Einführung in mögliche Beratungsansätze und Anwendungsbeispiele in der Bildungs- und Weiterbildungsberatung


Studienarbeit, 2005

25 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Aufgaben und Settings von Bildungs- und Weiterbildungs- beratungseinrichtungen

3. Verschiedene Arbeitskonzepte und Beispiele für die praktische Umsetzung
3.1. Empowerment
3.1.1. Ursprung von Empowerment-Prozessen: Erlernte Hilflosigkeit und biografische Nullpunkt-Erfahrungen
3.1.2. Biografisches Arbeiten
3.2. Lösungs- und ressourcenorientierte Beratung
3.2.1. Grundlegende Annahmen
3.2.2. Ebenen im Beratungsprozess
3.2.3. Techniken lösungs- und ressourcenorientierten Arbeitens
3.3. Personenzentrierte Beratung
3.3.1. Die Persönlichkeit des Rat Suchenden aus Sicht der personenzentrierten Beratung
3.3.2. Elemente der personenzentrierten Beratung und ihre Bedeutung

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

ACHTUNG: korrigierter Text; Speicher: Beratung jan05 seitenz.

1. Einführung

Die vorliegende Arbeit will einen Blick auf Beratungsansätze werfen, die in der Bildungs- und Weiterbildungsberatung[1] angewendet werden können. Die Auswahl der Ansätze – Empowerment, lösungs- und ressourcenorientierte Beratung und Personenzentrierung – beruht auf meiner persönlichen Erfahrung, dass diese (obwohl nicht speziell für die Beratung in Bildungsberatungseinrichtungen entwickelt) in der täglichen Arbeit besonders im Vordergrund stehen und eine Grundhaltung der Berater[2] beschreiben, die im Gespräch die Beziehung zwischen Rat Suchendem und Berater wiederspiegelt. Auf Grund dieser Prägnanz und aus Platzgründen wird auf weitere Ansätze (systemisches Arbeiten, Coaching, trait-and-factor o.ä.) unter Verweis auf einschlägige Fachliteratur nicht eingegangen.

Nach einer verortenden Darstellung von Aufgaben und Settings von Bildungsberatungsstellen erfolgt unter Punkt 3 eine Beschreibung der Beratungsansätze, die mit Hinweise auf ihre praktische Umsetzung unterlegt sind. In Punkt 4 werden Hintergründe und Einsatz des ProfilPasses erläutert, der als Instrument der Selbstexploration und Standortbestimmung bzgl. informell erworbener Kompetenzen in verschiedenen Institutionen eingesetzt wird, u.a. auch in der Bildungs- und Weiterbildungsberatung München. Abschließend erfolgt ein Resümee in Hinblick auf Möglichkeiten und Grenzen der Bildungsberatung.

2. Aufgaben und Settings von Bildungs- und Weiterbildungs-beratungseinrichtungen

Bildungs- und Weiterbildungsberatungen arbeiten – soweit sie nicht an Bildungseinrichtungen angegliedert sind, wie z.B. die Beratungsstellen der Kammern oder Universitäten – in öffentlicher Verantwortung und beraten unabhängig und neutral[3]. Inhaltlich beschäftigen sie sich mit allen Formen der beruflichen und persönlichen Bildung – Nachholen von Schulabschlüssen, Persönlichkeitsentwicklung, Aufstiegsqualifizierung, Umorientierung, berufliche Rehabilitation, Studium, Wiedereinstieg nach der Familienphase, Ehrenamt u.s.w. Die Zielgruppe ist folglich breit gefächert und reicht von Jugendlichen, die aus dem „normalen“ Schulsystem herausfallen (hier berät die Schulberatung) bis zu Senioren.[4]

Die Vielfältigkeit an Bildungseinrichtungen und -möglichkeiten (allein die Datenbank der Bundesagentur für Arbeit enthält bundesweit rund 60.000 Veranstaltungen von ca. 20.000 Einrichtungen!), die Verschärfungen auf dem Arbeitsmarkt (Hartz IV), die Notwendigkeit, sich weiter zu bilden und lebenslang zu lernen, veränderte, unstetige Erwerbsbiographien („Arbeitskraftunternehmer“[5]) sowie vergleichsweise schlechte Schulbildung (Pisa) und unzureichende Integration von Migranten führen zu einem steigenden Bedarf an Bildungsberatung und entsprechende Einrichtungen nehmen in der Landschaft der Erwachsenenbildung eine wichtige Stelle ein. So wird „Die Bildungsberatung [wird] als Orientierungs- und Entscheidungshilfe bei der lebenslangen Verfolgung bestimmter Bildungsziele definiert“ (Steeger 2000, S. 37).

