Gottfried Kellers Werk "Spiegel, das Kätzchen". Ein Märchen?

Analyse der Erzählform


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche
2.1 Der Realismusbegriff und dessen Merkmale
2.2 Mimesis, Nachahmung und Widerspiegelung
2.3 Widerspiegelung in Spiegel, das Kätzchen

3. Das Märchen als Gattung der Literaturwissenschaft
3.1 Definition der Gattung „Märchen“
3.2 Merkmale des europäischen Volksmärchens nach Max Lüthi

4. Textimmanente Analyse des Werks Spiegel, das Kätzchen
4.1 Märchenhafte Elemente in Spiegel, das Kätzchen
4.2 Nicht märchenhafte Elemente in Spiegel, das Kätzchen
4.3 Warum hat Keller Spiegel, das Kätzchen als Märchen verfasst?

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte vom gestiefelten Kater ist ja ein Kindermärchen, welches Herr Tieck freilich mit solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, daß man beinahe die Torheit begehen könnte, wirklich daran zu glauben. Also, zwei Dichter allegieren Sie, als wären es ernste Naturhistoriker und Psychologen, nun sind die Dichter nichts weniger als das, sondern ausgemachte Fantasten, die lauter eingebildetes Zeug ausbrüten und vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verständiger Mann wie Sie sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und Verstand läuft?

E.T.A Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr[1]

Eltern lesen ihren Kindern bereits im frühen Alter Märchen wie Schneewittchen, Rapunzel und Hänsel und Gretel vor und im Kindergarten werden sie im Bilderbuchformat rezipiert. In der Grundschule steht dann auf dem Lehrplan das Thema „Märchen“ und es wird besprochen welche Kriterien es zur Bestimmung gibt, wie beispielsweise zauberhafte Wesen, die besonderen Namen der Figuren und die Moral, die das Märchen vermitteln soll.

Der Rezipient hinterfragt den pädagogischen Mehrwert des Märchens nicht, und noch weniger die Terminologie, denn es scheint offensichtlich zu sein wie ein Märchen definiert ist. Der Froschkönig ist ein Märchen und Der Wolf und das Schaf ist eine Fabel – auf den ersten Blick scheint die terminologische Differenzierung sehr simpel zu sein. Ob es jedoch wirklich so simpel ist, wird zum Fokus dieser Seminararbeit.

Denn in dieser Hausarbeit wird untersucht, ob Gottfried Kellers Spiegel, das Kätzchen ein Märchen ist und an welchen Merkmalen dies ersichtlich wird. Zunächst wird die Epoche des „Realismus“, der Kellers Spiegel das Kätzchen zuzuordnen ist, und die „Widerspiegelung“ in Kellers Werk zum Gegenstand der Untersuchung. Im Anschluss werden die Begrifflichkeit des „Märchens“ erläutert und die Merkmale des europäischen Volksmärchen nach Max Lüthi beschrieben. Im Anschluss wird Kellers Spiegel, das Kätzchen textimmanent analysiert indem die märchenhaften sowie die nicht märchenhaften Elemente des Textes veranschaulicht werden. In der Schlussbetrachtung wird die Frage beantwortet ob es sich bei Spiegel, das Kätzchen um ein Märchen handelt und warum sich Keller diese Art der Erzählform ausgesucht hat.

2. Der Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche

2.1 Der Realismusbegriff und dessen Merkmale

Zunächst ist zu erwähnen, dass der Begriff des Realismus (ca. 1848 – 1890) zwar einfach abzuleiten, jedoch nicht einfach zu verstehen ist. Es lässt sich aus dem Adjektiv realistisch bzw. real ableiten. Der Leser kann durchaus mit Handlungssträngen und Wesen konfrontiert werden, die nicht real sind oder den Anspruch haben wahr zu sein. Der Realismus beschreibt nach dem Literaturwissenschaftler Hugo Aust (2006) keine Eigenschaft, die tatsächlich einer Sache innewohnt, sondern die Beurteilung einer Sache. Dies wiederum heißt, dass der Leser selbst beurteilen muss, inwieweit ein Werk den Anspruch erhebt realistisch zu sein. Eine eminente Frage ist in diesem Zusammenhang, inwieweit die dargestellte Realwelt der tatsächlichen Welt oder dessen gesellschaftlichen Strukturen gleicht. Des Weiteren erwähnt Aust, dass das Wort real durchaus Verwirrung stiften könnte, da man diesen Begriff oft mit dem Wort logisch assoziiert. Dabei meint der Begriff des Realen nur den Umstand, dass etwas existiert. Besonders hervorzuheben ist, dass der Realismus in erster Linie Sachverhalte meint, die der Wirklichkeit entsprechen oder den Anschein erwecken unserem Leben nahe zu sein oder in unserer Welt auftreten.[2] Weiterhin beschreibt Aust den Realismus wie folgt:

’Realismus’ ist somit von Anfang an ein in den Künsten und in der Literatur präsenten Phänomen, ein Prinzip und Verfahren, bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit bzw. entscheidende Entwicklungen im gesellschaftlichen Leben wieder erkennbar, angemessen, innovativ, ernst bzw. kritisch, vielleicht auch heiter, nicht aber satirisch zu reproduzieren.[3]

Literatur und Kunst versuchen das echte Leben nachzuahmen und es authentisch darzustellen, indem sie auf Wissenskonstruktionen zurückgreifen, die das Gerüst einer Kultur bilden. Diese Wissenskonstruktionen setzen sich aus dem alltäglichen Leben zusammen oder eben aus wissenschaftlich fundiertem Wissen, dass der Außenwelt entstammt.[4] Die Mimesis nach Aristoteles ist ein signifikantes Instrument der Realisten. Die Mimesis ist eine poetische Nachahmung, in der Gesellschaft und Natur als zentrale Nachahmungselemente dienen. Die Differenzierung zwischen der Realitätsabbildung und der poetischen Note in realistischen Werken bedarf einer strikten Trennung durch gezielte Erzähltechniken, damit es den Anspruch bzw. seinen Status als Kunstliteratur nicht einbüßt. Somit wird klar, dass die Fremd- und ästhetische Selbstreferenz ebenfalls eine wichtige Rolle in der realistischen Literatur spielen. Zu betonen ist auch die Tatsache, dass die Mimesis gesellschaftlicher Strukturen in ihrer Wirkung auf den Zuschauer angewiesen ist, da sie in erster Linie die Lebenswelt der Bürger und des Adels nachzeichnet, indem sie auf private und familiäre Konstellationen eingeht. Hierbei sollte beachtet werden, dass der Realismus keine reine Nachahmungsliteratur ist, sondern durchaus eine poetische Gattung darstellt, die ihrerseits wichtige emotionale und soziale Gesellschaftsphänomene behandelt. Des Weiteren ist die Nachahmung selbst an wichtige Kriterien gebunden. Aristoteles benennt hierbei die sprachlichen Mittel, die einzelnen Gegenstände und die Art der Nachahmung.[5]

Verschiedene Faktoren dienen als Hilfestellung bei der Einordnung eines Werks in die realistische Literaturepoche. Diese sind gesellschaftliche Strukturen, die real existierende Welt und das Leben, dass das Bürgertum darin führt. Die subjektive Einschätzung eines Individuums kann eben nur dann erfolgen, wenn die oben erwähnten Faktoren berücksichtigt und mit den Gegebenheiten außerhalb der Prosawelt verglichen werden. Der Realismusbegriff birgt eine semantische Herausforderung in sich und erschwert die eigentliche Wortbedeutungsermittlung.

Die historische Entwicklung des Realismus wurde in seinen geschichtlichen Anfängen, vor allem durch die Ideen Immanuel Kants geprägt. Kant vertrat in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) die Ansicht, dass der Realismus der Natur unterliegt. Dieser Ansicht nach, können der Natur menschliche Eigenschaften zugeordnet werden, die auch das menschenähnliche handeln mit einbeziehen. Somit wird klar, dass der Realismus anfangs hauptsächlich als ein naturabhängiges Handeln angesehen wurde. Somit berücksichtigt Kant den literarischen Wirklichkeitsanspruch nicht. Vertritt aber die Meinung, dass allen Naturhandlungen eine eigene Wirklichkeit zukommt.[6] 1800 entwickelt sich durch Friedrich Schlegel ein neues Verständnis für Realismus. Dieses neue Konzept war eine „[...] balancierende Vermittlung zwischen Realem und Idealem [...]“[7]. Zudem erwähnt Aust, dass sich der Realismus je nach Verwendungszweck und Epoche in seiner Wortbedeutung unterscheiden kann. Die Literaturwissenschaft ordnet dem Realismus diverse Eigenschaften zu. Hugo Aust fasst diese Merkmale folgendermaßen zusammen:

[Der Realismus] bezeichnet:

- ein fundamentales Merkmal von Literatur überhaupt, ihre Verknüpfung mit Welt, Leben und menschlicher Praxis,
- eine Gruppe von Texten, die das Leben nicht ‚abstreifen’ (Th. Mann),
- ein Darstellungsverfahren, das sich entwickeln und verändern kann, aber zu jeder Zeit verfügbar ist,
- einen Funktionszusammenhang, der das gesellschaftliche und politische Veränderungspotential der Literatur betrifft (Brecht 1971, 70),
- einen Grad bzw. Wert ihres Gelingens, also eine literaturkritische Kategorie, und
- eine Epoche ihres verstärkten bzw. typischen Vorkommens.[8]

All diese Merkmale zeigen, dass der Realismus ein vielseitiges Konstrukt ist, dass gesellschaftlichen Wandlungen unterworfen ist und das nicht nur einem universellen Zweck folgt.

