Die Habitus Theorie von Pierre Bordieu und ihr Einfluss auf die heutige Soziologie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ziel der Hausarbeit

2.Der Habitus
2.1Ursprung des Habitus-Konzepts
2.2 Die Habitus-Theorie
2.3 Der sprachliche Habitus (ein Beispiel)

3.Habitus und soziologische Strukturkategorien
3.1Habitus und Klasse
3.2 Habitus und Sozialraum

4. Anwendung des Habitus auf das Tischgespräch

Literaturverzeichnis

1. Ziel der Hausarbeit

In der folgenden Arbeit werde ich die Habitus-Theorie von Pierre Bordieu erläutern und ihren Einfluss auf die heutige Soziologie. Ich werde auf die Entstehung beziehungsweise den Entwicklungsprozess des Habitus eingehen. Als erstes werde ich Bourdieus Habitus-Theorie in einfachen Worten erklären und darstellen. Als nächstes werde ich auf den Ursprung dieser Theorie eingehen, um dann noch einmal ausführlich den Habitus in all seinen Schemata zu erläutern und zugänglich zu machen. Diesen Abschnitt werde ich dann mit einem Beispiel abschließen, hierfür habe ich den sprachlichen Habitus gewählt da ich finde, dass dieses Beispiel am anschaulichsten ist. Sprache verbindet Menschen und gibt in einem Gespräch auf vielschichtige Weise Preis mit wem man es gerade zu tun hat. Daher halte ich dieses Beispiel für sehr geeignet, um Bourdieus durchaus komplizierte Theorie zu erklären. Als nächstes werde ich die soziologischen Strukturkategorien des Habitus anschneiden. Hierfür wählte ich die Beispiele Klasse und Sozialraum. Zum Abschluss werde ich das Habitus-Konzept auf das Exzerpt des Tischgespräches einer Familie anwenden.

2. Der Habitus

In seiner strukturalistischen Habitustheorie versucht Pierre Bourdieu die soziale Reproduktion von Handlungen zu erklären. Der Habitus beschreibt das inkorporierte Denkschema und Handlungsschema, das spezifisch für das soziale Umfeld und die soziale Struktur ist. Die Neigungen und Dispositionen, die der Habitus einer bestimmten sozialen Struktur beinhaltet, entstehen durch Praktiken und bringt wiederum Praktiken hervor. Handlungen entwickeln sich durch Verinnerlichung und Wiederholung zum Habitus. Dadurch wird Vergangenheit sowie Geschichte zur gegenwärtigen Handlungspraxis. Jedes soziale Feld und jede gesellschaftliche Klasse hat einen bestimmten Habitus, der nach Bourdieus Theorie erklärt, warum Menschen auf eine gewisse Art und Weise handeln. Dies geschieht durch eine Analyse der Logik der Praxis. Soziales Handeln ist für Bourdieu kein isoliertes Ereignis, sondern bedeutet Praxis, die zwischen individuellen und kollektiven Interessen einerseits und Sozialstrukturen, Organisationen und Kultur andererseits vermittelt wird. Praxis ist eine organisierte Aktivität die den wirtschaftlichen Wohlstand, die Soziale Umwelt und die Kultur einer Gesellschaft, sowie die individuelle Persönlichkeit produziert und reproduziert. Die Beziehung zwischen Sozialstruktur und Praxis wird durch den Habitus vermittelt. Eine Person teilt ihren Habitus mit Personen in gleichen Lebensbedingungen zum Beispiel Gruppen, Schichten und Klassen. (vgl. Bourdieu 1987, 97ff.)

2.1Ursprung des Habitus-Konzepts

Bourdieu entwickelte das Habitus-Konzept als zentrales Erkenntnisinstrument für die Sozialwissenschaften. Der Begriff an sich war nicht neu, er wurde schon zuvor in der Philosophie und der Soziologie verwendet. Jedoch verlieh erst Bourdieu durch seine Theorie der sozialen Welt, diesem Begriff seine spezifische systemische Bedeutung. (vgl. Krais/Gebauer 2002,5) Krais und Gebauer schreiben in ihrem Buch, dass schon in Bourdieus ersten Untersuchungen das Konzept zu finden ist, allerdings ohne Verwendung des Begriffs. Daher ist leider nicht feststellbar wie und wann er das Habitus-Konzept entwickelt hat. (vgl. 2002, 18) Bourdieu der ursprünglich ein Philosoph war, entwickelte sich in den eben erwähnten ersten Veröffentlichungen zu einem Ethnologen und Soziologen. Dies waren seine Arbeiten über die kabylischen Bauern in Algerien. Durch seinen Aufenthalt und seine Arbeit in Algerien prägte sich seine Arbeit und er entwickelte die Habitus-Theorie. (ebenda) In Algerien traf Bourdieu auf zwei völlig unterschiedliche Welten. Zum einen war dies die vorkapitalistische Welt der kabylischen Bauern, die andere dort existente Welt war die der modernen Ökonomie, diese wurde den Einheimischen durch die Kolonialisierung aufgezwungen. Bourdieu schaute nun mit seiner eigenen in ihm verwurzelten Sozialisation auf das verhalten und die Handlungsweisen der kabylischen Bauern. In seinen Augen handelten diese Bauern ökonomisch vollkommen „unvernünftig und irrational“, Bourdieu dachte sofort an die ökonomischen Akteure und die große Verwirrung die dies bei ihnen Auslösen musste. Da in dem Denkschemata der ökonomischen Akteure eine völlig selbstverständliche, natürliche und universell gültige Ordnung verankert ist. Über diese Verhaltensdispositionen verfügten die kabylischen Bauern schlichtweg nicht, diese Denkschemata und Normen waren ihnen vollkommen fremd. (vgl. Krais u. Gebauer 2002, 18) Pierre Bourdieu wollte die Kabylen verstehen, im Gegensatz zu den Kolonialherren und deren Ökonomen. Die einfach davon ausgingen das die Bauern schlichtweg unfähig, unvernünftig und unmodern waren. Er wollte dem denken der Bauern auf den Grund gehen, während dieses mühevollen Versuchs die praktische Logik der Kabylen zu Verstehen. Gelangte Pierre Bourdieu zu weitreichenden Erkenntnissen, eine seiner Schlussfolgerungen war, dass unser modernes Verständnis von rationalem Handeln in keinster Weise eine universelle Gültigkeit hat. Die zweite Erkenntnis war, dass dem subjektiv empfundenem irrationalem Handeln der kabylischen Bauern durchaus eine eigene Logik bzw. ein rationales Handeln zu Grunde lag. In die Kabylen hatte sich ihre Sozialisation der vorkapitalistischen Zeit so eingeprägt, dass nun die veränderten Bedingungen nicht ausgeschöpft werden konnten. Über Generationen geherrschten soziale Verhältnisse und Strukturen, die immer zur Sicherung ihrer Existenz anwendbar waren. Diese erschienen nun in der kapitalistischen Welt als unangemessen und unvernünftig, sie hatten ihren Sinn und Nutzen verloren und sicherten die Existenz der Bauern nicht mehr. Pierre Bourdieu entdeckte hinter all dem ein Muster, eine Prägung der Individuen, die selbst nach diesen tiefgreifenden Veränderungen ihrer materiellen Lebensverhältnisse noch wirksam war. Dies gelang ihm indem er die unterschiedlichen Faktoren erst im einzelnem analysierte und sie dann im Zusammenhang mit den gesamten Bedingungen und Gegebenheiten setzte. In dem prakmatischen Denken und Handeln der kabylischen Bauern verbarg sich eine Weltsicht die sich in Beurteilungen von sozialen Verhältnissen und Akten äußerte, sowie ein System von Handlungen und Dispositionen, das am Verhalten von Personen ablesbar war. Mit dieser Einsicht hatte Pierre Bourdieu eine der beiden Seiten des Habitus entdeckt, nämlich den Struktur-Habitus. Dieser beschreibt die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart. Hiermit beschrieb Bourdieu die Trägheit der Prägung des einzelnen Individuums, von klein auf erlernte Strukturen und Prägungen die über Generationen ihre Gültigkeit hatten, verlieren sich nicht einfach so nur weil die Situation jetzt anders ist. Zu diesem Zeitpunkt benannte Pierre Bourdieu dies jedoch noch nicht als Habitus, erst in späteren Arbeiten benannte er dieses Konzept als Habitus-Thesis. (vgl. Krais und Gebauer 2002, 20ff) Durch die Arbeit in Algerien und die Verbindung mit der Erkenntnismethode Panofskys, welche einzelne Beobachtungen in die Beziehung zu analogen Beobachtungen stellt, um daraus den Sinn der ganzen Reihe sowie damit erst den Sinn jedes einzelnen ihrer Elemente zu erschließen, gelang Pierre Bourdieu der entscheidende Durchbruch bei der „Erfindung“ des Habitus: die Einheitlichkeit der Handlungen in unterschiedlichen Bereichen verweist auf ein gemeinsames Erzeugungsprinzip, also auf einen den unterschiedlichen Subjekten gemeinsamen Habitus. (vgl. Krais und Gebauer 2002, 24) Bourdieu arbeitete jedoch heraus, dass die Praxis als eine „Logik des Ungefähren und der Verschwommenheit“ im Normfall nicht identisch mit der Logik des Wissenschaftlers ist. Aus diesem Grunde muss der wissenschaftliche Beobachter darauf achten, seine Analyse der Handlungen der Akteure, also deren Verhaltensmuster nicht als deren Handlungslogik auszugeben. Durch diese Erkenntnis fand Pierre Bourdieu die Bezeichnung für seine Beobachtungen und Erkenntnisse seiner Arbeit in Algerien, nämlich der strukturierende-Habitus. ( vgl.Krais und Gebauer 2002, 22f.)

