"Es war die Apokalypse." Fortgesetzte Überlegungen zur Narration nach dem Weltuntergang


Seminararbeit, 2011
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Handlung
2.1 Merkmale einer Erzählung vom Ende der Welt
2.2 Verknüpfungen der Katastrophen

3. Erzählen und Erzähler
3.1 Erzählter Weltuntergang
3.2 Der Erzähler vom Ende

4. Der Sinn
4.1 Verständnis und Relevanz
4.2 Das Leben als Erzählung
4.2.1 Leben
4.2.2 und Überleben
4.3 Das Ende erzählen

5. Es war einmal die Apokalypse

6. Anhang
A: Das Problem der Anthropomorphisierung
B: Erzählen als Kommunikation
C: Narrative Ebenen als Lösungsvorschlag
D: Die Verortung des Erzählers

7. Literaturverzeichnis

8. Verpflichtungserklärung

1. Einleitung

Fortgesetzt hallten Explosionen übers Meer und durch die Ruinen der Küstenstädte. In das Schreien und Weinen der Überlebenden mischten sich Hubschrauberdröhnen, Sirenengeheul und Lautsprecherdurchsagen. Es war eine Kakophonie des Grauens, doch über all dem Lärm lag eine bleiernde Stille. Die Stille des Todes.

Drei Stunden vergingen, bis die letzte Welle zurück ins Meer geflossen war.

Dann rutschte der nördliche Kontinentalhang ab.

Frank – Der Schwarm, S. 347.[1]

Erzählungen vom Weltuntergang gibt es viele, und das Genre bietet eine weitaus größere diachrone Anzahl an Vertretern, als in Zeiten der bombastischen Katastrophenfilme und der den Zeitgeist treffenden Öko-Thriller bewusst ist. Das Erzählmuster der Apokalypse ist ein altes, das viele prominente Vorlagen bietet – beispielsweise die Offenbarung des Johannes[2] –, die über die Jahrhunderte in vielfältiger Form wieder aufgegriffen, entwickelt und zu neuen Ausformungen gebracht worden sind.[3] Die Erzählung vom Weltuntergang oder zumindest einer weitreichenden Katastrophe, jüngst z. B. in Der Schwarm von Frank Schätzing oder dem Film The Day After Tomorrow von Roland Emmerich, ist also das Ende einer langen literarischen Entwicklung.[4]

Gemeinsam ist diesen Genrevertretern, dass – zumindest bei einer kursorischen Betrachtung, die auf eine ‚übliche‘ Ausführung des Weltendes schließen lässt – das Ende der Welt und der Untergang der Menschheit nicht so absolut und allumfassend sind, wie das Heraufziehen der (wie auch immer gearteten) Katastrophe vermuten lässt. Naturkatastrophen sind meist lokal begrenzt, Pandemien schon globaler, die Invasion von Außerirdischen birgt ein noch größeres Zerstörungspotential – aber nach dem Weltuntergang bleibt immer mindestens ein Überlebender, meistens sogar mehrere, in der Welt des ‚Danach‘ zurück. Intuitiv benötigt dieses Motiv vom letzten Überlebenden keine tiefgreifende Begründung, schließlich muss jemand übrig bleiben, der die Geschichte erzählt.

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, diese intuitive Erkenntnis literaturtheoretisch aufzuarbeiten. Warum gibt es immer mindestens diesen einen Überlebenden? Kann ein Ende der Welt ohne Überlebende erzählt werden? Kann eine Welt nach diesem Ende erzählt werden, und wenn ja, ist dies sinnvoll? Diese und weitere Fragen wurden in einer vorangegangenen Arbeit bereits nach verschiedenen, stark strukturgebundenen Blickwinkeln untersucht: Der Aspekt der Handlung unter Anwendung der Grenzüberschreitungstheorie Jurij M. Lotmanns, die Frage nach der Verortung des Erzählers in einer Welt ohne Figuren mit den Überlegungen Gérard Genettes sowie einige Überleungen zum Sinn nach Reto Sorg et al.[5]