Als zentrale Aufgaben der Beratung gelten die Information und Unterstützung Rat Suchender in Bezug auf die Ihnen zur Verfügung stehenden Bildungsmöglichkeiten, die in Einklang mit der gesamten Lebenssituation – finanzielle Lage, zeitliche Ressourcen, Interessen und Fähigkeiten, bisherige Schul- und Erwerbslaufbahn, Unterstützung im sozialen Netz usw. – gebracht werden sollen. Der Rat Suchende soll in der Nutzung von Bildungsmöglichkeiten und persönlichen Ressourcen gestärkt und motiviert werden, neue Handlungsmöglichkeiten werden vermittelt und „Klarheit über Ziele und nächste Schritte“ (Deutscher Städtetag, S.22) gewonnen. Bildungsberatung soll langfristig den Anstoß zur Auseinandersetzung mit den persönlichen Zukunftsperspektiven geben und die biografische Steuerungskompetenz – die Entwicklung und Gestaltung von Zukunft – fördern.

Des weiteren kann die Bildungsberatung eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe übernehmen, indem sie den Weiterbildungsbedarf ermittelt und an Träger der Erwachsenenbildung weiterleitet. In der Kooperation mit anderen Akteuren (Anbietern von Bildungsmaßnahmen, Arbeitskreisen, Projektgruppen, Lernenden Regionen u.ä.) sollen Netzwerke geschaffen werden, die den Zugang zu Bildungsmaßnamen insbes. benachteiligten, bildungsfernen Menschen eröffnen, die Markttransparenz schaffen, lebenslanges Lernen etablieren und regionale Strukturen verbessern.[6] Bildungsberatung dient somit auch der Vermeidung bzw. Verkürzung von Arbeitslosigkeit und krisenhaften Biografien.

Die direkte Beratungsarbeit findet in Form von telefonischer oder schriftlicher Beratung, Gruppenberatung, Informationsveranstaltungen oder persönlicher Beratung statt. Indirekte Beratung, bei der kein zielgerichteter Kontakt zwischen dem Rat Suchenden und dem Berater stattfindet und die sich auf reine Informationsvermittlung beschränkt, erfolgt über Print- und Onlinemedien der Beratungsstellen, über die dort einsehbaren allgemein gültigen Informationen oder über Bildungsdatenbanken.

Überwiegend bliebt es in der Beratung bei einem Einzelkontakt, in manchen Situationen ist jedoch eine Begleitung über einen längeren Zeitraum mit mehren Gesprächen angezeigt.

3. Verschiedene Arbeitskonzepte und Beispiele für die praktische Umsetzung

„Beratung“ bedeutet „jmdm. bei einem Problem durch Ratschläge zu helfen versuchen“ (Bünting 1996, S. 162). Ein Rat Suchender ist eine „Person, die Beistand, Hilfe, Anregung sucht“ (a.a.O., S. 922), und dies geschieht überwiegend im Gespräch, im direkten Kontakt zwischen Rat Suchendem und Berater.

Neben der bloßen Informationsweitergabe in der Bildungs- und Weiterbildungsberatung (die auch ohne Gespräch erfolgen kann, vgl. Pt. 2) – z.B. zum vorhandenen Angebot, zu Zugangsvoraussetzungen oder Finanzierungsmöglichkeiten – bedeutet dies, dass der Berater den Rat Suchenden in einem kommunikativen, interaktive Prozess in der Findung eines autonomen Lebensstils unterstützt und ermutigt bzw. ihn in die Lage versetzt, eigenständige Entscheidungen bzgl. Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zu treffen (Empowerment), gemeinsam mit dem Gegenüber Zukunftsperspektiven und Lösungen von vorhandenen Restriktionen entwickelt und dabei den Fokus besonders auf Stärken, Erfahrungen und Interessen das Rat Suchenden legt (Lösungs- und Ressourcenorientierung) und sich auf Grundlage einer vertrauensvollen Beziehung um ein Verständnis der komplexen Situation des Gegenübers und seinen Deutungen bemüht (Personenzentrierung).

Empowerment

Empowerment ist ein die Grundhaltung des Beraters beschreibendes Konzept, welches in dem Gegenüber den mit vielen Stärken ausgerüsteten Experten sieht und ihn im Vertrauen auf dessen Selbsthilfefähigkeit unter Verzicht entmündigender Ratschläge zu einem selbstbestimmten Leben hinführen will.[7]

Ursprung von Empowerment-Prozessen: Erlernte Hilflosigkeit und biografische Nullpunkt-Erfahrungen

Personen, die eine Bildungs- und Weiterbildungsberatung aufsuchen, befinden sich häufig in Umbruch- bzw. Krisensituationen. Diese sind einerseits Auslöser, sich mit Bildungsmöglichkeiten zu beschäftigen, andererseits wirken sie sich auch häufig auf die ganze Person, deren Selbstverständnis und Selbstwert aus. Einige Beispiele von Umbruchssituationen sind die Trennung vom Partner, drohende oder bestehende Arbeitslosigkeit, Wiedereinstieg nach einer Familienphase, unstrukturierte Lebensläufe, Loslösung vom Elternhaus oder psychische bzw. physische Probleme.

Problematisch wird die Bewältigung solcher Krisensituationen dann, wenn die Ereignisse und deren Konsequenzen als unbeeinflussbar gelten, das eigene Handeln als wirkungslos empfunden wird und Coping-Strategien ins Leere laufen. An dieser Stelle besteht die Gefahr, dass der Betroffene so genannte „biografische Nullpunkt-Erfahrungen“ macht: Bei dem Versuch, sich Situationen, Lebensumstände und insbesondere deren Unkontrollierbarkeit zu erklären (Attributionen aufzustellen), gleitet der Betroffene in eine Negativ-Schleife ab. Die Ursache für die Hilflosigkeit wird in sich selber gesucht (internale Attribution), Hilflosigkeit wird generalisiert (sie wird universell, in den verschiedensten Situationen, erwartet) und als zeitlich andauernd erlebt (stabile Attribution).[8]

„Ausgangspunkt von Empowerment-Prozessen ist stets das Erleben von Machtlosigkeit und Fremdbestimmung – die Erfahrung also, ausgeliefert zu sein, mit dem Rücken an der Wand zu stehen, die Fäden der eigenen Lebensgestaltung aus der Hand zu verlieren“ (Herriger 2002, S. 52).

Übertragen auf die Bildungsberatung bedeutet dies, dass Menschen z.B. keine Möglichkeit sehen, Arbeitslosigkeit zu beenden, für die sie selbst verantwortlich sind; dass sie das Gefühl haben, dem Erwerbsleben psychisch nicht gewachsen zu sein, den Anforderungen nicht genügen zu können; dass sie in Bezug auf Fragen der Lebensführung und Bildung (Schule, Studium, Berufswahl...) häufig nur die Vorstellungen anderer, z.B. der Eltern oder des Partners erfüllt haben, nicht die eigenen; oder dass sie ihren beruflichen Lebensweg als zusammengepflastertes, den äußeren Erfordernissen angepasstes Stückwerk ohne „roten Faden“ empfinden.

Das Resultat der hier sehr trennscharf beschriebenen Sichtweisen und pessimistischen Attributionen ist häufig, dass zur Verfügung stehende Möglichkeiten und Ressourcen auf individueller Ebene und im Umfeld übersehen werden (kognitives Defizit). Der Rat Suchende fühlt sich handlungsunfähig und chancenlos, die Bereitschaft, aktiv zu werden, sinkt (motivationales Defizit). Begleitende bzw. daraus entstehende Gefühle sind Resignation, Ohnmacht, Depression (emotionales Defizit).[9] Alle drei Faktoren bedingen und verstärken sich gegenseitig, so dass sich der Rat Suchende in einem „Teufelskreis“ befindet.[10]

Der Berater wird innerhalb des Themas „Bildung“ folglich auf drei Ebenen angesprochen und muss hier im Sinne der Ganzheitlichkeit aktiv werden und

individuelles psychologisches Empowerment[11] betreiben: Zusätzlich zur Auflösung des kognitiven Defizits wird die bestehende Veränderungs- und Handlungsbereitschaft verstärkt – z.B. durch die Vereinbarung kleiner Handlungsschritte, die in Folgeberatungen überprüft werden, durch Ermutigungen oder durch das Aufstellen eines Zeitrahmens, innerhalb dessen bestimmte Dinge getan werden sollen. Die emotionale Belastung muss vom Berater zunächst aufgenommen und akzeptiert werden um dann aber den Blick auf bestehende Stärken und Kompetenzen zu richten. Der Rat Suchende soll eine gesunde Selbstwahrnehmung entwickeln und die Wirksamkeit des eigenen Handelns erkennen und erleben[12].

[...]


[1] Die Begriffe „Bildung“ und „Weiterbildung“ werden teilweise mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Eine Darstellung des Bildungssystems in Deutschland findet sich in Alt/Sauter/Tillmann 1994, S. 33-43. In Anlehnung an die Begriffsanwendung dort wird „Bildung“ als umfassender Überbegriff verstanden, welcher (vor)schulische und berufliche Ausbildung sowie sich daran anschließende berufliche und nicht-berufliche Weiterbildung umfasst. Aus diesem Verständnis heraus ergeben sich die Aufgaben der Bildungs- und Weiterbildungsberatung (vgl. Pt. 2). Da „Bildung“ die zwei Säulen Aus bildung und Weiter bildung vereint, ist im Folgenden überwiegend von „Bildungsberatung“ die Rede.

[2] Die ausschließliche Verwendung der männlichen Form erfolgt aus Gründen der besseren Lesbarkeit; weibliche Personen sind ausdrücklich einbezogen.

[3] Deutscher Städtetag, S. 9 und 19

[4] Zielgruppen und inhaltliche Themen können auch genauer definiert bzw. eingeschränkt werden, je nach Typ von Bildungsberatung. So unterscheidet Steeger (2000, S. 41) u.a. zwischen Schullaufbahnberatung, Studienberatung, Aus- und Weiterbildungsberatung und individueller Entwicklungsberatung. Die hier vorgenommene Darstellung bezieht sich überwiegend auf die Bildungs- und Weiterbildungsberatung München.

[5] Pongratz/Voß 2001

[6] Deutscher Städtetag, S. 24 und 25; Steeger 2000, S. 52

[7] Zur Bedeutungsoffenheit des Begriffes und zu Definitionszugängen vgl. Herriger 2002, Kapitel 1

[8] Herriger 2002, S. 52ff

[9] Herriger 2002, S. 61

[10] In der Bildungs- und Weiterbildungsberatung treten diese Defizite bzw. Attributionen zumindest ansatzweise zu Tage. Ansatzweise deshalb, weil die Berater diese Dinge mit berücksichtigen aber nicht in die Tiefe gehen und zum Hauptinhalt der Beratung machen. Die Grenze zur Therapie muss gewahrt werden und die spezifische Aufgabe der Bildungsberatung im Blick bleiben. Zudem zeigt der Rat Suchende, indem er die Beratungsstelle – ein freiwilliges und niederschwelliges Angebot – aufsucht , Interesse, Antrieb und Motivation an Veränderungen; er ist in der Lage, sich Hilfsangebote zu suchen und erhofft sich neue Perspektiven.

[11] Empowerment kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden und beinhaltet einerseits die Arbeit mit dem Individuum, welches Autonomie und Handlungskompetenz erfahren soll (psychologisches Empowerment), und andererseits die Veränderung sozialer und politischer Strukturen i.S. von Neuverteilung von Macht und Ermöglichung der aktiven Teilhabe am sozialen/politischen Leben (politisches Empowerment); Neerfeld 2003, S. 255

[12] Neerfeld 2003, S. 256

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Einführung in mögliche Beratungsansätze und Anwendungsbeispiele in der Bildungs- und Weiterbildungsberatung
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V34208
ISBN (eBook)
9783638345033
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einführung, Beratungsansätze, Anwendungsbeispiele, Bildungs-, Weiterbildungsberatung
Arbeit zitieren
Mirjam Gottsmann (Autor), 2005, Einführung in mögliche Beratungsansätze und Anwendungsbeispiele in der Bildungs- und Weiterbildungsberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34208

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