Als ich zum ersten Mal von der Bewertung des Lebens in quantitativen, sogar monetären Maßstäben las, ließ es mich aufhorchen. Ich selbst besaß bisher die Weltanschauung, dass ein Menschenleben mehr "wert" sei, als ein Vermögen und überhaupt Menschenleben und Geld nicht zusammenpassen. Dass dies nicht hinterfragt ist, zeigt das Faktum, dass in vielen Regionen der Erde Menschen für weit weniger an "Gegenwert" getötet werden. Auch im Gesundheitswesen wird "der Tod in Kauf genommen", allein dadurch, dass Mittel, die Leben retten, zu knapp sind um sie jedem Bedürftigen zuteil werden zu lassen. Darunter fällt beispielsweise ein begrenztes Kontingent an transplantierbaren Organen. Eine Entscheidungsfindung über die Verteilung dieser knappen Ressourcen kann auch mit quantitativen Methoden unterstützt werden. Diese Methoden haben aber Grenzen, genauso wie die ihnen zugrunde liegenden ethischen Überzeugungen, Grenzen, die ich selbst intuitiv richtig oder wenigstens für bedenkenswert halte. Dennoch soll hier hinterfragt werden, welche Idee hinter dieser Art der Lebensbewertung stehen mag und wo Konfliktgebiete auszumachen sind.
Um dem nachzukommen wird im ersten Kapitel zunächst die "Szene gesetzt", d.h. die Rahmenbe-dingungen einer quantitativen Lebensbewertung, mit zwei grundlegenden Prinzipien der Medizin-ethik, "Wohltätigkeit" und "Gerechtigkeit", wie sie im einflussreichen Werk von BEAUCHAMP und CHILDRESS dargestellt sind, und einem Abriss über die Verwendung des Utilitarismus im Gesund-heitswesen. Das zweite Kapitel dreht sich um das "Stück", vom Allgemeinen zum Speziellen werden Allokationsproblem, Kosten-Nutzen-Analysen und das Warum und Wie der Lebenswertbe-stimmung geklärt, um dann im letzten Kapitel die Kritiker sprechen zu lassen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Vorraussetzungen für eine nutzenbasierte Lebensbewertung
1. 1 Wohltätigkeit
1. 2 Gerechtigkeit
1. 3 Utilitarismus in der Gesundheitsfürsorge
2 Umsetzung einer nutzenbasierten Lebensbewertung
2. 1 Allokation
2. 2 Rationierung und ihre Gründe
2. 3 Cost-Benefit- und Cost-Effectiveness-Analysen
2. 4 Wert und Qualität des Lebens
2. 5 QALYs
3 Kritik einer nutzenbasierten Lebensbewertung
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die ethischen Implikationen und die zugrunde liegende Rationalität einer quantitativen, nutzenbasierten Bewertung menschlichen Lebens im Gesundheitswesen. Ziel ist es, den Konflikt zwischen medizinethischen Prinzipien, wirtschaftlicher Effizienz und moralischen Intuitionen wie der "Pflicht zur Rettung" kritisch zu hinterfragen.
- Grundlagen der medizinethischen Prinzipien "Wohltätigkeit" und "Gerechtigkeit"
- Die Rolle des Utilitarismus bei der Allokation knapper medizinischer Ressourcen
- Methoden der Lebenswertbestimmung wie Cost-Benefit- und Cost-Effectiveness-Analysen
- Die Operationalisierung von Lebensqualität durch QALYs (Quality-Adjusted Life-Years)
- Kritische Reflexion über die moralischen Grenzen einer rein nutzenorientierten Gesundheitsökonomie
Auszug aus dem Buch
2. 4 Wert und Qualität des Lebens
BEAUCHAMP und CHILDRESS (vgl. 2001, S. 208) argumentieren folgendermaßen: Indem Menschen ihr Leben für vielfältige Dinge "riskieren" und dieses Risiko mit dem Nutzen aus diesen Dingen, sei es nun für den Genuss, für Ruhm und Glück, abwägen, schreiben wir dem Leben auch einen bestimmten - hier quantitativen - Wert zu. Der Wert des Lebens folgt aber nicht allein einem rationalen Kalkül, sondern impliziert auch soziale und religiöse Komponenten, ersteres in Form von Menschen, zu denen eine bestimmte Beziehung besteht, letzteres z.B. in Form eines ertragenen Martyriums um das Leben "höheren Zielen" zu opfern.