In der nun folgenden Arbeit soll die Untersuchung anhand anderer, teilweise gegensätzlicher Grundlagen fortgesetzt werden. Die Aspekte Handlung und Sinn treten in engerer Verknüpfung als zuvor auf: Nach Christman et al. werden jene Möglichkeiten von Ereignisverknüpfungen analysiert, die die Thematik bietet, und die Auswirkung eines absoluten Untergangs auf selbige wird aufgezeigt (Kapitel 2). Das Kapitel zum Erzähler stützt sich, anders als zuvor, auf die Theorie eines optionalen Erzählers und erläutert, welche Probleme der Genetteschen Erzählertheorie dadurch ausgeblendet werden, aber auch, welche neuen Schwierigkeiten eine solche Annahme mit sich bringt (Kapitel 3). Darauf aufbauend und auf Henning und Steinfath u.a. Bezug nehmend beschäftigt sich das Kapitel zur Sinnkonstituierung einer solchen Erzählung vertiefend mit den Problemen, die der ‚gewöhnliche‘ wie der absolute Weltuntergang bringt (Kapitel 4).

Dazu greift im Folgenden jedes Kapitel kurz die Ergebnisse der vorangegangenen Arbeit auf, ehe es auf die Grundlagen der vorliegenden Analyse eingeht. Dabei werden selbige zunächst auf die Katastrohen- und Weltuntergangsthematik an sich angewendet, wenn möglich illustriert durch eines der bestehenden Beispiele, anschließend dann auf ein hypothetisches Szenario eines Weltuntergangs ohne Überlebende, das in Abwesenheit eines geeigneten tatsächlichen Beispiels hier zur Veranschaulichung dienen soll. Dieses Szenario besteht aus drei chronologisch aufeinanderfolgenden Schritten und ist damit, wie sich zeigen wird, eine Erzählung im einfachsten Sinne (vgl. Kapitel 2.1):

1. eine Welt mit Menschen, gar nicht unähnlich der unsrigen,
2. eine Katastrophe, die das intelligente Leben auslöscht, i. e. die Menschheit,
3. eine Welt nach der Katastrophe, in welcher niemand (!) überlebt hat.

Abschließend werden die Ergebnisse der Analyse kurz zusammengefasst und die Eingangsfragen soweit wie möglich beantwortet. Der Abschluss der Arbeit soll ein weit ausdifferenziertes, aber stimmiges Bild dessen bieten, was erzählt werden kann und was nicht, was sinnvoll ist und was relevant, wenn es um Narrationen vom Ende und darüber hinaus geht.

2. Die Handlung

Jedes einzelne der Ereignisse verkörperte den Alptraum der Schifffahrt und der Offshore-Industrie schlechthin. Was an jenem Nachmittag auf der Nordsee geschah, war jedoch mehr als ein verzeinzelter, wahr gewordener Alptraum.

Es war die Apokalypse.

Frank – Der Schwarm, S. 428.

Beim Anwenden der Grenzüberschreitungstheorie Lotmanns[6] mit ihren zugehörigen Funktionselementen (semantische Teilräume, eine Grenze zwischen ihnen und ein Handlungsträger, der selbige überschreiten kann) auf das oben genannte Szenario ergeben sich eine Reihe von Schwierigkeiten, die einerseits auf die Besetzung der Elemente, andererseits auf den Ereignisbegriff Lotmanns zurückzuführen sind. Um eine Welt nach dem Untergang der Menschheit erzählen zu können, muss erstens gewährleistet sein, dass in eben jener Welt des ‚Danach‘ein Handlungsträger existiert (was jeden Menschen per definitionem ausschließt, den Planeten selbst jedoch zum Beispiel beinhalten kann[7] ), andererseits, dass der Weltuntergang mit seinen Konsequenzen als ein Ereignis im Sinne der Theorie eingeordnet werden kann (was in irgendeiner Form eine Anthropomorphisierung des eigentlich nicht-menschlichen Handlungsträgers nach sich ziehen muss[8] ). Problematisch ist diese Anthropomorphisierung jedoch unter der Annahme, dass die Welt ohne Menschen überzeugend erzählt werden soll, da eben die Zuweisung menschlicher Attribute an einen nicht-menschlichen Handlungsträger, der diese Welt erst ‚erzählbar‘ im Sinne der Grenzüberschreitungstheorie macht, die Illusion sogleich wieder bricht.[9]

Das folgende Kapitel tritt einen Schritt hinter diese recht starre strukturalistische Analyse zurück und widmet sich zunächst den Merkmalen der Erzählung, dann unter der Annahme einer sehr lockeren Definition von ‚Ereignis‘ der möglichen Verknüpfungen selbiger.

