Die Emotionalität der Götter. Zorn, Hass, Liebe und Mitleid in Homers "Ilias"


Seminararbeit, 2013
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Funktion der Gefühle der Götter im Epos

3. Das göttliche Gefühlsrepertoire in der Ilias
3.1 Zorn (χόλος, μῆνις)
3.2 Hass (μῖσος, ἀπέχθεια)
3.3 Liebe (φιλία)
3.4 Mitleid (ἔλεος)
Exkurs: Glaubten die Menschen an die beschriebenen Götter?

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Homers Epen sind die wohl wichtigsten Quellen im Hinblick auf die griechische Mythologie der archaischen Zeit. Er hat, neben Hesiod, den ‚Götterapparat‘[1]der Griechen etabliert und festgesetzt.[2]Dieser ist in die beiden Epen – der Ilias und der Odyssee – mit eingearbeitet. Darin werden nicht nur die Beziehungen der Götter untereinander, sondern auch deren Charakteristika und Stellungen aufgezeigt.[3]Dabei ist bemerkenswert, dass das gesamte Spektrum der menschlichen Gefühle auch in den Handlungen der Götter erkennbar ist. Zunächst könnte man annehmen, dass sich Homer, um diese möglichst idealistisch darzustellen, nur der positiven Gefühle und Eigenschaften bedient. Doch auch – und vor allem – das Spektrum der negativen Gefühle wird dabei ausgeschöpft. Im Folgenden sollen die Gefühle der Götter in Homers Epen näher betrachtet werden. Ich habe nur Schlüsselszenen aus der Ilias gewählt, weil darin die Emotionalität der Götter ausführlicher dargestellt wird. Daneben ist der Götterapparat selbst viel umfassender und bietet häufiger Gelegenheit der Untersuchung.

Trotz der umfangreichen Literatur bezüglich der homerischen Epen und der Sozialgeschichte dieser Zeit, ist eine Forschung auf dem Gebiet der Emotionsuntersuchung der Götter nicht vorhanden. Daneben existieren jedoch zahlreiche Analysen der menschlichen Emotionen.[4]Daher ist es meines Erachtens interessant, zu fragen, welchen Stellenwert die Gefühle der Götter in den Epen besitzen und was dies über die antike Gesellschaft aussagt. Die Spannung der Arbeit liegt in der Idee, dass sich die Einstellungen zu den einzelnen Gefühlen gewandelt haben. Sind die – aus heutiger Sicht – negativen Gefühle historisch betrachtet eventuell gar nicht verwerflich? Aus diesem Grund liegt der vorliegenden Arbeit folgende Fragestellung zugrunde:Wie und wieso stellte Homer in der Ilias die Emotionalität der Götter dar?Dabei beziehe ich mich besonders auf die Analyse von David Konstan[5], in welcher er eben diese Frage aufwirft.

Im Folgenden werde ich zunächst die Funktion der Gefühle der Götter innerhalb der Ilias aufzeigen. Anschließend wird das göttliche Gefühlsrepertoire des Epos betrachtet. Gefühle sind einer moralischen Veränderung unterworfen. Um den Sinngehalt der Gefühle in der Ilias zu klären muss demnach zunächst deren ursprüngliche Bedeutung herausgefiltert werden. Dementsprechend werden Schlüsselszenen selektiert und hinsichtlich der Ergebnisse der Begriffsbestimmungen analysiert. Dabei kann jedoch nur eine Auswahl der Emotionen betrachtet werden: Zorn, Hass, Liebe und Mitleid. Diese Gefühle werde ich exemplarisch beleuchten und im historischen Kontext analysieren. Dies kann im Rahmen dieser Arbeit natürlich nur skizzenhaft geschehen.

Ein Exkurs wird deutlich machen, dass die Menschen offenbar nicht an die so beschriebenen Götter glaubten, sondern diese in anderer Form verehrten. Dennoch soll die vorliegende Arbeit keine Religionsbetrachtung der archaischen Zeit werden.[6]

Im Endergebnis wird zu zeigen sein, dass die Gefühle der Götter in der Ilias sich als ein Spiegel der menschlichen Gefühle der Antike darstellen. Dementsprechend wird der Stellenwert der Emotionen innerhalb sozialer Interaktionen in dieser Zeit abgebildet.

Problematisch ist bei der Bearbeitung natürlich die Arbeit an der Übersetzung, welche ja zugleich immer auch eine Interpretation des Textes andeuten. Schon die kulturelle Eingliederungen von Gefühlen innerhalb derselben Epoche und deren Stellung in der jeweiligen Gesellschaft sind different. Hinzu kommt dabei nun noch die historische Perspektive. Daher wird an einigen Stellen in den griechischen Originaltext geschaut. Problematisch ist auch die Einordnung der einzelnen emotionalen Regungen der Götter in die vorgenommene Untergliederung der Gefühle, welche ich gewählt habe. Diese können sich dabei stellenweise überschneiden. Zunächst werden jedoch die Funktionen der Gefühle der Götter innerhalb des Epos dargestellt.

2. Die Funktion der Gefühle der Götter im Epos

In der Handlung der Ilias kommt den Göttern eine tragende Rolle zu. Sie treiben das Geschehen voran und ändern den Kriegsverlauf.[7] Das Eingreifen der Götter spielt eine zentrale Rolle in dem Epos. Seth L. Schein fasste diesen Gedanken zusammen: „one of the most characteristic features of theIliadis the gods.”[8]

Ich schließe mich Fritz Grafs Einschätzung an, dass die Ilias weder ein Geschichtsbuch, welches historische Tatsachen darlegen möchte, noch ein religiöser Text ist, in dem die Theogonie ausgeführt wird. Es ist eine Erzählung. Und in dieser Funktion, haben auch die Figuren notwendige Aufgaben. Die Götter sind elementarer Bestandteil der Erzählungen. Dabei hat sich Homer von der Tradition, die er im antiken Griechenland vorfand, leiten lassen. In seiner Position als Autor hat er die Figuren entsprechend den eigenen Ideen ausgestaltet. Graf beschreibt die Charakteristik der Götter als „radikal anthropomorph“[9]. Dieser Bezeichnung liegt der Gedanke zugrunde, dass die göttlichen Verhaltensweisen sich nicht von denen der Menschen auf der Erde unterscheiden. Als einziges Unterscheidungskriterium zwischen den Menschen und den Göttern führt Graf die ‚Leichtlebigkeit‘ letzterer an. Götter sind unsterblich, unendlich und an keinen Ort gebunden, sieht man von deren Verortung auf dem Olymp als „Bewohner der olympischen Häuser“ ab.[10]

Burkert eröffnet die Interpretation der Gefühle auf der narrativen Ebene. In der antiken Gesellschaft, in der Geschichten mündlich überliefert wurden, drehte sich alles darum, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erlangen bzw. zu halten. Mittels banaler Erzählungen würde dies nicht gelingen. Helden werden dementsprechend überaus mutig, stark, tapfer etc. dargestellt. Für Götter ist diese Verhaltensweise jedoch Normalität. Daher, so Burkert, kehrt sich hier das Bild um und familienähnliche und menschliche Strukturen und Handlungen werden betont. Außerdem erlaubt es dem Publikum innerhalb der Geschichte stellenweise von dem Schlachtfeld abzurücken.[11]

Die Funktion der Emotionen lässt sich auch auf anderer Ebene betrachten. Die Götter sind in der Erzählung nicht länger die Zuschauer, welche über dem Ablauf der Handlungen stehen und diesen beobachten. Sie greifen mit leidenschaftlicher Hingabe in die Handlung ein und manipulieren diese.[12]Ohne die emotionale Verflechtung wäre dieses Ereignis nicht denkbar. Auch Kullmann stellt die Gefühlsreaktionen der Götter als wesentliche Antriebskraft der göttlichen Handlungen dar.[13]Er fügt weiter an, dass die archaischen Menschen „hinter einem überraschenden Ereignis nicht einen Grund, sondern eine böse – selten gute – Absicht“ eines Gottes sahen.[14]Ausgelöst wurde diese durch Gefühlsreaktionen.

3. Das göttliche Gefühlsrepertoire in der Ilias

Zunächst muss betont werden, dass die bloße Übersetzung eines Wortes, besonders eines Gefühls, mitunter Probleme bereitet. Konstan führt zur Verdeutlichung ein Gleichnis an, welchem ich gerne folge. Darin führt er als Analogie zu den Gefühlen die Farbenlehre an. Es ist demnach schwierig Farben zu bestimmen, weil nicht garantiert werden kann, dass jeder den exakt selben Farbton sieht. Dementsprechend können Gefühle in unterschiedlichen Kulturen oder Epochen auch abweichendes ausdrücken.[15]

Die Götter besitzen in dem Epos neben den Gefühlen noch weitere menschliche Eigenschaften. So ergreifen sie fortwährend Partei für die von ihnen favorisierten Gruppen oder Menschen. Mitunter greifen sie sogar persönlich in die Kampfeshandlungen ein. Dass sich die Götter in zwei Parteien spalten ist ein bedeutsamer Aspekt der Geschichte. Dadurch entstehen zahlreiche Konflikte in den Reihen der Götter. Zeus selbst wählt keine Seite und greift dort ein, wo er es für angemessen hält. In diesen Szenen wird die Emotionalität der Götter besonders stark sichtbar. In der Interaktion untereinander und mit Menschen verhalten sie sich, als wären sie Menschen und zeigen Verhaltensmuster und Empfindungen, welche doch ziemlich menschlich sind.[16]Kullmann beschreibt als wesentliche Motive für das Einschreiten der Götter Zorn, Mitleid und Neid.[17]Ich selbst habe noch Hass und Liebe der Aufstellung hinzugefügt, Neid werde ich im Folgenden nicht betrachten.

[...]


[1]“Götterapparat” beschreibt, wie Kullmann es auslegt, das „Eingreifen der Götter“ in die Handlungen auf der Erde. Kullmann 1956, 46.

[2]Vgl. Patzek 2009, 96.

[3]Kearns hierzu: “Book 1 of theIliadintroduces us not only to a world of divine causation and interaction, but to a whole society of Gods.“ Dies. 2004, 60. Ähnlich Heitsch: “So erzählt er [Homer] Handlungen nicht nur von Menschen, sondern auch von Göttern. […] Er weiß also nicht nur, was sie tun, sondern er kennt auch die Gründe und Absichten ihres Tuns; er kennt Sympathien und Antipathien, und er kennt vor allem auch ihre persönlichen Geschichten. […] Auch sie werden von Emotionen und Absichten bestimmt, auch sie haben ihre Geschichten und ihre Charaktere.“ Ders. 2008, 6. Die Emotionen werden durchweg als Antriebskraft der Handlungen aufgeführt.

[4]Eine gute Zusammenfassung bezüglich der griechischen Mythologieforschung der vergangenen Jahrhunderte findet sich in: Graf 1991.

[5]Konstan 2006. Darin nimmt er vor allem Bezug auf die aristotelische Definition von Gefühlen: „Let the emotions be all those things on account of which people change their minds and differ in regard to their judgments […].“ Aristoteles: Rhetorik 2.1, 1378a20-3. Zit. nach: Konstan 2006, 41.) und beschreibt diese jeweils. Insgesamt schließt Konstan darin, dass die Ausführungen des Aristoteles bezüglich der Begriffsbestimmungen einzelner Gefühle problemlos auch auf die Ilias übertragen werden können. Vgl. Konstan 2006, 48ff. Eine neuere Analyse von Gefühlen in der Ilias gibt Glenn Most (Ders. 2009). Darin beschreibt er jedoch die traumatischen Erlebnisse von Achilleus in dessen Kindheit, welche seine Emotionen bis in das Erwachsenenalter hinein prägten. Auf Grund dieser Themeneingrenzung seiner Arbeit ist der Aufsatz daher für die vorliegende Arbeit wenig geeignet. Zitierte Stellen können leider nicht mit Seitenzahlen hinterlegt werden, da mir die gedruckte Form nicht rechtzeitig vorlag.

[6]Dazu ausführlich: Heitsch 1993, 2008 oder Kullmann 1956, 49-82.

[7]Das Wort „pathos“ vom Substantiv τα πάθη stammend, bedeutet „was jemandem zustößt“. Dementsprechend ist ein Gefühl ein passiver Seelenzustand und eine emotionale Reaktion auf eine Begebenheit. Wie bereits mehrfach angedeutet, haben auch die Götter Gefühle. Und wie zu zeigen sein wird, sind auch diese in die sozialen Gefüge mit eingearbeitet. Eine ausführlichere Analyse des Wortursprungs in: Konstan 2006, 3-5.

[8]Schein 1984, 45.

[9]Graf 1991, 115. Einer Umschreibung der ich zustimme. Auch Hampe bemerkt die Menschlichkeit der Götter in seinem Nachwort zur Ilias-Übersetzung: „[Die Götter sind] in mancher Hinsicht voll menschlich-allzumenschlicher Züge; die Mitleid mit ihren Helden, aber auch mit den Pferden des Peliden haben.“ Hampe 2012, 548.

[10]Vgl. Graf, 115f.

[11]Vgl. Burkert 1991, 82ff.

[12]Vgl. Patzek 2009, 108.

[13]In einem Schema der Götterhandlungen, welches sich fast auf jede Szene der Ilias anwenden lässt, verdeutlicht er dies: „1. Menschliches Geschehen, 2. Beobachtung durch die Götter, 3. Gefühlsreaktion der Götter, 4. Götterhandlung auf dem Olymp, 5. Epiphanie, 6. Götterhandlung unter den Menschen, 7. Weggang der Götter, 8. Menschliches Geschehen“. Kullmann 1956, 44f; 245f. Den Gefühlen der Götter kommt hier eine entscheidende Rolle zu, ohne welche die Handlung nicht ausgelöst würde.

[14]Ebd., 87.

[15]Vgl. Konstan 2006, 5ff.

[16]Kullmann bezieht dies auf eine theologische Funktion: „Homer hält den Gedanken einer solchen Beeinflussung durch die Götter zwar aufrecht, ja, er hält eine solche Beeinflussung für viel häufiger als bisher geglaubt wurde, tendiert aber dahin, den magischen und übernatürlichen Charakter der Beeinflussung fallen zu lassen und das göttliche Wirken dem menschlichen anzupassen. Die Folge ist, daß die Götter in Menschengestalt auftreten und wirken.“ Kullmann 1956, 81.

[17]Vgl. Kullmann 1956, 87.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Emotionalität der Götter. Zorn, Hass, Liebe und Mitleid in Homers "Ilias"
Veranstaltung
Geschichte
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V340004
ISBN (eBook)
9783668296428
ISBN (Buch)
9783668296435
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Homer, Epen, Ilias, Götter, Emotionen, griechische Mythologie, Emotionalität, Emotionsuntersuchung, David Konstan
Arbeit zitieren
Manuela Klagge (Autor), 2013, Die Emotionalität der Götter. Zorn, Hass, Liebe und Mitleid in Homers "Ilias", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340004

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