Rassismus, Kultur und Ethnizität in den Analysen von Stuart Hall. "Without Guarantees" von Rudolf Leiprecht und Helma Lutz


Referat (Ausarbeitung), 2016

16 Seiten, Note: 2,3

Kristina Schmelzer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Präsentation

Biographie

Identität und Subjekt

„Rasse“, Nation, Ethnizität

Encoding und Decoding

Artikulation

Rezeption

Stuart Halls Maximen der Forschung

Fragen zum Basistext

Seminardiskussion

Fazit

Literaturverzeichnis S.

Einleitung

Unser Referat wurde am 12.01.2016, also gegen Ende des Semesters, gehalten und ist somit auch insofern an das Ende des Seminars zu verorten, da unsere Präsentation thematisch einige wichtige ergänzende Sphären zu dem bisher Diskutierten darstellt. Haben wir uns zu Anfang noch mit Transnationalität und der Geschlechterthematik beschäftigt und inwiefern die transnationale Moderne, in der wir heutzutage leben, Einfluss auf die Geschlechterrollen haben und umgekehrt, so befanden wir uns gegen Ende dieses Seminars im Themenfeld der Ethnizität. Der thematische Übergang wurde dadurch geschaffen, dass wir uns mit Texten beschäftigten, die kritisch hinterfragten inwiefern man auch Ungleichheiten innerhalb ein und desselben Geschlechts aufgrund von Ethnizität feststellen kann und wie Herkunftsland, Gender und Migrationsprozesse miteinander verwoben sind. Texte wie von Gümen (Vgl. Hark (Hg.) 2007, S. 145 ff.), Gonalons (Vgl.Gonalons 2015) und letztendlich Hall, wie wir gleich noch sehen werden, gaben uns dabei den roten Faden durch das Seminar.

Zu der Sitzung vom 12.01.2016 sollten alle Seminarteilnehmer und -teilnehmerinnen den Basistext von Stuart Hall ÄKulturelle Identitäten und Diaspora“ lesen und in Form eines Lesetagebuchs die Essenz der Publikation für sich zusammenfassen. Der Titel lässt bereits vermuten, dass es sich losgelöst von der zuvor ausführlich behandelten Genderthematik eher um Selbstfindungsprozesse im Bezug auf Kulturen und Zugehörigkeiten handelt. Doch zum Basistext später.

Die Präsentation

In unserem Referat selbst ging es um eine Publikation von Rudolf Leiprecht und Helma Lutz, die über Stuart Hall als Person und über seine Thesen und Werke einen Gesamtüberblick gegeben haben. Somit war unser Anspruch an unsere Präsentation dem roten Faden der Publikation gerecht zu werden, uns relativ genau an die Gliederung des Textes zu halten und dabei die wichtigsten Theorien Halls hervor zu heben und anschließend einige uns wichtig erscheinende Aspekte kritisch im Plenum zu diskutieren. Als Start gaben wir demnach einen Kurzüberblick über seine Biographie.

Biographie

Geboren und aufgewachsen ist Stuart Hall am 3.Februar 1932 in Kingston, Jamaica. Er selbst habe laut eigener Aussagen schon damals unter den rassistischen und sozialen Verhältnissen in Jamaica gelitten. Mit Hilfe eines Stipendiums wanderte er nach Oxford, Großbritannien aus, wo er dann Literaturwissenschaften studierte. Wofür er berühmt wurde und somit großen Einfluss in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit gewann, war die Gründung des Centers of Contemporary Cultural Studies zusammen mit Richard Hoggart 1964 in Birmingham. Allgemein trat er immer öfter mit seinen Stellungnahmen zu wichtigen politischen und kulturellen Themen in den Medien auf, um seine Ansichten darzustellen und publik zu machen. Seine Publikationen bezogen sich immer auf den Multikulturalismusdiskurs, den er immer in Zusammenhang mit Rassismus- und Machtverhältnisanalysen setzte.

