Trieb und Moral in Friedrich Schillers "Über Anmut und Würde"

Ein Essay


Essay, 2012

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Schillers „Über Anmut und Würde“ – Beherrschung der Triebe durch moralische Kraft

Schiller verbindet in seinen Reflexionen über die gesellschaftlichen und sozialen Probleme seiner Zeit die an Bedeutung gewinnende und sich verselbständigende Disziplin der Ästhetik mit der der Ethik, da er durch die Synthese der beiden versucht, neue Lösungswege zu finden. Eines seiner Werke, in welchem seine ästhetischen Überlegungen in den Bereich der Ethik münden, ist seine philosophische Schrift „Über Anmut und Würde“.[1] Er bestimmt dort die Anmut als „die Schönheit der durch Freiheit bewegten [menschlichen] Gestalt“[2] und die Würde als den „Ausdruck einer erhabenen Gesinnung.“[3] In seinen Ausführungen nimmt die Freiheit neben der Schönheit, Anmut, Grazie und Würde eine wichtige Rolle ein, da im Verlauf der Lektüre deutlich wird, dass Schiller von einem sich in Freiheit bildenden und autonomen Menschen ausgeht. Des Weiteren ist bei der Betrachtung der Schrift zu berücksichtigen, dass ein zentraler Entstehungsgrund des Werkes in der Auseinandersetzung Schillers mit Kants Ästhetik und Ethik liegt. Er versucht nämlich Kants rigorosen Pflichtbegriff und die damit zusammenhängende strenge Trennung zwischen der Sinnlichkeit und Sittlichkeit durch die Konzeption der schönen Seele aufzuheben, in der Pflicht und Neigung, Vernunft und Sinnlichkeit miteinander in Harmonie stehen. Die Anmut wird dabei als der Ausdruck solch einer schönen Seele in der Erscheinung angesehen. Schillers Bestimmung der Würde hingegen erinnert stark an Kants Begriff des guten Willens, welcher erst dann als gut anzusehen ist, wenn eine Handlung des guten Willens rein aus Pflicht erfolgt, entgegen jeder Neigung. Schillers Begriff der Würde weist eine ähnliche Konnotation auf, da Sinnlichkeit und Sittlichkeit nicht miteinander in Einklang stehen, sondern sich im Streit befinden, da die Forderung des Triebes dem sittlichen Willen widerspricht. In solch einem Fall soll sich der Mensch nach der Gesetzgebung der Vernunft richten und damit sittlich handeln. Schiller sieht in der moralischen Kraft, die sich den triebhaften Bedürfnissen widersetzt und demnach diese nicht erfüllt, die Geistesfreiheit des Menschen. Die Würde wird dabei als der Ausdruck der Geistesfreiheit in der Erscheinung bestimmt.

In der Vereinigung von Anmut und Würde in einer Person besteht nach Schiller der vollendete Ausdruck der Menschheit. Diese Idealvorstellung birgt jedoch einen Widerspruch in sich, da sich Vernunft und Sinnlichkeit nicht zur gleichen Zeit in einem Harmonie- und Konfliktverhältnis befinden können. Deshalb weist Schiller der Anmut und Würde unterschiedliche Sphären zu. Diese Trennung beider Größen sowie Schillers Bestimmung der Würde innerhalb seiner philosophischen Schrift „Über Anmut und Würde“ sind Gegenstand der folgenden Betrachtung. In der Untersuchung soll dabei der Dualismus in Schillers Denken, der in der Trennung zwischen der körperlich-sinnlichen und der geistig-vernünftigen Natur des Menschen besteht, und Ausgangspunkt für die Unterscheidung und Bestimmung von Anmut und Würde ist, herausgestellt werden.

Im zweiten Teil seiner philosophischen Abhandlung, in dem Schiller die Würde behandelt, verlässt er die Sphäre des moralisch Schönen und wendet sich nun der der erhabenen Gesinnung zu, die in der Erscheinung ihren Ausdruck in der Würde findet. Die Anmut wird in der Erläuterung der Würde mit einbezogen, indem das Verhältnis beider zueinander und ihre Unterschiede aufgezeigt werden. Bevor jedoch Schiller zur Würde endgültig überleitet, bezieht er sich zuvor noch einmal auf die Charakterschönheit – die sich im Menschen in der Übereinstimmung von Neigung und Pflicht ausdrückt – und erläutert dabei, dass diese als ein Ideal anzusehen ist, das vom Menschen zwar angestrebt wird, aber nie völlig erreicht werden kann, da seine sinnliche Natur und die physischen Bedingungen, denen er unterliegt, ihn daran hindern. Im Anschluss daran weist er darauf hin, dass der Mensch aufgrund dieser sinnlichen und triebhaften Veranlagung dem Tier gleicht, aber sich durch seinen Willen von diesem unterscheidet. Dabei grenzt ihn schon der bloße Wille vom Tier ab und erhebt ihn über dieses. Der moralische Wille hingegen erhebt den Menschen über die Menschheit und bringt ihn dem Göttlichen näher. Entscheidet sich demnach der Mensch gegen die Moral, wendet er sich vom Göttlichen ab und erweist sich als unwürdig.

In Schillers Argumentation bezüglich der Bestimmung der Würde ist die Annahme eines freien Willens notwendig, da er aus diesem ableitet, dass der Mensch fähig ist, sich dem Naturtrieb zu widersetzen und gemäß den Geboten der Vernunft zu handeln, worin wiederum der moralisch freie Wille und die Würde des Menschen bezeugt sind. Schiller sieht nämlich, wie einleitend schon erwähnt, in der Überwindung der Triebe durch die Herrschaft der moralischen Kraft die menschliche Geistesfreiheit, deren Ausdruck in der Erscheinung in der Würde liegt.

Eine weitere Veranschaulichung derjenigen Kraft im Menschen, die sich der Naturnotwendigkeit widersetzen kann, erfolgt durch die Beschreibung eines Bildes, in der die Gesichtszüge eines Menschen nicht den physischen Bedingungen entsprechen. Die beschriebene Person strahlt nämlich in ihrem Gesicht Ruhe und Sanftmut aus, obwohl sie starke Schmerzen zu ertragen hat. Das Bild bezeugt demnach ebenso die Freiheit des Geistes und die daraus zum Vorschein kommende Würde des Menschen, indem aufgezeigt wird, wie die waltende Geisteskraft den Herrschaftsanspruch gegenüber den Trieben durchsetzt, da die beschriebene Person ihren Schmerz weder beklagt noch diesen in ihren Gesichtszügen offenbart, sondern durch ihre Ruhe im Leiden ihre Würde beweist. Schiller fügt zur Verallgemeinerung hinzu, dass dem Menschen nicht nur im Falle des Leidens, sondern in jeder Situation, in der ein starkes Aufbegehren sinnlicher Bedürfnisse hervortritt, auferlegt ist, seine Würde zum Ausdruck zu bringen, indem er sich den niederen Bedürfnissen widersetzt und dadurch die Freiheit seines Geistes bezeugt. Durch die Bildbeschreibung des leidenden Menschen erkennt man zudem, dass erst ein Übermaß an Leid die Würde zum Vorschein bringt. Das Empfinden von Schmerz und Leid, das Sich-Befinden in einer misslichen Situation oder in einer schwächeren Position, sind Voraussetzungen dafür, um Würde zu beweisen.

Der Geist wird in Schillers Ausführungen als ein Unterscheidungskriterium zwischen Anmut und Würde gebraucht, da dieser bei der Anmut eine andere Funktion übernimmt als bei der Würde. Im Falle der Würde, wie eben bereits erläutert, muss der Geist eine Herrschaftsrolle übernehmen, da Sinnlichkeit und Sittlichkeit sich im Widerstreit befinden. In solch einem Fall kann der Mensch seine Selbständigkeit und Freiheit nur unter Beweis stellen, wenn der Geist in ihm herrscht und er nach den Geboten der Vernunft handelt, statt sich den Trieben hinzugeben. Im Falle der Anmut hingegen kann sich der Geist liberal verhalten, da Sinnlichkeit und Sittlichkeit in Einklang zueinander stehen. Das bedeutet, dass hier die Natur bereits den Geboten des Geistes folgt, so dass der Geist diese nicht mehr unterdrücken muss. Die Anmut besteht demnach nach Schiller „in der willkürlichen Bewegung“, die Würde hingegen „in der Beherrschung der unwillkürlichen“[4]. Außerdem wird zur Unterscheidung beider Begriffe angeführt, dass die Würde im Leiden verlangt wird, die Anmut hingegen im Benehmen, da sich nur im Leiden die Freiheit des Gemüts und nur im Handeln die Freiheit des Körpers offenbart. Erläuternd ist hier hinzuzufügen, dass das Gemüt im Falle der Würde frei sein muss, da der Mensch hier seinen freien Willen unter Beweis stellen muss, indem er sich für die Gebote des Geistes und gegen die Natur entscheidet. Im Falle der Anmut hingegen zeigt die Handlung, die nach den Geboten der Vernunft ausgerichtet ist, die Freiheit des Körpers, da dieser sich nicht von den Trieben beherrschen lässt.

Eine weiterer Aspekt, welcher das Verhältnis zwischen Anmut und Würde näher bestimmt, besteht darin, dass der Herrschaft über die Triebe, nur eine moralische Gesinnung zugrunde liegen kann, wenn die Person ein in sich im Einklang stehendes Gemüt und ein sanftes Herz besitzt und demnach anmutig ist. Ist dies nicht der Fall so kann die Motivation in der „Stumpfheit des Empfindungsvermögens“[5] oder im Übermaß eines anderen Affekts gesucht werden. Umgekehrt kann nur die Würde bezeugen, ob das Zusammenstimmen der Empfindungen ihren Ursprung in der Sittlichkeit hat.

Eine weitere Unterscheidung, die Schiller zur Erläuterung des Begriffspaares von Anmut und Würde anführt, besteht darin, dass Anmut im Falle von Stärke, Würde hingegen im Falle von Schwäche gefordert wird. Befindet sich nämlich eine Person in einer führenden und überlegenen Position, soll diese mit Anmut auf die Fehler anderer hinweisen. Befindet sich eine Person hingegen in einer schwachen und unterlegenen Position, soll diese mit Würde zu ihren Fehlern stehen. Anmut und Würde treten demnach in verschiedenen Bereichen in Erscheinung, aber vereinigen sich dennoch in einer Person. Schiller sieht den Ausdruck vollendeter Menschheit in der Vereinigung von Anmut und Würde. Durch diese Vereinigung lässt er die Grenzen zwischen den zwei voneinander abgegrenzten Größen fließend werden und beschreibt die dadurch entstehende Attraktions- und Repulsionsreaktion beim Menschen, die darin besteht, dass der Mensch durch die Vereinigung als geistig-vernünftiges Wesen angezogen wird, als sinnliches hingegen weggestoßen. Darüber hinaus wird Anmut innerhalb der Menschheit verortet, Würde hingegen geht über diese hinaus, da dort der Mensch seine Triebe durch die moralische Kraft, die in ihm waltet, überwindet. Die Bestimmung der moralischen Kraft des Menschen als dem Göttlichen in uns, lässt sich ebenso in der oben erläuterten Textstelle wiederfinden, in der der moralische Wille, als diejenige Instanz im Inneren des Menschen bestimmt wird, die göttlich sei.

Im späteren Verlauf des Werkes sieht Schiller auch in der Anmut, das Göttliche verborgen. Er beschreibt, dass in der Anmut, also im harmonischen Zusammenspiel von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, das Göttliche sich nachgeahmt wiederfindet und dadurch Zufriedenheit erfährt. Das Göttliche in der Anmut wird als ein Spiel Gottes vorgestellt, welches darin besteht, dass Gott mit seinem Bild in unserer sinnlichen Welt spielt. Schiller entwirft hier die Vorstellung eines harmonischen Zusammenstimmens zwischen dem Göttlichen und der sinnlichen Welt, in welcher das Bild Gottes auflebt, wenn der Mensch seine Triebe überwindet, indem er sein Inneres von der Vernunft leiten lässt und damit seine Sittlichkeit zum Ausdruck bringt.

Schillers Verbindung des Göttlichen mit der Anmut ist kritisch zu betrachten, da an anderer Stelle – wie bereits erläutert – die Anmut innerhalb der Menschheit verortet wird, die Würde hingegen über die Menschheit hinausgehe. Des Weiteren beinhaltet die Anmut neben dem Begriff der Sittlichkeit auch den der Sinnlichkeit, welcher sich mit dem Begriff Gottes, als reine geistige Kraft verstanden, nicht vereinbaren lässt. Wird jedoch bedacht, dass in der Anmut Sinnlichkeit der Sittlichkeit zusammenstimmen, kann die Verbindung mit dem Göttlichen nachvollzogen werden. Das Zusammenstimmen bedeutet nämlich nicht, dass sich Sinnlichkeit und Sittlichkeit in der Mitte treffen, sondern dass die Sinnlichkeit keinen Unterschied zur Sittlichkeit aufweist, oder anders ausgedrückt, dass die Neigung den Gesetzen der Vernunft unterliegt. Das bedeutet, dass einerseits die Anmut innerhalb der Menschheit zu verorten ist, da nur der Mensch und nicht das Göttliche Sinnlichkeit und Sittlichkeit miteinander in Einklang bringen muss; andererseits steht der zu erreichende harmonische Zustand von Sinnlichkeit und Sittlichkeit unter dem Vorzeichen des Sittlichen. Somit ist sowohl in der Anmut als auch in der Würde das Göttliche zu finden.

Abschließend festzuhalten ist das Resümee, dass bei Schiller, in der Betrachtung der Würde und dessen Verhältnis zur Anmut, eine abwertende Haltung gegenüber der Natur, Sinnlichkeit und dem Trieb zu erkennen ist, sowie die Erhebung der Geistesfreiheit, Vernunft und Sittlichkeit. Die Auflösung der Dualität von Körper und Geist wird jedoch dabei nicht in der Unterdrückung der physischen Natur gesehen, sondern in der harmonischen Synthese des dualistischen Gegensatzpaares.

[...]


[1] Zitiert wird die Ausgabe: Friedrich Schiller: Über Anmut und Würde, hrsg. v. Klaus L. Berghahn, Stuttgart 1997.

[2] Schiller: Über Anmut und Würde, S.

[3] Ebd., S. 113.

[4] Schiller: Über Anmut und Würde, S. 122.

[5] Schiller: Über Anmut und Würde, S. 126.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Trieb und Moral in Friedrich Schillers "Über Anmut und Würde"
Untertitel
Ein Essay
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Schillers Ästhetik "Über Anmut und Würde"
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
6
Katalognummer
V341452
ISBN (eBook)
9783668312500
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anmut und Würde, Schiller, Philosophie, Trieb, Moral, Natur, Ethik, Ästhetik
Arbeit zitieren
Sina Klar (Autor), 2012, Trieb und Moral in Friedrich Schillers "Über Anmut und Würde", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341452

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