Evolutionstheorie und Kreationismus. Glaube zwischen zwei Weltanschauungen

Hintergründe und mögliche Konsequenzen für den schulischen Unterricht


Examensarbeit, 2009
86 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Entwicklung der Evolutionstheorie
2.1 Vorreiter Darwins
2.2 Paradigmenwechsel bei Charles Darwin
2.3 Zeitgenössische Reaktionen auf die Deszendenztheorie
2.4 Spannung zwischen Schöpfungsglauben und Deszendenztheorie
2.5 Weitere Entwicklung der Deszendenztheorie in der Synthetischen Evolution
2.6 Zusammenfassung

3 Stellung der Evolutionstheorie in der Naturwissenschaft
3.1 Naturwissenschaftliches Forschen
3.2 Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn – Deduktion und Induktion
3.3 Bedingungen für eine wissenschaftliche Theorie

4 Kreationismus in moderner Form
4.1 Kreationismus als Wissenschaft?
4.2 Grundlegende kreationistische Argumentationsmuster
Makroevolution
Mikroevolution
4.2.1 Das Grundtypenmodell
4.2.2 Intelligent Design
4.2.3 Systematisches Fehlen von Übergangsformen in der Paläontologie
4.3 Das „Kritisches Lehrbuch“ von Reihardt Junker
4.4 Theologische Motivation der Kreationisten
4.5 Einfluss der persönlichen Weltbilder

5 Naturwissenschaft und Glaube
5.1 Theologie im Wandel
5.2 Die biblische Schöpfungsgeschichte
5.3 Theologische Aussagen
6 Verhältnisbestimmung Theologie und Naturwissenschaft
6.1 Immanuel Kants Erkenntnistheorie
6.2 Theologie im Konflikt mit einer naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftstheorie
6.3 Theologie in Unabhängigkeit von Wissenschaftstheorie
6.4 Theologie im Dialog mit Wissenschaftstheorie und mit Naturwissenschaft
6.5 Stellung der EKD zum Dialog mit Wissenschaft und zum Kreationismus
6.6 Kritik der Evangelischen Kirche am Kreationismus
6.7 Evangelische Kirche zum Kompromiss der Theistischen Evolution
6.8 Standpunkt der Katholischen Kirche
6.9 Zusammenfassung

7 Der Dialog von Evolutionstheorie und Kreationismus
7.1 Die AG Evolutionsbiologie und Weltanschauung

8 Umgang mit Kreationismus im schulischen Unterricht
8.1 Politische Diskussion
8.2 Europarat warnt vor Kreationismus in der Bildung
8.3 Verbreitung des Kreationismus in anderen Ländern
8.4 Einstellung in der deutschen Bevölkerung
8.5 Schülermeinungen zur Behandlung von Kreatinismus im Unterricht
8.6 Wort und Wissen zu Evolution und Schöpfung in der Schule
8.7 EKD zu Evolution und Schöpfung in der Schule
8.8 Didaktische Prinzipien für die schulische Behandlung von Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie

9 Schluss

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Juli 1836 schrieb ein jungerNaturwissenschaftler ohne Bezahlung an Bord des britischen Forschungsschiffes Beaglefolgende Worte in sein Notizbuch:

Wenn ich diese in Sichtweise voneinander gelegenen und nur von einigen Arten besiedelten Inseln sehe, bewohnt von diesen Vögeln, die sich in ihrem Körperbau geringfügig unterscheiden und in der Natur den gleichen Platz einnehmen, muss ich annehmen, dass es sich bei ihnen um Varietäten handelt […] Wenn diese Bemerkungen auch nur im geringsten begründet sind, wäre es die Tierwelt von Archipelen wert, dass man sie untersucht: denn solche Fakten würden die Konstanz der Arten in Frage stellen.[1]

Es sollte noch über zwanzig Jahre dauern, bis Charles Darwin seine Beobachtungen veröffentlichte. Er war sich bewusst, dass die Schlussfolgerungen seiner Entdeckung in direktem Widerspruch zum Weltbild der damaligen Zeit standen.Die von Darwin eingeleitete intellektuelle Revolution reichte weit über die Grenzen der Biologie hinaus; sie führte zur Absage an einige grundlegende Glaubensvorstellungen jener Zeit[2]. Seitdem steht die Naturwissenschaft Biologie in ständigem Konflikt mit verschiedenen religiösen Glaubensinhalten, so Ullrich Kutschera, ein führender Evolutionsbiologe in Deutschland[3].

Die anfänglich ablehnende Haltung des Klerus gegenüber den neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ist zugunsten der renommierten Theologie von heute gewichen. In die Rolle der Opposition sind stattdessen vom Glauben geprägte und von Evolutionsbiologen als „pseudowissenschaftlich“ eingestufte Bewegungen geschlüpft. Sie versuchen die naturwissenschaftlichen Beobachtungen von Darwin und die Befunde der Evolutionstheorie in ein Schöpfungsmodell einzuordnen. Daher werden immer wieder in der Öffentlichkeit unter dem Stichwort Kreationismus diskutiert und „stiften Verwirrung“, so Kutschera.

Repräsentativen Umfragen zufolge sind 20 Prozent der deutschen Bevölkerung der Meinung, dass die Evolutionstheorie grundlegend falsch sei[4] - als Biologielehrer wird man daher höchstwahrscheinlich mit der Theorie des Kreationismus in Berührung kommen. Nach Ernst Mayr ist diese Ablehnung der Evolutionstheorie nur aus idealistischen Gründen heraus erklärbar. Daher genügt es in dieser Diskussion nicht, sich mit den naturwissenschaftlichen Argumenten gegen eine Evolutionstheorie auseinander zu setzen.