2.1 Merkmale einer Erzählung vom Ende der Welt

Zunächst zu den Merkmalen einer Erzählung und zu der Frage, welche dieser Merkmale gegeben sein müssen, um eine Welt ohne Figuren erzählen, und zwar sinnvoll erzählen zu können. Erzählung oder Narration in diesem Sinne ist im Allgemeinsten die Repräsentation einer Reihe von zwei oder mehr Ereignissen[10], die in einer temporalen sowie einer weiteren Verbindung zueinander stehen.[11] Diese weitere Verbindung, deren Eigenschaft als minimales definitorisches Merkmal umstritten ist, äußert sich normalerweise in einer Art kausaler Struktur.[12] Dazu kommen eine Reihe nicht definitorischer, aber doch typischer Merkmale einer Erzählung: Neugierde, Identifikation, Spannung, Erwartungshaltungen.[13] Diese Merkmale ergeben eine Begriffsdefinition, nach der die Erzählung eine Struktur von Ereignissen ist, in der durch die Situierung der Ereignisse in einem Erklärungsmuster kausale wie teleologische Beiträge an die Erzählung dargelegt werden.[14]

Angewendet auf Thematik und Szenario sind die definitorischen Merkmale einer Erzählung zunächst unproblematisch: Selbst bei gröbster Ereignisdefinition lassen sich zwei oder mehr Ereignisse finden (z. B. Katastrophe[15] und Verschwinden der Menschheit), die in einer temporalen Relation zueinander stehen (das eine geschieht vor dem anderen) und genretypisch auch in einer kausalen (die Katastrophe verursacht das Verschwinden der Menschheit). Tatsächlich scheint die kausale Relation für die Thematik unabkömmlich zu sein: In ihrem physikalischen Sinn kann eine globale, alles vernichtenden Katastrophe kaum nicht als die (nicht notwendigerweise direkte) Ursache des Aussterbens des Menschen angesehen werden, und auch außerhalb dieser physikalischen Variante erlaubt unser Vorwissen über die Natur solcher Ereignisse keine andere Verknüpfung, ist sie im Text angelegt oder nicht. Nach dem Ende der Menschheit greifen eben diese definitorischen Merkmale immer noch: Hier lassen sich ebenfalls Ereignisse finden, und wenn es nur geologische sind, die in zeitlicher und auch kausaler Relation zueinander stehen. Nach dem Mindesten an Merkmalen kann dementsprechend auch die Welt ohne Menschen, also die Welt nach dem Ende, erzählt werden.

Die typischen Merkmale einer Erzählung zeigen in ihrer Anwendung auf das Endzeitszenario ein ausdifferenzierteres Bild. Die Neugier zum Beispiel, die ein wichtiger Aspekt in der Interaktion von Produzent und Rezipient der Erzählung ist[16], ist im Rahmen der Thematik zunächst nicht zu vermeiden: Wir interessieren uns dafür, wie und wann unsere Welt untergehen könnte, ob in einer fiktiven oder der realen Welt; man bedenke nur einerseits die Vielzahl an Weltuntergangsprophezeiungen, die aktuell in Bezug auf das Jahr 2012 und den Kalender der Maya im Umlauf sind[17], andererseits die ebenfalls aktuelle Klimawandeldiskussion, die bei entsprechender Auslegung ähnlich düstere Enden vorhersagt. Was passieren wird, wer die Schuld am Ende trägt, wie die Erde danach aussieht und vor allen Dingen, wer überleben wird, sind Fragen, die anscheinend von nicht unerheblichem Interesse sind. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die gleiche Neugier an einer Erzählung nach dem Ende bestehen bleibt: Welche Fragen kann der Leser an eine Welt ohne Figuren noch stellen, in der kein Mensch überlebt hat und es auch in absehbarer Zeit kein intelligentes Leben mehr geben wird? Wohl keine, die die Erzählung relevant machen[18] oder gar spannend. Spannung ist dementsprechend ebenfalls ein Merkmal, das nur bis zum vollständigen Untergang auf die Erzählung anzuwenden ist.