2.2 Mimesis, Nachahmung und Widerspiegelung

Aust (2006) betont, dass die Widerspiegelung die eigentliche Aufgabe der Mimesis ist. Es geht nicht um die Imitation, sondern um die Nachahmung der Natur. Nach Kants Ansicht soll man ja genau dies tun. Die Natur dient als Vorbild jeglichen Handelns und der Mensch kann dies auf sein eigenes Leben übertragen. Die Komponenten der Mimesis sind „begrenzt auf Handlungen; d.h. Dinge, Stimmungen, Dispositionen und Sachverhalte sind mimetisch relevant unter den Bedingungen menschlichen Handelns.“[9] Des Weiteren kann die Mimesis als ein wichtiges anthropologisches und lerntheoretisches Prinzip angesehen werden, da der Mensch durch das Nachahmen signifikante Lernprozesse durchläuft. Zudem werden auch allgemeine Sachverhalte zur Sprache gebracht und somit nicht nur Geschehendes, Vorhandenes oder Begegnendes. Dies ist wichtig, denn der Realismus ist keine einfache Kopie des Wirklichen, sondern dient zur Erkenntnis komplexer Strukturen. Vor allem im Zeitalter der Aufklärung diente die Nachahmung der Natur als ein wichtiges Instrument, welches das vernünftige Denken und das Reflektieren anregen. Der Mensch sollte vor allem mit dem inneren Auge sehen und Erkenntnisse gewinnen, die aus ihm einen mündigen Bürger machen.[10]

2.3 Widerspiegelung in Spiegel, das Kätzchen

Der von Keller ausgewählte Titel ist höchst überraschend, wenn man bedenkt, dass das Werk auf den ersten Blick keine realistischen Züge bzw. Merkmale aufweist. Das Spiegeln bzw. Widerspiegeln ist ein zentrales Merkmal der realistischen Literatur.[11] Das Märchen allerdings ist kein typischer Vertreter dieser Gattung, trotzdem weist es bei genauerer Betrachtung realistische Charakterzüge auf. Der Hauptprotagonist der Geschichte, Kater Spiegel, gerät in die Fänge eines Hexenmeisters. Spiegel hat großen Hunger und folgt dem Hexenmeister Pineiß, da dieser ihm leckere Köstlichkeiten verspricht. Die eigentliche Absicht des Hexenmeisters jedoch ist es den stolzen Kater Spiegel in eine Falle zu locken, um ihn zu mästen und anschließend zu schlachten. Durch seine Unerfahrenheit und den großen Hunger ist es ein Leichtes für Pineiß den Kater in eine Falle zu locken. Als Spiegel hinter die eigentliche Absicht des Hexenmeisters kommt, muss er schnell handeln. Er überlegt sich eine List, durch die er sich befreien kann. Nun tritt das Motiv der Lüge auf. Spiegel erzählt dem Hexenmeister, dass seine alte Herrin einen Goldschatz besaß und möchte damit bewirken, dass Pineiß ihn am Leben lässt. Zunächst willigt Pineiß ein, aber durch eine unglückliche Wendung muss er seine Erzfeindin Begine heiraten. Von nun an führt er ein unglückliches Leben und vergisst dabei sein Versprechen an Kater Spiegel. Allerdings schafft es Spiegel trotz dieses herben Rückschlags, sich aus der Gewalt Pineißs zu befreien. Die Lüge Spiegels schafft eine eigene Rahmenhandlung, die der eigentlich einfach gestrickten Geschichte einen komplizierten Verlauf zuschreibt.

[...]


[1] Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Lebensansichten des Katers Murr. Altenmünster 1977.

[2] Vgl. Aust, Hugo: Realismus. Lehrbuch Realismus. Stuttgart 2006. S.2ff.

[3] Ebd. S. 3f.

[4] Vgl. Ort, Claus-Michael: Was ist Realismus. Hg. v. Christian Begemann. Realismus. Darmstadt 2007. S.12ff.

[5] Vgl. Aristoteles: Poetik. Hg. v. Manfred Fuhrmann. Stuttgart 1994. S.3ff.

[6] Aust, Hugo: Realismus. Lehrbuch Realismus. Stuttgart 2006. S.2ff.

[7] Ebd. S. 2.

[8] Ebd. S. 3.

[9] Ebd. S. 53.

[10] Vgl. Aust, Hugo: Realismus. Lehrbuch Realismus. Stuttgart 2006. S. 53ff.

[11] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gottfried Kellers Werk "Spiegel, das Kätzchen". Ein Märchen?
Untertitel
Analyse der Erzählform
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für neuere deutsche Literatur)
Note
2,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V335564
ISBN (eBook)
9783668253964
ISBN (Buch)
9783668253971
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried Keller, Spiegel das Kätzchen, Märchen, Erzählform, Märchentheorie, Lüthi
Arbeit zitieren
Sitem Kolburan (Autor), 2013, Gottfried Kellers Werk "Spiegel, das Kätzchen". Ein Märchen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335564

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