Diese Arbeit will die Hintergründe der kreationistischen Evolutionskritiker beleuchten, sich mit dem Spannungsfeld von Glaube und Evolution auseinandersetzen und mögliche Antworten andenken. Dies geht zwangsweise über das Fachgebiet der Biologie hinaus. Da die Evolutionstheorie die ursprünglich theologische Frage nach dem Ursprung des Lebens naturwissenschaftlich zu beantworten versucht, liegt unvermeidlich eine Überschneidung verschiedener Wahrheitsansprüche und Weltanschauungen vor. Daher ist es ratsam, diese Fachgrenzen ebenfalls zu überschreiten – spätestens in der Auseinandersetzung mit dem Kreationismus. Ansonsten ist jeder Dialog im Voraus zum Scheitern verurteilt.

In der Phase der Entstehung der Evolutionstheorie waren diese Grenz-Konflikte noch viel offensichtlicher. Der Blick in die Geschichte führt im zweiten Kapitel Historische Entwicklung der Evolutionstheorie zurück zum Kern der Auseinandersetzung mit derSchöpfungsvorstellung und macht deutlich, wie sich die Evolutionstheorie gegen den Schöpfungsglauben durchsetzen musste.Das dritte Kapitel Stellung der Evolutionstheorie in der Naturwissenschaft beschäftigt sich mit wissenschaftstheoretischen Grundlagen und damit,wie sich die Theorie der Biologie unweigerlich mit geisteswissenschaftlichen Inhalten überschneidet.Im vierten Kapitel wird daher diskutiert, ob man den Kreationismus als Wissenschaft sehen darf und wie seine wesentliche Evolutionskritik aufgebaut und motiviert ist. Es soll deutlich werden, wie der Kreationismus versucht, naturwissenschaftliche Argumente in ein theologisches Weltbild einzuordnen. Im Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Glaube muss im fünften Kapitel auch darauf eingegangen werden, wie die Theologie mit der kreationistischen Motivation, dem Schöpfungsglauben, umgeht. Darauf baut die grundlegende Verhältnisbestimmung auf, die im sechsten Kapitel die Beziehung von Theologie und Naturwissenschaft regelt.Ein kleiner Exkurs bezieht sich auf die Schwierigkeiten eines Dialogs von Evolutionstheoretikern und Kreationisten. Nach dieser Erarbeitung stellt sich im achten Kapitel die finale Frage, wie man sich angesichts der Kontroverse verhalten kann – vor allem im Hinblick auf den schulischen Unterricht.

2 Historische Entwicklung der Evolutionstheorie

Seit jeher beschäftigt sich die Menschheit mit der Frage nach dem Ursprung des Lebens und des Universums. Die ersten Antworten wurden hierbei in Mythen gefunden, mündlichen und schriftlichen Erzählungen die über viele Generationen hinweg in erstaunlicher Treue weitergegeben wurden. Dabei stellten Götter die Handelnden dar und waren als Grundkräfte des Alls gedacht[5]. Es traten immer wieder vier verschiedene Schöpfungsvorstellungen auf: 1. Schöpfung als Ergebnis eines Götterkampfes, 2. als Geburt durch die „Mutter Erde“, 3. als ein handwerkliches Herstellen oder Formen oder 4. durch das bloße Befehlswort Gottes. Alle diese vier Schöpfungsvorstellungen sind auch im Alten Testament enthalten. Dieses Weltbild hat die westliche Welt entscheidend geprägt und wurde bis über das Mittelalter hinaus als hinreichende Erklärung für die Entstehung der Welt angesehen, da sie nicht im Widerspruch mit der beobachtbaren Natur stand. So weit sich der Schöpfungsgedanke zurückverfolgen lässt, gibt es daneben aber auch Spuren einer angedachten Evolution in der griechischen Philosophie (8.-3.Jhdt v. Chr.), welche das Denken in Europa ebenfalls nachhaltig beeinflusste. In dieser Zeit wurde erstmals durch Beobachtung versucht, Naturerscheinungen mit natürlichen Ursachen und nicht mit dem Wirken von Göttern zu erklären – allerdings ohne von einem grundsätzlichen Schöpfungsakt abzuweichen. Bei Anaximensis, einem Schüler von Thales von Milet, findet sich die Vorstellung einer generatio spontana, einer holometabolen Metamorphose des Menschen aus fischähnlichen Lebewesen, ähnlich der Umwandlung eines Insekts aus dem Puppenstadium[6]. Hemmend auf den Evolutionsgedanken wirkte sich dagegen Platons Essentialismus aus, von welchem auch Darwin noch beeinflusst wurde[7]. Er betonte die Unveränderlichkeit der Erscheinungsformen (gr. eidos = Aussehen, Gestalt, Art [!]) – egal ob geometrische Körper oder Lebewesen. Als letzer griechischer Philosoph und Naturforscher mit großem Einfluss auf die Vorstellung von Evolution in der Neuzeit ist Aristoteles (384‑322v.Chr.) anzuführen. Seine Taxonomie ordnete alle ihm bekannten Lebewesen in eine Stufenleiter des Lebens ein, die im 17.Jhdt als scala naturae ausgebaut dem Evolutionsgedanken den Weg ebnete.

Als nach dem Niedergang des griechischen und römischen Reiches das Christentum die Führung im abendländischen Reich übernahm, wurden neue Konturen sichtbar. Die Heilige Schrift wurde Maßstab aller Dinge und Anfang und Ende der Welt waren somit definiert[8]. Pioniergedanken der Evolution lassen sich aber auch noch bei den Kirchenvätern finden. Blaius der Große erblickte in der Schöpfungsgeschichte eine Dynamik und glaubte, die Lebewesen seien am fünften Tag der Schöpfungsgeschichte aus dem Wasser an Land gegangen. Augustinus war der Ansicht, dass Gott der Natur das Vermögen gab, Organismen neu zu produzieren. Da man im Mittelalter alle Erkenntnisse aus den tradierten Lehrmeinungen übernahm, wurde die Beobachtung der Natur als Wirklichkeitserschließung grundsätzlich vernachlässigt und verleugnet.