2.2 Die Habitus-Theorie

Unter diesem Punkt werde ich die Habitustheorie erläutern, welche neben der Theorie der Praxis in allen ethnologischen und soziologischen Untersuchungen von Pierre Bourdieu präsent ist oder zumindest als Erklärungsansatz im Hintergrund steht. (vgl. Schwingel 1995, 53) Unter Formaler Betrachtung stellt die Habitustheorie „ein weiteres Instrumentarium dar, das auf theoretischer Ebene zwischen Objektivismus und Subjektivismus vermitteln und das aufkommen komplementärer Einseitigkeiten vermeiden soll. Inhaltlich kommt in der Habitustheorie von Pierre Bourdieu, Konzeptualisierung dessen zum Tragen, was an Individuen in ihrer Eigenschaft als soziale Akteure soziologisch relevant ist.“. Jedoch entwickelte Pierre Bourdieu das Habitus-Konzept ursprünglich nicht als theoretischen Lösungsvorschlag für allgemeinsoziologische Problemstellungen. Vielmehr ergab sich aus seinen empirischen Forschungsfragen, die Habitustheorie als offenes Konzept und kann je nach Forschungszusammenhang unterschiedliche Akzente aufweisen. (vgl.Schwingel 1995, 53) Das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu stellt den Sachverhalt ins Zentrum, dass jeder Mensch gesellschaftlich prädeterminiert ist, indem diese Prädetermination als bestimmender Faktor sowohl in seine gegenwärtigen als auch in zukünftige Handlungen einfließt. Genauer gesagt ist nicht der soziale Akteur an sich gesellschaftlich bedingt, sondern sein Habitus, also seine Sozialprägung. (vgl. Schwingel 1995, 55) Weiter soll der Habitus darauf hinweisen, „dass unserem Handeln öfter der praktische Sinn zugrunde liegt als die praktische Berechnung.“(zit. n. Fuchs-Heinritz / König 2005, 113) Laut Krais und Gebauer bedeutet die Habitustheorie nichts anderes als einen Paradigmenwechsel im sozialwissenschaftlichen Denken und Arbeiten, nämlich „die Abkehr von einer Vorstellung vom sozialen Handeln, die dieses als Resultat bewusster Entscheidungen bzw. als das Befolgen von Regeln begreift.“ (vgl.Krais und Gebauer 2002, 5) Fuchs und König beschreiben in ihrem Buch, dass der Habitus den Menschen befähigt, an der sozialen Praxis teilzunehmen und soziale Praxis hervorzubringen. (Fuchs und König 2005, 113f.) Das Individuum bewegt sich in der sozialen Welt nicht aus innerer Freiheit, oder durch einen mehr oder weniger folgsamen Vollzug von Regeln und Normen, sondern „das Individuum ist ein auch in seinem Inneren vergesellschaftetes Individuum, ausgestattet und auch begrenzt durch präformierte Denkdispositionen und Handlungsdispositionen, die es zur sozialen Praxis befähigen.“ (vgl. Fuchs-Heinritz und König 2005, 114) Pierre Bourdieu bezeichnet mit dem Begriff des Habitus „ein generierendes Prinzip, einen Operator oder modus operandi, eine Art des Vorgehens oder Handelns, der jene regelhaften Improvisationen hervorbringt, die man auch gesellschaftliche Praxis nennen kann.“ Dabei ist der Habitus kreativ, er hat das Potential einer Kunst des Erfindens, daher ist er in der Lage in neuen Situationen neue Verhaltensweisen hervorzubringen. (Hervorhebung im Original; vgl. Krais und Gebauer 2002, 5ff) Nach Bourdieu erlaubt der Habitus als „System generativer Schemata“ unendlich viele und für die jeweiligen Situationen relativ unvorhersehbare Praktiken von dennoch begrenzter Verschiedenartigkeit. (zit. n. Bourdieu; vgl. Schwingel 1995, 64) Durch den Habitus eines Menschen sind Grenzen in seinem Handeln gesetzt, die bestimmte Dinge für ihn unmöglich machen, aber innerhalb dieser seiner Grenzen ist er durchaus erfinderisch und seine Reaktionen keineswegs immer vorhersehbar. (vgl.Schwingel1995,64 ff) Der Habitus ist „Produkt der Geschichte eines Individuums“ und damit nicht nur modus operandi, sondern auch opus operatum also ein Werk, ein Produkt. Der Habitus ist „verinnerlichte, inkorporierte Geschichte“: die Vergangenheit, die ihn hervorgebracht hat, wirkt in ihm fort, ob er dies nun will oder nicht. Allerdings sind sein Entstehungszusammenhang sowie die sozialen Bedingungen, die ihn hervorbrachten und damit aber auch „das Bewusstsein vom Geworden-sein dieser ‚zweiten Natur’“ in der Selbstverständlichkeit der von ihm erzeugten Praxis untergegangen.(vgl. Krais und Gebauer 2002, 6) Pierre Bourdieu sieht den Habitus als nicht angeboren, sondern gesellschaftlich entsteht, er beruht auf individuelle und kollektive Erfahrungen, mit anderen Worten: er gewährleistet und beruht auf individuellen und kollektiven Erfahrungen „die aktive Präsenz früherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Gestalt von Wahrnehmungsschemata, Denkschemata und Handlungsschemata niederschlagen.“ (vgl. Schwingel1995, 56)

Die drei im Habitus enthaltenen Schemata lassen sich analytisch wie folgt unterscheiden: Das erste Schema ist das Wahrnehmungsschema, welche die alltägliche Wahrnehmung der sozialen Welt strukturiert. Das zweite Schema ist das

Denkschema, zu welchen nach Pierre Bourdieu Alltagstheorien und Klassifikationsmuster, implizite ethische Normen und ästhetische Maßstäbe zur Bewertung kultureller Objekte und Praktiken also kurz gesagt ihr „Geschmack“ zuzuordnen sind. Als drittes und letztes Schema nennt Bourdieu die Handlungsschemata, welche die individuellen und kollektiven Praktiken der Akteure hervorbringen. Schwingel schreibt, dass die drei Schemata im Vollzug der Praxis unauflöslich miteinander verbunden sind und immer zusammen wirken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mehr oder weniger bewusst beziehungsweise implizit sind und gewöhnlich die Ebene des diskursiven Bewusstseins nicht erreichen, was sie im Sinne der praktischen Logik auch nicht müssen. ( vgl. Schwingel 1995, 56 ff.) Durch die bereitgehaltenen Schemata stellt das Dispositionssystem des Habitus die Grundlage für den von Pierre Bourdieu beschriebenen „sozialen Sinn“ dar, dieser praktische Sinn dient den Akteuren als Orientierungssinn, um sich innerhalb der sozialen Welt und ihren spezifischen Praxisfeldern zurechtzufinden. Nach Bourdieu vereint der soziale Sinn alle praxisrelevanten Sinne, neben den bekannten fünf Sinnen unter anderem auch den allgemeinen Orientierungssinn und den Wirklichkeitssinn sowie den Moralischensinn für Verantwortung und Verpflichtung und den Ästhetischensinn für Schönheit. (vgl. Schwingel 1995, 57ff.) Der die Praktiken organisierende Sozialesinn funktioniert für gewöhnlich mit der automatischen Sicherheit eines Instinkts, also jenseits aller expliziten Überlegungen und Reflexionen. Er betont die Verankerung des Sozialensinns im menschlichen Körper. Daraus ergibt sich, dass die „körperliche Hexis“ durch den Habitus bedingt ist. Die menschliche Existenz ist durch die im Körper bis in die entwicklungspsychologische Schicht verankerten habituellen Dispositionen geprägt. (vgl. Schwingel 1995, 58) Der Praxissinn ist wie der Habitus insgesamt in körperlichen Empfindungen und Gewohnheiten verankert sowie an Körperhaltung, Bewegungsform und Körperausdruck und sinnliche Eindrücke gebunden. Vereinfacht gesagt, der Habitus geht dem Menschen in Mark und Bein über. Nach Pierre Bourdieu ist der Habitus, wie bereits gesagt, „das in den Körper eingegangene Soziale“; er fungiert als körperlicher Speicher desjenigen Wissens, was sich auf die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Klasse bezieht. (vgl. Fuchs-Heinritz und König 2005, 120ff.) Laut Fuchs-Heinritz und König sorgen die im Habitus vorgegebenen Wahrnehmungsformen allerdings dafür, dass die Menschen die soziale Welt zugleich erkennen und verkennen. Durch die im Habitus vorgegebenen meist tauglichen Wahrnehmungsformen sind die Menschen zum einen in der Lage, sich fraglos in einer bekannten sozialen Welt zu bewegen und erfolgreich zu handeln, zum anderen ergibt sich daraus aber eine Verkennung, aufgrund der fehlenden Erinnerung an die Herkunft ihrer eigenen Wahrnehmungsschemata und der fehlenden Erklärung der relativ guten Passung zwischen sozialer Welt und eigenen Kategorien, entziehen sich ihnen die Prinzipien, die die gegebene soziale Ordnung regulieren. So neigen sie dazu, das Mögliche für das allein Mögliche, das Erreichbare für das Angemessene zu halten, sich also der gegebenen sozialen Ordnung ohne Reflektieren und viel Nachdenken hinzugeben. ( vgl. Fuchs-Heinritz und König 2005, 125) Eine andere Beschreibung des Habitus liefern Krais und Gebauer, sie bezeichnen den Habitus als „dispositionelles Netz“, das Erfahrungen und sinnliche Eindrücke aufnimmt und in spezieller Weise verarbeitet, damit aber auch selbst immer wieder modifiziert wird. (vgl. Krais und Gebauer 2002, 63ff.) Das heißt dann aber auch, dass er nur Dinge aufnehmen und einbauen kann, für die er bereits eine Art „Ankopplungsstelle“ hat, was die Kohärenz und Stabilität des Habitus sowie auch das Phänomen der „ Hysteresis “ verständlich macht, durch die bestehende Struktur des Habitus wird ausgeschlossen, dass der Habitus alles verarbeitet, was in der Welt ist. ( vgl. Krais und Gebauer 2002, 64) Der Habitus ist im Unterschied zum Charakter einer Person „Produkt einer Geschichte“ und deshalb wie deren Geschichte einem unaufhörlichem Wandel unterworfen. Durch die weitere soziale Laufbahn und die sich dabei vollziehende Sozialisation erhält der Habitus neue, modifizierende Erfahrungen, allerdings sind die Handlungsgrenzen und Erfahrungsgrenzen für den jeweiligen Akteur bzw. die Akteure einer Gruppe ökonomisch und kulturell verfügbaren Ressourcen weitgehend festgelegt. (vgl. Schwengel 1995, 60ff.) In den Dispositionen des Habitus ist somit die gesamte Struktur des Systems der Existenzbedingungen angelegt, so wie diese sich in der Erfahrung einer besonderen sozialen Lage mit einer bestimmten Position innerhalb dieser Struktur niederschlägt. (vgl. Bourdieu 1987, 279) Der Habitus eines Individuums wird also hauptsächlich durch seine Stellung in der sozialen Struktur geprägt. Das familiäre Umfeld, in welches ein Mensch hineingeboren wird, mit seiner jeweiligen kulturellen und materiellen Ausstattung versorgt ihn mit grundlegenden Ressourcen aus und begrenzt beziehungsweise ermöglicht seine Wahrnehmungsweisen und Handlungsweisen. In der weiteren sozialen Laufbahn und der sich dabei vollziehenden Sozialisation werden den früheren Prägungen neue, den Habitus modifizierende Erfahrungen hinzugefügt. (vgl. Fuchs-Heinritz und König 2005, 121) Ein Habitus ist also gesellschaftlich oder präziser ausgedrückt, soziokulturell bedingt, durch die spezifische Stellung, die ein Akteur innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen innehat, und er formt sich im Zuge der Verinnerlichung der äußeren gesellschaftlichen Bedingungen. Der geschichtliche Ursprung dieser im Habitus inkorporierten soziokulturellen Verhältnisse gerät allerdings in Vergessenheit und obgleich sozial und historisch entstanden, werden die im Habitus inkorporierten Strukturen sozusagen zur „zweiten Natur’“des Menschen. (vgl. Schwingel 1995, 60 ff.)

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Habitus Theorie von Pierre Bordieu und ihr Einfluss auf die heutige Soziologie
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V342161
ISBN (eBook)
9783668321618
ISBN (Buch)
9783668321625
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Habitus Theorie, Pierre Bordieu, Sprache, Strukturkategorien
Arbeit zitieren
Sandra Stockham (Autor), 2016, Die Habitus Theorie von Pierre Bordieu und ihr Einfluss auf die heutige Soziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342161

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