Was bedeutet "transzendental" bei Kant? Transzendentalphilosophie von Immanuel Kant


Hausarbeit, 2012

11 Seiten

Theresa Hoch (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hintergründe zur Entstehung der KrV

3. Zu Kants Transzendentalphilosophie
3.1 Was bedeutet „transzendental“ bei Kant – Definitionsversuch
3.2 Die „Kopernikanische Wende“ – zur Bedeutung der Transzendentalphilosophie Kants

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Transzendentalphilosophie Kants auseinander. In erster Linie soll dazu Kants „Kritik der reinen Vernunft“ herangezogen werden. Die Fragestellung, welche verfolgt und nach Möglichkeit beantwortet werden soll, beinhaltet zweierlei Aspekte: zum einen soll der Versuch unternommen werden, die begriffliche Ebene des Kantischen Begriffs „transzendental“ bzw. Transzendentalphilosophie zu erschließen und darzustellen; zum anderen soll anschließend die Bedeutung von Kants Transzendentalphilosophie - hinsichtlichder Philosophie und des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns - erörtert werden.

Transzendentalphilosophie kann allgemein mit einer sehr radikalen fragenden Haltung zusammengebracht werden. So beschreibt Schurr: „Es ist das Philosophieren in seiner ursprünglichen Form gemeint.“[1] Hierbei steht die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis im Raum. Kant war es, der dieser Frage nachging und dabei eine entscheidende Wende in den wissenschaftlichen Forschungen der Metaphysik einleitete.

2. Hintergründe zur Entstehung der KrV

Bei der Auseinandersetzung mit transzendentalen Fragen erwies es sich für Kant offenbar als notwendig, dafür zu sorgen, die Metaphysik überhaupt erstmal zu einem wissenschaftlich behandelbaren Gegenstand zu machen.

So findet sich in der KrV der Hinweis, dass diese genau zu dem Zweck geschrieben wurde, nämlich die Metaphysik in eine wissenschaftliche Form zu bringen.[2] Denn nur so kann es überhaupt möglich sein, sich mit transzendentalen Fragen zu beschäftigen. Nur eine klar wissenschaftliche Metaphysik kann zu wirklichen Antworten in diesem Bereich führen - eben zu solchen, die wissenschaftlich nachvollziehbar sind. In einem Brief aus dem Jahr 1772 an Marcus Herz macht Kant selbst einige Angaben zu seinen Überlegungen hinsichtlich der KrV. Seine Auseinandersetzung mit metaphysischen Themen benötigte offenbar eine Ergänzung, welche er im Rahmen der KrV vornehmen wollte. Entsprechend hieß es in genanntem Schreiben:

„[…] so bemerkte ich: daß mir noch etwas wesentliches mangele, welches ich bey meinen langen metaphysischen Untersuchungen, sowie andre, aus der Acht gelassen hatte und welches in der That den Schlüßel zu dem gantzen Geheimnisse, der bis dahin sich selbst noch verborgenen Metaphys:, ausmacht. Ich frug mich nemlich selbst: auf welchem Grunde beruhet die Beziehung desienigen, was man in uns Vorstellung nennt, auf den Gegenstand?“[3]

3. Zu Kants Transzendentalphilosophie

Kants Transzendentalphilosophie ist eng verbunden mit seinen Überlegungen zur Metaphysik. Es geht dabei um die Frage nach dem Wesen der Dinge und es wird der Versuch unternommen, die Wirklichkeit spekulativ als Ganzes zu erfassen und ihre Letztbegründungen aufzudecken.

3.1 Was bedeutet „transzendental“ bei Kant – Definitionsversuch

Die Bezeichnung „transzendental“ kann vermutlich als charakteristisches Merkmal innerhalb von Kants KrV betrachtet werden. Die Richtung, die Kant in der KrV gedanklich einschlägt, scheint maßgeblich an genanntem Begriff orientiert zu sein. Trotzdem erscheint es schwierig, eine genaue Definition des Begriffes auszumachen. Kant selbst spricht häufig auch vom sog. transzendentalen Verstande; hier scheint also zumindest schon eine Abgrenzung von transzendentaler Logik oder dem empirischen Verstande vorgenommen zu werden. Bei Franz Staudinger heißt es zum Kantischen Begriff „transzendental“, dass es zwar zunächst einfach erscheint, diesen zu definieren, sich jedoch bei genauerer Betrachtung der einschlägigen Literatur exakte Definitionsversuche als schwierig erweisen.[4]

Es kann die allgemeine Annahme festgestellt werden, dass der Begriff „transzendental“ bei Kant in engem Zusammenhang zu sehen ist, mit der berühmten Formulierung einer „Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis“. Nerurkar greift diesen Aspekt ebenfalls auf, versucht aber diesen Gedanken auszuweiten. Der Kernsinn des Wortes „transzendental“ – von welchem aus dann weitere Verknüpfungen hergestellt werden können – sei laut Nerurkar in der Formulierung „gegenstandsbezogen“ zu finden. Präziser noch ist die Formulierung: „auf den Gegenstandsbezug von Vorstellungen bezogen“.[5]

Nerurkar weist darauf hin, dass diese Gegenstandsbezogenheit besonders in der KrV hervorzutreten scheint; in dem Versuch, den Begriff zu definieren, sollte entsprechend auch bedacht werden, dass er möglicherweise besonders im Rahmen späterer Kritiken Kants noch weitere Bedeutungsaspekte zu erhalten scheint. Den Grundgedanken zur Begriffsdefinition findet man jedoch wie folgt formuliert:

„Die hier vorgeschlagene Deutung besagt genauer, dass dasjenige, was von Kant als ‚transzendental‘ gekennzeichnet wird, in verschiedener Weise, nämlich konstitutiv, regulativ, störend oder reflexiv, auf reinvorstellungsmäßige apriorische Gegenstandsbezüge bezogen ist; d.h.: transzendental ist, was als Komponente, Vollzug, Moment oder Instanz zu diesen beiträgt – oder aber auch, was jenen Beitrag reflexiv/höherstufig erkennt.“ [6]

3.2Die „Kopernikanische Wende“ – zur Bedeutung der Transzendentalphilosophie Kants

Wie bereits zu verdeutlichen versucht wurde, will Kant im Rahmen seiner Transzendentalphilosophie – und dies geschieht vor allem innerhalb der KrV – die Metaphysik in die wissenschaftliche Auseinandersetzung einbeziehen. In der Vorrede der KrV beschreibt er seine Gedanken dazu.

„In jenem Versuche, das bisherige Verfahren in der Metaphysik umzuändern, und dadurch, daß wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das Geschäfte dieser Kritik der reinen Vernunft. Sie ist ein Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst.“[7]

Kant will mit seiner KrV die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit metaphysischen Fragen auf komplett neue Füße stellen. Es geht darum, gewissermaßen vorwissenschaftliche Versuche nun zu wirklicher Wissenschaft zu machen; Kant vergleicht dazu Wissenschaften wie Geometrie, Astronomie oder die Naturwissenschaften, welche bereits mit nachweislich wissenschaftlichen Methoden arbeiten. Kant sagt dazu, dass es im Bereich der Metaphysik bisher noch nicht zu solcher Wissenschaftlichkeit gekommen sei, in dem Sinne, „daß sie den sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte.“[8]

Als Vorlage, um das Denken innerhalb der Metaphysik zu ändern, nimmt Kant die genannten Wissenschaften zum Beispiel, da sich in ihnen bereits ähnliche Denk-Revolutionen vollzogen haben.

Zur Neuverortung des metaphysischen Denkens prägte Kant selbst die Bezeichnung der „Kopernikanischen Wende“. Diese Wende bezieht sich in dem Fall auf die Philosophie; es geht darum, den Bereich der Metaphysik in gewisser Weise neu zu definieren und somit auch ihre Methoden neu zu überdenken. Durch die Feststellung des Kopernikus, welche aus einem geozentrischen ein heliozentrisches Weltbild machte, trat eine grundlegende Veränderung von großer Bedeutung für Menschheit und Wissenschaft auf – ähnlich einschneidend und revolutionär scheint Kant die durch ihn hervorgerufene Änderung des Denkens in der Metaphysik zu empfinden.

Kant möchte zukünftig die Metaphysik in einem „sicheren wissenschaftlichen Gang“ sehen; dies muss einerseits Fortschritte der Erkenntnis beinhalten, was einen festgelegten Gegenstand und feste Prinzipien voraussetzt; und andererseits muss man sich auf ein gemeinsames Paradigma beziehen, um gemeinsames wissenschaftliches Arbeiten auf festen Grundlagen möglich zu machen.[9]

Auch mittlerweile gesicherte Wissenschaften mussten sich zunächst aus einer gewissen Unsicherheit heraus befreien und erst ihren festen Prinzipien und Paradigmen zugeordnet werden; da dies bereits bei anderen gelungen ist, will Kant das nun auch für die Metaphysik festlegen. Auf diesen Vergleichen basierend will er nun also das „Verfahren in der Metaphysik“ umändern.[10]

Kant erwähnt u.a. Thales, der eine solche neue Denkrichtung in der Geometrie erschuf, indem er sich mit den Basiswinkeln gleichschenkliger Dreiecke befasste und damit ein neues Denken hinsichtlich der Gegenstände und Methoden der Geometrie bewirkte. Ebenfalls in den Naturwissenschaften entdeckt Kant solche maßgeblichen Neurungen im Denken, die in diesem Fall letztlich durch die Anwendung von Experimenten herbeigeführt wurden.

Er spricht davon, dass den Naturforschern ein Licht aufging, indem sie „begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Principien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse.“[11]

In beiden Beispielen ging es jeweils darum, die auf die Erkenntnisse bezogenen Sachverhalte neu zu formen bzw. zu modellieren.

Im Bereich der Metaphysik, die zwar älter sei als die anderen Wissenschaften, sei diese Umformung bis zu dem Zeitpunkt noch nicht gelungen. Kant beschreibt die Metaphysik in diesem Zusammenhang als isolierte spekulative Vernunfterkenntnis, die sich anhand von bloßen Begriffen ganz über Erfahrungsbelehrung erhebt. Die Vernunft soll in diesem Sinne ihr eigener Schüler sein und das bringt Schwierigkeiten mit sich. Denn so gerät sie „kontinuierlich in Strecken, selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt, […] a priori einsehen will. In ihr muß man unzählige Mal den Weg zurück tun, weil man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist. […] Es ist also kein Zweifel, daß ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und was das Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen gewesen sei.“[12]

Bisher, so schildert Kant, sei es in der Metaphysik so gewesen, dass man annahm, dass menschliche Erkenntnis sich nach den Gegenständen richtet. Es war allerdings auf diese Weise nicht möglich, irgendetwas über sie a priori festzustellen, was einem Erkenntnisgewinn zuträglich gewesen wäre.[13]

Dies sei aber eigentlich genau das, was die Erkenntnis in der Metaphysik bezwecken müsste: es soll also etwas a priori festgestellt werden können, was sich auf Gegenstände im Bereich des Übersinnlichen bezieht und einen Erkenntnisgewinn mit sich bringt. Kant geht nun davon aus, dass das bisherige Ausbleiben von Erkenntnissen dieser Art an einer ungenügenden Konzeption der Erkenntnistheorie liegt. Er nimmt also an, dass die Metaphysik und die ihr zugehörigen Gegenstände der Erkenntnis bisher in einem falschen Zusammenhang betrachtet wurden. Da man mit der Annahme, die Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten, bisher nicht weiter kam, beschreibt Kant den nachfolgenden Alternativ-Vorschlag.

„Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll.“[14]

Diese zunächst hypothetische Formulierung soll später noch apodiktisch nachgewiesen werden.[15]

Man spricht hier auch vom Kantschen transzendentalen Idealismus. Es geht dabei darum, auf transzendentaler Ebene und in idealer Verfasstheit bestimmte Formen der Erkenntnisgegenstände einzusehen. Daraus resultiert dann die Unterscheidung Kants von Dingen als Erscheinung und Dingen an sich selbst.[16]

[...]


[1] Schurr, Johannes: Die Bedeutung der Transzendentalphilosophie für die Grundlegung der Pädagogik als Wissenschaft. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik (45. Jg.), 1969, S. 85-97, S. 86.

[2] Vgl.Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Hg. von Jens Timmermann, Hamburg: Meiner, 1998,[A/B], B XXXVI.

[3] An Marcus Herz, 21. Februar 1772, Briefwechsel, In: Immanuel Kants Gesammelte Schriften. Herausgegeben von der königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin, 1900 [AA], AA X, 130.

[4] Staudinger, Franz: Zur Durchführung des Transzendentalbegriffs. In: Kant-Studien 24 (1920), S. 215-241, S. 215.

[5] Nerurkar, Michael: Was heißt ‚transzendental‘ bei Kant? Institut für Philosophie, TU Darmstadt – 11/2012, S. 1. Unter: http://www.philosophie.tu-darmstadt.de/media/institut_fuer_philosophie/diesunddas/nerurkar/kant/Was_heisst_transzendental_bei_Kant.pdf

[6] Nerurkar, S. 2.

[7] Kant, Meiner, 1998, B XXII.

[8] Kant, Meiner, 1998, B XIV.

[9] Vgl. Kant, Meiner, 1998, B VII.

[10] Vgl. Kant, Meiner, 1998, B XXII.

[11] Kant, Meiner, 1998, B XIII.

[12] Kant, Meiner, 1998, B XIV.

[13] Vgl. Kant, Meiner, 1998, B XVI.

[14] Kant, Meiner, 1998, B XVI.

[15] Vgl. Kant, Meiner, 1998, B XXII.

[16] Vgl. Kant, Meiner, 1998, A S.369ff.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Was bedeutet "transzendental" bei Kant? Transzendentalphilosophie von Immanuel Kant
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V338842
ISBN (eBook)
9783668283787
ISBN (Buch)
9783668283794
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kant, transzendentalphilosophie, immanuel
Arbeit zitieren
Theresa Hoch (Autor), 2012, Was bedeutet "transzendental" bei Kant? Transzendentalphilosophie von Immanuel Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338842

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