Am Paradebeispiel des Widerspruches von naturwissenschaftlicher Beobachtung und traditioneller Lehrmeinung, dem Fall Kopernikus (1473-1543), wird deutlich wie nachdrücklich anfangs noch am biblischen Weltbild festgehalten wurde. Nachdem das vom katholischen Domherrn Nikolaus Kopernikus theoretisch ausgearbeitete heliozentrische Weltbild durch den Mathematiker und evangelischen Theologen Johannes Keppler (1571-1630) bestätigt und korrigiert wurde, lieferte Galileo Galilei (1564-1642) eine unwiderlegbare Bestätigung dieses Weltbildes. In einem Brief an den Benediktiner Castelli legt Galilei 1613 seine Auffassungen über das Verhältnis der Bibel zur Naturwissenschaft dar: „Wenn die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse feststehen und den Aussagen der Bibel widersprechen, ist eine Neuinterpretation der Bibel fällig.“[9] 1632 wird er vor die römische Inquisition zitiert und der Druck wird auch ohne Folter so groß, dass er „als treuer Katholik seinem Irrtum abschwört“[10]. Auch wenn der berühmte Ausspruch „und sie dreht sich doch“ historisch vermutlich nicht von ihm stammt, drückt er aus, wie sich die Naturwissenschaft aufgrund ihrer überprüfbaren Erkenntnisse gegen reine Glaubensannahmen durchsetzte.

Der katholische Theologe Hans Küng deutet den Fall Galilei als „symptomatischen Präzedenzfall, der das Verhältnis der jungen aufstrebenden Naturwissenschaft zu Kirche und Religion an der Wurzel vergiftete, besonders da sich die Einstellung Roms auch in der Folgezeit nicht änderte, sondern sich angesichts des Fortschritts der Naturwissenschaft (und später besonders der biologischen Forschung mit Charles Darwin) noch verhärtete […] [Es kam] zum permanenten Konflikt zwischen Naturwissenschaft und der herrschenden Normaltheologie.“[11]

2.1 Vorreiter Darwins

„Es gibt so viele Arten, wie der unendlich Eine Gott am Anfang als verschiedene Formen hervorgebracht hat.“ [12]

Carl von Linné (1707-1778)

Aufgrund der fortschreitenden Forschung gelangten die Zusammenhänge in der Natur immer stärker in das Interesse der Öffentlichkeit. Dabei entstand eine Faszination über die Vielfalt und Komplexität der Natur, die auf die Herrlichkeit des Schöpfergottes zurückgeführt wurde. Die meisten Naturforscher waren Theologen, die diesen Gottesbeweis ausbauten. Gleichzeitig lieferte diese religiös motivierte Naturforschung Daten, die der Theologie erhebliche Schwierigkeiten machten.[13]

Der Evolutionsbiologe Ernst Mayr stellt bei der Untersuchung dieser historischen Epoche fest, dass sich der Darwinismus so nachhaltig ausprägte, „dass es für einen modernen Menschen fast unmöglich ist, sich in die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts zurückzuversetzen und das Denken dieser vordarwinistischen Epoche zu rekonstruieren“[14] – umso aufschlussreicher kann sie für unser Thema sein.

Der Theologe William Paley schrieb 1802 in seinem Buch Natural Theology über den intelligenten Schöpfer, der die Spezies jedes nach seiner Art geschaffen habe. Daher rang man in dieser Zeit stark mit der Trennung zwischen Arten und Unterarten, denn aus Züchtungen waren verschiedene Variationen bekannt.[15]

Carl von Linné (1707-1778) war der Überzeugung, dass man „jetzt nicht mehr Arten findet, als von Anfang an gewesen sind“[16]. Auf dieser Grundlage entwickelte er ein einheitliches Klassifizierungssystem, in welches er alle bekannten Lebensformen hierarchisch einordnete. Gleichzeitig schränkt er ein, man müsse „diejenigen beiseite lassen, die der Standort oder der Zufall als geringfügig unterschieden hergestellt hat“ und erklärt hiermit das Auftreten von Varietäten mit der beiläufigen Erwähnung der Anpassung an den Lebensraum. Es wird deutlich, wie sich schon Lehren wie natürliche Selektion andeuten, die erst Darwin veröffentlichte. Mit neuen Forschungserkenntnissen (v.a. in der Botanik) musste man Eingeständnisse in der Konstanztheorie machen: Linné schränkte die Konstanz der Schöpfung auf Gattungen ein – und vertrat damit eine ähnlichen Standpunkt wie moderne Kreationisten.

Andere beunruhigende Funde und Beobachtungen waren die Überreste von Tieren in Höhlen und tiefen Erdschichten, die keiner bekannten biologischen Art zuzuordnen waren. Wenn Gott diese Tiere erschuf, wieso lies er sie aussterben? Das Phänomen der Fossilien von damals sogenannten „degenerierten Arten“ wurde anfangs mit den Spuren der Sintflut erklärt. Doch spätestens als die ersten Mammuts gefunden wurden, musste man das Aussterben vereinzelter der Arten erklären.[17]

Baron Georg von Cuvier (1769-1832), der als Begründer der Paläontologie gilt, entwickelte daraufhin eine Katalysmen-Theorie. Sie klärte alle paläontologischen Funde mit einer theologischen Antwort: In periodischen Zeitabständen würden alle Lebewesen vernichtet um danach durch Neuschöpfung oder außerirdischer Einwanderung neu zu entstehen. Diese Grundannahme der fortwährenden Schöpfung Gottes (creatio continua) war auch eine erste Erklärung für den Wandel der Arten.

