In der folgenden Arbeit wird die Funktion von Filmmusik, genauer des auditiven Filmraumes, am Beispiel „Der Herr der Ringe“ untersucht. „Während wir den Film sehen, saugen wir die Bilder wohl in uns auf, neigen aber als Zuschauer und Kritiker dazu, ihre Gestalt kaum wahrzunehmen, und erinnern uns auch später nicht sonderlich stark an sie. Es scheint vielmehr so, als würden wir durch die Bilder hindurch die Geschichte sehen“ (Bordwell 1997, 17). Vermutlich ist es gerade diese Auffassung, die Bordwell davon abgehalten hat, in seinem Buch „Narration in the Fiction Film“ (1985) auf die Funktion von Filmmusik einzugehen. Zwar schreibt er über den Sonic Space, der für ihn aber nur aus Geräuschen und Sprache konstituiert wird.
Auch im „Lexikon der Raumphilosophie“ werden unter den Einträgen Klang- und Hörraum nur die Attribute des Raums vermittelt, die den Klang eines Musikstücks verändern können oder wie der Raum die Musik transportieren kann. Der auditive Raum ist durch das Ohr vermittelter Raumeindruck. Von Fischer meint aber ähnlich wie Bordwell den Raumeindruck, der entsteht, wenn der Mensch auf Grund von Sprache oder Geräuschen die Quelle selbiger ausmachen kann und dadurch einen Eindruck des Raumes bekommt.
Doch ließe sich der auditive Raum auch in der Weise definieren, in der er dazu in der Lage ist, einen Raum zu charakterisieren, symbolisieren und darzustellen. Die Musik ist, insbesondere im Film, eine eigenständige Mitteilungsebene, die stark mit den Handlungssträngen, Figuren und Objekten verbunden ist und durch ebendiese Verbindung auch den Filmraum auditiv darstellen kann. Ein Beispiel hierfür stellt die Trilogie „Der Herr der Ringe“ zur Verfügung. Mit über zehn Stunden musikalischem Material, von dem vieles als Leitmotiv konzipiert wurde, stellt „Der Herr der Ringe“ ein gutes Ausgangmaterial bereit, um den Filmraum näher zu untersuchen und zu prüfen, inwiefern diese durch die Filmmusik geprägt werden.
Dazu muss zunächst der Begriff des Raums näher erläutert werden, da dieser mit vielen Bedeutungsebenen belegt ist und die Nutzung des Begriffs nicht mehr eindeutig ist. Zudem ist eine Theorie zur Filmraumkonstruktion nötig, die von David Bordwell in „Narration in the Fiction Film“ stark an die Wahrnehmungspsychologie angelehnt ist, was für diese Arbeit sinnvoll ist, um die perzeptiven und kognitiven Vorgänge des Rezipienten während des Filmsehens besser beschreiben zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Raum: Lokalität - Metaphorik - Abstraktion
3. Theoretische FilmraumKonstruktion
4. Filmraum in der Trilogie „Der Herr der Ringe“
Vorstellung der musikalischen Themen
Auditive und visuelle Raumdarstellung
5. Fazit: Der auditive Film- (Lebens-) Raum
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die auditive Konstruktion von Filmraum am Beispiel der Filmmusik in der „Der Herr der Ringe“-Trilogie. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwieweit Filmmusik als eigenständige Mitteilungsebene dazu in der Lage ist, Räume zu charakterisieren, zu symbolisieren und für den Rezipienten auditiv erfahrbar zu machen, ergänzend zur meist visuell dominierten Raumwahrnehmung.
- Grundlagen der Raumtheorie und Filmraumkonstruktion
- Die Rolle der Filmmusik als raumbildendes Element
- Leitmotivik als Instrument zur Charakterisierung von Völkern und Orten
- Analyse der „The Shire“- und „Lothlórien“-Themen
- Interaktion von Syuzhet und Style bei der Konstruktion imaginärer Filmwelten
Auszug aus dem Buch
3. THEORETISCHE FILMRAUMKONSTRUKTION
„Der filmische Raum schafft die Illusion eines in sich geschlossenen, eigenständigen, homogenen, dreidimensionalen Universums. Die Montage und die mittlerweile nahezu beliebige Manipulierbarkeit des filmischen Bildes ermöglichen es, jede auf einer zweidimensionalen Fläche mögliche Raumvorstellung zu realisieren. [...] Die einzelnen Einstellungen repräsentieren Fragmente des Raum-Zeit-Kontinuums des dargestellten Universums“ (Khouloki 2009, 15)
Diese Definition von Filmraum bietet Khouloki in seinem Buch „Der filmische Raum“ (2009) an. Unter Berücksichtigung der im vorherigen Kapitel 2 vorgestellten Argumentation ist diese Definition des Filmraumbegriffs durchaus passend und stimmt mit den vollzogenen Überlegungen überein. Durch die Figurenpositionen und deren Bewegung wird das dreidimensionale Universum des Films zum Leben erweckt und durch die Montage (Beleuchtung, Kamerabewegung, Schärfentiefe, etc.) verstärkt. Ein nicht beachteter Punkt ist, dass die Zuschauer für die Konstruktion dieses Filmraums mit verantwortlich sind, wie in der folgenden Diskussion Bordwells festgestellt wird.
In „Narration in the Fiction Film“ ist Bordwells Anliegen das Erzählen einer Geschichte möglichst genau zu theoretisieren. Wie bereits im vorherigen Kapitel festgestellt, ist der Filmraum der Narration unterstellt und soll der Handlung die nötige Bewegungsfreiheit geben. Daher widmet er sich in seinem Buch auch dem Filmraum. Nicht zu vergessen ist, dass er seine Filmtheorie stark an die Wahrnehmungspsychologie anknüpft, da er davon aus geht, dass eine allgemeine Theorie zur Perzeption („perception“) und Kognition („cognition“) notwendig sei, um die Zuschaueraktivität zu beschreiben (vgl. Bordwell, 1985, 30).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Filmraumwahrnehmung ein und begründet die Notwendigkeit, Filmmusik als zentralen Faktor bei der Konstruktion imaginärer Filmwelten zu untersuchen.
2. Raum: Lokalität - Metaphorik - Abstraktion: Dieses Kapitel erläutert die Vielschichtigkeit des Raumbegriffs, von der physikalischen Entität bis hin zur metaphorischen und kognitiv produzierten Abstraktion.
3. Theoretische FilmraumKonstruktion: Hier werden Bordwells Ansätze zur narrativen Filmraumkonstruktion und die Rolle von Schemata bei der Wahrnehmung durch den Rezipienten dargelegt.
4. Filmraum in der Trilogie „Der Herr der Ringe“: Das Hauptkapitel analysiert das „Shire-Thema“ und das „Lothlórien-Thema“ auf ihre musikalischen Charakteristika und ihre Fähigkeit, Orte und Lebensräume im Film auditiv zu konstituieren.
5. Fazit: Der auditive Film- (Lebens-) Raum: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Filmmusik als „Objekt der Imagination“ maßgeblich zur Etablierung eines kohärenten, auditiv erfahrbaren Filmraums beiträgt.
Schlüsselwörter
Filmraum, Filmmusik, Leitmotiv, Raumkonstruktion, Schemata, Narration, Syuzhet, Fabula, Der Herr der Ringe, Perzeption, Kognition, auditiver Raum, Sound Design, imaginärer Raum, Filmtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Konstruktion von Filmraum und stellt die Frage, ob dieser ausschließlich visuell wahrgenommen wird oder inwieweit die auditive Ebene – insbesondere die Filmmusik – eine essenzielle Rolle bei der Raumgestaltung spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verbindet raumphilosophische und wahrnehmungstheoretische Ansätze mit musikwissenschaftlichen Analysen, speziell mit dem Konzept des Leitmotivs und seiner Wirkung im Kontext des filmischen Erzählens.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Filmmusik durch die Verknüpfung mit Motiven und Themen aktiv dazu in der Lage ist, den Filmraum zu charakterisieren, zu erweitern und dem Zuschauer als Orientierungshilfe in der imaginären Welt zu dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medienwissenschaftliche Filmanalyse, die sowohl theoretische Konzepte (u.a. von David Bordwell) heranzieht als auch detaillierte Einstellungsprotokolle ausgewählter Szenen aus der „Der Herr der Ringe“-Trilogie auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen der Raumkonstruktion im Film geklärt, bevor eine praktische Analyse der musikalischen Leitmotive der Hobbits und Elben vorgenommen wird, um deren raumbildende Funktion zu prüfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Filmraum, Filmmusik, Leitmotivik, Raumkonstruktion, Wahrnehmungspsychologie, Narration sowie die spezifische Anwendung auf die Trilogie „Der Herr der Ringe“.
Inwiefern spielt das „Auenland-Thema“ eine Rolle für die Raumkonstruktion?
Das „The Shire-Thema“ ist eng mit dem Konzept von Frieden, Idylle und Heimat verknüpft. Diese akustische Identität wird vom Zuschauer so internalisiert, dass sie auch in einer völlig fremden oder bedrohlichen Umgebung (wie Mordor) das Schema „Auenland“ im Kopf des Zuschauers hervorrufen kann.
Warum wird das „Lothlórien-Thema“ als besonders mysteriös beschrieben?
Es nutzt exotische Instrumente, einen fremdartigen Modus (f-Moll/phrygisch) und eine eher distanzierte Melodieführung, die an gregorianische Choräle erinnert. Dadurch wirkt es „aloof“ (abgehoben) und vermittelt eine unterdrückte Emotionalität, die perfekt zur Darstellung einer uralten, rätselhaften Elbenwelt passt.
- Citar trabajo
- Eva Heuft (Autor), 2013, Ist die Raumkonstruktion im Film nur visuell? Auditiver Filmraum in "Der Herr der Ringe", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337473