Seine Werke beeindruckten deshalb, weil er seine eigenen Erfahrungen zum Thema Rassismus und kulturelle Identität miteinbezog und oft aus der Ich- oder Wir-Perspektive schrieb, was so eher ungewöhnlich im wissenschaftlichen Diskurs war. (Vgl. Leiprecht und Lutz 2015, S. 291)

Ihm selbst lag viel daran ein Bewusstsein für den dominierenden weißen Blick zu schaffen, der nach Hall beschreibt und bewertet. (Vgl. Hall 1989, S. 159) Nach Hall müsse man sich nicht explizit rassistisch äußern, um einen rassistischen Blickwinkel zu haben. Hall wollte bewusst machen, dass Multikulturalismus eben nicht Äjeder ist gleichwertig“ bedeutet, sondern dass dieses Konzept immer noch soziale Ungleichheit mit sich bringt. Ebenso spiele für Hall die Rolle der Massenmedien für diese soziale Positionierung von Leuten eine große Rolle. (Vgl. Leiprecht und Lutz 2015, S.290) Durch seine Analysen der Machtverhältnisse habe er Wissenschaftler nachhaltig geprägt und galt als einer der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Am 10. Februar 2014 ist er letztendlich in London verstorben.

Mit dieser Kurzbiographie leiteten wir das Referat ein.

Identität und Subjekt

Stuart Hall befasste sich in diesem Zusammenhang damit was Identität und Subjekt eigentlich bedeutet: Identität nicht als feststehendes Sein zu begreifen, sondern als endloser Prozess und Weiterentwicklung und vor Allem, dass man auch Mehreres gleichzeitig sein kann.

Je nach Kontext und Situation sind Identitäten und Subjekte jedoch kollektiv als Nation z.B. zu verstehen oder auch als individuelle Einzelne. Auch unsere Gesellschaft, die sich im Laufe der Geschichte in ihren Werten und Normen und andere Bereichen verändert hat, wird demnach im Subjekt reflektiert.

Wir gaben dem Plenum einen kurzen Diskurs zur Theorie des symbolischen Interaktionismus, welches aussagt, dass das Subjekt immer im Bezug zu den Anderen geformt wird und dass Identitätsbildung auf der Interaktion zwischen dem Ich und der Gesellschaft beruht. (Vgl. Leiprecht und Lutz 2015, S. 296) Diskontinuität, Bruch und Zerstreuung gehen für Hall mit den Begriffen Subjekt und Identität einher (Vgl. Hall 1994a, S. 185), da dass vollkommene, einheitliche Subjekt mit einer zusammenhängenden, dauerhaften Identität eine Illusion sei. (Vgl. Hall 1994a, S. 183) Daher würden sich Pluralismus von Identitätsangeboten auch in der Politik ergeben, da politische Landschaften mit ihren Wählern sowohl vielfältiger als auch wechselhafter geworden sind. (Vgl. Leiprecht und Lutz 2015, S.296f.)

Somit lässt sich unserem Verständnis nach zusammenfassend sagen, dass Identität niemals etwas Abgeschlossenes und Vollendetes sein kann, da es eher auf einem stetigen Werden beruht und dass das Subjekt stets ein Anderes braucht, welches einem die eigene Existenz sozusagen bestätigt, indem es auf mein ÄIch“ reagiert und mich in der Gesellschaft dadurch einbettet.

„Rasse“, Nation, Ethnizität

Stuart Hall hat sich während seiner wissenschaftlichen Laufbahn sehr intensiv mit den Begriffen ÄRasse“, Nation und Ethnizität sowie deren Verhältnisse zueinander beschäftigt. Der Begriff ÄRasse“ stellt für ihn lediglich nur Äeine diskursive, keine biologische Kategorie“ dar. Diese Konstruktion von Gruppen erfolge durch eine Grenzziehung entlang körperlichen Merkmalen wie z.B. Hautfarbe, Haarform. Die Kategorisierung von ÄSchwarz“ und ÄWeiß“ sieht Stuart Hall weder als natürlich noch essentiell an, sondern sei einfach nur in politische und kulturelle Zusammenhänge eingebettet (Vgl. Hall 1994b, S.18). Hierbei lässt sich klar Stuart Halls Anspielung auf die Kolonialisierung und Ausbeutung von verschiedenen Ländern durch die Europäer erkennen.

Im Bezug auf den Begriff Nation betont Stuart Hall, dass es sich bei nationaler Kultur um einen Diskurs handelt, der darauf abzielt, ÄBedeutungen zu konstruieren, die sowohl unsere Handlung als auch unsere Auffassungen von uns selbst beeinflusst und organisiert.“ (Hall 1994a, S. 201)

In Diskussionen über den Begriff Nation fallen häufig Wörter wie Änationale Einheitlichkeit“ oder Äeinheitliche Nationalkultur“ wie z.B. auch in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise in Deutschland. Tausend Pegida Anhänger gehen regelmäßig auf die Straße um gegen die Einwanderung von muslimischen Menschen zu protestieren, da sie darin eine vermeintliche Bedrohung der abendländischen Kultur/Werte sehen.

Für Stuart Hall ist die nationale Einheitskultur ein nicht real existierendes Konstrukt. Er stellt fest, dass die Ämeisten modernen Nationen (...) aus disparaten Kulturen (bestehen), die nur durch einen langen Prozess gewaltsamer Eroberungen vereinigt wurden, d.h. durch gewaltsame Unterdrückung kultureller Differenzen“ (Hall 1994a, S. 206). Nationen sind somit nach Stuart Hall Äkulturell hybrid“ d.h. Äimmer aus verschiedenen sozialen Klassen, Geschlechtern und ethnischen Gruppen zusammengesetzt“. Diese Diversität wird u.a. auch, aber nicht nur, durch Migrationsprozesse vorangetrieben, so Hall.

Im Bezug auf den Ethnizitätsbegriff spricht sich Hall für eine Erweiterung dessen aus. Dieser solle nämlich seiner Meinung nach nicht nur für Einwanderer oder einer Mehrheit stehen, sondern für alle Mitglieder einer Gesellschaft gelten. Gleichzeitig ist er sich der Problematik von Konzepten wie Ethnizität und ethnische Identität bewusst. Diese Konzepte können nämlich politisch-national Rechte dazu missbraucht werden, um gegen Einwanderer zu hetzten, die angeblich eine homogene bzw. ursprüngliche ethnisch-nationale Identität bedrohen. Diese Problematik ist angesichts der momentan andauernden Flüchtlingskrise aktueller denn je. Rechtspopulistische und nationalistische Parteien in Deutschland wie die AfD und NPD aber auch die Front National in Frankreich konnten den Flüchtlingszustrom dazu instrumentalisieren, gegen Fremde zu hetzten und so einen massiven Stimmengewinn bei Kommunal- und Landtagswahlen zu verzeichnen (Vgl. Albrecht 2016). Die Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung ist so groß, dass selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahresansprache für 2016 die Bevölkerung mahnt, Ädenen nicht zu folgen, die mit Kälte oder gar Hass in ihren Herzen ein Deutschsein allein für sich reklamieren und andere ausgrenzen wollen (Vgl. Merkel 2015; n-tv.de).“

Angesichts dieser Problematik des Ethnizitätsbegriffs, den Stuart Hall schon sehr früh erkannt hatte, entwickelte er ein neues Modell von Identitätsbildung. Dabei bediente er sich auch seinen eigenen Erfahrungen aus verschiedenen Migrationskontexten. Hall sieht für Einwanderer im Zeitalter der Globalisierung nämlich nicht nur die Option Äentweder zu ihren Wurzeln zurückzukehren oder in der Assimilation oder Homogenisierung zu verschwinden (Hall 1994a, S.218)“. Hall setzt sich für eine offenere Konzeption von Ethnizität ein, indem er ÄRouten“-Wege der Erfahrung, Integration, Ausgrenzung und des Neubeginns hervorhebt, um eine zwangsläufige Marginalisierung anderer zu vermeiden. In diesem Zusammenhang spricht er auch von ÄKulturen der Hybridität“. Menschen mit multiplen Zugehörigkeiten sollten demnach diese in ihr persönliches Identitätskonzept integrieren.