Sehr bald genügten diese Theorie nicht mehr und eine erste biologische Erklärung wurde von Jean-Baptiste de Monet, Chevalier de Lamarck (1744-1829) angestrebt. Er gilt heute als Begründer der ersten Evolutionslehre.[18] Er vertrat das Prinzip einer Anpassung der Individuen an den Lebensraum durch stärkere Ausprägung häufig genutzter Organe und konsequenterweise auch der Vererbung dieser durch Anstrengung erworbenen Eigenschaften. Daher hätten sich die ausgestorbenen Arten in die heutigen umgewandelt, diese entwickeln sich aber auf parallel verlaufenden, sich höher-entwickelnden Abstammungslinien – die allerdings nicht durch Artensprünge miteinander verbunden sind. Lamarck ging also nicht von einem gemeinsamen Ursprung aller Lebewesen aus, aber er erklärte die Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt mit dem Faktor einer natürlichen Selektion: der am besten Angepasste überlebt.

Auch wenn die Vererbung erworbener Eigenschaften heute als widerlegt gilt, war Lamarcks Theorie ein großer Schritt in der Evolution der Evolutionslehre. Dies war der Grund, auf dem Charles Darwin seine Vermutungen anstellte und die Welt, in der er sich behaupten musste.

2.2 Paradigmenwechsel bei Charles Darwin

„Ich bin davon überzeugt, daß die die Vorstellung einer Erschaffung der Arten falsch ist.“ [19] Charles Darwin (1809-1882)

„Die von Darwin eingeleitete intellektuelle Revolution reichte weit über die Grenzen der Biologie hinaus; sie führte zur Absage an einige grundlegende Glaubensvorstellungen jener Zeit.“ [20]

Ernst Mayr

Paradigmenwechsel bedeutet „mehr als nur den Wechsel eines ‚Denkmusters‘, das die Weltsicht einer Zeit prägt, vielmehr den Wechsel ‚einer Gesamtkonstellation von Überzeugungen, Werten und Verfahrensweisen, die von den Mitgliedern einer bestimmten Gemeinschaft geprägt wird’“[21]. Ein solcher Umbruch kristallisierte sich an der Person Charles Darwins. Um zu verstehen, auf was für grundlegenden Annahmen die Evolutionstheorie basiert und wie sie sich aus der Theorie der Konstanz der Arten heraus entwickelte, bietet es sich an, Darwin in seinem Leben, seiner Forschung und Entwicklung zu begleiten.

Charles Darwin wurde am 12.Februar 1809 als fünftes von sechs Kindern geboren. Seine Mutter starb, als er acht Jahre alt, war und seine Schwestern kümmerten sich um ihn. Sein Großvater, Erasmus Darwin, war Biologe und entwickelte eine ähnliche Evolutionstheorie wie Lamarck. Darwin konnte es sich leisten, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, da der Vater vermögend war und der Junior sich somit nie ernsthaft um seinen Lebensunterhalt sorgen musste. Noch der alte Charles Darwin spricht von seinem Vater als dem weisesten Mann, den er je gekannt habe. Dieser nimmt ihn ohne Abschluss von der Schule und schickt ihn zum Medizinstudium, als er beobachtet wie der Sohn im Garten ein kleines Chemielaboratorium aufbaut. Doch beim Operieren wird ihm übel und mit Rücksprache mit dem Vater wechselt er nach Cambridge zum Studium der Theologie. Anfangs zweifelt er daran, ob sein Glaube an die „Dogmen der Kirche von England“[22] ausreichend sei, kann dies aber nach einiger Bedenkzeit bejahen.

Während des Studiums verbringt er viel Zeit damit, zu jagen und zu schießen, seine musischen Fähigkeiten zu entwickeln undeine Sammlung von Käfern anzulegen. In England waren damals praktisch alle Naturwissenschaftler ordinierte Pfarrer, so auch die Professoren in Cambridge. Sein Lieblingsprofessor in Theologie, John Steven Henslow, dem Darwin zeitlebens freundschaftlich verbunden war, weckte in ihm Interesse für Botanik. Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums blieb Darwin noch zwei Semester in Cambridge, bis Henslow ihm 1831 eine Teilnahme an einer Vermessungs-Expedition der Beagle vermittelte, was bedeutet, er könnte die fünfjährige Reise als junger Naturwissenschaftler begleiten. In der Vorbereitungszeit tritt erstmals eine depressiv-gesundheitliche Störung bei Darwin auf, die heutzutage wahrscheinlich als psychosomatische Erkrankung gelten würde. Sie sollte ihm bis an sein Lebensende zu schaffen machen und außerordentlich viel Arbeitskraft rauben. Aber auch ohne seine grundlegende Ausarbeitung der Evolutionstheorie wäre Darwin trotz seiner Einschränkung als einer der bedeutendsten Naturforscher des 19. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen, denn er veröffentlichte zahlreiche Bücher über Themen wie Rankenfußkrebse, Regenwürmer, Pflanzenbewegungen und Inselgeologie[23].

Mit in seinem Gepäck auf der geologischen Vermessungsreise ist das 1830 erschiene Buch Prinziples of Geology des führenden Geologen Charles Lyell. Darin vertritt er den Uniformitarismus (heute eher Gradualismus genannt), den er bewusst der Katastrophentheorie entgegen setzt.Demnach sind die heute wirksamen Kräfte und ablaufende Prozesse der Schlüssel für das Verständnis der Vergangenheit. Gleichzeitig wird damit ein hohes Alter der Erde vorausgesetzt. Auf diesem Gradualismus baut Darwin seine Theorie auf, dass Veränderung der Art durch Anhäufung von vielen kleinen Modifikationen stattfindet.

Wie schon in der Einleitung erwähnt wurde, beobachtete Darwin die Natur und wagte es, Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.Aus der Faszination über die Artenvielfalt wuchs die damit verbundene Frage, ob und wie neue Arten entstehen, denn sie war zu seiner Zeit noch nicht zufriedenstellend beantwortet.

Darwins Paradebeispiel für adaptive Radiation (Aufspaltung einer relativ homogenen Organismengruppe in zahlreiche abgeleitete Arten durch Besiedlung unbesetzter Lebensräume), die Spottdrosseln, die ihm zu Ehren Darwin-Finken genannt werden, wurden von dem Biologen anfangs nur abwertend als „dull-colored birds“ beschrieben. Sein Interesse galt erst einer Nandu-Art (südamerikanischer Vogelstrauß) anhand welcher er einen plötzlichen Artensprung vermutete (Saltation). Während der Heimreise 1836 stellte er beim Ordnen seiner Sammlungen fest, dass sich die Individuen einer Population jeder beliebigen Art in vielen erheblichen Merkmalen unterschieden[24]. Zurück in England wies ihn der Ornithologe John Gould darauf hin, dass es sich bei den Spottdrosseln um drei verschiedene Arten handle, die sich auf den drei Galapagos-Inseln separat entwickelten. Da diese drei Arten eindeutig von der auf dem südamerikanischen Festland lebenden Spottdrossel abstammten, war eine Saltation ausgeschlossen und eine allmähliche Anpassung an die Umwelt, in vielen kleinen Schritten, wurde vermutet. Diese Beobachtung brachte Darwin dazu, Veränderung der Arten als einen Abzweigungsprozess zu sehen und von Lamarcks linearer Stammesentwicklung abzuweichen.

Neben dieser ersten wichtigen Beobachtung der schrittweisen Veränderung prägte ein weiterer Gedanke über den Überlebenskampf seine Forschung.

Darwin brauchte noch einige Zeit, bis er seine reichen Funde sinnvoll sortieren und auswerten konnte. Ihm fehlte noch der Grund der schrittweisen Veränderung. Auf dieser Suche wird er 1838 von dem Aufsatz On the Prinziple of Population (1798)des Ökonomen Thomas Malthus inspiriert. Dieser beschreibt, wie der Mensch aufgrund seines exponentiellen Wachstums bald an die Grenzen der Nahrungsmittelversorgung kommen würde – wovon Hungersnöte und ein Massensterben die Folge wären. (Dabei geht Malthus allerdings von einem linearen Wachstum der Lebensmittelproduktion aus.) Darwin erkennt, dass jede Tierart permanent in einer solchen Krisensituation lebt. Es wird um Lebensraum gekämpft, aber trotzdem findet eine Überproduktion an Nachkommen statt, von welchen nur die Besten überleben. Kombiniert mit der Beobachtung der Variabilität innerhalb einer Art ist der Beste derjenige, der am Besten an die Umwelt angepasst ist. Es entsteht die Theorie der natürlichen Selektion.

Darwin schreibt: „Wenn leichte Veränderungen auftreten, die einem Lebewesen nützlich sind, dann werden Individuen mit diesen Charakterzügen sicherlich die besten Chancen haben, im Kampf um das Leben [ struggle for life ] zu bestehen; und wegen des starken Prinzips der Vererbung werden sie dazu neigen, Nachkommen von gleichem Charakter zu bekommen. Dieses Prinzip der Erhaltung habe ich, der Kürze wegen, natürliche Selektion genannt.“[25]

Mit dieser Theorie kann Darwin die Fakten erklären, die seine Zeitgenossen beschäftigen. 1842 beginnt Darwin mit den ersten Aufzeichnungen zu der Entstehung der Arten (On the Origin of the Species). Er arbeitet 1856 wieder daran, bis er durch die parallele Entwicklung einer Evolutionstheorie durch natürliche Auslese von Alfred Russel Wallace gedrängt wurde, 1859 einen „Abriss“ seines Buches zu veröffentlichen. Wahrscheinlich zögerte er so lange, weil er sich einerseits der Spannungen innerhalb der Gesellschaft bewusst war[26] und andererseits auf weitere Fossilienfunde wartete, um seine Theorie zu untermauern[27].

Er schreibt an seinen Freund Lyell: „Hätte Wallace meine Skizze von 1842 gelesen, hätte er keinen treffenderen Auszug machen können. Sogar seine Formulierungen sind Überschriften meiner Kapitel.“[28] Diese unabhängige Entwicklung zeigt, wie die Schlussfolgerungen Darwins von den Vordenkern seiner Zeit geprägt waren. Die erste Auflage mit 1250 Exemplarenvon On the Origin of the Species war am ersten Tag ausverkauft. Wallace erkannte Darwins Ruhm und Leistung an, da dieser die Theorie der natürlichen Selektion mit zahlreichen Beispielen untermauern und dadurch der massiven Kritik standhalten konnte.

Der Begründer der synthetischen Evolutionstheorie Ernst Mayr sieht Darwins Leistung vor allem darin, dass Darwin die Eigenschaften von einem Naturwissenschaftler und einem Theoretiker ­ einem Philosophen vereinte.[29] (womit wir wieder bei der Grenzüberschreitung aus der Einleitung wären).

Er beobachtete nicht nur, sondern er wagte auch, diese Phänomene in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. So beobachtete er Variation z.B. an den Darwin-Finken und schloss daraus –über seine Beobachtung hinaus – auf einen gemeinsamen Ursprung des Lebens aus einer unbekannten Urform. So fasst er am Ende von On the Origin of the Species zusammen: „Ich könnte aus einer Analogie schließen, dass wahrscheinlich alle Wesen, die jemals auf der Erde gelebt haben, von einer ursprünglichen Form abstammen, in die das Leben zuerst eingehaucht worden ist.“[30]

2.3 Zeitgenössische Reaktionen auf die Deszendenztheorie

Nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen, sondern auch in der Öffentlichkeit stieß Darwins gut ausgearbeitete Deszendenztheorie (Abstammungslehre)auf große Resonanz – was Darwin immer wieder überraschte. Die Entstehung der Arten war mit 27.000 Exemplaren das wohl meistverkaufte Buch seines Jahrhunderts. Allerdings waren die meisten Rezensionen negativ, wenn nicht ausgesprochen feindselig. Führende Philosophen, Theologen, Literaten und wissenschaftliche Zelebritäten äußerten sich öffentlich zu Darwins Theorie: sie sei ein „wissenschaftlicher Missgriff, unlauter hinsichtlich der Fakten, unwissenschaftlich in den Methoden und schädlich in der Tendenz.“[31] In Kirchen wurde gegen die Deszendenztheorie gepredigt und in Zeitungen wurde Darwin als Affe verspottet.

