Was ist und wie entsteht eine "Masse"? Eine Untersuchung mit den Grundzügen der Freudschen Massenpsychologie

Anwendungsbeispiel Ultra-Bewegung im Fußball


Essay, 2016

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hauptteil

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der folgenden Arbeit soll die Fragestellung diskutiert werden, wie eine "Masse" definiert bzw. charakterisiert werden kann und sie entsteht. Grundlage ist das von Sigmund Freud 1921 publizierte Werk "Massenpsychologie und Ich-Analyse", in dem er sich mit den verschiedenen psychologischen Mechanismen innerhalb von Massenbewegungen auseinandersetzt.

Im ersten Teil der Arbeit wird basierend auf Freuds Schilderungen zur Massenpsychologie, zunächst der theoretische Ansatz dargestellt. Vor Allem zu Beginn seines Werkes orientiert sich Freud dabei stark an den Gedanken Gustave Le Bons und dessen Abhandlungen zur Charakteristik der "Massenseele", welche er in seinem 1895 erschienen Werk "Psychologie der Massen" darstellt.

Die allgemeine Schwerpunktsetzung soll in erster Linie wie erwähnt, darauf gelegt werden wie Freud unter Bezugnahme Le Bons und einigen anderen Autoren letztendlich den Begriff der "Masse" definiert und wie er deren Entstehung erklärt.

Im zweiten Teil der Arbeit wird dann versucht diese theoretischen Grundlagen bezüglich der Psychologie der Massen in einen Sinnzusammenhang mit aktuell zu beobachtenden Massenerscheinungen zu bringen.

Dies erfolgt anhand der, seit Mitte der 1990er Jahre auch in Deutschland populär gewordenen, Ultra-Bewegung im Fußball geschehen, welche für einige als "die größte jugendliche Subkultur dieser Tage" (Ruf 2014, S. 17) gilt.

Hauptteil

"Die Massenpsychologie behandelt also den einzelnen Menschen als Mitglied eines Stammes, eines Volkes, einer Kaste eines Standes, einer Institution oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der sich zu einer gewissen Zeit für einen gewissen Zweck zur Masse organisiert." (Freud 1925, S.7) Diese Definition verdeutlicht, dass für Freud die Massen- bzw.

Sozialpsychologie und die Individualpsychologie eng zusammenhängen, eine Tatsache, die sich auch später in seinen Ausführungen immer wieder finden lässt und sich zudem darin bekräftigt sieht, dass er es als wichtigste Aufgabe der Massenpsychologie ansieht zu erklären, worin die seelische Veränderung des Einzelnen besteht sobald er in eine Masse eintritt(vgl. Freud 1925, S. 9).

Von diesem Standpunkt ausgehend nimmt sich Freud nun den verschiedenen Ausprägungen von Massenerscheinungen an. Zunächst ist festzuhalten, dass er mehrere verschiedene Arten von Massen unterscheidet, die in Folge dessen auch in ihrer Charakteristik sowie in ihrer Entstehung nicht immer identisch sind. Er nennt hier vor Allem die Differenzierung zwischen flüchtigen und dauerhaften, homogenen und nicht homogenen, natürlichen und künstlich entstandenen, sowie primitiven bzw. hochorganisierten Massen(vgl. Freud 1925, S. 35).

Ein erster wichtiger Schritt in Freuds Darstellungen besteht in der Betrachtung der "Massenseele" von jenen kurzlebigen, flüchtigen Massen, ohne viel Organisation, die Freud später auch als sogenannte "primäre Massen"(Freud 1925, S. 60f.) bezeichnet. Er orientiert sich hierbei an Gustave Le Bon, der auch eine erste Definition einer "psychologischen Masse" liefert, welche beschrieben wird, als "ein provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen besteht, die für einen Augenblick sich miteinander verbunden haben, genauso wie die Zellen eines des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der Einzelnen Zellen bilden." (Le Bon 2015, S. 32f.)

Unter anderem aus diesen Eigenschaften, die erst in der psychologischen Masse bei den Individuen zu erkennen sind, entwickelt Le Bon die Charakterisierung der "Massenseele". Zentral sind für ihn und Freud dabei Eigenschaften wie Kritiklosigkeit, Impulsivität, Reizbarkeit, Unbeständigkeit, Leichtgläubigkeit, Intoleranz, Autoritätsgläubigkeit, Hemmungslosigkeit und Triebgeleitetes Handeln(vgl. Freud 1925, S. 15ff.). Als positiv besetzt werden vor Allem durch den Einfluss der Suggestion hervorgerufene hohe Leistungen der Entsagung, der Uneigennützigkeit, der Hingebung an ein Ideal, sowie der Versittlichung des Einzelnen durch die Massen und die Möglichkeit einer Besserung des ethischen Verhaltens genannt(vgl. Freud 1925, S. 17).

Wichtig sind Freud zudem die von Le Bon genannte Steigerung der Affektivität in den Handlungen der Individuen einer Masse und die kollektive Hemmung der intellektuellen Leistung der Massenseele im Vergleich zu den Einzelnen außerhalb der Masse (vgl. Freud 1925, S. 17 und 21) . Des Weiteren nennt er das Offenlegen des Unbewussten, bzw. das Abwerfen "der Verdrängung seiner unbewußten(sic) Triebregungen" (Freud 1925, S.12), die bei jedem Individuum in identischer Weise vorhanden sind, als für ihn entscheidendes Merkmal der Massenseele. Als wesentlich stellt er zuletzt auch Le Bons Vergleich des Massenindividuums mit dem Seelenleben der Primitiven und der Zuschreibung von ähnlichen Charakterzügen beider heraus (vgl. Freud 1925, S. 14f.).

Um diese Einschätzung der Massenseele zu erweitern, setzt sich Freud anschließend mit einer anderen Art von Massenerscheinung auseinander und beruft sich in diesen Ausführungen vorwiegend auf William McDougall und dessen Werk "The Group Mind" aus dem Jahre 1920. Hier stehen die stabilen bzw. dauerhaften Massen mit einem höheren "Organisationsgrad" im Mittelpunkt.

Diese Umwandlung von primären unorganisierten Massen wie Le Bon, und McDougall ebenfalls(vgl. McDougall 1927, S.45), sie beschreiben in hochorganisierte, von Freud als "sekundäre" Massen betitelt, in der die geschilderten psychischen Nachteile der Massenbildung aufgelöst werden und das seelische Leben der Masse auf ein höheres Niveau gehoben wird, ist wie folgt möglich: Die Individuen erlangen ihre, durch den Eintritt in die "nichtorganisierte" Masse verlorengegangenen, charakteristischen Eigenschaften wie z.B. Kontinuität, Selbstbewusstsein, Gewohnheiten oder erzielen besondere Arbeitsleistungen, wieder (vgl. Freud 2010, S. 26f). Das Vorhandensein eines Führers in einer Masse spielt für Freud, anders als bei Le Bon, der lediglich darauf hinweist, dass die Masse eines starken Führers bedarf, der mit einem imponierenden Willen und einem sogenannten "Prestige" ausgestattet sein sollte, eine weitaus zentralere Rolle (vgl. Freud 2010, S. 19f.).

Seiner Untersuchung von zwei hochorganisierten künstlichen Massen(der Kirche und des Heers), die beide mit einem Führer, ausgestattet sind, verdeutlicht dieses (vgl. Freud 2010, S.34-41).

So ist es ihm nämlich möglich, die als Haupterscheinung der Massenpsychologie identifizierte "Unfreiheit des Einzelnen in der Masse"(Freud 1925, S. 37) dahingehend zu erklären, dass für jedes Individuum, sobald es in eine Masse eintritt gewisse libidinöse Bindungen bestehen(vgl. Freud 1925, S. 34-37) und zwar zwischen den Massenindividuen untereinander, sowie zudem von den Einzelnen Mitgliedern der Masse an den Führer einer solchen(vgl. Freud 1925, S. 37). Freud belegt diese Entdeckung, dass die, aus den Ergebnissen der Psychoanalyse bekannten und aus dem Begriff der Libido abgeleiteten, libidinösen Bildungen der Massenmitglieder das eigentliche "Wesen der Massenbildung"(Freud 1925, S.46) darstellen, auf zwei Wegen.

Zum Einen mit der Einführung des Phänomens der Panik, durch das er darzulegen versucht, dass durch die Lockerung der beschriebenen libidinösen Bindungen an den Führer, sowie die der Massenindividuen aneinander, eine panische Angst entsteht, die letztendlich gleichbedeutend mit der Auflösung der Masse ist( vgl. Freud 1925, S.38f.). In diesem Zusammenhang ist die Bindung an den Führer "bestimmender" (Freud 1925, S.42) als die der Massenindividuen aneinander, was sich auch dadurch zeigt, dass der Auslöser einer solchen Massenpanik immer der "Verlust des Führers in irgendeinem Sinne" ist und erst daraufhin "die gegenseitigen Bindungen der Massenindividuen aneinander schwinden"(vgl. Freud 1925, S. 39).

Mithilfe seiner Forschungen zum Entwicklungsgang der individuellen Libido, im Rahmen der Psychoanalyse, liefert Freud einen weiteren Beleg für die zentrale Bedeutung dieser Bindungen bei der Massenbildung:

"Solange die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich Individuen, als wären sie gleichförmig, dulden sie die Eigenart des anderen, stellen sich ihm gleich und verspüren kein Gefühl der Abstoßung gegen ihn."(Freud 2010, S.45)

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Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Was ist und wie entsteht eine "Masse"? Eine Untersuchung mit den Grundzügen der Freudschen Massenpsychologie
Untertitel
Anwendungsbeispiel Ultra-Bewegung im Fußball
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Sozialwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V335373
ISBN (eBook)
9783668252783
ISBN (Buch)
9783668252790
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freud, Massenpsychologie, Subkultur der Ultras im Fußball als Beispiel
Arbeit zitieren
Franziska Sternberg (Autor:in), 2016, Was ist und wie entsteht eine "Masse"? Eine Untersuchung mit den Grundzügen der Freudschen Massenpsychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335373

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