Im Zeichen des Priapus - Erotik und Gewalt in der römischen Antike


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Im Zeichen des Priapus - Erotik und Gewalt in der römischen Antike

1. Einleitung: Ein Spaziergang durch Pompeji

2. Der soziale und rechtliche Rahmen der römischen Erotik
2.1. Mann
2.2. Frau
2.3. Prostituierte
2.4. Sklave

3. Priapus – Gott der Erotik und Gewalt

4. Erotik in der römischen Literatur
4.1. Ovids Ars amatoria
4.2. Petrons Satyricon
4.3. Apuleius‘ Der goldene Esel

5. Erotik in der Arena
5.1. Sexsymbol Gladiator
5.2. Sadomasochistische Atmosphäre
5.3. Erklärungsversuche

6. Schlussbemerkung

Bibliografie

1. Einleitung: Ein Spaziergang durch Pompeji

Es erhob sich eine Wolke – für den Betrachter aus der Ferne unkenntlich, auf welchem Berge; später erfuhr man, es sei der Vesuv gewesen -, deren Gestalt am ehesten einer Pinie ähnelte. Schon fiel Asche auf die Schiffe. Es regnete geschwärzte, verbrannte und durch das Feuer zersplitterte Steine. Inzwischen leuchteten vom Vesuv her an mehreren Stellen weite Flammenherde und hohe Feuersäulen auf, deren strahlende Helle durch die dunkle Nacht noch gehoben wurde. [...] Man hörte Weiber heulen, Kinder jammern, Männer schreien; die einen riefen nach ihren Eltern, die anderen nach ihren Kindern, wieder andere nach ihren Männern oder Frauen und suchten sie an der Stimme zu erkennen; manche flehten aus Angst vor dem Tod, viele beteten zu den Göttern, andre wieder erklärten, es gebe nirgends noch Götter, die letzte ewige Nacht sei über die Welt hereingebrochen. Dann endlich begann sich der Rauch zu heben, und die Sonne strahlte wieder, jedoch fahl, wie bei einer Sonnenfinsternis: Den noch verängstigten Augen erschien alles verwandelt und mit einer hohen Aschenschicht wie mit Schnee überzogen.[1]

Diesen bewegenden Augenzeugenbericht über den Untergang Pompejis am 24. August 79 n.Chr. verdanken wir Plinius dem Jüngeren, Neffe des berühmten Naturhistorikers Plinius der Ältere. Zum Zeitpunkt des Vesuvausbruchs hielten sich Onkel und Neffe zusammen am Kap Misenum nahe Pompeji auf. Plinus der Ältere hatte dort das Kommando über den Flottenstützpunkt und überlebte den Vulkanausbruch im Unterschied zum Jungen, der sich retten konnte, nicht.

So grauenhaft das Schicksal der Opfer auch gewesen sein muss, so qualvoll ihr Tod – man ist doch versucht, Goethe zuzustimmen, der am 13. März 1787 nach dem Besuch dieser „mumisierten Stadt“ notierte: „Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.“[2] Ja, in der Tat, es ist ein geradezu erhebendes Gefühl, heute durch die Gassen dieser Geisterstadt zu wandern und sich dem Leben der römischen Antike näher zu fühlen, als wohl an sonst irgendeinem Ort der Erde. Pompeji legt Zeugnis ab über eine Zeit, die uns aus Erzählungen häufig sehr fremd und grausam vorkommt. Doch hier spürt man, wie die Römer gelebt haben, was sie erfreut hat, wie sie gewohnt, genossen und - nicht zuletzt – wie sie geliebt haben.

