Motive der Eroberung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug von 1202-1204

Versuch einer differenzierten Betrachtung unter Einbeziehung historischer Blickwinkel


Hausarbeit, 2016

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

I. Einleitung

II. Historischer Kontext
II.a. Der Kreuzzugsgedanke
II.b. Ziele der Beteiligten des Vierten Kreuzzuges
II.c. Das Verhältnis zwischen Konstantinopel und Venedig

III. Die Umleitung des Kreuzzuges

IV. Folgen

V. Fazit

VI. Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Die unvorhergesehenen Ereignisse des Vierten Kreuzzuges erregten schon die Gemüter der Zeitgenossen in einem Maße, das angesichts der angestrebten Einigkeit der Christenheit gegen die muslimische Bedrohung für das Heilige Land zu der Frage führt, inwiefern der Kreuzzugsgedanke an sich durch regionale und persönliche Machtinteressen korrumpiert werden konnte.

Die vorliegende Arbeit richtet ihr Augenmerk folgerichtig auf den Versuch einer groben Abbildung der Sachverhalte, die für die unvorhergesehene Entwicklung des Kreuzzuges am maßgeblichsten waren. Genannt seien hier – unter Rücksichtnahme auf den historischen Kontext – zuvorderst das ambivalente Verhältnis Konstantinopels zum Okzident im Allgemeinen und zur Republik Venedig als dem ausschlaggebenden Faktor im Vierten Kreuzzug im Speziellen sowie die unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen der beteiligten Parteien.

Zwecks einer umfassenden Behandlung der Thematik und einem besseren Verständnis der Ereignisse soll in dieser Arbeit die Darstellung der unterschiedlichen Sichtweisen und Handlungen außerdem durch Verweis auf die Aussagen einiger zeitgenössischer Quellen ergänzt werden, jedoch ohne sich dabei in den engen Grenzen eines Quellenkommentars zu bewegen. Zu nennen sind hier in erster Linie die Darstellungen des venezianischen Chronisten Martin da Canal in seinenLes Estoires de Veniseaus dem 13. Jahrhundert, der AugenzeugenberichtConquête de Constantinopledes französischen Adligen Geoffroy de Villehardouin, weiterhin der Schriftverkehr des Papstes Innozenz III.

Ansonsten richten sich die Ausführungen nach Möglichkeit am aktuellen Forschungsstand aus, eine differenzierte Betrachtung kann in diesem begrenzten Rahmen allerdings nur bedingt erfolgen. Jedoch ist oftmals gerade durch eine Zusammenstellung nur der prägnantesten Eckdaten und Fakten eine freie erste Einschätzung der zugrunde liegenden komplizierten Sachverhalte möglich, weshalb dieses Konzept hier als Richtlinie dienen mag.

II. Historischer Kontext

II.a. Der Kreuzzugsgedanke

Zu einer Rechtfertigung des ambivalenten Verlaufs des Vierten Kreuzzuges gegenüber Papst Innozenz III., dem Heer und der christlichen Welt an sich wurde schon von Anfang an durch die Entscheidungsträger der Unternehmung sowie daraufhin aufbauend von späteren Geschichtsschreibern das nicht klar definierte Konstrukt des Kreuzzugsgedankens herangezogen.[1]Mit der Eroberung Jerusalems durch die Muslime im 7. Jahrhundert wurde das Heilige Land in den Augen der späteren Kreuzfahrer herrenlos, ein Kampf gegen die Ungläubigen für die christliche Sache wurde im Westen als gottgefälliges Werk gesehen, alte byzantinische Ansprüche auf die Ländereien als überkommen erachtet.[2]Abgesehen von den relativ feststehenden Verfahrensweisen wie der vorhergehenden öffentlichen Ausrufung eines Kreuzzuges durch den Papst, um einer Bedrohung christlicher Interessen entgegenzuwirken, oder dem zu leistenden Eid, sich zu Ehren Gottes an einem Kreuzzug zu beteiligen, blieb den Teilnehmern in der Art der Durchführung ein großer Handlungsspielraum.[3]Was maßgeblich zur Rechtfertigung der späteren Plünderung Konstantinopels beitrug, war der Umstand, dass Gewalt gegen Christen an sich innerhalb des Kirchenrechts – im Sinne einer Rückführung von Häretikern auf den rechten Pfad – durchaus gebilligt wurde.[4]Während im lateinischen Westen die Kreuzzugsidee in Papst Innozenz III. einen eifrigen Fürsprecher fand,[5]stieß dieser Gedanke in Byzanz von jeher auf wenig Gegenliebe. Durch die jahrhundertelange Nachbarschaft zu heidnischen Reichen sah sich Byzanz seit jeher zu einer eher pragmatischen Sichtweise im Umgang mit Selbigen veranlasst, einhergehend mit einer zumindest im Grundsatz vorhandenen Akzeptanz Andersdenkender.[6]

Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Byzantinern und Muslimen wurden vorrangig aufgrund materieller und territorialer Besitzansprüche geführt und auch so begründet, die Kreuzzugsbegeisterung des Abendlandes und die Definition des Kreuzzuges als einer Pilgerfahrt in Waffen[7]blieben den Byzantinern fremd.[8]Vielmehr fühlte man sich von den durchziehenden Kreuzfahrerheeren bedroht und unterstellte ihnen mit einigem Recht oft die Absicht, sich byzantinisches Eigentum und gar das Byzantinische Reich selbst aneignen zu wollen.[9]

