Die Montage als intermediales Stilmittel in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz"


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1. Einleitung: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf

2. Figuration der Montage

3. Intermedialität lesen

4. Der Epos und seine >filmische Schreibweise<

5. Resumée

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf [1]

In Rezensionen entfacht der Roman aufgrund seiner epischen Breite einen regelrechten Gattungsdiskurs. Die einen betiteln ihn als einen Großstadtroman im Stil von James Joyce, einige bezeichnen ihn schlicht als einen Epos wie man ihn aus antiken Schriften kennt oder aber streiten sich gar um seine literarische Qualität. Die anderen wiederum erkennen eine filmische Schreibweise an, die ihn sogar zu einem Filmroman figuriert. [2] Letzterem möchte ich mich im Folgendem widmen.

Sein expressionistischer Stil stellt Berlin Alexanderplatz 1929 als einen für die Literaturwissenschaft inspirierenden Gedankenanstoß heraus. In einer schnelllebigen sich rasant verändernden und wachsenden Welt sammelt Döblin nicht nur Eindrücke aus einer Großstadt, er dokumentiert beinahe zeitgleich ebenso aktuelle Themen und Ereignisse der Menschen in ihr. Dies vollzieht Döblin literarisch auf eine spielerische Art. Er verhilft sich durch Verknüpfung unterschiedlichster sprachlicher Gestaltungen zu einem medialen Netz in und um Berlin Alexanderplatz.

Der Erzähler der Geschichte vom Franz Biberkopf ist ein sich ständig wechselnder. Anfänglich erscheint er als ein auktorialer gar prophetischer Informationsgarant, doch schon bald verschwindet seine Instanz hinter aufkommenden Nachrichtenmeldungen, Gedankenströmen, Bibelverweisen, Liedtexten oder Gedichtversen. Der Leser verliert umso öfter seinen Erzähler und mit ihm einen Handlungsfluss. Scheinbar zusammenhangslos prallen Sätze auf Folgesätze, deren Inhalt und Gestaltung nicht unterschiedlicher und somit diffuser hätten sein können. Eine Orientierung findet man jedoch in der jeweiligen Bucheinleitung und in den diversen Kapitelüberschriften, aber auch beim aufmerksamen und gründlichen Lesen der >nervösen< Lektüre.

Denn nimmt man sich etwas mehr Zeit für das literarische Werk, erkennt man nicht allein den expressiven Stil den Döblin in ihm verfolgt, sondern auch sein fließendes Muster. Es ist die (An-)Sammlung von montiertem medialen Material, die die Werkgenese ausmacht. Beeinflusst vom neuem Medium, dem Film, bedient sich Döblin der filmisch figurierten Montage, um mit ihrer Funktionsweise dem Informationsgehalt eines Filmes näher zu kommen. Als Roman in der deutschsprachigen Literatur der Moderne schlechthin kreiert Döblin mittels filmischem Werkzeug einen expressiven Literaturbeitrag.

Alfred Döblin figuriert Montage als intermediales Stilmittel in Berlin Alexanderplatz. Das ist meine These, der ich in dieser Seminararbeit analytisch nachgehen möchte. Mit Hilfe der Systemtheorie nach Luhmann wird die Intermedialität in dieser Analyse strukturiert aufgezeigt und ihre Funktionsweise in der Romanvorlage explizit ausgearbeitet. Dabei wird schwerpunktmäßig auf die literarische und filmische Montage eingegangen.

2. Figuration der Montage

Stilprinzip dieses Romans ist die Montage.“ [3]

Inwiefern von einer Figuration der Montage in der literarischen Vorlage gesprochen werden kann, soll in Bezug auf das filmische Vorbild beschrieben werden. Zweifellos ist der Film eine der Literatur folgende Kunstform, welcher sich häufig am literarischen Vorbild orientiert. Dies grenzt jedoch im engeren Sinne nicht aus, dass die Literatur im Umkehrschluss auch von ihren nachfolgenden Kunstformen Gebrauch machen könne.

Die Technik des Films legte die Formen und Möglichkeiten menschlicher Wahrnehmung in dem Moment fest, als der Roman in seiner aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überkommenen Schreibweise mit den Veränderungen der Umwelt erkenntnisvermittelnd nicht mehr Schritt zu halten vermochte, und der Umgang mit den im Film verwandten Weisen des Sehens und >Beschreibens< auf den Roman übergriff. [4]

In diesem Fall folgt die Literatur einer ihrer nachfolgenden Kunstformen und nicht anders herum. Zu beachten bleibt dennoch, dass verschiedene Kunstformen ihren spezifischen Kriterien folgen und sich formal voneinander differenzieren. Deshalb muss geklärt werden von welcher Art der Montage in dieser Analyse grundsätzlich gesprochen wird. Denn bleibt man bei ihrer Grundbedeutung im künstlerischen Sinne, teilen sich sowohl Film als auch Literatur ihr sequenzielles Schnittverfahren. Erweitert wird die Technik der Montage allerdings im Medium Film durch ihre variablen Möglichkeiten. Nach James Monaco gibt es definitorisch verschiedene Verfahren die Montage zu vollziehen. So gibt es entweder die Option Filme „aneinander (zu) reihen“ oder sie „übereinander (zu) legen“. Letzteres ist die medienspezifische Abgrenzung des Films von beispielsweise der Literatur. Der, dem Film eigene, instantane Charakter ist sein distinktives Merkmal. Das ist die Besonderheit des filmischen „[Montage-]Prozesess, in dem eine Anzahl kurzer Aufnahmen zusammengefügt [werden], um in kurzer Zeit eine Menge an Information mitteilen [zu können].“ [5] Folglich kann sich die Romanvorlage de facto nicht mit dieser filmspezifischen Technik schmücken, sondern sie figuriert sie lediglich. Denn die Literatur funktioniert nur sequenziell, wohingegen der Film zusätzlich instantan ablaufen kann. Was diesbezüglich bei Berlin Alexanderplatz also beschrieben werden muss, ist, woran erkannt werden kann, dass filmische Montage angewendet wird und wie sie dargestellt wird. Allgemein ist Figuration im kunstwissenschaftlichem Wortgebrauch die bildliche Darstellung von etwas als etwas. Filmische Montage kann im literarischen Fall nur als etwas dargestellt werden, dass es vorgibt zu sein. Die filmische Montage bleibt im literarischen Fall literarisch. Schon Bela Balázs störte sich als Filmtheoretiker an dem „verdächtigen Begriff [der Montage] in der Literatur“. Für ihn hatte dieser filmeigentümliche Begriff in der Literatur nichts zu suchen. [6] Doch Film und Literatur als zwei unterschiedliche Kunstformen schließen sich, wie bereits erwähnt, keineswegs aus. Eine schriftstellerische Meinung positiver Ansichtssache hatte beispielsweise Leo Tolstoi. Er imaginierte neue potenzielle Möglichkeiten für die Literatur, die einhergehend mit dem Film das Feld der Literatur öffnen. In einem Interview gab er inspirativ bekannt, schreiben zu wollen, wie eine Kamera filmt. Das erfreuliche Neue, was ihm dabei auffiel, war eine neue Art von literarischer Schnelligkeit und umfangreicherer Bilderfülle, die nun möglicherweise dargestellt werden könnte. [7]

Anhand von Textbeispielen in Berlin Alexanderplatz soll später die Figuration einer möglichen filmischen Montageform aufgezeigt werden. Zuerst soll jedoch noch der Hinweis gegeben werden, dass es sich beim Filmischen in der Literatur auch um einen intermedialen Fall handelt. Zusammenhängend muss somit beschrieben werden, wie Intermedialität literarisch am Beispiel von Berlin Alexanderplatz gelesen werden kann.

[...]


[1] Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, München, Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, 50. Aufl., 2012

[2] Prangel, Matthias (Hrsg.): Materialien zu Alfred Döblin >Berlin Alexanderplatz< , Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1975

[3] Benjamin, Walter: Krisis des Romans. Zu Döblins >Berlin Alexanderplatz<, In: Prangel, Matthias (Hrsg.): Materialien zu Alfred Döblin >Berlin Alexanderplatz<, S.110

[4] Kaemmerling, Ekkehard: Die filmische Schreibweise, In: ebd. S.186

[5] Monaco, James: Die Montage. In: Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der Neuen Medien , S.232f.

[6] Balázs, Bela: zitiert in: Paech, Joachim: Literatur und Film, S.112

[7] Tolstoi; Leo: zitiert in: ebd. S.122

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Montage als intermediales Stilmittel in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Literatur verfilmt und ver-filmt
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V340953
ISBN (eBook)
9783668307438
ISBN (Buch)
9783668307445
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montage, Stilmittel, Intermedialität, Systemtheorie, Literatur und Film, Luhmann, Döblin, Berlin Alexanderplatz, Filmische Schreibweise, Figuration
Arbeit zitieren
Bianca Dragut (Autor:in), 2013, Die Montage als intermediales Stilmittel in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340953

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