Auf den ersten Blick und noch stärker, bedenkt man auch die Fundstücke mit, die zur Zeit im Archäologischen Museum von Neapel zu sehen sind, eröffnet sich uns ein Welt, in der Erotik und Sinnlichkeit allgegenwärtig zu sein scheinen. Doktor Freud hätte hier sehr schnell seine Suche nach subtilen phallischen Symbolen frustriert eingestellt. Denn einfach überall, an zahlreichen Häuserwänden oder als Pflastersteine in den Boden eingelassen, hätte der Gute nicht nur Symbole des männlichen Gliedes gefunden, sondern dessen unzweideutige Abbildungen – und zwar im erigierten Zustand. In dieser Hinsucht besonders anschaulich zum Beispiel ein rot bemaltes Flachrelief neben einer Eingangstür, auf dem rund um einen erigierten Phallus zu lesen ist: „Hic habitat felicitas – Hier wohnt die Glückseligkeit“. Warum auch nicht? Schließlich fungierte das männliche Geschlecht in der römischen Antike nicht nur als erotischer Stimulus, sondern verkörperte vor allem ein Symbol für Fruchtbarkeit und Überfluss, sollte den böses Blick abwenden und ganz einfach Glück bringen. So trugen auch häufig römische Kinder zum Schutz goldene Ringe und Anhänger in Form eines erigierten Penis‘.

Auch die Gärten standen ganz im Zeichen des Phallus‘. Viele Römer verfügte damals über eine Gartenstatue des Priapus‘, des Fruchtbarkeitsgottes, der mit überdimensionalem Geschlecht und eingemeißelter Vergewaltigungsandrohung Obstdiebe vom Stehlen abhalten sollte. Besonders schöne Priapus-Exemplare findet man u.a. in der casa dei vettii, dem „Vettierhaus“. Die beiden ehemaligen Besitzer, Aulus Vettius Conviva und Aulus Vettius Restitutus, zwei liberti (Freigelassene), die durch ihre Handelstätigkeit zu Geld gekommen waren, haben ihre Villa ganz im Stil des Fruchtbarkeitsgottes eingerichtet. Gleich am Eingang sticht eine Malerei ins Auge, die Priapus zeigt, wie er seinen übergroßen Penis auf die eine Schale einer Waage legt, während auf der anderen ein Geldbeutel das Gegengewicht bildet. Auch dieses Bild sollte gegen den bösen Blick schützen und gleichzeitig zu mehr Reichtum verhelfen. Im Raum neben der Küche, der mit erotischen Wandmalereien verziert ist, steht heute ein Priapus als Brunnenfigur, aus dessen übergroßem Glied sich früher das Wasser ergoss. Diese Statue wurde bei Ausgrabungen in der Küche gefunden, war aber aller Wahrscheinlichkeit nach Teil des Gartendekors.

Doch nicht nur im Haus der Vettier, sondern in so gut wie jedem anderen Gebäude Pompejis wurden Priapen und erotische Fresken entdeckt, des Weiteren anregende Öllampen, die Mann und Frau in unterschiedlichsten Liebessstellungen zeigen, und als besondere Kuriosität Wandbilder, Statuetten und Vasen, die sexuelle Orgien mit Pygmäen abbilden – anscheinend eine regelrechte Modeerscheinung im letzten Jahrzehnt der Republik und während des Kaiserreiches, nachdem mit der Besetzung Ägyptens die hellenistische Kunstrichtung nach Pompeji gelangt war.

Ein besonderes Augenmerk sollte auch auf die suburbanen Therme gelegt werden, die erst in den Jahren 1985-87 vollständig ausgegraben wurden. Hier wurden im Umkleidebereich unter einer Farbschicht, die nur kurze Zeit vor dem Vulkanausbruch aufgetragen worden sein muss, acht erotische Malereien über acht rechteckigen, schachtelähnlichen Elementen mit den Nummern I-VIII gefunden. Detailliert werden hier Praktiken wie Fellatio und Cunnilingus und unterschiedliche Gruppensexformationen dargestellt. Eva Cantarella vertritt in ihrem Buch Pompeji. Liebe und Erotik in einer römischen Stadt die Auffassung, dass es sich bei den kleinen Kunstwerken um Gedächtnishilfen für die sinnenfrohen Römer gehandelt hätte, damit diese ihre abgelegten Kleider nach dem Bad schneller wiederfinden würden:

Mit jedem numerierten Behälter korrespondierte eine erotische Szene. Wahrscheinlich erleichterte dieses Hilfsmittel das Anordnen und Finden der einzelnen Kästen am richtigen Platz. Dabei wurde man nicht nur durch die Nummer, sondern auch durch die jeweilige erotische Szene unterstützt, denn an diese konnte man sich schneller erinnern.[3]

Im offiziellen Führer durch die Ausgrabungen wird jedoch eine andere Funktion der erotischen Wandmalereien vermutet:

Nach einer rezenten Hypothese sind diese Darstellungen nicht in dekorativem Sinne zu deuten, sondern als Hinweis auf entsprechende ‚Leistungen‘ zu verstehen, welche die für die Bewachung der Kleidung der Badegäste verantwortlichen Bediensteten im Obergeschoß anboten.[4]

Wie auch immer, die erotischen Wandbilder in den suburbanen Thermen verdeutlichen auf jeden Fall, wie sinnenfroh und körperbetont die römische Antike war. Und was der offizielle Führer für die Fresken in den Thermen vermutet, trifft auf jeden Fall für die noch deutlicheren Wandbilder zu, die im lupanar, dem offiziellen Bordell Pompejis, gefunden wurden. Das Freudenhaus, das in dem Vicolo del Lupanar lag, wurde von zwei Kupplern namens Africanus und Victor geführt. Im unteren Stock befinden sich ein Abort sowie fünf kleine Räume mit eingemauerten Betten. Die Betten sind außen mit erotischen Malereien geschmückt, die verschiedenste Praktiken und Stellungen der Liebe illustrieren. In der oberen Etage befinden sich weitere fünf Betten. In dem Gebäude arbeiteten, wie eingeritzte Graffiti an der Wand belegen, etwa zwanzig Mädchen. Doch gab es über das Bordell hinaus auch jede Menge cellae meretriciae in Pompeji, worunter an ein Haus oder eine Taverne angebaute Räume verstanden wurden, in denen Prostitution ausgeübt wurde. Insgesamt sind es wohl etwa 25 Stätten in Pompeji gewesen, an denen sich Prostituierte verkauft haben. Immer wieder lassen sich Zeugnisse dieses Gewerbes in Form von Graffiti an den Wänden der Stadt finden. „Wenn sich hier jemand hinsitzen wird, lese er als erstes dieses: wenn er einen guten Beischlaf haben möchte, suche er Attica für 16 As auf.“ Oder folgender Tipp, im Vergleich ein wahres Schnäppchen: „Lahis saugt für zwei As“[5].

Überhaupt findet man tausende dieser Graffiti auf den Mauern Pompejis und meistens drehen sie sich um Lust und Liebe. So liest man dort häufig Angeberisches wie „Ich, Apelles Mus und mein Bruder Dexter hatten zweimal angenehmen Geschlechtsverkehr mit zwei Mädchen“, hin und wieder auch Taktvolleres wie „Hier habe ich meine Frau mit dem Gesäß in der Luft durchbohrt: aber es war schändlich, diese Zeilen zu schreiben“, Coming-Outs wie „Weinet, ihr Mädchen, mein Glied hat euch verlassen. Nun dringt er in den Hintern ein. Herrliche Scheide, leb wohl“ und durchaus auch einiges Poetisches und Dramatisches wie „Wenn du kannst und nicht willst, warum verweist du dann auf die Freuden und ermutigst die Hoffnungen, indem du mir sagst, an einem anderen Tag zurückzukehren? Zwinge mich also zu sterben, da du mich zwingst, ohne dich zu leben. Es wird sicherlich ein Geschenk sein, damit aufzuhören, mich leiden zu lassen. Die Hoffnung gibt dem Liebhaber bestimmt das zurück, was sie ihm entriß“[6].

Andreas Karsten Siems fasst das Verhältnis der Römer zur Körperlichkeit in seinem Buch Sexualität und Erotik in der Antike wie folgt zusammen:

Körperliche Lust und Liebesgenuß galten allenfalls im Übermaß als tadelnswert, ansonsten aber eher als notwendig, Quelle der Freude und Garant der Gesundheit. Neben allem Wechsel im sexuellen Norm- und Wertesystem begegnet uns eine zahlreichen sinnenfrohen Außenreizen ausgesetzte antike Gesellschaft, in der eine generelle Verteufelung oder ein Verbot der Prostitution ebenso vergeblich zu suchen ist wie eine strikte Abdrängung des Geschlechtlichen in eine Intim- und Privatsphäre oder gar seine Verbannung aus dem öffentlichen Leben und der täglichen Erfahrung überhaupt.[7]