Nach BEAUCHAMP und CHILDRESS ist "quality of life" (LAPUMA/LAWLOR 1990, o.S.; zit. n. 2001, S. 209) ein "ethically essential concept that focuses on the good of the individual, what kind of life is possible given the person's condition, and whether that condition will allow the individual to have a life that he or she views as worth living."
Lebensqualität, als Konzept, wird in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (vgl. BIRNBACHER 1999, S. 26) benutzt und, je nachdem, mit verschiedenen Indikatoren bemessen. Lebensqualität nach ökonomischen Maßstäben wird z.B. mit ebenso ökonomischen Indikatoren, wie die soziale Wohlfahrt, die Arbeitsbedingungen oder das Pro-Kopf-Sozialprodukt bemessen. In der Medizin wurden traditionell zumeist funktionale Aspekte des gesundheitsbezogenen Wohlbefindens, wohinein z.B. Mobilität und körperliche Leistungsfähigkeit, vegetative Autoregulation und die Fähigkeit sich mitzuteilen fallen, unter Lebensqualität zusammengefasst.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der quantitativen Lebensbewertung und Darstellung der methodischen Vorgehensweise der Hausarbeit.
1 Vorraussetzungen für eine nutzenbasierte Lebensbewertung: Analyse der ethischen Grundbegriffe Wohltätigkeit und Gerechtigkeit im Kontext utilitaristischer Denkweisen.
2 Umsetzung einer nutzenbasierten Lebensbewertung: Untersuchung der praktischen Anwendung von Allokationsentscheidungen, Rationierung und ökonomischen Analyseinstrumenten.
3 Kritik einer nutzenbasierten Lebensbewertung: Kritische Auseinandersetzung mit den moralischen Konsequenzen und Schwachstellen utilitaristischer Bewertungsmodelle im Gesundheitswesen.
Fazit: Zusammenfassende Reflexion über die "mixed position" in der Medizinethik und das Problem der Quantifizierung menschlichen Lebens.
Schlüsselwörter
Medizinethik, Utilitarismus, Wohltätigkeit, Gerechtigkeit, Lebensqualität, Allokation, Rationierung, Kosten-Nutzen-Analyse, QALYs, Gesundheitsökonomie, Wert des Lebens, Rule of Rescue, distributive Gerechtigkeit, medizinische Grundversorgung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der moralischen Rechtfertigung und der praktischen Anwendung von Methoden, die den Wert eines Menschenlebens quantitativ erfassbar machen, um Entscheidungen über knappe Ressourcen in der Medizin zu treffen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die medizinische Ethik, die Gesundheitsökonomie, Konzepte der Allokation und Rationierung sowie die methodische Messung von Lebensqualität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, welche Rationalität hinter der Verknüpfung von Lebenswertbestimmung und quantitativen Messgrößen steht und wo die ethischen Konfliktlinien dieser Vorgehensweise liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine literaturbasierte Analyse und ethische Argumentationsweise, primär gestützt auf die Prinzipienethik von Beauchamp und Childress sowie utilitaristische Theorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Voraussetzungen (Prinzipien), die praktische Umsetzung (Methoden wie CEA/CBA und QALYs) und eine ausführliche kritische Reflexion dieser Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Utilitarismus, Lebensqualität, Allokation, Gerechtigkeit und das "Rule of Rescue"-Prinzip geprägt.
Was ist das "Rule of Rescue"-Prinzip und warum ist es für den Autor wichtig?
Das "Rule of Rescue" beschreibt den psychologischen Imperativ, einem identifizierbaren Menschen in Not sofort zu helfen, ungeachtet ökonomischer Kosten; der Autor sieht darin ein wichtiges moralisches Gegengewicht zum rein utilitaristischen Effizienzdenken.
Wie stehen QALYs im Zusammenhang mit der Lebensbewertung?
QALYs (Quality-Adjusted Life-Years) dienen als Messinstrument, um Lebensquantität und Lebensqualität in eine Kennzahl zu überführen, die eine rechnerische Priorisierung von medizinischen Leistungen ermöglicht.
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- Christian Bacher (Author), 2004, Valuing Life - Die Idee hinter einer nutzenbasierten Bewertung des Lebens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33579