Damit wurde vor allem darauf reagiert, dass aus der Theorie des gemeinsamen Ursprungs geschlossen werden muss, dass der Mensch von Tieren abstammt, worauf Darwin erst 1871 in seinem Buch The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex eingeht. Diese Schlussfolgerung wird von Sigmund Freud zu den drei großen Kränkungen der Menschheit gezählt. Für alle Philosophen und Theologen der damaligen Zeit war der Mensch eine von anderen Formen des Lebens gesonderte Schöpfung. Dies bedeutete das Ende des traditionellen Anthropozentrismus der Bibel und der Philosophen.[32]

Ernst Mayr resümiert vier christliche Glaubenselemente der damaligen Zeit, die in Konflikt mit der Theorie des gemeinsamen Ursprungs standen:[33]

1. Der Glaube an eine unveränderliche Welt
2. Der Glaube an eine Erschaffung der Welt
3. Der Glaube an eine Welt, die vollkommen geplant war
4. Der Glaube an die einzigartige Stellung des Menschen

Dies war das extreme Spannungsverhältnis, dem sich Darwin mit seinem herbeigeführten Paradigmenwechsel ausgesetzt sah.

2.4 Spannung zwischen Schöpfungsglauben und Deszendenztheorie

Um den Zusammenhang und die grundlegende Spannung zwischen Evolution und dem Schöpfungsglauben deutlicher zu machen und der Polemik entgegenzuwirken, unter der diese Auseinandersetzung oftmals geführt wird – seitens der Kreationisten wie von Vertretern der Evolutionsbiologie – ist es hilfreich, noch einmal in das Leben des Mannes zu blicken, der der Evolutionstheorie zum allgemeinen Durchbruch verhalf und plötzlich eine solche Bedrohung für den christlichen Glauben darstellte.

Die Entwicklung seines Glaubens rekapitulierend schreibt Darwin 1858 in sein Notizbuch: „Damals [auf der Beagle] zweifelte ich nicht im geringsten an der strikten und buchstäblichen Wahrheit eines jeden Wortes in der Bibel“ und beschreibt sich selbst als „ziemlich strenggläubig“: „ich erinnere mich, daß ich von einigen Offizieren herzlich ausgelacht wurde, als ich bei einer Frage der Moral die Bibel als unwiderlegbare Autorität zitierte“[34] – was aufgrund seines Theologiestudiums und der täglichen Bibellese der versammelten Mannschaft der Beagle auch verständlich ist. Neben der Bezweiflung der Konstanz der Arten aufgrund der offensichtlichen Varianz (im Konflikt mit dem Glauben an die unveränderliche Welt) beschäftigte ihn auch die Annahme, dass die Welt vollkommen geplant sei. Würde ein liebender Gott eine parasitär lebende Wespe schaffen, deren Eier den Wirt lebendig auffressen?

Wie das Leid in der Tierwelt erschütterte ihn auch die von Christen ausgeübte Praxis der Sklaverei: „Ich sah, wie ein kleiner Junge dreimal mit einer Reitpeitsche über den Kopf geschlagen wurde, ehe ich dazwischentreten konnte, und das nur, da er mir ein Glas Wasser reichte, was nicht ganz sauber war […] Und diese Handlungen werden von Leuten ausgeführt und verteidigt, die behaupten, ihre Nächsten wie sich selbst zu lieben, die an Gott glauben und beten, daß sein Wille auf Erden geschehe.“[35] In dieser Beobachtung liegt nicht nur das negative Zeugnis anderer Christen, sondern vor allem das unberechtigte Leid:„Dieser alte, aus der Existenz des Leidens hergeleitete Beweisgrund gegen die Existenz einer ersten Ursache [Gott] schien mir sehr gewichtig zu sein. Dagegen stimmt die Existenz des Leidens sehr gut mit der Annahme überein, daß alles organische Wesen durch Mutation und Selektion entwickelt wurde.“ So wirkt sich die Theodizee-Frage gegen den Glauben aus und gleichzeitig auch für die Theorie des gemeinsamen Ursprungs ohne göttlichen Schöpfungsakt.

Gleichzeitig fühlte Darwin sich aber auch genötigt, sich „nach einer ersten Ursache umzuschauen. Sie muß einen dem des Menschen in gewisser Hinsicht analogen Intellekt besitzen. So verdiene ich, Theist genannt zu werden.“[36] An dieser Stelle lässt sich Darwin selbst von dem Argument des IntelligentDesigns überzeugen, welches in den letzten Jahren unserer Zeit wieder aufgegriffen wurde.

Ein einschlägiges Ereignis war die tödliche Erkrankung seiner zehnjährigen Tochter im Jahre 1851. Die Trauer und das Unverständnis darüber, wie Gott so etwas zulassen könne, förderten Verbitterung. Fünfundzwanzig Jahre später schrieb er: „Daher kroch die Ungläubigkeit sehr langsam über mich, aber eines Tages war sie vollständig. Die Veränderung war so langsam, dass ich kein Leid empfand, und ich habe seitdem niemals auch nur für eine Sekunde bezweifelt, dass meine Schlussfolgerung korrekt war.“[37] Noch interessanter als seine persönliche Selbsteinschätzung der Ungläubigkeit ist die Verbindung, die er zur Evolutionstheorie zieht. Es zeigt es auf, dass sich Glaube und Evolutionstheorie in seinem Leben beeinflussten und dass er seine Schlussfolgerungen zum gemeinsamen Ursprung des Lebens ohne diese Entwicklung zum Atheismus nicht hätte vertreten können.