Denkt man jedoch daran, dass nicht nur die Erotik, sondern nicht weniger die Gewalt allgegenwärtig in der römischen Antike war, ob in Form von Kriegen, im Alltag oder in der Arena, dann mag man sich fragen, wie die Römer auf der einen Seiten den Körper so feiern konnten, auf der anderen Seite aber eine so unbändige Lust am Zerstören des Körpers entwickeln konnten. Wie kann es sein, dass der Römer von ausgiebiger Körperpflege, den Bädern, der Schönheit und Erotik des Körpers so fasziniert sein kann, aber gleichzeitig nichts mehr genießt, als sich in der Arena das Zerstückeln und Zerfleischen von Körpern anzusehen?

Um sich der Beantwortung dieser Frage etwas anzunähern, soll im Folgenden die Erotik der Gladiatorenkämpfe und die latent sadomasochistische Stimmung in Arena und Zuschauerraum näher untersucht werden. Zunächst gilt es jedoch, den sozialen und rechtlichen Rahmen aufzuzeigen, in dem Erotik und Sexualität damals überhaupt stattfinden konnten, und die Rollenerwartung an Mann, Frau, Prostituierte und Sklaven zu verdeutlichen. Um sich dann noch ein besseres Bild von der zentralen Stellung des Eros im Denken und Fühlen der römischen Antike machen zu können, werden der Fruchtbarkeitsgott Priapus sowie der ihm geweihte Gedichtzyklus Carmina Priapae, Ovids Liebesratgeber Ars amatoria und derb-schlüpfrige Romane der Zeit wie Petrons Satyricon und Apuleius‘ Der goldene Esel näher vorgestellt werden.

2. Der soziale und rechtliche Rahmen der römischen Erotik

Als Basis einer Abhandlung über Erotik und Gewalt in der römischen Antike muss erst einmal geklärt werden, in was für einem sozialen und rechtlichen Rahmen sich Männer, Frauen, Prostituierte und Sklaven bewegt haben. Was waren ihre jeweiligen Rechte, was ihre Pflichten und welche Erwartungen stellte die römische Gesellschaft an ihr Rollenverhalten? Gab es so etwas wie Gleichberechtigung oder folgte die römische Antike auch hier, wie so häufig, ihrem griechischen Vorbild?

2.1. Mann

Wenn du deine Gattin beim Ehebruch ertapptest, so konntest du sie ohne Urteil ungestraft töten; wenn du aber eine Ehe brachest oder dich verführen ließest, so durfte sie dich nicht mit einem Finger anrühren; und das wäre auch nicht in der Ordnung.[8]

So dachte Cato über den Ehebruch und den Unterschied von Mann und Frau – und mit ihm die römische patriarchalische Gesellschaft, die zwar nicht so extrem mannmännlich eingestellt war wie die griechische und den Frauen auch mehr Freiheiten gewährte, die aber nach wie vor eine Gesellschaft der Doppelmoral war. Nur der Mann verfügte über Macht, durfte die Frau verstoßen und sie bei Ehebruch oder exzessivem Weingenuss sogar töten. Der Mann verfügte über das Recht zu entscheiden, ob er ein von ihm gezeugtes Kind überhaupt anerkennen wollte, durfte sich selbst nach Lust und Laune vergnügen und war nach dem Tod seines Vaters Inhabers des iudicium domesticum, der Hauszucht.

So handelte es sich bei der Eheschließung auch mehr um einen Handel als um alles andere. Die klassische Form eines Gewalterwerbs ist der Kauf, dementsprechend scheint die allgemeinste Form, Ehegewalt zu konstituieren, die coemptio gewesen zu sein, der Erwerb der Ehefrau gegen einen realen oder imaginären Kaufpreis. Daneben steht die mit religiöser Symbolik stark befrachtete confarreatio, die wohl zunächst auf patrizische Eheverbindungen beschränkt war. Beide Akte übertragen dem Ehemann die manus, die volle Ehegewalt über die Frau. Die unpathetische Art, mit der die Römer Ehe und Eheschließung angesehen haben, ist außer durch den formellen Kauf durch den Gewalterwerb usu, durch Ersitzung, am besten charakterisiert. Der Ehemann, der seine Frau ein Jahr lang „in Besitz“ hatte, erwirbt die volle Gewalt über sie.[9]

Dem Mann ist außerehelicher Verkehr erlaubt, sofern es sich nicht um stuprum handelt, worunter Sex mit einer Jungfrau, einer Witwe oder einem freien Knaben zu verstehen ist. Dieselbe Anschauung wird auch in einer Komödie von Plautus, dem wahrscheinlich 193 v.Chr. ausgeführten Curculio, ausgesprochen. Dort belehrt ein alter Sklave seinen jungen Herrn über die Liebe: „Du kannst lieben, was du willst, wenn du dich von verheirateten Frauen, Witwen, Jungfrauen und frei geborenen Knaben fernhältst“.[10] Doch erst seit Augustus wird der Ehebruch vom Staat strafrechtlich verfolgt. Zuvor wurde er durch willkürliche Hausjustiz geahndet und bestraft, wobei primär Frauen Opfer dieser harten Selbstjustiz wurden. Als Augustus nun aber im Jahre 18 v.Chr. die lex Iulia de adulteriis einführt, untersteht der Ehebruch der öffentlichen Gerichtsbarkeit und wird in einer eigens dafür geschaffenen Strafkammer verhandelt. Durfte der betrogene Ehemann zuvor seine Ehefrau und den Geliebten töten, darf er nun nur noch den Geliebten umbringen und auch nur, wenn es sich bei ihm um einen Freigelassenen handelt und er diesen in seinem eigenen Haus erwischt hat. Der Vater darf aber nach wie vor die Tochter wie den Liebhaber töten. Augustus Ehebruchsstrafkammer verhängt am häufigsten die Strafe der Verbannung und der Gatte der verführten Frau ist verpflichtet, sich scheiden zu lassen, sonst wird er wegen Kuppelei bestraft.

Die Geschlechterordnung im antiken Rom ist vor allem vom Gegensatz zwischen sexueller Aktivität und Passivität geprägt. So schreibt Haterius: „Die passive sexuelle Position einzunehmen ist für einen freigeborenen Mann ein Verbrechen, für einen Sklaven eine Notwendigkeit, für einen Freigelassenen eine Verpflichtung.“[11] Mann zu sein, heißt aktiv zu sein, dominant zu sein, sich niemals zu unterwerfen. Daher gilt es auch als besonders entwürdigend für einen römischen Mann, Oralverkehr zu praktizieren. Das folgende Epigramm von Martial steht stellvertretend für eine Reihe von Texten, die sich mit der sexuellen Passivität des Mannes befassen und diese verurteilen:

Nanneius ist mit der Zunge, mit Mund Ehebrecher, besudelter als die Münder der Huren bei Memmius‘ Bordellen. Wenn ihn die Hure Leda von ihrem Fenster in der Subura nackt sieht, so schließt sie ihr Gewölb schleunigst und küßt ihn – in der Mitte lieber als oben. Er, der noch jüngst in jede Körperöffnung eindrang, mit sicherem, selbstbewußtem Wort es ansagte, ob es ein Junge oder Mädchen in der Mutter Bauch wäre – Heil euch, ihr Fotzen! Ihr habt hinfort vor ihm Ruhe: er kriegt die fickende Zunge nicht mehr hoch. Wie er in die geschwollne Scheide ganz tauchte und drinnen schon die Kinder hörte, lähmt eine häßliche Krankheit den gierigen Teil; nun kann er ferner weder rein sein noch unrein.[12]

Der cunnilingus – so gibt Martial zu verstehen – ist in seiner Unersättlichkeit so maßlos, dass er noch nicht einmal vor schwangeren Frauen, die eigentlich tabuisiert waren, Halt macht. Diese Unersättlichkeit führt denn auch zu Nanneius‘ Lähmung: Antike Ärzte nahmen an, daß Krankheiten Zeichen und Folge passiv-ausschweifender Praktiken waren.

Doch es galt bereits als unmännlich, zu viel Wert auf sein Äußeres zu legen, sich im Umgang mit Salben, Pinzetten und Schminke zu gut auszukennen. So heißt es in der Rede des jüngeren Scipio gegen Sulpicius Gallus:

Wer sich täglich salbt und vor dem Spiegel schmückt, wer seine Augenbrauen rasiert, wer mit glattem Gesicht und glatten Schenkeln einhergeht, was las junger Mann in einem Ärmelgewand beim Gelage mit seinem Liebhaber auf demselben Divan gelegen hat, wer nicht bloß hinter dem Wein, sondern auch hinter den Männern her ist, zweifelt jemand von diesem, daß er das getan hat, was Kinäden zu tun pflegen?[13]

Schnell gerät ein zu gepflegter Mann in Rom in den Verdacht, ein fellator oder c unnilingus zu sein, was fast automatisch mit Impotenz gleichgesetzt wird: „Weil Sotades ihn nicht mehr hochkriegt, leckt er“[14] – so ein Kommentar Martials.

Man könnte einwenden, warum denn aber der römischen Moral nach Knaben, die sich prostituieren, Oralverkehr praktizieren dürfen. Doch auch hier ist klar: Sie gelten eben noch nicht als Männer und dürfen sich daher beim Sex noch passiv verhalten. Doch ab der Kaiserzeit gilt: Sobald die Knaben die Pubertät hinter sich gelassen haben, müssen auch sie der Rolle des aktiven, dominanten Mannes entsprechen und folglich die Prostitution aufgeben.

2.2. Frau

Das Aufgabenfeld der Ehefrau ist schnell umrissen: Kinder kriegen, das Haus hüten und sich mit Handarbeiten beschäftigen. Bis zur Eheschließung steht die Frau unter der Vormundschaft ihres Vater und nach dessen Tod unter der ihrer männlichen Verwandten. Mit der Heirat verliert sie das Recht, ihre eigene Familie zu beerben, und untersteht nun voll der Gewalt ihres Ehemannes. Selten werden Ehen aus Liebe geschlossen, die Ehe dient primär Reproduktionszwecken, die Liebe suchen die Männer meist außerhalb der Ehe. Von einer menschlichen Gleichberechtigung der Frau zu sprechen, wäre dem römischen Mann schwerlich eingefallen, und unter den vielen Lobeserhebungen, die verstorbenen Frauen auf dem Grabstein gespendet zu werden pflegen, erscheint sehr häufig der Gehorsam gegen den Gatten. Cicero denkt es sich als Aufgabe des römischen Zensors, die Männer zu lehren, wie sie ihre Frauen besser lenken.[15] Dass auch in Rom das Glück der meisten Frauen eng gebunden war, zeigt eine Inschrift etwa aus der Gracchenzeit, in der der Grabstein den Wanderer anredet und von der Toten sagt:

Wanderer, nur wenig habe ich zu sagen; bleibe stehen und lies. Dies ist das nicht schöne Grabmal einer schönen Frau. Von ihren Eltern hatte sie den Namen Claudia. Sie liebte ihren Gatten von Herzen. Zwei Söhne brachte sie zur Welt; einen davon hinterläßt sie, den anderen hat sie begraben. Sie plauderte angenehm und hatte einen zierlichen Gang. Sie hütete das Haus und spann Wolle. Ich bin zu Ende; du kannst gehen.[16]

Auch Grabsteine, die versichern „ich habe ohne jeden Ärger mit ihr gelebt“ oder gar jubeln „an dem Tage ihres Todes habe ich Göttern und Menschen meinen Dank bezeugt“, erzählen viel über die Wertschätzung und Stellung der Ehefrau. Sehr sprechend in dieser Hinsicht sind auch die römischen Sondergötter, die speziell für die Hochzeitsnacht zuständig sind. Sie heißen Domiducus, Domitius, Manturna, Virginensis, Subigus, Prema und Pertunda und stellen sicher, dass die junge Braut überhaupt ins Haus kommt, nicht wegläuft, sich nicht wehrt. In seinem Aufsatz „Römische Erotik im Rahmen sakraler und sozialer Institutionen“ schreibt Burkhard Gladigow:

Das Bild der ehelichen Liebe, das sich hier in Sondergöttern fossiliert, vielleicht auch skelettiert, darbietet, ist denkbar unerotisch; Angst und Hemmungen auf der einen und Gewalt und Unterwerfung auf der anderen Seite charakterisieren es.[17]

In der Ehe dient Sexualität allein der Zeugung von Kindern, die Lust der Frau ist daher eher störend, wie Lukrez es in einer bekannten Passage aus De rerum natura beschreibt:

Und in welcher Form man übt die wonnige Freude,

ist von großem Gewicht desgleichen; nach Weise der Tiere

nämlich und Vierfüßler Art, so glaubt man, empfangen die Frauen

meistens mehr, weil ein die Samen zu nehmen vermögen

so die Stellen, wenn liegt die Brust, erhoben der Leib ist.

