Islamischer Widerstand in Südthailand. Die Autonomiebestrebungen der Malaien-Muslime


Hausarbeit, 2014
11 Seiten, Note: 1,3
Silvana Vialova (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund

3. Entwicklung unter der Regierung Thailands

4. Separatistische Organisationen

5. Eskalation der Gewalt

6. Lösungsansätze

7. Zusammenfassende Ursachen und Gefahren in der Zukunft

8. Bibliographie

1. Einleitung

Im Süden Thailands bestehen seit Jahrzehnten Spannungen zwischen der dort leben- den Bevölkerung und der thailändischen Zentralregierungen. Separatistische Gruppen erstreben mit unterschiedlichsten Mitteln eine Abspaltung vom thailändischen Staat und schrecken dabei auch vor Gewalt nicht zurück. Die betroffene Bevölkerungsgruppe in Südthailand ist muslimisch geprägt, weshalb in diesem Zusammenhang oft von isla- mischem Widerstand die Rede ist. In Thailand stellen Muslime rund 5,5 % der Bevölke- rung dar, also rund ca. 2,5 Millionen Menschen. Eine halbe Millionen Muslime leben integriert im Großraum Bangkok. Sie kommen aus aller Welt, leben assimiliert in gro- ßen Städten in Nord- oder Zentralthailand und werden als die Gruppe der „Thai- Muslime“ bezeichnet. Den weitaus größeren Teil der Muslime in Thailand stellen aller- dings die sogenannten „Malaien-Muslime“ dar, die in Südthailand im Gebiet des ehe- maligen Sultanats Patani leben (Schneider 2006:76 ff.).

In dieser Arbeit möchte ich darauf eingehen wie die Separationsbestrebungen dieser Region und ihr Spannungsverhältnis zur Zentralregierung entstanden sind. Dazu werde ich den historischen Hintergrund der Bevölkerungsgruppe zurückverfolgen, ihre Situa- tion unter den verschiedenen thailändischen Regierungen analysieren und auf den bewaffneten Widerstand eingehen. Denn im Gegensatz zu anderen Muslimen in Thai- land sind die Malaien-Muslime nicht im Laufe der Jahre nach Thailand eingewandert, sondern lebten schon Jahrhunderte lang in dieser Region unter verschiedenen Herr- schaften. Sie unterscheiden sich jedoch nicht nur aufgrund ihrer Religion von der bud- dhistischen Bevölkerungsmehrheit sondern sind ethnisch kulturell malaiischer Ab- stammung. Doch auch die Religion spielt eine nicht unbedeutende Rolle in den Auto- nomiebestrebungen der Bevölkerungsgruppe. Denn Religion war schon immer ein wichtiger Antrieb für separatistische Bestrebungen und in muslimischen Gebieten oft sogar Hauptbestandteil. Dies ist drauf zurückzuführen, dass der Islam und der Nationa- lismus sich durch das Ablehnen fremder Gesetze gegenseitig bekräftigen und der Islam Politik und Religion nicht trennt. So hat er also Einfluss auf alle Bereiche und Aktivitä- ten (Grabowsky 1995:201 f.).

Um die aktuellen separatistischen Vorgänge problemlos nachvollziehen zu können, werde ich, bevor ich diese erläutere, darstellen wie sich der islamische Widerstand organisiert. Nach dem Anführen einiger Lösungsansätze für den Konflikt versuche ich anschließend selbst die Frage zu beantworten, was mögliche Ursachen und Gründe für solch separatistische Bestrebungen sein können. Denn die Bewegung in Thailand legi- timiert sich zwar durch ihre religiöse Komponente, jedoch ist das starke Identitätsge- fühl der Malaien-Muslime nicht allein durch Religion zu begründen, sondern beruft sich auf die Jahrhunderte alte Geschichte seiner ethnisch-kulturellen Ursprünge.

2. Historischer Hintergrund

Der Widerstand und die Separationsbestrebungen der Malaien-Muslime sind auf ihr eigenes kulturell-ethnisches Identitätsgefühl zurückzuführen, dessen Ursprung in der jahrhundertelangen Geschichte der ethnischen Gruppe liegt. Dazu muss man bis ins 15. Jahrhundert zurückgehen, als das jetzige Gebiet der südlichen Provinzen Thailands zu den sieben Fürstentümern des Sultanats Patani gehörte. Das anfangs buddhistische und hinduistische Gebiet, wurde aufgrund seiner Lage, als Handelspunkt zwischen Arabien, Indien und China von zahlreichen muslimischen Händlern passiert, die auch ihre Religion dort zu verbreiten versuchten. Nachdem 1457 ein muslimischer König an die Macht kam, wurde in Patani ein islamischer Staat ausgerufen, die hindu- buddhistischen Kulturelemente entfernt und es entstand eine muslimische Dynastie samt einer Elite, die fortan „Ulama“ genannt wurde. Bis 1786 lebten die Pataner recht eigenständig und autonom unter der siamesischen Oberherrschaft, wurden dann aber vom siamesischen Königreich gewaltsam unterworfen und in den Staat eingegliedert. Um die islamische Identität zu schwächen und den mono-ethnischen Charakter des Reiches zu bewahren, wurde die Elite der „Ulama“ abgesetzt und die Gebiete Patanis geteilt und von Siamesen verwaltet (Islam 2006: 41 ff.).

Da auch die Kolonialmacht Britannien ihre Interessensgebiete in dieser Region hatte, wurde schließlich zur Einigung auf die Gebietsverteilung 1909 der anglo-siamesische Vertrag unterschrieben, der die Grenzen zum kolonialen Malaysia und Patani als Pro- vinz Siams und später Thailands festsetzte. Diese Grenzregelung ist bis heute gültig und riss die BewohnerInnen Patanis aus ihrem malaiisch-muslimischen Lebensraum heraus, der ihrer Religion, Kultur und Sprache entspricht. So geriet die Region, die schon lange Grenzgebiet zwischen muslimisch und buddhistisch geprägten Ragionen war, gänzlich zwischen die Fronten (Stahr 1997:214 ff.).

Die politisch-historischen, sprachlichen, religiösen und ethnisch-kulturellen Gemeinsamkeiten mit Malaysia und das Identitätsgefühl der Malaien-Muslime ist also auf das Sultanat zurückzuführen und wurde wohl durch zahlreiche Assimilierungsversuche und Unterdrückungserfahrungen intensiviert (Schneider 2006:83 ff.).

3. Entwicklung unter der Regierung Thailands

Unter der Regierung des siamesischen Königs Chulalonkorn Ende des 19. Jahrhunderts begann nun eine Politik der Assimilierung. Die früheren Gesetze Patanis, Scharia und Adat1, wurden fast vollständig außer Kraft gesetzt und die traditionellen, lokalen Herr- scher der Regionen abgesetzt. Daraufhin bildete sich ein erster Widerstand in den ehemaligen Fürstentümern, der vor allem vom Adel und den religiösen Führern aus- ging. 1921 wurde zudem ein Gesetz erlassen, das den Malaien-Muslimen vorschrieb ihre Kinder auf Thai-Schulen zu schicken und nicht auf muslimische Schulen, welche als „Pondok“2 bezeichnet werden. Dieser Zwangsbildungsprozess wurde als „Thai Com- pulsory Education Act“ bezeichnet. In der malaiisch-muslimischen Bevölkerung keimte die Angst auf, dass ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Religion ausgelöscht werden würde und so formierte sich 1922 in der Bevölkerung ein großer Widerstand, der hauptsächlich von den „Pondok“ - LehrerInnen angeführt wurde. Während dieser Pro- testzeit verstießen einige Malaien-Muslime gegen die neuen Gesetze, weshalb die Re- gierung viele von ihnen tötete und ihre Führer exekutierte. Wegen der dadurch ent- stehenden Unruhen stellte diese neue Form der Gewalt und die rücksichtslose Integra- tionspolitik für den thailändischen Staat jedoch die Gefahr dar, die eingegliederten Gebiete wieder an Britannien zu verlieren und so wurde eine neue, entgegenkommen- dere Form der Integration entwickelt. Den Malaien-Muslimen wurden einige Zuge- ständnisse gemacht, die zum Beispiel das Zahlen geringerer Steuer und eine Anpassung der Gesetze an das Adat beinhalteten. Außerdem wurde versucht den ökonomischen Fortschritt auch in die südlichen Provinzen zu tragen und somit eine politische Loyalität und Teilhabe zu erreichen (Islam 2006:45 ff.).

So war von 1923 bis 1938 ein relativ friedliches Miteinander möglich, indem die mus- limische Minderheit weniger unterdrückt wurde und dem zur Folge in diesem Konflikt auch weniger Gewalt vorherrschte. Dieser Zustand wurde jedoch 1938 ruckartig been- det, als der Ministerpräsident Phibun an die Macht kam und seine ultra- nationalistische Regierung eine strenge Assimilierungspolitik begann. Den Malaien- Muslimen war es von nun an verboten sich malaiisch zu kleiden, ihre Sprache „Yawi“ zu sprechen und religiöse Handlungen des Islam durchzuführen. Aufgrund dieser Re- pressalien gründeten sich schnell zwei erste Organisationen des islamischen Wider- standes - die GAMPAR und die PPM. Die von Haji Sulong bin Abdul Kadir gegründete PPM und die von Tengku Mahmud Mahayudding gegründete GAMPAR , die das Ziel eines eigenen malaiischen Staates hatten, gelten als Initiatoren des bis heute existie- renden Separatismus. So begann in den späten 1950er Jahren der bewaffnete Wider- stand in den südlichen Provinzen Thailands. Doch diesmal setzte die neue Regierung die Politik der Unterdrückung fort. 1961 wurde unter Marshal Sarit Thanarat ein Pro- gramm zur Verbesserung der Bildung durchgeführt, welches die immer noch beste- henden islamischen Schulen „Pondok“ zu registrierten, privaten Schulen machen soll- te, womit die Regierung dann Einfluss auf Lerninhalt und Unterrichtssprache hatte. Auch diesem Programm konnten jedoch einige Schulen entgehen und so existierten von den 535 „Pondok“ Schulen danach immerhin noch 109. Ein weiteres Projekt dieser Regierung wurde „Self-Help-Settlement Project“ genannt und hatte zum Ziel, aus den südlichen Provinzen überwiegend buddhistisches Gebiet zu machen. Buddhistischen BewohnerInnen Thailands wurde für die Umsiedlung in die patanischen Gebiete finan- zielle Vergütung und Ackerland zugestanden (Grabowsky 1995:233 ff., Islam 2006:46 ff.).

Erst die Regierung unter Tinsulanonda (1980 - 1988) wandte sich wieder den Rechten der Minderheit zu und konnte durch Sonderrechte für die südlichen Provinzen die Ge- walt eindämmen und sogar die Partizipation einiger Muslime in der Politik erreichen. Die erste demokratische Regierung gründete schließlich 1989 ein Ministerium, das für die Verwaltung der südlichen Provinzen zuständig war (Southern Border Provinces Council), eine Selbstbestimmung förderte und so Gewaltausbrüche bis in die 1990er Jahre reduzierte.

[...]


1 Das Adat ist ein ungeschriebenes Gewohnheitsrecht, das in indonesischen, muslimischen und hinduistischen Gesellschaften gebraucht wird und Einfluss nimmt auf Lebensbereiche, wie z.B. Heiratsbeziehungen, Traditionen, Rituale oder Kleidervorschriften.

2 “Pondok”-Schulen sind Islamschulen, die besonderen Wert auf die Lehre und Exegese des Korans, sowie auf das Erlernen der arabischen Sprache legen.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Islamischer Widerstand in Südthailand. Die Autonomiebestrebungen der Malaien-Muslime
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V340212
ISBN (eBook)
9783668297890
ISBN (Buch)
9783668297906
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thailand, islamischer Widerstand, Malaien-Muslime, Muslime, Autonomiebestrebungen, Separatisten
Arbeit zitieren
Silvana Vialova (Autor), 2014, Islamischer Widerstand in Südthailand. Die Autonomiebestrebungen der Malaien-Muslime, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340212

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