Jean-Paul Sartre. Existenzialist oder Neomarxist?

Wie Sartre mit den Gedanken des klassischen Marxismus umgeht


Essay, 2015
12 Seiten, Note: 2,7
Anonym

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die Beziehung zwischen Proletariat und Bourgeoisie

Ansätze zum revolutionären Prozess

Die Rolle der Arbeit

Unvereinbarkeit mit dem Existenzialismus?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In diesem Essay soll die Beziehung der politischen Theorie von Karl Marx, explizit das Manifest der Kommunistischen Partei [1], zu Jean-Paul Sartres Werk erörtert werden. Da Sartre im 20. Jahrhundert einer der zentralen Akteure war, die den Marxismus mitdiskutiert haben, gilt es den marxistischen Einfluss auf ihn und vor allem seine Gedanken zum klassischen Marxismus zu fokussieren.

Als notwendig erscheint dabei eine kurze Vorbetrachtung der beiden Charaktere. Vor allem da Marx ursprünglich Ökonom war, Sartre hingegen primär Philosoph, fungiert in diesem Fall die politische Theorie möglicherweise als eine Art Schmelztiegel zwischen den beiden Wissenschaftsbereichen. Deutlich wird dies bereits im Manifest der Kommunistischen Partei, wo sich Marx gegen jegliche Kritik aus philosophischen Gesichtspunkten ausspricht.[2] Auch die Formulierung im Manifest von diversen Stereotypen der sozialistischen und kommunistischen Literatur knüpft daran an:

- unter die französischen Entwicklungen tauften sie (...) ‚philosophische Begründung des Sozialismus‘ “.[3]

Ungeachtet dessen, dass Marx dies bereits im 19. Jahrhundert, also deutlich bevor Sartre lebte, formulierte, ist diese Aussage, zumindest was die französische Philosophie angeht, auf Sartre merklich zutreffend. Doch gerade dieser Widerspruch, dass Sartre als existenzialistischer Philosoph auf eine etablierte Politik- und Gesellschaftstheorie mit einem Klassendenken trifft, macht die gewählte Thematik umso interessanter. Wie passt Marx Zweiklassentheorie in das Bild von Sartres Auffassungen, lässt sich hier als eine zentrale Frage formulieren.

Darüber hinaus sollen Sartres Ansichten von der Revolution, die Frage nach dem Zweck von Arbeit und abschließend sein existenzialistisches Menschenbild in Bezug auf den klassischen Marxismus diskutiert werden.

Die Beziehung zwischen Proletariat und Bourgeoisie

Für jene Zweiteilung der Gesellschaft, im 19. Jahrhundert nunmehr die in Bourgeois[4] und Proletarier, argumentierte Marx im Manifest der Kommunistischen Partei als anthropologischer Konstante mit Hilfe verschiedener historischer Beispiele.[5] Paradox wirkt dabei allerdings die „höchst revolutionäre Rolle“[6] welche der Bourgeoisie, als doch reaktionärer Klasse, von Marx zugeschrieben wird. Dass es sich dabei allerdings nur um eine ironische Hyperbel handelt, wird unmittelbar im Anschluss klar, da er auf die Beziehung zu den Arbeitern bezugnimmt. So gibt es mit der Entstehung dieser, durch die Industrialisierung neu gebildeten Klassen nach Marx gänzlich keine Beziehung mehr, die über die des pragmatischen Kapitalinteresses hinausgeht.

Das marxistische Klassenverständnis teilt Sartre prinzipiell. In seinem Werk „Materialismus und Revolution“ schreibt er der Wissenschaft jedoch eine, wohl auch durch historische Entwicklungen zu begründende, wichtige Rolle zu.[7] Im Manifest der Kommunistischen Partei werden lediglich die Kommunisten als weitere Gruppe in das Verhältnis von Proletariat und Bourgeoisie von Marx mit einbezogen. Dies geschieht jedoch nicht als eigenständige Klasse, sondern sie werden als Arbeiterpartei als ein Teil des Proletariats gesehen. Die Wissenschaft ist für Marx nur noch bezahlte Lohnarbeit, womit er sie gewissermaßen in die proletarische Klasse einordnet.[8]

Der Ideologiebegriff, welcher historisch zunächst der Arbeiterklasse vorbehalten war, wird von Sartre auch auf die bourgeoise Klasse adaptiert, wobei deren Ideologie nach seinem Verständnis die Wissenschaft sei.[9] Dieser Ansatz führt in seinen darauffolgenden Gedanken jedoch zu einem noch weitaus interessanteren Punkt, dass mittels dieser quasi Einverleibung der Wissenschaft durch die Bourgeoise erst eine bewusste Analyse der Situation zwischen ihnen als Unterdrückern und den Unterdrückten möglich wäre. Während diese Funktionszuschreibung der Wissenschaft trivial erscheint, so ist der Gedanke „das Höhere auf das Niedrigere“[10] zurückzuführen, dem Geist der Wissenschaft, zumindest in einem emanzipierten Verständnis, doch zweifelsfrei zuwider. Lediglich die Vereinnahmung der Wissenschaft durch die Klasse der Bourgeoise könnte man als Interpretationsansatz aus Sartres Worten zu entnehmen versuchen, wobei er sich mit jener Kritik als Wissenschaftler zugleich gewissermaßen selbst degradieren würde. Weitaus denkbarer erscheint es hier jedoch, dass Sartre ein aristotelisches Verständnis natürlicher Paare vertritt, da er im selben Werk ein gewissermaßen natürliches Vertragsverhältnis anspricht:

„Denn man unterdrückt niemals etwas anderes als eine Freiheit; aber man kann sie nur unterdrücken, wenn sie sich von irgendeiner Seite dazu hergibt (...)“[11]

Dieser Standpunkt lässt sich zwar nicht eindeutig verifizieren, trotzdem ist bereits der Ansatz mit Blick auf das Manifest der Kommunistischen Partei im klassischen Sinne nicht marxistisch und darüber hinaus in Anbetracht der Parallelen zu Aristoteles innerhalb der Geschichte politischer Theorie als eher antiquiert zu bezeichnen.

An die Wissenschaft als Ideologie der Bourgeois knüpft Sartre allerdings noch einmal an. Als philosophischen Ansatz bezieht er die Zufälligkeit in seine Argumentation mit ein.[12] Wenn ein Bourgeois jene Austauschbarkeit in den Klassenrollen versteht und die Geburt in die eigene Klasse als bloßes Zufallsprodukt anerkennt, dann begreift er „sich als einen Menschen unter den anderen“[13], so Sartres Argumentation. Dieser humanistische Appell ist zweifelsfrei lobenswert und auch im historischen Kontext[14] verständlich, widerspricht jedoch dem von Marx formulierten gegensätzlichen Verhältnis der beiden Klassen. Ausführlicher formuliert Sartre diesen zeitgeschichtlichen Zusammenhang in seinem Werk Marxismus und Existenzialismus, als er von der damaligen Problematik „das Klassenkampf-Schema wie ein Gitternetz zu verwenden“[15], spricht.[16]

Der klassische Marxismus sieht nur die Möglichkeit eines Aufstandes des Proletariats über den Klassenkampf als einen politischen Kampf.[17] Ausführlicher soll auf jenes Revolutionsverständnis aber erst im folgenden Punkt dieser Argumentation eingegangen werden. Allerdings kann auch an diesem Punkt eine merkliche Distanz von Sartre zu klassischen marxistischen Standpunkten belegt werden.

In diesem Aspekt der Gesamtargumentation soll trotzdem abschließend die revolutionäre Klasse der Proletarier mit den ihr eigenen Zielen bereits einmal kurz thematisiert werden.

„(...) der Revolutionär (...) kämpft (...) für die Aufhebung der Klassen, er teilt die Gesellschaft nicht in Menschen göttlichen Rechts und in „Naturels“ oder „Untermenschen“ ein“.[18]

Es lässt sich also an dieser Stelle der Argumentation bereits konstatieren, dass Sartre das marxistische Klassenbild teilt, wobei er es um weitere Rollen und funktionalere Rollenbilder erweitert. Auch in dem Ziel der Klassenaufhebung konnte, wie das letzte Zitat verdeutlicht, eine Übereinstimmung nachgewiesen werden, wobei Sartre indes auch für andere Wege hin zu diesem Ziel plädiert.

Ansätze zum revolutionären Prozess

Einige grundsätzliche Auffassungen von Marx und Sartre zu ihrem Revolutionsverständnis wurden bereits im vorangegangenen Teil aufgegriffen, was durch die inhaltliche Nähe zur Thematik des Klassenverständnisses allerdings unabdingbar war. So lässt sich Marx insofern rekapitulieren, als dass er die Revolution als mehr oder weniger gewaltsamen Umsturz sieht, der durch die Klasse des Proletariats durchgeführt werden muss. Eine Initialrolle bilden die Kommunisten dabei für ihn als in diesem Kampf führende Partei der proletarischen Klasse.

In Sartres Ausführungen lässt sich dahingehend bereits der erwartet philosophische Blickwinkel finden, da er einen weiteren Ansatz, fernab eines politikwissenschaftlichen Revolutionsverständnisses, für den Weg zur Aufhebung der Klassengesellschaft formulierte. Die kritische Selbsterkenntnis der Bourgeoisie war dabei das zentrale Motiv, welches er als Möglichkeit in Betracht zog. Diesen humanistischen Ansatz würde, mit Betrachtung des Manifests der Kommunistischen Partei, Marx höchstwahrscheinlich als optimistische Utopie abtun. Sein Bild der Bourgeoisie, als negativem Höhepunkt der Entwicklung von „oberen“ Unterdrückern in einer Klassengesellschaft, findet mit Sartres Auffassung des „einsichtigen Bourgeois“ keine Übereinstimmung. Exemplarisch kann in diesem Punkt mit dem Familienverhältnis der Bourgeoisie argumentiert werden, welches nach Marx von den Unterdrückern „auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt“[19] wurde. Die Motive der Angst und Gier sind nach Marx in der bourgeoisen Klasse derart manifestiert, dass jene Selbsterkenntnis als „Menschen unter den anderen“[20] sich im klassischen marxistischen Sinne nicht begründen lässt.

Es muss gleichwohl erwähnt werden, dass der „humanistische Lösungsansatz zur Aufhebung der Klassengesellschaft“ nicht Sartres Allheilmittel darstellt. So „benötigt die revolutionäre Haltung eine Theorie der Gewalt als Antwort auf die Unterdrückung“[21], was zugleich zusammenfassend als zentrale Position aus Sartres Materialismus und Revolution festgehalten werden kann. Doch selbst in dieser Kernaussage zum Verständnis einer Revolution ist zu erkennen, dass Sartre, wenn er von der „Theorie der Gewalt“ spricht, erneut die klare Nennung physischer Gewalt als notwendiges Mittel umgeht. Zudem fehlt eine Wertung Sartres, welchen Weg zur Aufhebung der Klassengesellschaft er favorisiert. Womit auch die Frage bleibt, welche Möglichkeit er dafür als wahrscheinlicher erachtet.

Damit lässt sich auch in Sartres Ansätzen zur Erklärung des revolutionären Prozesses ein abweichender Standpunkt zum klassischen Marxismus erkennen. Erklärungsansätze bieten dabei Sartres biographischer Hintergrund als Philosoph sowie möglicherweise auch der, bereits im vorangegangenen Argumentationspunkt erwähnte, zeitgeschichtliche Kontext, in welchem seine Werke entstanden sind.

Die Rolle der Arbeit

„In der bürgerlichen Gesellschaft ist die lebendige Arbeit nur ein Mittel, die aufgehäufte Arbeit zu vermehren. In der kommunistischen Gesellschaft ist die aufgehäufte Arbeit nur ein Mittel, um den Lebensprozeß (sic!) der Arbeiter zu erweitern, zu bereichern, zu befördern.“[22]

Dieser, im Manifest der Kommunistischen Partei, wohl grundlegendste Satz zur Rolle der Arbeit soll zugleich Ausgangspunkt für die folgende Argumentation sein. Zunächst ist festzuhalten, dass diese Aussage, mit Blick auf das Gesamtwerk, auch durch die gewählte Gegenüberstellung, dem Leser einigen Interpretationsspielraum ermöglicht. Wenngleich die heutige Formulierung „Arbeiten um zu leben, oder leben um zu arbeiten“ auf den ersten Blick als inhaltlich gleichbedeutend angesehen werden kann, so ist doch die Unterscheidung von „lebendiger Arbeit“ und „Lebensprozess“ im obigen Zitat durchaus von Bedeutung. Diese, wohl bewusst vorgenommene, Wertung der Autoren besitzt dabei auch einen gewissen philosophischen Charakter. Die kapitalistische „lebendige Arbeit“ (adäquat: Humankapital) wird dem idealistischen „Lebensprozess“ des Proletariats, als einem freien und selbstbestimmten Leben, gegenübergestellt. Ob und inwieweit Sartre diese Auffassung teilt und weiterdenkt, gilt es nun zu diskutieren.

[...]


[1] Obgleich das Manifest selbstverständlich das Werk von Karl Marx und Friedrich Engels war, wird im Rahmen dieses Essays der Verständlichkeit halber von Marx, auch bei Bezügen zum klassischen Marxismus, gesprochen.

[2] Vgl. Marx, K./Engels, F. (1938): Manifest der Kommunistischen Partei. Wien. S. 30

[3] Ebd.: 37

[4] Zu Gunsten der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit für die männliche und weibliche Form das generische Maskulinum verwendet.

[5] Vgl. Marx, K./Engels, F. (1938): Manifest der Kommunistischen Partei. Wien. S. 13

[6] Ebd. S. 14

[7] Vgl. Sartre, J.(1950): Materialismus und Revolution. Stuttgart. S. 27f.

[8] Vgl. Marx, K./Engels, F. (1938): Manifest der Kommunistischen Partei. Wien. S. 15

[9] Vgl. Sartre, J.(1950): Materialismus und Revolution. Stuttgart. S. 27f.

[10] Ebd. S. 28

[11] Ebd. S. 101f.

[12] Vgl. Ebd. S. 108

[13] Ebd. S.108

[14] Jean-Paul Sartre veröffentlichte „Materialismus und Revolution“ kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs.

[15] Sartre, J.(1964): Marxismus und Existenzialismus. Reinbek bei Hamburg. S. 20

[16] Führt man diesen Ansatz chronologisch weiter bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts, so lässt sich die Einschätzung Sartres durchaus bestätigen. Vor allem durch mittlerweile, zumindest in einem gewissen Maße, vorhandenem Privateigentum bei einem Großteil der arbeitenden Bevölkerung in den Industriestaaten (welches bei Marx neun Zehntel der Bevölkerung eben nicht besaßen) und auch merklich veränderten Arbeitsverhältnissen, als jene zu Zeiten der Industrialisierung, kann man nicht mehr von einer ursprünglich marxistischen Zweiklassenteilung sprechen.

[17] Vgl. Marx, K./Engels, F. (1938): Manifest der Kommunistischen Partei. Wien. S. 21

[18] Sartre, J.(1950): Materialismus und Revolution. Stuttgart. S. 107

[19] Marx, K./Engels, F. (1938): Manifest der Kommunistischen Partei. Wien. S. 15

[20] Sartre, J.(1950): Materialismus und Revolution. Stuttgart. S. 108

[21] Ebd. S. 101

[22] Marx, K./Engels, F. (1938): Manifest der Kommunistischen Partei. Wien. S. 26

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Jean-Paul Sartre. Existenzialist oder Neomarxist?
Untertitel
Wie Sartre mit den Gedanken des klassischen Marxismus umgeht
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Wissen und Macht: Politische Ideengeschichte im Kontext
Note
2,7
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V341432
ISBN (eBook)
9783668310377
ISBN (Buch)
9783668310384
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jean-paul, sartre, existenzialist, neomarxist, gedanken, marxismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Jean-Paul Sartre. Existenzialist oder Neomarxist?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341432

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