Armut in deutschen Großstädten


Hausarbeit, 2001
21 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Die deutsche Armutsforschung

2 Definitionen von Armut
2.1 Absolute und relative Armut
2.2 Der Ressourcenansatz
2.3 Der Lebenslagenansatz

3. Armut in Städten
3.1 Arbeitslosigkeit
3.2 Sozialhilfedichte
3.3 Ausgaben für Sozialhilfe
3.4 Kommunale Verschuldung

4 Ursachen der Armut in Städten

5 Die räumliche Konzentration von Armut

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Vorwort

In Deutschland existieren große Mengen an privaten Vermögen und das Land gilt als eine der führenden Wirtschaftsnationen. Die Börse boomt - Aktienkauf ist schon fast zum Volkssport geworden und alle Aktiengesellschaften versprechen riesige Wachstumsmärkte und damit auch hohe Kurssteigerungen. Selbst mit Aktien von Gesellschaften, die noch keinen Gewinn erwirtschaftet haben, lassen sich große Gewinne erzielen. Einige Medien wollen einem fast schon suggerieren, dass man selber Schuld ist, wenn man noch nicht reich ist, da man an der Börse doch ganz schnell sein Kapital vermehren kann.

Ist das so? Sind die zahlreichen Bettler, denen man beim Gang durch deutsche Innenstädte begegnet, alle selber Schuld? Eine solche Behauptung ist an Zynismus eigentlich kaum zu überbieten.

Armut ist, vor allem in Großstädten, kaum noch zu übersehen, aber was ist Armut eigentlich? Kann es Armut im Sozialstaat überhaupt geben, wo doch die Existenz der Sozialhilfe diese eigentlich ausschließen soll?

Wie sich die Wissenschaft, speziell die Soziologie mit diesem Thema seit dem Ende des zweiten Weltkrieges auseinander gesetzt hat, soll im ersten Abschnitt dieser Arbeit behandelt werden. Dabei wird sich zeigen, dass die Euphorie des Wirtschaftswunders den Blick auf die Armutsproblematik behindert hat. Lange Zeit ging man davon aus, dass alle Schichten relativ gleichmäßig vom steigenden gesellschaftlichen Wohlstand profitieren.

Als sich anbahnte, dass diese Hoffnung nicht erfüllt werden würde, begann man neue Konzepte für die Messung von Armut zu entwickeln; teilweise besann man sich dabei auch auf ältere, schon existierende Konzepte, die weiterentwickelt wurden. Dieser Vorgang wird im Kapitel ,,Definitionen von Armut" näher beleuchtet.

Daran anschließend sollen diese Ergebnisse auf das Thema Stadt übertragen werden. Als erstes werde ich dabei eine mehr deskriptiv gehaltene Erläuterung geben, wie Armut in Städten und Armut von Städten festgestellt werden kann. Dabei spielen die Faktoren Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe und Verschuldung die wesentlichen Rollen.

Der Frage, ob man die dadurch festgestellte ,,Armut im Wohlstand" auch durch die von Jens Dangschat formulierte These ,,Armut durch Wohlstand" ersetzen, bzw. erweitern kann, werde ich im Anschluss nachgehen.

Als Letztes soll dann noch mal den Folgen der zunehmenden Armut für die Stadtplanung und Gestaltung nachgegangen werden. Befinden wir uns in einer Entwicklung, in der sich Stadtviertel immer mehr voneinander abgrenzen? In der sich die Wohnviertel der ,,Reichen" durch private Sicherheitsdienste und Videoüberwachung immer mehr abschotten, während auf der anderen Seite ghettoähnliche Viertel entstehen, in denen sich Armut, Kriminalität und Drogen ausbreiten? Überlegungen dazu sind im Kapitel ,,Die räumliche Konzentration von Armut" zusammengefasst.

1 Die deutsche Armutsforschung

In diesem Abschnitt soll erläutert werden, in welchem Maße und mit welchen Grundeinstellungen sich die deutsche Wissenschaft, vor allem die Soziologie, sich mit dem Phänomen der Armut seit dem zweiten Weltkrieg beschäftigt hat.

Generell lässt sich sagen, dass sich die Soziologie in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg nur sehr randständig mit dem Thema Armut befasst hat. Lange Zeit wurde die Erfassung und die Analyse von Armut in den Bereich der Ökonomie oder der Sozialpolitik abgedrängt (vgl. Schäfers 1992, S. 105).

In den 50er Jahren herrschte sogenannte ,,Volksarmut". So gut wie alle sozialen Schichten waren von ihr betroffen und jeder war darauf angewiesen, spezifische Überlebensstrategien zu entwickeln, um Notlagen zu überbrücken. Die ,,Volksarmut" war direkt auf die verheerenden Auswirkungen des zweiten Weltkrieges zurückzuführen.

In der Betrachtung von individuellen Armutslagen wurde das Arbeitsverhältnis, die Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit in der Folgezeit zum zentralen Moment. In der Bevölkerung herrschte weitgehend die sog. ,,bürgerlich-liberale" Einstellung zu Armut vor. Dies bedeutet, dass Armut zunehmend als ,,selbstverschuldet" angesehen wurde (z. B. wegen mangelndem Willen zur Arbeit) und dass bei nicht selbstverschuldeter Armut das soziale Netz einen ausreichenden Rückhalt bietet (Schäfers 1992, S. 109).