Der Aspekt der Identifikation stößt auf ein ähnliches Problem, ist aber auch im Ansatz bereits schwerer einzuordnen: Obwohl eine globale Katastrophe die Menschheit als Ganzes betrifft, scheint es schwer zu fallen, sich mit einer Vielzahl von Personen und ihrem Leben oder Sterben zu identifizieren. Es sind Einzelschicksale, die bewegen (vgl. Berichterstattung in den Medien) und Einzelschicksale, die nachvollzogen werden können – eine Darstellung des Endes der gesamten Menschheit wäre nicht nur erzählerisch schwer bis unmöglich zu bewerkstelligen[19], es überstiege wohl schlicht das menschliche Vorstellungsvermögen. Heruntergebrochen auf einzelne Personen jedoch (jüngst gerne Familien oder Personengruppen, die durch die Katastrophe zu einem familienähnlichen Verband zusammengeschweißt werden, vgl. die genannten Beispiele), kann mit Augen sehen gesehen werden, die einen ähnlich eingeschränkten Wahrnehmungshorizont haben, womit eine Identifikation möglich wird. In der Welt des ‚Danach‘ gibt es jedoch keine Identifikationsmöglichkeiten mehr, es sei denn, man nimmt einen Grad der Anthropomorphisierung an, der, wie erwähnt, das Überzeugungspotential des Textes vermindert (s. o.).

Im Gegensatz zu den bisher genannten typischen Merkmalen ist der Punkt der Erklärung, besonders der Erklärung im Rückblick (also gewissermaßen der Auflösung, die die Hintergründe des Geschehenen preisgibt), im Rahmen der Thematik auch nach dem Ende interessant. Eine Aufbereitung der Schritte, die zum Ende führen, befriedigt zunächst die Neugier nach der Schuldfrage; ein Erzählen danach erklärt, wie es ohne den Menschen weitergeht, gewissermaßen das Rückführen der Erde in ihren ursprünglichen Zustand, der unter einem eher deskriptiven Aspekt dargestellt werden kann.[20]

Zusammenfassend ist in Bezug auf die Merkmale einer Erzählung festzuhalten, dass die definitorischen Merkmale durchaus auf das Endzeitszenario anzuwenden sind. Ein Erzählen nach dem Weltuntergang ohne Überlebende ist also möglich. Andererseits zeigen die Probleme, welche die typischen Merkmale einer Erzählung aufzeigen, dass ein Erzählen einer solchen Welt aus konventionellen Erzählmustern ausbricht und viele der Forderungen, die ein Leser an eine Erzählung stellt, die also die Erzählung relevant und lesenswert im Auge des Lesers (damit erzählenswert aus Sicht des Autors) machen, nicht erfüllen kann. Erzählt werden kann diese Welt – ob es sinnvoll ist, sie zu erzählen, dazu später mehr.

2.2 Verknüpfungen der Katastrophen

Ein wichtiger Aspekt in der Struktur von Erzählungen ist der der Zielgerichtetheit, d. h. eine Erzählung muss zu einem Ziel hinführen, in einer linearen, konventionell erkennbaren Form, um als Erzählung wahrgenommen zu werden[21], und unterscheidet sich durch die Anwesenheit einer Verbindung zwischen den Einzelereignissen von einer einfachen Ansammlung von Geschehnissen.[22] Etabliert sind drei Arten von Verknüpfungen, namentlich die explanatorische bzw. kausale, die teleologische und die thematische, welche im Folgenden auf ihre Anwendbarkeit auf die Thematik geprüft werden.

Die explanatorische Verknüpfung[23] beantwortet durch die vorangegangenen Ereignisse eine zentrale Frage an den Text; Henning nennt hier als Beispiel u. a. die Einstellungen einer Figur. Dies ist im Rahmen der Thematik durchaus denkbar, denn ein einschneidendes Ereignis wie der Weltuntergang verändert eine Figur in einem erklärungsbedürftigen Maße. Schwierig wird diese Variation der Verknüpfung nach dem Ende; dann kann höchstens noch ihr nicht-existenter Zustand auf diese Weise erklärt werden. Anders verhält es sich mit einer explanatorischen Verknüpfung im kausalen Sinne: Die kausale Verknüpfung[24] erklärt spätere Ereignisse aus früheren heraus und bildet so (normalerweise lückenhafte) Kausalitätsketten. Aus der Menge der potentiell erzählbaren Ereignisse werden diejenigen selektiert, die als relevant für diese Kette wahrgenommen werden. Für die Weltuntergangsthematik ist diese Verknüpfung in zweierlei Ausprägungen interessant:

Zum einen in der für Erzählungen üblicheren subjektiven Kausalität, die wenig mit der Kausalität der Physik zu tun hat und auch psychologische, metaphysische (z. B. ‚Karma‘) sowie vielfache Ursachen für eine einzelne Auswirkung kennt. Auf eine gesamte Erzählung vom Weltuntergang angewendet spielen hier schon genannte Punkte eine Rolle, so die Schuldfrage – ‚weil der Mensch die Umwelt zerstört hat, schlägt jetzt die Erde zurück‘ – und die Frage nach dem Überleben – ‚weil ich ein moralisch integerer Mensch bin, habe ich jetzt eine Chance, die Katastrophe zu überleben‘, vgl. hier Kapitel 4.2.2. Auch der Weltuntergang ohne Überlebende lässt sich in eine solche subjektive Kausalitätskette einordnen: Da in jüngerer Zeit die Katastrophe oft als Resultat auf die Umweltzerstörung durch den Menschen dargestellt wird, scheint dies sogar ein beliebtes Muster zu sein. Der Mangel an Überlebenden jedoch stellt sich schwieriger dar, da dieser nach der zuvor angewandten Kausalität bedeutet, dass kein Mensch es wert war zu überleben – ein Gedanke, der zwar im Rahmen der Verknüpfung plausibel, jedoch aus anderen Gründen der Sinnstiftung (vgl. dort) für eine solche Erzählung kaum anzunehmen ist.

Eine andere, viel grundsätzlichere Art von Kausalität, nämlich die physikalische, muss in Anbetracht der Thematik bis zu einem gewissen Grad ebenfalls berücksichtigt werden – zumindest in Bezug auf Teile der Erzählung – obwohl diese normalerweise explizit von der subjektiven Kausalität abzugrenzen ist. Die Katastrophe selbst und ihre Folgen bewegen sich, meist wenigstens in Ansätzen, in diesem Rahmen (jedenfalls in besser recherchierten Erzählungen, was im Übrigen nicht heißen soll, dass die dargestellten Ereignisse realistisch sein müssen): Ursache und Auswirkung sind, was die unbelebte Natur der Erzählung angeht, konkret physikalisch und damit innerhalb dieser Kausalität angeordnet.[25]

Die teleologische Verknüpfung begründet Ereignisse in ihrer Bedeutung für spätere Ereignisse bzw. das Ziel, griech. telos, der Erzählung.[26] Diese Verknüpfung ist in den meisten fiktionalen Erzählungen zu finden, da diese mit einem Ziel geschrieben werden, auf das sie hinauslaufen – ein bestimmtes Ende wird ganz bewusst angestrebt. Anders ausgedrückt heißt „Handeln […] sich Ziele setzen und sie zu verwirklichen versuchen“[27], ohne telos und entsprechender Verknüpfung in einer Erzählung gibt es also keine Handlung in diesem Sinne.

Die Ereignisse auf dem Weg zum Ziel beeinflussen in unterschiedlichem Maße die Wahrscheinlichkeit, dass dieses eintritt oder nicht eintritt, und auch hier ist die subjektive Wahrscheinlichkeit eines Eintretens von größerer Bedeutung als ihre tatsächliche Wahrscheinlichkeit.[28] Dies ist bei der angenommenen Thematik der Fall, umso mehr im hypothetischen Szenario: Hier sind die einzelnen Ereignisse, wie fein oder grob man sie auch auffasst, dadurch verbunden, dass sie alle zur vernichtenden Katastrophe und zum Ende der Menschheit hinführen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Protagonist einer solchen Erzählung überlebt, wird durch die Einzelereignisse drastisch reduziert, und im Falle des Szenarios läuft die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit überhaupt überlebt, gegen Null. Je nach Art der Katastrophe fallen hier subjektive und tatsächliche Wahrscheinlichkeit ähnlich der Kausalität u. U. zusammen.

Einen interessanten Effekt in Bezug auf kausale wie teleologische Verknüpfungen bewirken Ereignisse, die vom Rezipienten als genuin physikalische Folge eines vorangehenden Ereignisses wahrgenommen werden, obgleich sie es gar nicht sind. Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist die Riesenwelle, die in The Day After Tomorrow über New York City hereinbricht. Diese tsunami-ähnliche Welle ist im Rahmen der Klimawandelthematik, wie sie im Film dargestellt wird, in keiner Weise kausal durch die vorhergehenden Ereignisse verursacht, i. e. sie ist nach wissenschaftlichem Ermessen schlichtweg falsch[29] und wird auch im Film nicht direkt als Folge der Klimakatastrophe dargestellt – die kausale Verknüpfung wird nur angenommen, wohl weil Überflutung das vielleicht typischste Motiv der Naturkatastrophe zu sein scheint. Die Flutwelle ist ein Bild, das den Zuschauern im Gedächtnis bleibt (dementsprechend auch im Trailer auftaucht), und wird bei einer Befragung der Zuschauer zu einzelnen Folgen des Klimawandels sowohl vor als auch nach Ansehen des Films als eine gefährliche Folge klimatischer Veränderung gehandelt.[30] Als weniger gefährlich eingestuft werden (vor Sehen des Films) plötzliche Kälteeinbrüche – ein Wert, der nach dem Kinobesuch drastisch ansteigt[31] und die Flutwelle im Prozentsatz knapp überholt. Interessanterweise sind diese Kälteeinbrüche, bzw. ihre Ursache in der Erzählung, nämlich das Abreißen des Golfstroms, ein Punkt des Films, der zwar übertrieben dargestellt und wissenschaftlich angezweifelt wird, aber im Gegensatz zu den Flutwellen nicht vollkommen ausgeschlossen werden kann.[32]

Die subjektive Kausalität und die subjektive Einschätzung einer Wahrscheinlichkeit in der Erzählung wird also stark davon beeinflusst, was der Rezipient für einen tatsächlichen, physikalischen Kausalzusammenhang und eine realistische Wahrscheinlichkeit hält und auch andersherum: So denn die Erzählung die Ereignisse und Zusammenhänge als realistisch in Bezug auf das Vorwissen und die Überzeugungen des Rezipienten darstellen kann,[33] beeinflussen diese, was der Zuschauer in diesem Fall für realistische Zusammenhänge hält. The Day After Tomorrow scheint dieses Wechselspiel jedenfalls gelungen zu sein, denn 79% der befragten Zuschauer gaben an, dass der Film zwar übertreibe, aber eine wissenschaftlich verlässliche Grundlage habe, knapp über 11 % sogar, dass der Film die tatsächlichen Ergebnisse aktueller Klimaforschung wiedergebe.[34]

Die kausale (oder anderweitige) Verknüpfung ist im Übrigen eine, die meist als Mittel zum Zweck eine zugrunde liegende teleologische Verknüpfung gelegt wird, da eine reine und vor allen Dingen offensichtliche teleologische Verknüpfung nicht notwendig ist[35] und zudem den unangenehmen Beiklang von Prädestination hat: Diese Verknüpfung bedeutet, dass es anders gar nicht hätte kommen können, dass die Menschheit von Anfang an dem Untergang geweiht war.[36]

Die thematische[37] oder konstitutive[38] Verknüpfung schließlich äußert sich in einer thematischen Einheitlichkeit der erzählten Ereignisse, was dazu führt, dass je nach Oberbegriff in jeder Erzählung eine thematische Verknüpfung zu finden ist; konstitutiv machen Einzelereignisse hier das Stattfinden eines Gesamtereignisses aus. Konkret ist dies auch auf das Thema gut anwendbar: Viele einzelne Katastrophen ergeben einen übergeordneten Weltuntergang, und die Ereignisse werden erst im Schatten eines allgemeinen Kontextes sinnhaft.[39] Daneben sind auch abstraktere Überordnungen denkbar, moralische oder religiöse zum Beispiel. Beide sind in der Thematik meist vertreten: Das Unterordnen einzelner Ereignisse unter die Apokalypse im religiösen Sinne ist vielleicht die älteste thematische Verknüpfung, die das Thema zu bieten hat, und entsprechende Motive wurden daraus bis heute abstrahiert. Moralische Zusammenhänge zwischen Handeln der Menschen, Weltuntergang und der Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Überlebens sind eher jüngeren Datums. Da die beiden letzteren Verknüpfungen jedoch eng mit dem Menschen als zentralem Punkt verbunden sind, ließen sich diese in einer Welt ohne Menschen nicht mehr als Verknüpfungstyp anwenden, jedenfalls nicht ohne eine übergeordnete Instanz, die die Ereignisse weiterhin im entsprechenden Kontext interpretiert und verbindet. Dies wäre hier nur durch einen Erzähler einer Rahmenerzählung o. ä. möglich.[40] Generell jedoch ist dieser Verknüpfungstyp besonders passend, da er ein Gesamtereignis abbildet, das in der Erzählung, ob Literatur oder Film, mit typischen Motiven als Einzelereignissen bereits eingeführt und institutionalisiert ist. Die Institutionalität gewisser Ereignistypen und unser Wissen über die Regeln, nach denen diese Typen ablaufen, sind ebenfalls ein Merkmal von Erzählungen an sich.[41]

[...]


[1] Frank Schätzing: Der Schwarm. Köln 2004.

[2] Vgl. Offb. 6,12ff. in: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, mit Apokryphen. Revidiert 1984, Stuttgart 1996.

[3] Vgl. z. B. Klaus Vondung: Apokalyptik. VIII. Kunstgeschichtlich. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Bd. 1 A-B, hg. v. Hans Dieter Betz, Tübingen 41998, Sp. 598.

[4] Die hier dargestellten Beobachtungen beruhen auf persönlichen Erfahrungswerten ohne großen empirischen Hintergrund; neben den zwei genannten Vertretern gehören u. a. auch weitere Roland-Emmerich-Filme, eine Reihe von Katastrophenfilmen verschiedener Güte in Kino und Fernsehen, einige Dokumentationsreihen sowie der Roman Der Zorn von Denis Marquet und die Kinderbücher Die dreizehnte Prophezeiung bzw. Die letzte Chance von Valentine Ermatinger zu diesem eingeschränkten Corpus, aus dem die für diese Arbeit relevanten Informationen mit Blick auf das Erkenntnisinteresse ausgewählt werden.

[5] Nathalie Exo: Der Letzte macht das Licht aus. Ein Gedankenexperiment zur Narration nach dem Weltuntergang. Hausarbeit im Masterseminar ‚Naturkatastrophe und Umweltwandel in der Literatur‘ bei PD Dr. Gabriele Dürbeck; unveröffentlichtes Hausarbeitsmanuskript, Göttingen 2011.

[6] Vgl. Jurij M. Lotmann: Die Struktur literarischer Texte. Übersetzt von Rolf-Dietrich Keil, München 31989, S. 301-346.

[7] Diese anthropomorphe Darstellung der Erde ist jüngst ein beliebtes Motiv geworden, wenn von der ‚Rache der Erde‘ gegen die Menschheit gesprochen wird bzw. von einer Schuld der Menschen an der Katastrophe, z. B. bei The Day After Tomorrow oder Denis Marquets Der Zorn. Eine andere mögliche Lösung, die hier ausgeklammert sein soll, ist das Voraussetzen einer zweiten, nicht-menschlichen, aber intelligenten Spezies (vgl. Der Schwarm).

[8] Dies unterliegt der Annahme, dass für die Erde ohne diese Anthropomorphisierung das Verschwinden der Menschen kein Ereignis im Sinne der Theorie darstellen würde, d. h. kein Ereignis, das einen signifikanten Unterschied im semantischen Raum der Erzählung macht.

[9] Für eine ausführliche Erläuterung des schwer zu fassenden Problems vgl. im Anhang Abschnitt A: Das Problem der Anthropomorphisierung.

[10] ‚Ereignis‘ wird hier locker in einem alltäglichen Verständnis definiert und nicht nach der lotmannschen Auffassung.

[11] George M. Wilson: Narrative. In: The Oxford Handbook of Aesthetics. Hg. v. Jerrold Levinson, Oxford 2003, S. 392.

[12] Ebd., S. 393.

[13] Ebd., S. 394.

[14] Ebd.

[15] Wenn im Laufe der Arbeit von ‚Katastrophe‘ die Rede ist, ist damit, soweit nicht explizit anders erwähnt, stets die Naturkatastrophe als das aktuell relevanteste Beispiel aus der Vielzahl der möglichen Katastrophen gemeint; ‚Naturkatastrophe‘ schließt hier die von Menschen verursachte Umweltkatastrophe mit ein.

[16] Ein Wort zur Terminologie: Der Erzählvorgang wird in der vorliegenden Arbeit als ein Kommunikationsvorgang zwischen Autor und Leser sowie, wenn vorhanden, dem Erzähler und intendiertem Rezipienten aufgefasst (soweit nicht anders angemerkt). Vgl. hierzu auch Abschnitt B im Anhang.

[17] Ganz aktuell z. B. bei Welt-Online: Der Tag, an dem die Erde ausgelöscht wird von Christiane Raatz vom 26.09.2011, vgl. http://www.welt.de/wissenschaft/article13625925/Der-Tag-an-dem-die-Erde-ausgeloescht-wird.html (letzte Einsicht ebendann).

[18] Vgl. Kapitel 4.1.

[19] Dargestellte Ereignisse müssen notwendigerweise selektiv in Bezug auf die Menge der potentiellen Ereignisse sein, vgl. Wilson 2003, S. 404.

[20] Vgl. zum einen Möglichkeiten der Erzählerdarstellung in Kapitel 3, zum anderen die Dokumentationsreihe Zukunft ohne Menschen bzw. im Original Life After People (Flight 33 Productions, USA 2009) die ebenso vorgeht.

[21] John Christman: Narrative Unity as a Condition of Personhood. In: Metaphilosophy 35; Malden, Mass. 2004, S. 698f.

[22] Ebd., S. 701 & Tim Henning: Person sein und Geschichten erzählen. Eine Studie über personale Autonomie und narrative Gründe. Berlin/New York 2009, S. 183.

[23] Henning 2009, S. 184.

[24] Christman 2004, S. 702ff.

[25] Solange es nicht die Protagonisten sind, die in die Auswirkung der einen oder der anderen Katastrophe geraten: In diesem Fall sind die Gesetze der Wahrscheinlichkeit und auch manch anderes Naturgesetz oft außer Kraft gesetzt bzw. nicht erzählt.

[26] Christman 2004, S. 703.

[27] Holmer Steinfath: Orientierung am Guten. Praktisches Überlegen und die Konstitution von Personen. Frankfurt am Main 2001, S. 302.

[28] Henning 2009, S. 185f.

[29] Fritz Reusswig & Julia Schwarzkopf & Philipp Pohlenz: Double Impact. The climate blockbuster ‘The Day After Tomorrow‘ and its impact on the German cinema public. Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK), Report No. 92, Potsdam 2004, S. 12.

[30] Ebd., S. 27.

[31] Ebd.

[32] Ebd., S. 12.

[33] Mehr zu fiktionalen Wahrheiten in Kapitel 3.1.

[34] Reusswig et al. 2004, S. 25.

[35] Henning 2009, S. 186.

[36] Vgl. auch hier Kapitel 4.2.2.

[37] Christman 2004, S. 705.

[38] Henning 2009, S. 187f.

[39] Ebd.; Roland Emmerichs 2012 ist ein anschauliches Beispiel für diesen Typ der Verknüpfung, wenn die verschiedensten Katastrophen in den Kontext einer übergeordneten globalen Veränderung einerseits und, auf einer eher metaphysischen Ebene, der Voraussage der Maya andererseits gestellt werden. Durch diesen übergeordneten Zusammenhang werden auch einzelne Ereignisse, die vielleicht nicht so fest als Motiv einer Katastrophe verankert sind wie Vulkanausbrüche und Riesenwellen, als konstitutiv für den Weltuntergang dargestellt, so z. B. ein Aufheizen der Erdkruste.

[40] Vgl. Kapitel 3.

[41] Henning 2009, S. 188.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
"Es war die Apokalypse." Fortgesetzte Überlegungen zur Narration nach dem Weltuntergang
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Erzählen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V335878
ISBN (eBook)
9783668255975
ISBN (Buch)
9783668255982
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fortsetzung zu "Der Letzte macht das Licht aus. Ein Gedankenexperiment zur Narration nach dem Weltuntergang" (v335876) und fortgesetzt in "Hin und wieder zurück. Überlegungen zur Raumdeixis des erzählten Weltuntergangs" (v335879).
Schlagworte
Naturkatastrophe, Weltuntergang, Apokalypse, Erzählen, Erzähler, Erzählinstanz, Gedankenexperiment, Narratologie
Arbeit zitieren
Nathalie Exo (Autor), 2011, "Es war die Apokalypse." Fortgesetzte Überlegungen zur Narration nach dem Weltuntergang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335878

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Es war die Apokalypse." Fortgesetzte Überlegungen zur Narration nach dem Weltuntergang


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden