Zur Eifersucht in Marcel Prousts Roman "Eine Liebe Swanns"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Szenen der Eifersucht im Roman „Eine Liebe Swanns“
2.1 Odette - zur Rolle des Objektes der Begierde
2.2 Die Eifersucht Swanns als Ausdruck subjektiver Phänomene

3. Zusammenfassung
3.1 Weiterführende Gedanken

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Der Roman „Eine Liebe Swanns“ gliedert sich ein in das Werk des französischen Autors Marcel Proust „In Swanns Welt“. Das dreiteilige Werk wurde im Jahre 1913 als erster Band des insgesamt Sieben Bände umfassenden Gesamtwerkes „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ veröffentlicht. „Eine Liebe Swanns“ folgt dem ersten Teil „Combray“, in der die Person Charles Swann als Freund der Familie des Erzählers als Nebenfigur eingeführt wird, wo wir ihn als Kunstliebhaber und Ästhet kennen lernen. Der zweite und zugleich mittlere Teil des Bandes „In Swanns Welt“ erhebt ihn zum Hauptdarsteller und Leidtragenden der Erzählung, einer detaillierten Schilderung der Liebe Swanns zu Odette. Die vorliegende Arbeit soll eine exemplarische Analyse des französischen Liebesromans des 20. Jahrhunderts liefern und unter der folgenden Fragestellung erarbeitet werden:

Welche Funktion erfüllt die Eifersucht Swanns bezüglich seiner Liebe zu Odette und im Hinblick auf den Verlauf der Erzählung? Ist die Eifersucht als notwendiges Element der Liebe im Werke Prousts anzusehen?

Es werden verschiedene Textstellen des Romans herangezogen, um aufzudecken, in welchem Moment die Eifersucht Charles Swanns zum ersten mal auftritt und durch welche Ereignisse eine Steigerung bzw. Linderung der eifersüchtigen Gefühle erfolgt. Welche Rolle dabei das Objekt der Begierde bzw. Swann selbst ausüben, soll einzeln in den Unterpunkten 2.1 und 2.2 betrachtet werden. Als Abschluss werden die Ergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung zusammenfassend interpretiert.

Um eine zielgerichtete Analyse des Themas zu gewährleisten, soll zunächst eine Definition des Begriffes Eifersucht erfolgen. Der DUDEN beschreibt Eifersucht demnach als „starke, übersteigerte Furcht, jmds. Liebe oder einen Vorteil mit einem anderen teilen zu müssen oder an einen anderen zu verlieren [bzw. als] leidenschaftliches Streben, jmdn./ etw. nur für sich allein zu haben“. PLUM (1997: 28) führt eine noch präzisere Beschreibung des Begriffes aus der Emotionspsychologie an:

„[Man versteht] Eifersucht als einen Komplex von Gedanken und Handlungen, die auf eine Bedrohung des Selbstwertes und/oder der Existenz oder Qualität der Beziehung folgen, wenn die Bedrohung durch die Wahrnehmung einer realen oder potentiellen Interaktion zwischen den Partnern und einem (vllt. eingebildeten) Rivalen verursacht wird“ (nach WHITES).

Erstere betont eine übermäßige Verstärkung der Emotionen, welches hier als leidenschaftlich definiert wird. Verknüpft man beide Definitionen miteinander, richtet sich der Fokus auf eine Gefährdung des Alleinbesitzes eines geliebten Wesens und des Selbstwertes der liebenden Person. Bereits an dieser Stelle drängt sich die Frage auf, inwiefern das eine mit dem anderen korreliert. Welchen Stellenwert hat Odette, als Objekt der Begierde, in der eifersüchtigen Liebe Swanns? Und welche Funktion übt die Eifersucht im Hinblick auf Swanns Persönlichkeit aus?

2. Szenen der Eifersucht im Roman „Eine Liebe Swanns“

Zunächst wollen wir betrachten, aufgrund welcher Umstände die Eifersucht zu Swanns Liebe zu Odette hinzutritt. Hierfür ist es hilfreich, sich die Bedingungen der Entstehung dieser Liebe vor Augen zu halten.

Odette de Crecy integriert Swann in den Kreis der Verdurins, die einer niedrigeren sozialen Schicht angehören, als der der Swann entstammt. Durch diesen Umstand begegnet Swann der kleinen Phrase aus der Vinteuil- Sonate wieder, in die er sich einst verliebt hatte. Prompt wird diese Melodie zur „Nationalhymne ihrer Liebe“ (PROUST 1981: 290) und fungiert als ein erster Katalysator für die Liebe Swanns zu Odette. Durch die ihm innewohnende Künstlernatur, erkennt er in ihr die Gestalt Sephoras, der Tochter Jethros, die auf einer der Boticelli-Fresken in der Sixtinischen Kapelle abgebildet ist. Zum ersten Mal entsteht in Swann ein Besitzverlangen, da sich die Kostbarkeit Odettes durch den Vergleich mit jenem Kunstwerk für den Ästheten steigert: „Aus der unbestimmten Sympathie, die uns vor ein Meisterwerk führt, das wir betrachten können, wurde nun, [...], ein Besitzverlangen, wie es Odette in ihrer nur körperlicher Erscheinung ihm zunächst nicht hatte einflößen können“ (PROUST 1981: 299). Zuvor vermochte es Swann nicht Odettes Gestalt etwas abzugewinnen, er empfand ihr gegenüber sogar eine Art Abneigung: „Sicherlich war Odette nicht ohne Reiz erschienen, […], das ihn nicht eigentlich ansprach, [...], sondern sogar eine gewisse physische Ablehnung bei ihm bewirkte, [...]“ (PROUST 1981: 261). Swann verkehrt nun allabendlich im Clan der Verdurins, und ist sich bald der erwartungsgemäßen Anwesenheit Odettes sicher, die zudem Interesse an seiner Person bekundet.

Doch Swanns Liebe kristallisiert sich erst heraus, als Odette wider Erwarten eines Abends nicht bei den Verdurins anwesend ist. Swann, der sich zuvor noch mit einer „kleinen Arbeiterin“ (PROUST 1981: 290) amüsierte und dadurch verspätet in der Gesellschaft eintrifft, muss bitter feststellen, dass Odette die Abendrunde bereits verlassen hat: „Swann verspürte im Innern einen ausgesprochenen Schmerz; er zitterte, sich um ein Vergnügen gebracht zu haben, dessen Umfang er zum ersten Mal richtig ermaß, da er bislang immer die Gewissheit gehabt hatte, sie, wann er wollte, sehen zu können - [...]“ (PROUST 1981: 301). Zum ersten Mal verspürt er eine Verlustangst, auf die Freuden, die ihm Odette bot, verzichten zu müssen, wodurch sih sein Besitzverlangen zu manifestieren beginnt. Diese Textstelle dient als Schlüsselszene in der Kristallisation der Liebe Swanns zu Odette. Der Autor (PROUST 1981: 306-7) legt dies folgendermaßen dar:

„Von allen Arten der Erzeugung von Liebe, [...], ist sicher eine der zuverlässigsten der Sturm einer großen Erregung, der uns manchmal erfasst. Dann fällt das Los unweigerlich auf die Person, mit der wir im Augenblick gerade gern zusammen sind, und auf einmal lieben wir sie. […]. Es musste nur dazu kommen, daß unsere Neigung für sie plötzlich ausschließlich wurde. Diese Bedingung aber ist erfüllt, wenn - in dem Augenblick, da diese Person uns im Stich gelassen hat - in uns an Stelle des Trachtens nach Vergnügungen, der ihr Umgang uns bot, ein ängstliches Bedürfnis entsteht, [...], - der unsinnige und schmerzliche Wunsch, sie zu besitzen“.

Tragen wir das Geschehen bis zu diesem Punkt zusammen, wird erkennbar, dass Swanns Zuneigung für Odette zunächst nur auf deren Ähnlichkeit mit dem Boticelli-Fresko und der Verknüpfung mit der kleinen Phrase beruht. Swann leistet hiermit eine Projektion seiner in der Fantasie bestehenden Vorstellungen auf Odettes Person. Durch die einmalige unerwartete Abwesenheit Odettes, entsteht in Swann der Eindruck, dass seine Beziehung zu Odette gefährdet sei. So entsteht die Kristallisation der Liebe Swanns zu Odette zunächst im Bereich der Fantasie; bleibt die Geliebte fern, bewirkt dies eine erneute Kristallisation (vgl. STENDHAL 1975: 53), da sie der Fantasie des Liebenden doch den nötigen Spielraum verschafft, das Objekt der Begierde in ihrer Anbetungswürdigkeit zu erheben.

Die vorab genannten Gefühlswandlungen Swanns, sein Besitzverlangen und die Verlustangst bezüglich Odette, deuten zugleich auf die parallele Entstehung der Eifersucht hin, da sie der oben angegebenen Definition des Duden entspricht.

Will sich Swann seine eifersüchtigen Gefühle zunächst nicht eingestehen, festigt sich seine Eifersucht doch in dem Moment, wo Odette den Monsieur Forcheville in den Kreis der Verdurins bringt, welchen Swann sofort als Rivalen wahrnimmt: „Da er sich seit einiger Zeit schon traurig und leidend fühlte, besonders seit jenem Tage, da Odette den Verdurins besagten Forcheville vorgestellt hatte, hätte Swann sich gern ein Paar Tage auf dem Lande ausgeruht“ (Proust 1981: 357).

Wie wir gesehen haben, entsteht Swanns Eifersucht im gleichen Zuge, wie sich seine Liebe zu Odette herauskristallisiert. Durch das Auftreten eines Rivalen, der, wie es in der Begriffsdefinition zur Eifersucht nach Whites deutlich wird, nur eingebildet sein mag, erhärten sich die eifersüchtigen Gefühle durch die wahrgenommene Bedrohung der Beziehung zu Odette und des Selbstwertes.

Weiterführend soll analysiert werden, durch welche Umstände sich Swanns Eifersucht steigert und auch wieder verringert und wodurch sie letztlich ganz verschwindet. Ein entscheidender Faktor zum Entfachen seiner Eifersucht ist seine Vermutung, dass Odette ihn mit anderen Männern betrügt, die wiederum durch das Bedürfnis nach Alleinbesitz hervorgerufen wird:

„[...]; aber seitdem er bemerkt hatte, wie vielen Männern Odette als eine entzückende und begehrenswerte Frau erschien, hatte der Zauber, den für jene ihr Körper besaß, in ihm ein quälendes Bedürfnis geweckt, sie bis in die letzten Winkel ihres Herzens hinein sich völlig zu unterwerfen“ (PROUST 1981: 359).

Swann fühlt sich dadurch bedroht, dass Odette nicht nur für ihn allein begehrenswert erscheint; fand seine Liebe zu Odette doch erst eine Rechtfertigung „in einer ihm vertrauten ästhetischen Kultur“ (PROUST 1981: 298), was seiner Eitelkeit schmeichelte. Sämtliche Zärtlichkeiten und Zuwendungen, die ihm Odette schenkt, werden nun unter dem Aspekt betrachtet, dass derselben womöglich einem anderen zuteil würden:

„Zugleich aber nahm als Schattenbild seiner Liebe auch seine Eifersucht in ihren Bestand jenes Lächelns auf, das sie ihm am gleichen Abend geschenkt hatte - […] und nun einem andern zuzuwenden schien. Alle Erinnerungen [...] waren jetzt ebenso viele „skizzenhafte“ Entwürfe gleich denen, […], die sie für andere einnahm“ (PROUST 1981: 365).

Auf der Suche nach der Wahrheit, verstrickt sich Swann immer tiefer in seine Eifersucht, da ihn seine Theorien und die Lügen Odettes zusehends verwirren und zugleich Nahrung für seine Fantasien liefern: „Seine Eifersucht weidete sich daran, ganz als habe sie ein Eigenleben, das sich begierig auf alles stürzte, wovon sie sich nähren könnte, und wäre es auf Kosten seiner Lebenskraft“ (PROUST 1981: 374).

Als Beispiel dient hier die Fensterszene im Roman „eine Liebe Swanns“, in der dieser den Verdacht hegt, Odette habe ihn weggeschickt, da sie womöglich ein Rendezvous mit einem anderen Verehrer geplant hat. Odette, die Kopfschmerzen als Grund vorgab, bat ihn, wenn ergehe, dass Licht zu löschen. Bereits zu Hause angekommen, entscheidet sich Swann nochmals zu Odette zu fahren, um zu sehen, ob das Licht in ihrem Fenster wieder leuchtet, was er als weiteres Indiz deuten würde, dass Odette einen Liebhaber hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Zur Eifersucht in Marcel Prousts Roman "Eine Liebe Swanns"
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte)
Veranstaltung
Seminar: Lieben und Ver-Lieben. Problematische Verbindungen in mittelalterlicher und moderner Literatur
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V337304
ISBN (eBook)
9783656987710
ISBN (Buch)
9783656987727
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine Liebe Swanns, Marcel Proust, Eifersucht
Arbeit zitieren
B.A. Henriette Frädrich (Autor), 2012, Zur Eifersucht in Marcel Prousts Roman "Eine Liebe Swanns", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337304

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