Encoding und Decoding

Stuart Hall hat sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit Kommunikationsmodellen und der Analyse von Medien beschäftigt. In seiner Theorie zu Encoding/Decoding kritisiert er das deterministische ÄSender-Empfänger-Konzept“. Dieses Konzept geht nämlich nur von der Weitergabe der Information in nur eine Richtung aus, eben vom ÄSender“ zu ÄEmpfänger“. Hall beschreibt den Kommunikationsprozess als prozesshaften Kreislauf, in dem die Medien eine große Deutungshoheit im Kodierungsprozess besitzen:ÄNachrichten, Informationen oder Medieninhalte sind nicht Realität, sondern Repräsentationen von Realität, kodiert in Botschaften und Bedeutungen, wobei die Kodierenden auf ihr soziales Wissen zurückgreifen und versuchen bevorzugte Bedeutungen zu implementieren (Vgl. Leiprecht und Lutz 2015, S. 299)“. Die Medien haben also nach diesem Modell die Hoheit durch geeignetes Kodieren (Encoding) den Deutungsprozess mit einem Fingerzeig zu lenken.

Die von Stuart Hall beschriebene Deutungshoheit der Medien im Kommunikationsprozess lässt sich auch gut mit einem Ereignis während der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 verdeutlichen. September 2015 ging nämlich das Foto eines toten Flüchtlingsjungen um die Welt. Dieses Bild, welches bei den allermeisten Menschen Mitgefühl und Trauer auslöst, hat zu einem Stimmungsumschwung Großbritanniens in der Flüchtlingspolitik geführt. Nach Ansicht des bewegenden Fotos war Großbritannien plötzlich bereit, eine größere Zahl an syrischen Flüchtlingen aufzunehmen (Vgl. Wintour 2015).

Auch wenn die Medien eine Deutungshoheit im Kommunikationsprozess haben weiß Stuart Hall auch darauf hin dass Botschaften mehrdeutig sind und dass das Publikum eigene Lesearten entwickelt und eine große Bandbreite an Dekodierungsoptionen besitzt (Vgl. Luprecht und Lutz 2015, S. 299). Die Medien haben also demnach keinen vollständigen Zugriff auf Dekodierungsprozesse des Publikums

Artikulation

Das Thema Artikulation wurde in Leiprechts und Lutz' Text zu Stuart Hall als eigenständig gegliedertes Themenfeld behandelt, demnach haben auch wir in unserem Referat dieses Konzept von Hall hervorgehoben. Zum allgemeinen Verständnis erläuterten wir, was Hall als Artikulation

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Rassismus, Kultur und Ethnizität in den Analysen von Stuart Hall. "Without Guarantees" von Rudolf Leiprecht und Helma Lutz
Note
2,3
Autoren
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V340252
ISBN (eBook)
9783668301672
ISBN (Buch)
9783668301689
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rassismus, kultur, ethnizität, analysen, stuart, hall, without, guarantees, rudolf, leiprecht, helma, lutz
Arbeit zitieren
Kristina Schmelzer (Autor)Nico Kammerlunger (Autor), 2016, Rassismus, Kultur und Ethnizität in den Analysen von Stuart Hall. "Without Guarantees" von Rudolf Leiprecht und Helma Lutz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340252

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rassismus, Kultur und Ethnizität in den Analysen von Stuart Hall. "Without Guarantees" von Rudolf Leiprecht und Helma Lutz



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden