Die gesellschaftliche Entwicklung macht es möglich, mehr und mehr den ganzen Faust zu verstehen. Was zu Goethes Zeiten sich erst im Keim entwickelt, etwa die Wirtschaftskrisen mit ihren verheerenden Folgen, ist heute für jedermann deutlich zu erkennen. Anders steht es mit der letzten Szene des Faust. Hier fehlen Goethe selbst schon gültige Bilder, um die geschaute unaussprechliche Wirklichkeit in ein heute angemessenes Gleichnis zu setzen.
Wie sein Zeitgenosse Hegel als Logiker ist Goethe als Dramatiker gezwungen, auf religiöse und mystische Vorstellungen zurückzugreifen, die an Wirklichkeitsbezug zunehmend verlieren. So kommt es, dass im Gegensatz zum übrigen Faust seine letzte und entscheidende Szene eher unverständlicher wird und an Aktualität zu verlieren scheint. Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, diesen Mangel zu beheben und die Vereinbarkeit dieser Szene mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft aufzuweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen: Engels und Daly als Interpretationsbasis
2.1 Gesellschaftsentwicklung und die Rolle der Gens
2.2 Der Mensch als Gattungswesen
3. Analyse der Schlussszene des „Faust“
3.1 Interpretation der einzelnen Personen
3.2 Entwurf einer möglichen Inszenierung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die oft als unverständlich wahrgenommene Schlussszene von Goethes „Faust“ durch eine diesseitige und gesellschaftskritische Interpretation neu zu erschließen. Die Forschungsfrage untersucht, inwiefern die Konzepte von Friedrich Engels zur gesellschaftlichen Entwicklung und Mary Dalys Theorien zum Mutterrecht dabei helfen können, Goethes ekstatische Dichtung als Ausdruck einer zukünftigen, staatlosen und gensorientierten menschlichen Gemeinschaft zu verstehen.
- Verbindung von soziologischen Theorien mit literarischer Interpretation
- Die Rolle der „Gens“ und der Mutterrolle als dauerhafte Konstanten
- Diesseitige Deutung von Begriffen wie „Jenseits“, „Ewigkeit“ und „Erlösung“
- Analyse des Charakters und der Bedeutung der Figuren der Schlussszene
- Konzeptionelle Inszenierung der Schlussszene im modernen Kontext
Auszug aus dem Buch
Interpretation der einzelnen Personen der Szene
Die „Anachoreten“ sind in Einsamkeit zurückgezogene Väter, die als alte Männer für sich selbst nichts mehr erwarten. Ihr Zugang zum Allgemeinen ist weniger durch Ichsucht gestört. Die höchste Stufe hat der „Pater ecstaticus (auf- und abschwebend)“ in Bewegung erreicht. Er wünscht sehnlich, sein Ich zu „zerschmettern“, um allein der „Liebe Kern“ erstrahlen zu lassen. Der „Pater profundus (tiefe Region)“ will sich durch die „Liebesboten“ der Natur entzünden lassen. Blitz und Wasserstürze zerstören nicht nur, sondern reinigen die Atmosphäre und bewässern das Tal. Der „Pater Seraphicus (mittlere Region)“ schlägt den Bogen zum „Chor seliger Knaben“. Wie die Alten wieder, haben Kinder einen noch ungesonderten Anteil am Allgemeinen. „Engel (Faustens Unsterbliches tragend)“ sind Menschen, die beides verbinden, die möglichst rein vom Ich ins Alter gelangen. Sie tragen das, was an Faust Mensch ist. „Doctor Marianus (in der höchsten, reinlichsten Zelle)“ endlich hat die ruhige Aussicht erreicht. Er sieht die Frauen vorbeiziehen, in ihrer Mitte die „Mater gloriosa“, die in ihrer Urmutter personifizierte allgemeine Menschheit. Zu ihren Füßen der „Chor der Büßerinnen“, unter ihnen „Magna Peccatrix (St. Lucae VII. 36)“, „Mulier Samaritana (St. Joh. IV.)“, „Maria Aegyptiaca (Acta Sactorum)“ und „Una poenitentium“ (sonst Gretchen genannt, sich anschmiegend)“, zugleich „Die eine Büßerin (sonst Gretchen genannt)“. Frauen, die keine Engel sind, denen aber Faust und die Männer gerade darum ahnend nachfolgen. Der „Chorus mysticus“ ähnelt etwa dem Chor der Freude in Beethovens 9. Symphonie.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Problematik der Interpretation der Schlussszene von Goethes Faust dar und skizziert den gewählten Ansatz, diese jenseits religiöser Mystik diesseitig zu deuten.
2. Theoretischer Rahmen: Engels und Daly als Interpretationsbasis: Hier werden die theoretischen Grundlagen durch die Schriften von Engels und Daly gelegt, um eine gesellschaftliche Entwicklung zur „höheren Gens“ als Deutungsschlüssel für die literarische Sprache Goethes einzuführen.
3. Analyse der Schlussszene des „Faust“: In diesem Hauptteil erfolgt die konkrete Analyse der literarischen Figuren und wird durch einen Entwurf für eine zeitgemäße, symbolhafte Inszenierung der Szene abgerundet.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust, Schlussszene, Friedrich Engels, Mary Daly, Gens, Gesellschaftsentwicklung, Erlösung, Diesseits, Mutterrecht, Mater gloriosa, Interpretation, Literaturanalyse, Gattungswesen, Transzendenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer neuartigen Interpretation der Schlussszene aus Goethes „Faust“, die versucht, die mystischen Elemente durch soziologische und biologische Perspektiven diesseitig zu erklären.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die gesellschaftliche Organisation (Engels), die Rolle des Mutterrechts (Daly), die Bedeutung der Gattung Mensch und die literarische Interpretation klassischer Dramatik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die „unverständlich“ erscheinende Schlussszene als Vorahnung einer zukünftigen, staatlosen Gesellschaftsform zu begreifen, in der sich die Menschen wieder als Teil einer Gemeinschaft („Gens“) verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine hermeneutische Literaturanalyse verwendet, die mit kulturkritischen und soziologischen Theorien angereichert wird, um ein neues Verständnis für die Dichtersprache Goethes zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Interpretation der einzelnen Akteure der Schlussszene und schließt mit einem konkreten Vorschlag für eine moderne, metaphorische Inszenierung der Szene ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Goethes Faust, die „Gens“, Engels, Daly, die Erlösung als diesseitiges Konzept und die Gattung Mensch.
Wie definiert der Autor das Konzept der „Erlösung“?
Der Autor versteht Erlösung nicht als ein jenseitiges religiöses Ereignis, sondern als ein „Sich-Freispinnen“ und Erkennen der eigenen Zugehörigkeit zur Gattung Mensch, was mit einer befreienden emotionalen Erfahrung einhergeht.
Warum spielt das „tosende Gelächter“ eine wichtige Rolle?
Das Gelächter wird als Symbol für eine befreite Gesellschaft gewertet, in der die Menschen wieder Zugang zu einem gemeinschaftlichen Glück haben, das über das individuelle Ich hinausgeht.
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- Ingmar Thilo (Author), 2016, Die Schlussszene des "Faust" von J. W. Goethe. Zur Möglichkeit einer Interpretation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337951