"Der Siegreiche Amor" von Michelangelo Merisi di Caravaggio. Die Geburt eines homosexuellen Eros


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Geburt des Eros

III. Caravaggios Jünglingsbilder

IV. „Amore Vincitore“
1. Eine Bildbeschreibung des Amors
2. Die Siegerpose
3. Gekreuzte weltliche Gegenstände am Boden
4. Homoerotische Konnotation?
5. Ein irdischer oder ein himmlischer Amor?

V. Wettstreit unter den Künstlern

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

VIII. Abbildungen

I. Einleitung

Betrachtungsgegenstand der vorliegenden Hausarbeit ist das Werk Der Siegreiche Amor (Abb.1) von Michelangelo Merisi di Caravaggio aus dem Jahre 1602. Es befindet sich derzeit in der Gemäldegalerie in Berlin und umfasst die Maße 156 x 113 cm.1 Im Gemäldeinventar des Marchesen Vincenzo Giustiniani aus dem Jahre 1638 wurde es beschrieben als „Bild mit einem lachenden Amor im Begriff, die Welt gering zu schätzen, die er unter sich hält.“2 Wir sehen also einen nackten Jungen, der mit gespreizten Beinen provokant sein Geschlecht präsentiert, gekleidet in der Fasson des Liebesgottes Amor. Doch trägt er keine weißen Flügel, sondern die eines Adlers. Zu seinen Füßen liegen allerlei Gegenstände und unter seinem Gesäß befindet sich ein Himmelsglobus.

Ich widme mich in dieser Hausarbeit zudem dem Künstler selbst und seiner Vorliebe zur Darstellung nackter Knaben, wie den beim Siegreichen Amor. Bekannt als Meister der Hell-Dunkel Malerei, auch Chiaroscuro genannt, zeigt sich für uns in seinen Knabenbildern eine andere Seite Caravaggios. Diese nämlich, die sich mit der Homosexualität und der Päderastie seiner Zeit befasst hat. Werke wie Der Lautenspieler, der kranke Bacchus oder zahlreiche Johannes der Täufer Darstellungen (Abb.2-4) legen Caravaggios Interesse an diesem Thema offenkundig dar. Er machte sich die Vorliebe für das junge männliche Geschlecht seiner Auftraggeber kurzerhand zu Nutze und verewigte deren Lustobjekte aus dem realen Leben auf einer Leinwand. Zwar erschufen auch andere Künstler, beispielsweise Michelangelo und Donatello Werke von jungen Männern, aber Caravaggio erschafft mit seiner Synthese aus realistischen Gesichtern und Körpern zusammen mit den Idealposen der Antike sowie aus den Werken seiner Mitstreiter ein meisterhaftes Arrangement, das es so zuvor nicht gegeben hat. Gerade diese Darstellungsweise schien seinen Erfolg auszumachen.

Der Siegreiche Amor, oder auch Amore Vincitore genannt, ist ein Paradebeispiel für diese Vorgehensweise. Der Junge von Nebenan gepaart mit der antiken Pose eines Siegers. Es zeigt zudem die Schwäche der Männer in Persona, also den Eros, das Streben nach der Liebe. Ob Caravaggio diesem selbst unterliegen war, sei in dieser Hausarbeit außen vor gelassen.

Die Autoren Herwarth Röttgen, Andreas Sternweiler, Sonja Lechner und Boris von Brauchtisch haben sich intensiv mit dem Siegreichen Amor auseinander gesetzt. Röttgen beschreibt 1992 besonders gut die homosexuelle Konnotation des Bildes und interpretiert den Amor als einen Irdischen, der durch seine Geschlechtlichkeit über seine Betrachter siegt.3 Sternweiler erörtert 1993 die kunstgeschichtliche Entwicklung von der starren Wiedergabe der Antikenrezeption zur Darstellung der entidealisierten, „geistigen Freiheit der italienischen Renaissance“4 und die neuplatonische Rechtfertigung der Auftraggeber.5 Lechner beschäftigt sich 2006 hierzu noch allgemein mit dem Akt in Caravaggios Œvre.6

Ich versuche nun diese kritische Betrachtung der Autoren zum Siegreichen Amor nachzuvollziehen und zu resümieren. Es folgt eine detaillierte Analyse des Erosbegriffes. Anschließend werden Caravaggios Jünglingsbilder mit dieser Entwicklung des Eros in Verbindung gebracht. Danach wird der Siegreiche Amor in dieses Sujet eingebettet und hinsichtlich seiner homoerotischen Symbolik analysiert.