Und für die Ehefrauen bedarf’s mitnichten weicher Bewegung.

Denn es verhindert die Frau das Empfangen und wehrt sich dagegen,

wenn sie selbst mit dem Leib dem Manne freudig erwidert

und mit der ganzen weichen Brust die Wogen erreget.

Bringt die Furche sie doch aus grader Richtung, des Pflugs

Bahn, und wendet ab von den Stellen die Stöße des Samens.

Und so pflegen sich, selber zunutz, zu bewegen die Dirnen,

um nicht oft zu empfangen und häufig schwanger zu liegen,

und daß selber zugleich die Venus die Männer mehr anspräch;

das scheint unseren Gattinnen in keiner Weise vonnöten.[18]

[...]


[1] Casius Plinius Caecilis Secundus: Epistula VI, 16+20. In: Briefe. Epistularum libri decem. Lateinisch-deutsch. Hrsg. v. Helmut Kasten. München 1995, S. 193

[2] Goethe, Johann Wolfgang: Italienische Reise. München/Wien 1992, S. 251

[3] Cantarella, Eva: Pompeji. Liebe und Erotik in einer römischen Stadt. Stuttgart 1999, S. 35f

[4] Guzzo, Pier Giovanni /d’Ambrosio, Antonio: Pompeii. Führer durch die Ausgrabungen. Pompeji 2002, S. 44

[5] Zit. nach Cantarella, S. 88ff

[6] Ebd., S. 30ff

[7] Siems, Andreas Karsten [Hrsg.]: Sexualität und Erotik in der Antike. Darmstadt 1994, S.1

[8] Cato: Gell. X 23, 5. Zit. nach Kroll, Wilhelm: Römische Erotik. In: Siems, S.73

[9] Vgl. Gladigow, Burkhard: Römische Erotik im Rahmen sakraler und sozialer Institutionen. In: Siems, S. 334

[10] Plautus: Curculio. T. Macci Plauti comoediae. Hrsg. v. W. M. Lindsay, Band 2, Oxford 1950, S. 78

[11] Zit. nach Meyer-Zwiffelhoffer, Eckhard: Im Zeichen des Phallus. Die Ordnung des Geschlechtslebens im antiken Rom, Frankfurt/New York 1995, S. 69

[12] Martial: Epigramme. Übersetzt von R. Helm. Zürich/Stuttgart 1957, II 28

[13] Gell. VI 12, 5. Zit. nach Kroll, S. 94

[14] Martial s. 12, VI 26, 3

[15] Vgl. Kroll S. 78

[16] Zit. nach ebd.

[17] Gladigow, S. 346

[18] Lucretius Carus: De rerum natura. Welt aus Atomen. Hrsg. u. übers. v. K. Büchner, Stuttgart 1986, 1263-77

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Im Zeichen des Priapus - Erotik und Gewalt in der römischen Antike
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Bühnen- und Arenenspektakel der Römer
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
41
Katalognummer
V34196
ISBN (eBook)
9783638344920
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gezeigt wird, wie sich die Verquickung von Erotik und Gewalt durch das gesamte Leben der römischen Antike zieht. Einen Schwerpunkt der Untersuchung bildet die Erotik in der Arena (Sexsymbol Gladiator, Sadomasochistische Atmospäre etc.), die mit Hilfe von Bataille, Fromm und de Sade neu interpretiert wird.
Schlagworte
Zeichen, Priapus, Erotik, Gewalt, Antike, Hauptseminar, Bühnen-, Arenenspektakel, Römer
Arbeit zitieren
Tina Hanke (Autor), 2004, Im Zeichen des Priapus - Erotik und Gewalt in der römischen Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34196

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