II.b. Ziele der Beteiligten des Vierten Kreuzzuges

Vorerst unterschied sich der Vierte Kreuzzug in seiner Zielsetzung nicht von seinen Vorläufern, das Vorhaben wurde durch den vom Ideengut des Kreuzzugsgedankens geprägten Papst Innozenz III. als seine erste wichtige Amtshandlung entschieden vorangetrieben.[10]Der am 15. August 1198 erfolgte AufrufPost miserabile Ierusolimitanenahm ausdrücklich auf den Status Jerusalems und die schlechte Lage der Christen im Heiligen Land Bezug und forderte die weltlichen Fürsten auf, sich dementsprechend in einem Kreuzzug zu engagieren und verlorene Gebiete zurückzuerobern.[11]Anfangs fand der Aufruf wenig Gehör, ging ihm doch im Gegensatz zum Dritten Kreuzzug kein einschneidendes Ereignis wie die katastrophale Niederlage bei Hattin voraus. Dennoch fanden sich im weiteren Verlauf mit Balduin IX. von Flandern, Bonifatius I. von Montferrat sowie der Gefolgschaft des Theobald III. von der Champagne genug Interessenten, um den neuen Kreuzzug Wirklichkeit werden zu lassen.[12]Die Absichten des Kreuzfahrerheeres waren vornehmlich von den Erfahrungen und Enttäuschungen des Dritten Kreuzzuges geleitet, den nicht wenige selbst im Gefolge Philips II. von Frankreich miterlebt hatten.[13]Die Sicherung der bedrohten Kreuzfahrerstaaten zum Wohle der Christenheit sollte nun in erster Linie durch die Besetzung des ayyubidischen Kernlandes erreicht werden, ein Ziel das auch im Fünften und Sechsten Kreuzzug verfolgt werden sollte.[14]Abgesehen von religiösen Erwägungen spielte der Wunsch auf eine Verbesserung der materiellen und politischen Position eine wesentliche Rolle unter den Kreuzfahrern. Neben der Steigerung des persönlichen Prestiges für einen Kreuzzugsrückkehrer gab es im Heiligen Land die Möglichkeit, Geld und Ländereien zu erwerben, ein Umstand, der die risikoreiche Unternehmung speziell für Adlige interessant erscheinen ließ.[15]

Venedig brachte sich in den vorangegangenen Kreuzzügen hingegen nur sehr zurückhaltend und – wenn es nicht um die Sicherung wirtschaftlicher Vorteile ging – gegen hohe Bezahlung ein, war man doch ganz pragmatisch an gesunden Handelsbeziehungen mit den Muslimen interessiert.[16]In der Person des Enrico Dandolo hatte Venedig nun jedoch einen machtpolitisch sehr ambitionierten Dogen, der im Sinne

[...]


[1]Vgl. hier z.B. Martin da Canal: Les Estoires de Venise, hrsg. von Alberto Limentani, Florenz 1972, I 45 oder Andrea J., Alfred: Contemporary Sources for the Fourth Crusade (The Medieval Mediterranean: Peoples, Economics and Cultures, 400-1453. 29), Leiden, Boston, Köln 2004, S. 99.

[2]Lilie, Ralph-Johannes: Byzanz und die Kreuzzüge, Stuttgart 2004, S. 24-25.

[3]Riley-Smith, Louise/ Riley-Smith Jonathan: The Crusades. Idea and Reality 1095-1274 (Documents of Medieval History 4), London 1981, S. 1.

[4]Ebd., S. 3.

[5]Ebd., S. 22.

[6]Lilie: Byzanz und die Kreuzzüge, S. 26.

[7]Queller, Donald E./ Madden, Thomas F.: The Fourth Crusade – The Conquest of Constantinople, Philadelphia 1997, S. 4.

[8]Lilie: Byzanz und die Kreuzzüge, S. 26-27.

[9]Ebd., S. 30-31.

[10]Angold, Michael: The Fourth Crusade – Event and Context, London 2003, S. 3.

[11]Andrea J., Alfred: Contemporary Sources for the Fourth Crusade, S. 10-19.

[12]Rösch, Gerhard: Venedig – Geschichte einer Seerepublik, Stuttgart 2000, S. 68.

[13]Angold, Michael: The Fourth Crusade, S. 75.

[14]Lilie, Ralph-Johannes: Byzanz und die Kreuzzüge, S. 158, vgl. auch Angold, Michael: The Fourth Crusade, S. 75.

[15]Queller, Donald E./ Madden, Thomas F.: The Fourth Crusade, S. 4.

[16]Rösch, Gerhard: Venedig – Geschichte einer Seerepublik, S. 68.

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Details

Titel
Motive der Eroberung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug von 1202-1204
Untertitel
Versuch einer differenzierten Betrachtung unter Einbeziehung historischer Blickwinkel
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Fachbereich 8: Historisches Seminar)
Veranstaltung
Oberitalienische Geschichtsschreibung des Hoch- und Spätmittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V340783
ISBN (eBook)
9783668303874
ISBN (Buch)
9783668303881
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Kreuzzug, Vierter Kreuzzug, Konstantinopel, Byzanz, Venedig, Kreuzfahrer, Heiliges Land, Papst, Innozenz III., Enrico Dandolo, Eroberung Konstantinopels, Issak II. Angelos, Alexios IV. Angelos, Flottenbau, Schisma, Ostkirche, Lateinisches Kaiserreich, Mehmet II., Byzantinisches Reich, Ostrom
Arbeit zitieren
Matthias Hasenstab (Autor), 2016, Motive der Eroberung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug von 1202-1204, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340783

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