II. Die Geburt des Eros

Das Leben zur Zeit Caravaggios war geprägt von einer Verehrung der griechischen Antike, die sich auch auf die so genannte Päderastie, also die Knabenliebe bezog. Was bei uns heute Ekel und Abscheu hervorruft, war in der Antike Gang und Gebe. Jeder wusste Bescheid. Gemeint sind das männliche Begehren nach einem jüngeren Wesen des eigenen Geschlechts und der gemeinsame sexuelle Akt. Die Sexualität wurde nicht durch einen christlichen Gott reglementiert, sondern verfolgte ein

Bisexuelles Ideal.7 Man liebte, wen man liebte. Dieser Trieb wurde auch auf die griechischen Götter übertragen und so gleichzeitig als Legitimierung für das eigene Handeln herangezogen. Beispielhaft sei hier der homerische Mythos von Zeus und Ganymed zu nennen, in dem Zeus den schönsten aller irdischen Knaben namens Ganymed als Mundschenk auf den Olymp entführt.8 Seit dem 6. Jahrhundert v. Christus fanden Darstellungen dieses Mythos Einklang in die Bildende Kunst. Um ca. 400 v. Christus wurde aus Zeus ein Adler.

Platon zieht in seinem Symposion, ein Dialog in dem verschiedene Reden zum Eros gehalten werden, eine Parallele zwischen Zeus und dem göttlichen Eros, "der in den Liebenden dringt und ihn als befiederte Kraft empor hebt."9 Der platonische Eros-Begriff geht aber noch viel tiefer. Platon unterscheidet in der Rede von Phaidros und Pausanias zwischen einem himmlischen Eros, der von Urania erschaffen wurde und einem irdischen Eros, der aus der Göttin Pandemos entstanden sei. Der pandemische Eros beschreibe den irdischen Sexualtrieb vor allem zum Geschlechtsverkehr mit Frauen. Der uranische Eros umfasse die schöne Liebe zu Männern und Jungen, aber nicht gänzlich in sexueller Hinsicht, sondern auch das Streben nach einem moralisch guten Leben. Denn die körperliche Schönheit der jungen Männer sei ein Abbild der göttlichen Idee des Schönen. Diese Liebe sei absolut moralisch, da der Liebende den Geliebten hierdurch besser mache und sie durch ihre Vereinigung gemeinsam nach dem göttlichen Ideal streben. 10 Die Götter seien schließlich durch ihre päderastischen Beziehungen unsterblich, tugendhaft und weise, weshalb diese Praktiken nachahmungswürdig erschienen. Die platonischen Ausführungen zum himmlischen Wesen des Eros wurden im späteren Neuplatonismus als Einpflanzung von Weisheit mithilfe des Koitus umgedeutet.11Eine Wechselwirkung zwischen Homosexualität und Pädagogik wurde hergestellt. Der Samen des älteren Mannes solle Tugenden, Fähigkeiten sowie Wissen auf seinen Lustknaben übertragen. Platons Liebestheorie wurde so zu einem Ideal in der Renaissance.

Nach Michael Rockes Ausführungen in "Forbidden Friendship" waren über die Hälfte der männlichen Population in Florenz des 16. Jahrhunderts in eine sexuelle Knabenbeziehung verwickelt.12 Diese bestand aus einem älteren dominierenden Mann, der den fanciulli, also das männliche Kind, begattete. Dieses Kind war meist in einem Alter von 12 bis 18 Jahren und übernahm die passive Rolle in der Beziehung. Es erhielt durch diese Verbindung zu einem Gelehrten einen erhöhten Status und Schutz. Diese freie homosexuelle Vereinigung war ein fester Bestandteil der Gesellschaft, die zwar durch das Konzil von Trient (1545-1563) und anhaltende Verfolgungen von Sodomie eingegrenzt, aber nicht verhindert werden konnten. Die Ausrichtung nach antiken, griechischen Praktiken rechtfertigte das Handeln und erhielte somit allgemeine Akzeptanz.13

Ein Beispiel für die Knabenliebe findet sich in der Schrift von Antonio Rocco "L'Alcibiade fanciullo a scola" von 1630.14 Der Schüler Alcibiades, als traditioneller kirchlicher Moralist wird von seinem Lehrer Filotimo, der die Züge des Sokrates trägt, mithilfe antiker Überredungskunst zum freiwilligen Akt überzeugt. "Knaben sind von Natur aus so schön und die Natur schaffe nichts Überflüssiges, kann die Knabenliebe also wider der Natur sein?"15 Schließlich wurde Alcibiades durch das Samenargument überzeugt. Diese Niederschrift zeigt, wie präsent und selbstverständlich die pädagogische Homosexualität gewesen ist, obwohl das Wort an sich noch nicht bekannt war.

Die bildlichen Darstellungen von den so genannten Ganymeden und Lustknaben erhielt somit ebenfalls ihre Berechtigung. Mit der Ikonografie der Antike dargestellt und pädagogisch verschleiert fanden diese überwiegend Anklang in der gebildeten Schicht.

III. Caravaggios Jünglingsbilder

So nimmt auch Caravaggio diese Thematik scheinbar in seine Werkliste mit auf. Besonders viele finden sich in der Zeit seines Aufenthaltes in Rom (1592-1606), bei der er hauptsächlich bei dem Kardinal Francesco Maria Bourbon Del Monte wohnte und der oft zu seinem Auftraggeber wurde. 16 Werke wie Der kranke Bacchus, Die Musiker, Der Lautenspieler, Jüngling von einer Eidechse gebissen, Johannes der Täufer und Der Siegreiche Amor u.a. inszenieren androgyne, junge Männer in der Kleidung von antiken Gottheiten. Lange, faltenreiche Tücher bedecken und entblößen gleichzeitig ihren halbstarken Körper, die noch nicht vollends zu einem Mann erwachsen sind. Hellhäutig und glatt wird meist die Hälfte der Brust in hellem Licht dargeboten. Das Spiel von Verdecken und Andeuten, das bis heute Bestand hat, war schon damals zu Caravaggios Zeiten mit einer hohen erotischen Anziehungskraft verknüpft. Die Darstellungen waren also für die älteren Männer in der homosexuellen Beziehung bestimmt und spiegeln deren Vorlieben wieder. Durch die Verkleidung als Gott erhalten sie ihre Berechtigung und tarnen sich somit in den Gemächern der Lüstlinge.

Röttgen nennt die Männer „römische ragazzi mit femininem Einschlag“17und macht auf den direkten Blickkontakt zum Betrachter und das Ringen um seine Anteilnahme aufmerksam. „Sie besitzten“, laut Röttgen, „etwas von der Echtheit und Gestelltheit eines lebenden Bildes.“18

Sternweiler verweist auf die enge Verwandtschaft zu den Kurtisanenbildern im 16. Jahrhundert und allgemein zu den Darstellungen der Venus.19 Ähnliche Liebessymbole, wie Früchte, Musikinstrumente und rankenartige Pflanzen sowie schulterfreie Gewänder, die durch eine lockere Schleife zusammengebunden sind, unterstreichen nach Sternweiler den intendierten erotischen Gehalt der Bilder, der ein enges intimes Verhältnis zwischen dem Käufer des Bildes und seinem Jüngling voraussetzte.20

Valeska von Rosen paraphrasiert 2009 Klaus Krüger, der diese Inszenierung der Jünglinge als performativ bezeichnet.21 Das theaterhafte Arrangement und die Lebendigkeit des Bildes, die durch die Kostümierung, die Attribute und deren Pose manifestiert wird, verleihen den Bildern einen statischen und skulpturalen Charakter.22

Viele Vermutungen kursieren deshalb umher, dass Caravaggio für seine Werke Modelle beanspruchte. Röttgen nennt den Tagebucheintrag von dem gebildeten Romfahrer Richard Symonds von 1649, der sich scheinbar unmittelbar auf denSiegreichen Amorbezieht. In ihm heißt es:

"Der Cupido Caravaggios [...] Checco di Caravaggio nannte er viele, die er malte, es war sein Boy dunkles Haar, zwei außergewöhnliche Flügel, Kompasse, Laute, Violine, Harnisch und Lorbeer [...] es war der Körper und das Gesicht seines eigenen Boys oder Dieners, der mit ihm schlief.23

Laut diesem Eintrag gab es einen Diener oder Lehrling, der unter anderen für den Siegreichen Amor Modell stand. Ob nun auch die Tatsache stimmt, dass dieser gleichzeitig sein Liebhaber war, können wir nicht überprüfen. Doch die realistische Modellierung der Knabengesichter, die theaterhafte Inszenierung und die Liebessymboliken gepaart mit einer hohen erotischen Anziehungskraft in Caravaggios Bildern zeugen zumindest von einer menschlichen Vorlage, die er offensichtlich mehrmals für unterschiedliche Werke kopierte.

[...]


1 Vgl. Herwarth Röttgen: Caravaggio, der irdische Amor oder der Sieg der fleischlichen Liebe. Fischer Kunststücke 3966, Frankfurt 1992, S.5.

2Ebd.,, S.5.

3 Vgl. Röttgen 1992

4Andreas Sternweiler: Die Lust der Götter. Homosexualität in der italienischen Kunst. Von Donatello zu Caravaggio, Berlin 1993, S.211.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Sonja Lechner: Nuda Veritas Caravaggio als Aktmaler: Rezeption und Revision von Aktdarstellungen der römischen Reifezeit, München 2006.

7Vgl. Ausst.kat. Die Lust der Götter. Homosexualität und Kunst in der italienischen Renaissance, Berlin (Schwules Museum) 1993, URL: http://www.schwulesmuseum.de/ausstellungen/archives/1993/view/die-lust-der-goetterhomosexualitaet-und-kunst-in-der-italienischen-renaissance/ (06.08.2015).

8Vgl. Sternweiler 1993, S.212ff.

9 Jenny Bergel: Michelangelos Ganymed und die Homosexualität in der italienischen Renaissance, München 2009, S.4.

10 Vgl. Kayling, Vanessa: Die Rezeption und Modifikation des platonischen Eros-Begriffs in der französischen Literatur vom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert unter Berücksichtigung der antiken, arabischen und italienischen Tradition, Marburg 2008, URL: http://archiv.ub.unimarburg.de/diss/z2009/0500/pdf/dvk.pdf (06.08.2015), Fußnote gilt für den gesamten Absatz.

11 Vgl. Sternweiler 1993, S.214.

12 Vgl. Michael J. Ro>13Vgl. Ebd., S.95.

14Vgl. Ebd., S.95 und Sternweiler S. 212f.

15Übersetzt aus Rocke 1996, S.96.

16Vgl. Röttgen 1992, S.61.

17Vgl. Ebd., S.64.

18Ebd., S.64.

19Vgl. Sternweiler 1993, S.218.

20Vgl. Sternweiler 1993, S.218ff.

21Vgl. Valeska von Rosen: Caravaggio und die Grenzen des Darstellbaren. Ambiguität, Ironie und Performativität in der Malerei um 1600, Berlin 2009, S.47.

22Vgl. Ebd., S.47.

23Röttgen 1992, S.8.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Der Siegreiche Amor" von Michelangelo Merisi di Caravaggio. Die Geburt eines homosexuellen Eros
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Kunstgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V339412
ISBN (eBook)
9783668289857
ISBN (Buch)
9783668289864
Dateigröße
1630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Caravaggio, Siegreicher Armor, Der Siegreiche Amor, Amore Vincitore, Michelangelo, Amor, Knabenliebe, Päderastie, Siegerpose, Jünglingsbilder, Eros, Johannes der Täufer, Bacchus, Platon, Neuplatonismus, Koitus, Sexueller Akt, Akt, fanciulli, Michael Rocke, Lust, Götter, Homosexualität, Brauchtisch, Ganymed, Sonja Lechner, Nude, Cupido, Sabine Poeschel, Donatello, Renaissance, Andreas Sternweiler, Herwarth Röttgen, Lautenspieler, Gemälde, Mamorstatue, Ignudi, Bartholomäus
Arbeit zitieren
Luisa-Viktoria Schäfer (Autor), 2015, "Der Siegreiche Amor" von Michelangelo Merisi di Caravaggio. Die Geburt eines homosexuellen Eros, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339412

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Der Siegreiche Amor" von Michelangelo Merisi di Caravaggio. Die Geburt eines homosexuellen Eros



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden