vorwurf der Pornografie[12] führte dazu, dass der Inhalt der Romane mit der Zeit tabuisiert wurde und sie als Überlebensbericht des Holocausts fragwürdig erschienen. Sexualität, insbesondere sexuelle Gewalt, sollte nicht in Verbindung mit dem Horror des Holocausts gebracht werden. Daher waren die Forschungen über sexuelle Gewalt in Konzentrationslagern bis vor wenigen Jahren noch sehr lückenhaft. Auch die Holocaust-Gedenkstätten versuchten Hinweise auf sexuelle Gewalt zu verschweigen, indem man ehemalige Lagerbordelle abriss bzw. nicht als solche auswies.[13]

In dieser Bachelorarbeit soll das Sexuelle in den Schriften Ka-Tzetniks betrachtet werden. Dabei ist zu klären, wie Sexualität und sexuelle Gewalt dargestellt werden und welche Wirkung und Bedeutung sie auf die Leser haben.

Des Weiteren sollen Vergleiche zur Geschichtsforschung gezogen werden, um aufzuzeigen, wo die Romane בית הבובות / house of dolls und פיפל / Piepel sich mit der Historie decken und wo sie es nicht tun.

Darüber hinaus sollen die hebräischen Editionen mit den englischen Übersetzungen verglichen werden, um inhaltliche Übereinstimmungen oder sprachliche Differenzen aufzuzeigen. Obwohl Dinur seine Texte in Jiddisch verfasste, sollen die hebräischen Ausgaben[14] verwendet werden, da sich die englischen Übersetzungen an diesen orientieren.

2. Der Roman בית הבובות / house of dolls

2.1 Inhaltsangabe

Die Protagonisten Daniella Preleshnik und ihr Bruder Harry werden vom Ghetto ins KZ deportiert. Dort müssen beide um ihr Überleben kämpfen – Harry als Sanitäter, Daniella als sog. ‚Feldhure‘ für deutsche Soldaten. Daniella wird am Ende des Romans erschossen.

2.2 Darstellungen des Sexuellen

2.2.1 Versteckte Drohungen

Der Alltag des Ghettos, in dem sich Daniella befindet, ist von der Furcht beherrscht, mit der nächsten „האקציה“[15] verschleppt zu werden. Die ‚Aktionen‘ scheinen völlig willkürlich von Statten zu gehen. Mal sind es Männer, mal Frauen, ein anders Mal nur Kinder. Es gibt keine Vorwarnung, kein Muster, das nachzuvollziehen wäre:

כל אחד ואחד היה שואל את עצמו: על מי יונק הגרזן הפעם? אימתי תתחולל ה"אקציה" הבאה? מה יהא טיבה? התהא זו שוב "אקציה" על בתי-מלאכה? ושמא "אקציה" על ילדים? ואולי "אקציה" על נשים? אנשים חשוכי-יולדים חישבו ומצאו, שכבר זמן רב עבר מאז חלה ה"אקציה" האחרונה על ילדים, ובסתר לבם האמינו והתנחמו כי אמנם עתה הגיע שוב תורם של הילדים. אבות לבנים-זכרים חישבו ומצאו, כי הגיע עתה התור ל"אקציע" על נערות. כל אחד סיכם ומצא[16]

Everyone wondered: Whose turn will it be the next? When will the next Aktion strike? What will it be like? Will it again be the shops? Or a children’s Aktion? Or maybe the women this time? The childless calculated that it had been a long time since the last children’s Aktion, and decided it was about time for the children. Fathers of sons figured out that it would be the daughters this time.[17]

Vor diesen ‚Aktionen‘ kann man sich kaum schützen. Sicherer können sich diejenigen fühlen, die in einer deutschen Fabrik arbeiten und auf diese Weise den Krieg unterstützen. Daniella gehört zu diesen Fabrikarbeitern. Doch bei einer weiteren, besonderen ‚Aktion‘ wird sie mit anderen Mädchen und Frauen verschleppt. Nicht einmal mehr ihr Arbeitsausweis kann sie noch beschützen:"היפות שבנערות הוצאו הלילה ממיטותיהן והובהלו לחצר ’שירות-הסדר’."[18]

„The prettiest girls of the ghetto have been routed from their beds tonight and herded into the militia compound.“[19]

Es wird im Text deutlich, dass diese ‚Aktionen‘ nicht direkt von den Nazis durchgeführt werden. Stattdessen sind hierfür Judenräte[20] und die Miliz[21] beauftragt, eine vorgeschriebene Anzahl an Menschen zu versammeln und in das Dulag[22] zu befördern.[23] Es scheint, als hätten sie kein Mitleid gegenüber ihrer eigenen Leute.

Weiter im Text wird klar, dass die Anhänger der Miliz bereits wissen, wohin die jungen Mädchen deportiert werden. Ihnen wird wiederholt gedroht: „‘ Pass mal auf! If you knew where you're being taken now, you wouldn't be so hoity-toity.’ […] ‘German soldiers will teach you to push off men's embracing arms. Pass mal auf, my kitten!’“[24]

Die verschleppten Mädchen sind völlig unwissend. Sie können nicht einmal erahnen, wo es für sie hingeht, noch was sie dort erwarten wird. Allein die versteckte Drohung bleibt, die in Daniellas Kopf nachhallt.

2.2.2 Exkurs: Fremdes im Text

Deutsche Sätze oder einzelne Wörter, wie man sie vergleichsweise im obigen Zitat finden kann, sind nicht selten. Sowohl in der hebräischen als auch in der englischen Ausgabe kommen diese in unterschiedlichen Weisen wiederholt vor.

In der hebräischen Edition sind einzelne Wörter oder kurze Aussagen oftmals in hebräische Letter transkribiert. So beispielsweise bei"פאס מאל אאוף!", welches Buchstabe für Buchstabe dem deutschen Satz ‚Pass mal auf!‘ gleicht. Um den hebräischen Leser zu unterstützen und das Lesen zu erleichtern, ist dieser Satz im Original zusätzlich vokalisiert.[25] Andere Worte wurden ins Hebräische übernommen. So ist es bei"ה’אקציה’"oder bei"ב’דולאג’"[26]. Manche Bezeichnungen, die aus dem Lager-Jargon kommen, wurden zwar ins Hebräische übernommen, doch sind sie mit einer Fußnote versehen, in der der deutsche Ausdruck vermerkt ist, beispielsweise bei"בניית-המיטות"[27], welches mit der Fußnote"באֻטן-באַוּ"[28] versehen ist.

Es gibt allerdings auch einzelne Worte, die in deutschen Großbuchstaben Mitten im Text stehen. Es ist anzunehmen, dass gerade israelische und auch englische Leser kein Deutsch können und die Bedeutung hinter den Worten zuerst nicht verstehen. Dazu unterbrechen deutsche Ausdrücke den Lesefluss. Es wirkt befremdlich, inmitten eines hebräischen oder englischen Textes Worte wie"JUDE"[29] zu lesen.[30]

Ähnlich liest man in der englischen Edition. Auch hier sind ganze Sätze oder Worte in Deutsch zu finden.

Es kann davon ausgegangen werden, dass durch das Verwenden der deutschen Sprache, Authentizität geschaffen werden wollte. Das Deutsche klingt hart und durchschneidet gerade in der genannten Anwendung den Text und den Lesefluss. Versetzt man sich zusätzlich in den Autor, der durch seinen eigenen Aufenthalt in Auschwitz in kürzester Zeit lernen musste, auf deutsche Befehle zu reagieren, bekommen solche Drohungen und Jargon-Begriffe eine tiefere Bedeutung.

2.2.3 Erste ‚Selektion‘

Nachdem die Mädchen im Konzentrationslager angekommen sind, erfolgt die erste ‚Selektion‘ – Es wird entschieden, wer in die ‚Abteilung Arbeit‘[31] und wer in die ‚Abteilung Freude‘[32] kommt. Dabei müssen sich die Mädchen nackt in einer Reihe aufstellen und Fragen, wie für eine Anamnese, beantworten:

לבלריות כתבו בפרוטרוט, בסדר וברייקנות, על כרטיסים, את פרטי חייה של כל אחת ואחת.

"החלית פעם?"

"באיזו מחלה?"

"היו חולים במשפחה?"

"נשואה?"

"רווקה?"

"יחסים מיניים עם גבר?"[33]

Clerks were entering on cards, neatly and precisely, the vital statistics of each and every girl.

„Ever been sick?”

„What disease?“

„Anyone sick in the family?“

„Married?“

„Single?“

„Sexual relations?“[34]

So wie die Fragen in בית הבובות / house of dolls gestellt sind, wirkt es fast wie Schüsse eines Maschinengewehrs, die auf die Mädchen losgelassen werden. Sie müssen schnell antworten und wissen dabei nicht, wohin sie ihre Antworten führen können.

Nach dieser erniedrigenden Fleischbeschau, in der sie ihren Körper und ihr Privatleben offenlegen müssen, werden die Mädchen zum nächsten Tisch geführt. Dort werden ihnen ihre Häftlingsnummern eintätowiert, allerdings nicht auf den linken Arm, sondern zwischen die Brüste. Zusätzlich zur Tätowierung wird ihnen ein Zeichen eingebrannt: „FELD-HURE“[35].

Weder den Mädchen, noch dem israelischen bzw. englischen Leser, wird die Bedeutung des Wortes erklärt.

Während der Prozedur ist sowohl die Lagerärztin als auch die Oberkalfaktorin[36] anwesend, welche die einzelnen Schritte der ‚Selektion‘ genau beobachtet.[37] Die Lagerärztin wirft einen besonderen Blick auf die Körper der Mädchen. Daniella begeht während der letzten Begutachtung durch Lagerärztin und Oberkalfaktorin einen Fehler, als sie ihr Erinnerungsstück an die Familie – ein Medaillon – nicht wegwerfen möchte. So entscheidet die Oberkalfaktorin entgegen der Ärztin, Daniella zur Strafe in die ‚Abteilung Arbeit‘ zu schicken.[38]

In diesem Abschnitt von בית הבובות / house of dolls wird deutlich, dass die Körper und Schönheit der Mädchen über ihr weiteres Leben und Überleben entscheiden. Sie sind nur noch Objekte. Die Ware Frau muss entweder bei harter Arbeit zerbrechen oder solange den Freudendienst entrichten, bis sie auch hier selektiert wird.

2.2.4 Medizinische Vorkehrungen

Bei einer weiteren Untersuchung, diesmal vom Chefarzt des Lagers persönlich durchgeführt, fällt der irrtümliche Aufenthalt Daniellas in der ‚Abteilung Arbeit‘ auf. Ihr schöner Körper führt sie schlussendlich zu ihrem eigentlichen Ziel – das ‚Puppenhaus‘[39].

Jedoch muss sich vor Dienstantritt in der ‚Abteilung Freude‘ jede ‚Puppe‘ medizinischen Vorkehrungen unterziehen. Dazu gehört auch die Zwangssterilisation:

רק במחציתו השניה של היום חשה דניאלה הפוגת-מה במכאוביה. יקוד-התופת שליהט בשיפולי-בטנה, עדיין היתה חורכת ומלחכת שם בכל פה. עתה פשה המכאוב בכל גופה, וחודו – שהיה מרוכז קודם-לכז קודם-לכן בנקודה אחת, וקדח שם כבמקדח מלובן – קהה מעט.

טיפות זיעה גדולות ניגרו מעל גופה הערום. רק עתה חשה בהן. [...] היא שכבה וברכיה מוגבהות, מפושקות, עקודות אל מוטות-ברזל מאונכים, שבלטו מת שני צידי השולחן שהיתה כפותה אליו.[40]

It wasn't until late in the day that Daniella felt the pain begin to let up. The savage fire which had been raging in her lower abdomen subsided somewhat. The scorching heat that had been burned through her vagina still fulgurated and lapped within her full strength. The focus of the pain - at first concentrated on one point where it drilled as with a white-hot drill - dulled somewhat as the pain spread throughout the body.

Large beads of sweat streaked down her naked body. She had only just become aware of them. […] She lay with upraised, splayed knees fastened to two vertical iron rods mounted on the table to which she was strapped.[41]

Die schonungslose Erzählweise Ka-Tzetniks offenbart detailliert den Schmerz, durch den seine Protagonistin gehen muss. Es wird nichts beschönigt. Die oftmals grausam durchgeführten Zwangssterilisationen, die auch in der Realität in Konzentrationslagern sowohl an Frauen als auch an Männern vollzogen wurden, finden sich im literarischen Werk Ka-Tzetniks wieder.

Doch nicht nur die Auswirkungen der Sterilisation werden beschrieben. Als sich Daniella im „[Institute for Hygiene and Scientific Research]“[42] umsieht, fallen ihr andere Käfige, ähnlich dem, in dem sie festgeschnallt ist, auf. In diesen werden weitere junge Mädchen gefangen gehalten. Sie gehören zu den ‚langwierigen Experimenten‘:

בשורת הכלובים שמנגד היו כלואות הנערות שהניסויים בגופן הצריכו זמן ממושך: ניסזיים של חזרעה מלאכותית, הפראת-תאומים, הפלות טבעיות, לידות מוקדמות, ושיטות שונות של סירוס ועיקור. טור הכלובים שמשמאלה שייך היה למחלקת-הניסויים הכירורגית. כאן התחלפו הנערות ער-מהרה; לא האריכו ימים: מתוך גופן נעקרו איברים נשיים שונים ובמקומם ניטעו איברים מלאכותיים; בגופן נבדקו ונוסו טבליות-רעל לסוגיהן, שחברות-רוקחים דרמניות שלחון לרופא הראשי, לשם בחינתן וניסוין בבני-אדם חיים; ואין צורך להוסיק כי הן שילמו בעד הבדיקות האלה בכסף מלא, כמחיר שנקב הרופא הראשי.[43]

In the rows of cages opposite were the girls whose experiments lasted for extended periods: artificial insemination, twin insemination, miscarriages, premature deliveries, and various methods of castration and sterilization. The row of cages on the left belonged to the Surgical Experiment Department. Here the girls were replaced very quickly;they didn't last long. Female organs were removed from their bodies and replaced with artificial ones. On them were tried all sorts of poison tablets, which German pharmaceutical concerns sent to the chief physician to be tested on humans.[44]

In Ka-Tzetniks Erzählung sind die Mädchen nur noch Gegenstände. Sie werden als Versuchsobjekte missbraucht, bis sie ausgedient haben. Geht etwas schief, ist der Verlust nicht groß. Die kühle, fast schon faktische Erzählweise unterstützt die beschriebene Brutalität. Das sadistische Verhalten der SS-Ärzte kennt keine Grenzen.

Die menschenunwürdigen Taten der Nazi-Doktoren, die in בית הבובות / house of dolls dargestellt werden, deuten auf ein einziges Ziel hin – das Töten von Juden. Die Experimente sind kaltblütig und Mädchen, die nach Operationen Schmerzen erleiden, bekommen keine Linderung. Stattdessen rechnet man mit ihrem Tod.[45]

Der Text zeigt an verschiedenen Stellen auf, dass es nicht um das Überleben der jüdischen Romanfiguren geht. Die Mädchen in dieser Erzählung werden durch harte Arbeit zu Grunde gerichtet, bei Prügelstrafen zu Tode geschlagen oder eben in Experimenten totgeforscht.

2.2.5 Vergewaltigung der ‚Puppen‘

Bereits einen Tag nach Daniellas Sterilisation, muss sie ins ‚Puppenhaus‘. Dort führt die Oberkalfaktorin Elsa ein äußerst strenges Regiment. Die Betten der ‚Feldhuren‘ müssen nach deutscher Ordentlichkeit hergerichtet werden. Beim so genannten ‚Bettenappell‘[46] müssen die Betten nach Maßstab gemacht sein, sonst folgt ein „report“[47]. Bei drei solcher ‚reports‘ kommt es zur Prügelstrafe, welche die Mädchen nicht überleben.

Im Lagerbordell wird den ‚Feldhuren‘ beigebracht, dass das Bett nicht einfach nur ihr Arbeitsplatz ist, es ist viel mehr"קודש הקדשים!"[48], „[the Holy of Holies!]“[49]. Das Bett als Allerheiligstes, als Altar, den die Mädchen peinlich genau pflegen müssen, um darauf den deutschen Soldaten zu huldigen.

Doch der Freudendienst ist entgegen aller Erwartungen von den Frauen, keine leichte Arbeit. Die Mädchen müssen schwer arbeiten und alles geben, um die deutschen Soldaten zufrieden zu stellen.[50]

Obwohl das Sexuelle in בית הבובות / house of dolls ein zentrales Thema ist, gibt es nur eine explizite Darstellung einer Vergewaltigungsszene:

"חיילים גרמניים ילמדוך!.." פני המומיה הניאַנדרטלית רובצים ודוחקים עליה. היא שוכבת כפותה, כבכלוב, אינה יכולה להניע איבר. אינה יכולה להימלט. גיצים. גיצים צהובים ניתזים ממעגלים אדומים. ה"מומיה" מכסה אותה. היא חשה את ריחו. פיו פעור. שיניים גדולות נחשפות, כמלתעות חיה טורפת. הוא נועץ אצבעותיו בגופה, כמלקחיים של סרטן. [...] היא רוצה לצעוק. מסובבת ראשה לכאן ולכאן, כנערה שאיברה נחתך מתוכה והוּשׂם בצנצת. היא פוערת פיה, מבקשת לצעוק ואינה יכולה. היא מפחדת. הפחד תקוע כפקק בחלל גרונה. בתחתית בטנה ניצת מכאוב צורב, כלשון-אש הפורצת מתוך גל של רמץ.[51]

German soldiers will teach you!. . .” The face of the Neandertaler mummy is lying on her, pawing her, licking her face. She lies bound as in the cage, knees astraddle, unable to move a limb. Can't escape. Sparks. Yellow sparks spurting from red circles. The mummy covers her. She feels his smell. His mouth is ajar. Huge bare teeth, like a beast's. His fingers dig in to her body like a crab's pincers. […] She wants to scream. Her head tosses from side to side, like the girl whose organ was torn out of her and put in the jar. She opens her mouth wide, wants to scream, but cannot. She is afraid. The fear plugs her throat like a cord. Down in her belly a pain flashes like a tongue of flame leaping from an ash pile […].[52]

Daniella befindet sich während der Vergewaltigung im Delirium. Sie hört bereits früher ausgesprochene Drohungen, sieht die Sterilisationsszene und den Chefarzt des Lagers wieder vor sich. Alles dreht sich. Ein einziger Alptraum, den Ka-Tzetnik mit klaren Worten schafft.

Das Leiden einer einzelnen ‚Feldhure‘ wirkt wie das Leiden von vielen. Die Frau ist zum Vergnügen da, egal was sie selbst dabei empfindet. Die „ Jungs[53] wollen ihren Spaß. Das entwürdigende Verhalten der deutschen Soldaten gegenüber den Mädchen ist maßlos. Nach der rücksichtslosen Vergewaltigung der ‚Feldhuren‘, müssen diese hoffen, dass ihr Besucher zufrieden mit ihnen war, dass er sie nicht bei der Oberkalfaktorin Elsa anschwärzt und damit ihr Leben am seidenen Faden hängen lässt – oder ihn endgültig durchschneidet.

[...]


[1] Yehiel Fajner (1909 – 2001), jiddischer Autor und Dichter.

[2] Vgl. Dvir Abramovich: The Holocaust World of Yechiel Fajner, S. 20.

[3] Vgl. Śegev, Tom: Die siebte Million, S. 11f.

[4] Von 1939–1945 Lager für Zivilpersonen, die im Deutschen Reich und besetzten Gebieten der NSDAP errichtet wurden.

[5] Ka-Tzetnik ist hergeleitet aus dem Akronym KZ für Konzentrationslager. Häftlinge bezeichneten sich untereinander so.

[6] "כרוניקה של משפחה יהודית במאה העשרימ".

[7] Die Nummer ist die, die ihm auf dem linken Arm eintätowiert wurde und im KZ seinen Namen ersetzte.

[8] Vgl. Sicher 2004 Holocaust novelists, S. 159.

[9] Dies führte zur traurigen Berühmtheit Dinurs, da er nach seiner Bestätigung, er sei der Autor Ka-Tzetnik, in Ohnmacht fiel.

Quelle YouTube: http://youtu.be/X098U8_oU1Q?t=22m58s, 22:59-25:56, zuletzt aufgerufen: 21.05.2014, 17:15.

[10] Obwohl Dinur ein jiddischer Autor war, sollen in dieser Arbeit die hebräischen Editionen der Romane בית הבובות und פיפל bearbeitet werden. Grund hierfür ist die englische Übersetzung, die sich ebenfalls nur auf die hebräischen Romane stützt. Da in der Bearbeitung stets beide Sprachausgaben herangezogen werden, sind beide Titel – der hebräische wie auch der englische – nebeneinander genannt.

[11] Hedgepeth, Sonja M. (Hg.): Sexual violence against jewish women during the Holocaust, S. 203.

[12] Sowohl in Gerhard Köblers Etymologisches Rechtswörterbuch, wie auch im Duden, wird Pornografie als die „Darstellung sexueller Verhaltensweisen“ (Köbler) bzw. die „sprachliche […] Darstellung sexueller Akte“ (Duden) beschrieben. Auch Diana E. H. Russell definiert in ihrem Buch Dangerous relationships Pornografie als „[…] material that combines sex and/or the exposure of genitals with abuse or degradation in a manner that appears to endorse, condone, or encourage such behavior. “ (S. 3).

[13] Vgl. Sommer, Robert: Das KZ-Bordell, S. 16-17.

[14] Dinurs Frau Nina (Nike) übersetzte oftmals die jiddischen Manuskripte ins Hebräische.

[15] ‚Aktion‘.

[16] ק. צטניק: בית הבובות, S. 57-58.

[17] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 56.

[18] ק. צטניק: בית ה בובות, S. 84.

[19] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 82.

[20] Judenräte wurden u.a. von der SS (Schutzstaffel der NSDAP) oder der Gestapo (Geheime Staatspolizei) ernannt, um Aufgaben für sie zu erfüllen.

[21] In den Büchern Ka-Tzetniks ist die Rede von der jüdischen Miliz, wohl eine Art Volksheer, die im Auftrag der SS arbeitete.

[22] Durchgangslager; Dort wurden Gefangene kurzfristig untergebracht.

[23] Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 82./ בית הבובות, S. 84.

[24] Ka-tzetnik: house of dolls, S. 85./ק. צטניק: בית הבובות, S. 86-87. "’פאס מאל אאוף!.. אילו ידעת להיכן מובילים אותך עתה, בי אז לא פנית לי עורף...’ [...] ’החיילים הגרמניים ילמדוך היאך הודפים זרועות גבר. פאס מאל אאוף, חתלתולה שלי...’"

[25] Das Hebräische kommt nur mit Konsonanten aus. Durch das Hinzufügen von Vokalzeichen wird die Bedeutung der Konsonantenworte verändert und angepasst. Im oben genannten Beispiel sähe der Satz mit Vokalisation wie folgt aus: !אַאוּףמאָלפּאַס.

[26] האקציה; lautschriftlich: HaAktziah (die Aktion);בדולאג; lautschriftlich: B’Dulag (im Dulag); Allerdings istבדולאגim Original auch wieder unterstützend vokalisiert.

Beide Wörter sind zu finden in:ק. צטניק: בית הבובות, S. 84.

[27] ק. צטניק: בית הבובות, S. 169, übersetzt: Der Bau der Betten (ABLZ).

[28] Ebd., S. 169, lautschriftlich: Betten-Bau.

[29] Ebd., S. 36.

[30] Es stellt sich die Frage, warum Worte wie ‚Jude‘, ‚Feld-Hure‘ und ähnliches nicht ins Hebräische bzw. Englische übersetzt oder zumindest – was das Hebräische angeht – transkribiert wurden. Zum einen kann man davon ausgehen, dass diese Unübersetzbarkeit darauf abzielt, eine klare Differenz zwischen dem Deutschen und jeder anderen Sprache zu schaffen. Worte, die nazistisch konnotiert sind, sollten nicht lesbar sein. Zum anderen stellte sich in persönlichen Gesprächen mit Lesern der hebräischen Version heraus, dass deutsche Bezeichnungen nicht nur den Lesefluss unterbrechen, sondern auch schockierend wirken. Gerade Leser der ersten Generation (zum Teil auch die der zweiten Generation), waren vertraut mit dieser Art von Beschimpfungen (‚Jude‘, ‚Drecksjude‘ etc.). Des Weiteren wurde in diesen Gesprächen klar, dass das Deutsche einen düsteren, fast schon bedrohlich wirkenden Unterton für die Leser hat und man sie mit den Taten der Nazis assoziiert.

[31] Vgl.ק. צטניק: בית הבובות,"לפלוגת-העבודה", S. 128./Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls, „Labour Division”, S. 124.

[32] Vgl.ק. צטניק: בית הבובות,"לפלוגת-’חדווה’", S. 128./Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls, „Joy Division“, S. 124.

[33] ק. צטניק: בית הבובות, S. 128.

[34] Ka-Tzetnik 135633 1973, S. 123–124.

[35] ק. צטניק: בית הבובות, S. 128./Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 124. Sowohl in der hebräischen, als auch in der englischen Edition ist das Wort ‘Feld-Hure‘ in deutschen Großbuchstaben geschrieben, aber es ist nicht erklärt.

[36] Kalfaktor oder Kalfaktorin sind selbst Häftlinge, die gehobenere Dienste leisten.

[37] Vgl.ק. צטניק: בית הבובות, S. 128f./Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 123ff.

[38] Vgl.ק. צטניק: בית הבובות, S. 128-129./Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls; S. 124.

[39] Wörtlich übersetzt bedeutetבית הבובותdas Puppenhaus.

[40] ק. צטניק: בית הבובות, S. 160.

[41] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 155–156.

[42] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 156./ק. צטניק: בית הבובות, "מכון להיגיינה ומחקר מדעי", S. 161.

[43] ק. צטניק: בית הבובות, S. 161.

[44] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 156.

[45] Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 157./Vgl.ק. צטניק: בית הבובות, S. 162.

[46] Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 165./Vgl.ק. צטניק: בית הבובות, S. 169.

[47] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 165./ק. צטניק: בית הבובות,"הודעה", S. 170.

[48] ק. צטניק: בית הבובות, S. 171. In Ka-Tzetniks Romanen gibt es zahlreiche Hinweise auf die Kabbalah und den Tanach (jüdischen Bibel). So stammt die Bezeichnung"קודש הקדשים!"aus demשמנה עשרה(Achtzehnbittengebet; lautschriftlich: Schmoneh Esre), dem Hauptgebet im Judentum.

[49] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 167.

[50] Vgl. Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 167-168./Vgl.ק. צטניק: בית הבובות, S. 171-172.

[51] ק. צטניק: בית הבובות, S. 175-176.

[52] Ka-Tzetnik: house of dolls, S. 171.

[53] Ka-Tzetnik: house of dolls, u.a. S. 171./Vgl.ק. צטניק: בית הבובות, "ה’יוּנגס’", u.a. S. 176.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Das Sexuelle in "House of Dolls" und "Piepel" von Ka-Tzetnik. Literarische Zeitzeugnisse des Holocausts im Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
41
Katalognummer
V335348
ISBN (eBook)
9783668253902
ISBN (Buch)
9783668253919
Dateigröße
1728 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexuelle, house, dolls, piepel, ka-tzetnik, literarische, zeitzeugnisse, holocausts, vergleich
Arbeit zitieren
Alin Bashja Lea Zinner (Autor), 2014, Das Sexuelle in "House of Dolls" und "Piepel" von Ka-Tzetnik. Literarische Zeitzeugnisse des Holocausts im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335348

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