Mit dem zunehmend ansteigenden Wohlstand schien sich das Thema Armut von selbst zu erledigen. Die Arbeitslosenzahlen gingen im Laufe der 50er Jahre drastisch zurück (bis hin zur zahlreichen Anwerbung von Gastarbeitern) und die soziale Absicherung wurde mit der Verabschiedung des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) 1961 gesetzlich geregelt. Diese sozialpolitischen Maßnahmen wurden allerdings kaum wissenschaftlich begleitet. Die Gründe dafür sieht Leibfried sowohl in gesellschaftlichen Bedingungen, als auch in Mängeln des Wissenschaftssystems (Leibfried 1992, S. 12f).

Dass die soziale Frage erledigt schien, lag nach Leibfried vor allem an den Strukturen des Arbeitsmarktes, die durch Tarifwesen und Gewerkschaften auf Inklusion angelegt waren, und dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Dieser war auf die breite Mittelschicht orientiert und ließ Armutslagen, auch wenn sie bestanden haben mögen, nicht in den Blickpunkt treten (ebd.).

Auch sozialpolitisch verdrängte die Existenz der Sozialhilfe das Thema Armut. Statt Armut wurde der Begriff ,,Sozialhilfebedürftigkeit" eingeführt. Trotz steigenden Wohlstands sanken die Empfängerzahlen aber nur sehr geringfügig ab; seit 1970 gab es sogar einen stetigen Anstieg. Die Gründe dieses Phänomens sind allerdings nicht eindeutig zu erfassen. Faktoren dafür können entweder der geänderte öffentliche Stellenwert der Sozialhilfe (,,Entkriminalisierung der Armut"), die stetigen Leistungsverbesserungen oder vermehrt auftretende Notlagen sein (Schäfers 1992, S. 111). Am wahrscheinlichsten erscheint mir dabei ein Zusammenspiel aller drei Faktoren.

In den 60er Jahren schien das Thema Armut wieder etwas mehr an aktueller Bedeutung zu gewinnen. Die Analyse von Armutslagen beschränkte sich allerdings zunächst auf sog. Randgruppen, vor allem auf die Gruppe der Obdachlosen und der verstärkt zuwandernden Gastarbeiter. Vermehrte öffentliche Aufmerksamkeit wurde auch durch verschiedene Publikationen über Armut sowohl in der dritten Welt, als auch in entwickelten Industriegesellschaften, erregt. Zum ersten mal wurde auch thematisiert, dass selbst in Wohlstandsgesellschaften immer größere Bevölkerungsgruppen an den ,,Rand der Gesellschaft" gedrängt werden (a. a. O., S. 113).

Mit Antritt der sozial-liberalen Koalition setzte 1969 eine Reformpolitik ein, die mit wissenschaftlicher Bestandsaufnahme und laufender Beobachtung von Armutslagen einherging und den Ausbau des Sozialstaates vorantrieb (Leibfried 1992, S. 17). Vor allem die 1976 veröffentlichte Studie von Heiner Geißler von der damals oppositionellen CDU über die ,,Neue soziale Frage" regte die wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung mit Armut an, wenn auch zunächst hauptsächlich Gesundheitsthemen Berücksichtigung fanden. Rentenpolitik und andere Sozialtransfers, wie etwa Sozialhilfe, wurden zunächst nur sehr wenig thematisiert (a. a. O., S. 19). Sozialindikatorenforschung und Sozialberichterstattung wurden aber nach diesem ,,Anstoß" von Geißler kontinuierlich qualitativ verbessert.

Seit dieser Zeit begann auch das ,,Lebenslagenkonzept", das Armut nicht nur auf Einkommensarmut reduziert (vgl. 2.3 in dieser Arbeit), langsam wieder Einzug in die sozialwissenschaftliche Forschung zu erhalten.

In den 80er Jahren begann dann die Diskussion um die sog. ,,Neue Armut". Ausgangspunkt war die trotz Wirtschaftswachstum ansteigende strukturelle Arbeitslosigkeit verbunden mit diversen Spargesetzen und Einschnitten in das Arbeitsförderungsgesetz. Die Folge davon war, dass immer mehr Arbeitslose (und nicht nur die ,,Arbeitsunwilligen") auf Sozialhilfe angewiesen waren. Leibfried u. a. sprechen von einer ,,neuen Qualität" der Armut, da sie als Ergebnis sozialpolitischer Maßnahmen politisch in Kauf genommen wurde (Leibfried u. a. 1995, S. 225).

Es wurden immer mehr Gruppen entdeckt, die überproportional von Armut betroffen sind; so z. B. Ausländer, Kinder, Alleinerziehende...

Durch die Grünen erhielten die Armen erstmals seit dem zweiten Weltkrieg wieder eine Art ,,Lobby" im Bundestag. Armut war wieder ,,politikfähig" geworden (Schäfers 1992, S. 116). Das Besondere der ,,neuen Armut" war, dass sie im Widerspruch zum anhaltenden ökonomischen Aufschwung stand, weswegen häufig von ,,Armut im Wohlstand" (z. B. Döring u.a. 1990) oder ,,Armut im Reichtum" (z. B. Breckner u. a. 1989) gesprochen wurde.

Entgegen früherer Annahmen stiegen die Anzahl der Leistungen im Rahmen von Hilfe zum Lebensunterhalt immer weiter an. Die Hoffnung, dass Sozialhilfe nur noch kurzfristig für außergewöhnliche Notlagen benötigt werde, erfüllten sich nicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Armut in deutschen Großstädten
Hochschule
Universität Lüneburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Allg. Soziologie: Stadt und Sozialstruktur
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V3355
ISBN (eBook)
9783638120562
ISBN (Buch)
9783638756280
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Großstädten, Allg, Soziologie, Stadt, Sozialstruktur
Arbeit zitieren
Fabian Schürmann (Autor), 2001, Armut in deutschen Großstädten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3355

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