Am Ende seines Lebens antwortet er einem deutschen Studenten, der recht hartnäckig wissen wollte, wie er es mit Gott und dem Christentum halte:

„Ich bin recht beschäftigt – ein alter Mann und wenig gesund. Ich finde keine Zeit, ihre Fragen vollständig zu beantworten – sie können vermutlich auch nicht einmal beantwortet werden. Wissenschaft hat nichts mit Christus zu tun. Mit einer Ausnahme: Die Gewöhnung an wissenschaftliches Forschen macht einen Mann vorsichtig, Beweise anzuerkennen. Ich persönlich glaube nicht, daß jemals eine Offenbarung stattfand. Was das zukünftige Leben betrifft, muß ein jeder für sich selbst entscheiden zwischen zwei sich widersprechenden und unbestimmten Wahrscheinlichkeiten.“[38]

Diese Stellungnahme des alten Darwins ist so weise, dass wir an späterer Stelle nochmals darauf zurückkommen werden. Durch die grundsätzliche Trennung von Wissenschaft und Christus stellt er die Freiheit der Forschung sicher, aber auch die Berechtigung des Glaubens. Das kritische Betrachten der „Beweise“ lässt sich auf die Gottesbeweise seiner Zeit und allgemeine Hinweise auf einen Gott, so wie auf die Indizien, die für eine Evolution sprechen, beziehen. Daher kann er von zwei unbestimmten Wahrscheinlichkeiten und der daraus resultierenden freien Entscheidung sprechen, die er auch dem deutschen Studenten nicht abnehmen kann – und sich selbst nicht nehmen lassen will.

2.5 Weitere Entwicklung der Deszendenztheorie in der Synthetischen Evolution

Nach dem Tod Darwins hat sich die Deszendenztheorie kontinuierlich durchgesetzt weiterentwickelt. Fünfzehn Jahre nach Erscheinen von The Origin of Species war die neue Sicht auf die Entwicklung des Lebens in der wissenschaftlichen Welt etabliert - außer sie wurde aus religiösen Gründen abgelehnt[39]. In den anschließenden Jahren wurden die einzelnen Thesen Darwins bestätigt und in den verschiedenen Gebieten der Biologie weiter erforscht (Darwinismus/Dezendenztheorie ca. 1850-1890). Durch die Wiederentdeckung der Mendelschen Regeln wurde die Genetik begründet und unter dem Namen Neodarwinismus auf die Evolutionstheorie angewandt (1890-1910). Auch andere Forschungsgebiete der Chemie und Molekularbiologie entwickelten sich und die neuen Erkenntnisse wurden unter dem Stichwort Synthetische Evolutionstheorie vereint (1930-1950). In der folgenden Zeit bis heute wird die Erweiterte Synthetische Theorie als Erklärungsmodell auf weitere wissenschaftliche Disziplinen angewandt und die Abstammung weiter erforscht, wie z. B. mit dem Erstellen von molekularen Stammbäumen.

2.6 Zusammenfassung

Dieser recht ausführliche Rückblick auf die schrittweise Entstehung der Evolutionstheorie zeigt, wie sie sich immer wieder mit religiösen Vorstellungen auseinander setzen musste.Aufgrund der heutigen Komplexität der Evolutionstheorie, ihrem unüberschaubar großen Umfang und nahezu unbestrittenen Autorität ist es hilfreich diese kleinen, aber grundlegenden Schritte der Evolutionstheorie einmal genauer zu betrachten. Denn bei ihnen hakt die Evolutionskritik des Kreationismus ein und denkt in andere Richtungen weiter. Diese Anzweiflung der Evolutionstheorie ist an sich nicht überraschend oder primitiv, sondern liegt in der Natur der Forschung. So führten nicht nur die bloßen naturwissenschaftlichen Daten zu einer neuen Ursprungsvorstellung, sondern zeitgenössische und religiöse Strömungen beeinflussten den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess in seinem deduktiven Schluss über den Ursprung des Lebens.

Gleichzeitig zeigt dieser Rückblick die wesentlichen Elemente der Evolutionstheorie auf. Der Begriff „Evolution“ (lat. evolvere = auseinander rollen, entwickeln, entfalten) besitzt als Fachterminus keine Definition und lässt sich daher nicht klar umreißen. Während Darwin den Begriff Deszendenz theorie (engl. descent = Abstammung) benutzte, um die Abstammung aus einer Urform zu betonen, hat sich seit 1870 der Begriff Evolutions theorie durchgesetzt, der eine allmählich fortschreitende Entwicklung zu höherer Komplexität betont.

Die wesentlichen Punkte der Evolutionstheorie sind (nach Ernst Mayr):

- Biologische Arten verändern sich
- Evolutionslinien zweigen sich auf und haben einen gemeinsamen Ursprung des Lebens
- Evolution verläuft graduell und nicht sprunghaft
- Entscheidender Mechanismus dabei ist die natürlicheSelektion

3 Stellung der Evolutionstheorie in der Naturwissenschaft

„Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution“ [40]

Theodosius Dobzhansky (1900-1975)

Dieser Aufsatztitel eines Mitbegründers der Synthetischen Evolution veranschaulicht, dass die Evolutionstheorie nicht nur eine biologische Disziplin ist, sondern als wissenschaftliche Theorie ein Erklärungsmodell bietet, welches Zusammenhänge und Strukturen beleuchtet. Sie wird daher nicht nur als Königsdisziplin bezeichnet, sondern ist die Theorie der Biologie selbst – gleichsam einem roten Faden, der sich durch alle Bereiche der Biologie zieht.

Die folgenden wissenschaftstheoretischen Aussagen sind in dieser Arbeit notwendig, da die Diskussion von Evolutionisten und Kreationisten oftmals auf den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit hinausläuft. Gleichzeitig ist diese Grundlage notwendig um mit Kritik an der Evolutionstheorie angemessen umzugehen.

3.1 Naturwissenschaftliches Forschen

Naturwissenschaftliche Forschung ist ein Erkenntnisprozess zur Erklärung der Natur;es werden „natürliche Ursachen für natürliche Probleme gesucht“[41]. Daher arbeiten Naturwissenschaften empirisch: Ihre Aussagen müssen einen Bezug zu beobachtbaren Tatsachen haben. Diese sogenannten Daten werden durch Naturbeobachtung oder Experimente gewonnen und müssen ihre allgemeine Gültigkeit in der Reproduzierbarkeit beweisen. Dabei geht es nicht nur um die Anhäufung von Daten, sondern um die Aufdeckung von kausalen Zusammenhängen. Vergangene Zusammenhänge können, da sie nicht beobachtbar sind, nur indirekt aus der Gegenwart erschlossen werden. (Diese Selbstbegrenzung der naturwissenschaftlichen Forschung sollte nicht aus dem Blick verloren werden.)

[...]


[1] Barlow, Nora (1963): Darwin’s ornithological Notes. In Bull. Brit. Mus., Hist. Ser. 2. Zitiert nach Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 19.

[2] Vgl. Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 15.

[3] Vgl. Kutschera, Ullrich (2001): Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung, S 232.

[4] Höhneisen, Rolf (2003): Repräsentative Umfrage zu Schöpfung und Evolution. In: Faktum 03/2003, S 24-26.

[5] Stripf, Rainer (2007): Evolution – Geschichte einer Idee. Von der Antike bis Haeckel,S 7.

[6] Ebd., S 16.

[7] Schrader, Christopher (2007): Darwins Werk und Gottes Beitrag, S 22.

[8] Jeßberger, Rolf (1990): Kreationismus. Kritik des modernen Antievolutionismus, S 31.

[9] Küng; Hans (2006): Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion, S 18.

[10] Ebd., S 19.

[11] Ebd., S 20.

[12] Linné, Carl von (1763): Philosophia botanica. Zitiert nach Stripf, Rainer (2007): Evolution – Geschichte einer Idee. Von der Antike bis Haeckel, S115.

[13] Vgl. Jessberger, Rolf (1990): Kreationismus. Kritik des modernen Antievolutionismus, S 32.

[14] Mayr, Ernst (1994): „….und Darwin hat doch recht.“Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 15.

[15] Schrader, Christopher (2007): Darwins Werk und Gottes Beitrag, S 23.

[16] Linné, Carl von (1737): Genera Plantanum. Zitiert nach Stripf, Rainer (2007): Evolution – Geschichte einer Idee. Von der Antike bis Haeckel, S 117.

[17] Vgl. Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 32.

[18] Vgl. Kutschera, Ullrich (2001): Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung, S 17.

[19] Darwin, Charles (1859): The Origin of Species. Zitiert nach KUTSCHERA, Ullrich (2001): Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung,S 22.

[20] Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 15.

[21] Kuhn, Thomas (1976): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S 175.Zitiert nach KÜNG, Hans: Der Anfang aller Dinge, S 17.

[22] Darwin, Francis (1887): Leben und Briefe von Charles Darwin. Zitiert nach: Lay, Rupert (1981): Die Ketzer. Von Roger Bacon bis Teilhard, S 114.

[23] Campbell, Neil A.; Reece, Jane B.(2006): Biologie, S 15.

[24] Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 37.

[25] Darwin, Charles (1859): The Origin of Species.Zitiert nach. Schrader, Christopher (2007): Darwins Werk und Gottes Beitrag, S 26.

[26] Da die herrschende Oberschicht ihre Macht aus der Einsetzung Gottes begründete, stellte eine Theorie, die Gottes Ordnung durch das Prinzip des struggle for life (dem Ringen nach Leben) und Überleben des Stärkeren ersetzte, gewissermaßen Sprengstoff für die Gesellschaft dar.

[27] Kutschera, Ullrich (2001): Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung, S 21.

[28] Darwin, Francis (1887): Leben und Briefe von Charles Darwin. Zitiert nach: Lay, Rupert (1981): Die Ketzer. Von Roger Bacon bis Teilhard, S 129.

[29] Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 26.

[30] Darwin, Charles (1859 / Nachdruck 2005): Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, S 184.

[31] Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 24.

[32] Ebd., S 42.

[33] Ebd., S 61.

[34] Darwin, Charles (1859): The Origin of Species. Zitiert nach: MAYR, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 61.

[35] Lay, Rupert (1981): Die Ketzer. Von Roger Bacon bis Teilhard, S 118.

[36] Ebd., S 123.

[37] Schrader, Christopher (2007): Darwins Werk und Gottes Beitrag,S 28.

[38] Lay, Rupert (1981): Die Ketzer. Von Roger Bacon bis Teilhard, S 122.

[39] Mayr, Ernst (1994): „…und Darwin hat doch recht.“ Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie, S 42.

[40] Junker, Reinhardt; Scherer, Siegfried (2006): Evolution – ein kritisches Lehrbuch, S 1.

[41] Ebd., S 18.

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Evolutionstheorie und Kreationismus. Glaube zwischen zwei Weltanschauungen
Untertitel
Hintergründe und mögliche Konsequenzen für den schulischen Unterricht
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau  (Biologie, Ev. Theologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
86
Katalognummer
V340272
ISBN (eBook)
9783668299702
ISBN (Buch)
9783668299719
Dateigröße
1474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Evolution, Kreationismus, Schöpfungslehre, Schöpfung, Theologie, Darwin, Evolutionstheorie, Kutschera, Wort und Wissen, Biologieunterricht, Religionsunterricht, Wissenschaftstheorie, Glaube, Intelligent Design, Schöpfungsgeschichte, Schule
Arbeit zitieren
Micha Ringwald (Autor), 2009, Evolutionstheorie und Kreationismus. Glaube zwischen zwei Weltanschauungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340272

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