"Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm. Auf der Suche nach verborgenen 'Wahrheiten'

Textkomposition und narrative Strategien


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2016
23 Seiten, Note: "-"

Leseprobe

Inhalt

1. Erzählstruktur

2. Dokumente
2.1 Das Tagebuch des Bruders
2.2 Andere Dokumente

3. Der Ich-Erzähler
3.1 Mitspieler im Handlungsgeschehen und Reflexionsfigur
3.2 Entdecker und „Seismograph“

Benutzte Literatur

1. Erzählstruktur

Vielstimmige Textkomposition

Mit “Am Beispiel meines Bruders” (abgekürzt BB) verfasste Uwe Timm nicht nur einen autobiografischen Text von großem persönlichem Erinnerungswert, sondern ein komplexes Geflecht „von Gehörtem und Gesehenem“ (BB 59), Erlebtem und Gelesenem, von „alltäglichen Geschichten“ (BB 131), Verdrängtem und „Totgeschwiegenem“ (BB 106 und 133), von „Vergessenem und Erinnertem“ (AE 69), von historischen Fakten, Erfundenem oder Geträumtem, von kritiklos Übernommenem und dem, was sich durch kritisches Hinterfragen und Reflektieren offenbarte. Dieses alles zusammengenommen ergibt ein vielfältiges Mit- und Gegeneinander von Stimmen, das sich an der musikalischen Form einer „Fuge“ orientiert, in der „die Stimmen von Bruder, Vater, Mutter, Schwester ... motivisch in Wiederholungen und Modulationen durchgespielt werden.“ (AE 80 f.) Daraus entstand eine „ästhetische Konstruktion, die nicht sagt, so war es, sondern so könnte es gewesen sein, die, indem sie über die Leerstellen zwischen den Textblöcken auf das Fragmentarische des Erfahrbaren, Erinnerbaren verweist, nicht den Anspruch auf das >Ganze< erhebt.“ (AE 80)

Unterschiedliche Dokumente und Textarten

In Uwe Timms BB werden ganz verschiedenartige Dokumente einander gegenübergestellt: Briefe und Tagebuchnotizen der Familienmitglieder (insbesondere des 16 Jahre älteren Bruders Karl-Heinz), Tagebucheintragungen von Propagandaminister Goebbels, Befehle und Briefe von Wehrmachtsgenerälen wie Generalfeldmarschall von Manstein (BB 104 f.), Generalfeldmarschall von Reichenau (BB 146) und General Heinrici (BB 28), das Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ (1920) von Ernst Jünger (BB 153), Auszüge aus Heinrich Himmlers Rede an die Waffen-SS (BB 36), Zeitungsberichte (BB 54), Äußerungen von Mozart hörenden und Hölderlin lesenden SS-Führern und „Bürokraten des Todes“ (BB 61) wie Otto Ohlendorf, Violine spielende Repräsentanten einer „Herrenmenschenideologie“ wie Reinhard Heydrich (BB 62) und die aus der Opferperspektive berichtenden Stimmen von Primo Levi (BB 105 f.) und Jean Améry. (BB 62)

Aufbrechen chronologischer und kausaler Zusammenhänge

Uwe Timm ging es nicht darum, diese mündlichen und schriftlichen Dokumente säuberlich voneinander getrennt in chronologischer Reihenfolge im Sinne einer linear verlaufenden Erzählung wiederzugeben. Er wollte sie vielmehr in einen imaginären

Dialog treten lassen, um den Leser zum Nachdenken und zur Stellungnahme herauszufordern. Durch seine Erzählweise werden chronologische und kausale Zusammenhänge aufgebrochen. Die „vergangene Zeit“ wird „zu einer neuen erzählten Zeit“ (EE 99) zusammengebaut. Ein Beispiel für diese Art zu erzählen bilden diejenigen Textteile, in denen vom Tod der Familienmitglieder die Rede ist. Am Anfang des Buches steht der Tod des Bruders Karl-Heinz am 16. Oktober 1943. (Vgl. BB 10) Dann folgen der Tod der Mutter im Jahre 1991 (vgl. BB 120), der Tod der Schwester 1998 (vgl. BB 144) und – gegenläufig zum tatsächlichen Geschehen – schließlich der Tod des Vaters am 01. September 1958 (vgl. BB 156 f.). Durch dieses Aufbrechen der chronologischen Abläufe wird der Text zu einer Montage bzw. Collage umgebaut, in der der Erzähler nicht nur die Rolle eines Chronisten, sondern auch die Funktion einer Reflexionsfigur übernimmt, die das Geschehen nachdenklich begleitet, analysiert und begutachtet, ohne eingängige Lösungen zu präsentieren, die der Leser zustimmend übernehmen kann. Vielmehr werden Fragen aufgeworfen nach dem Muster: „Was, wenn der Bruder zur KZ-Wachmannschaft versetzt worden wäre?“ (BB 63) Oder: „Was wäre gewesen, wenn er sich nicht zur SS gemeldet hätte?“ (Ebd.) Diese Fragen bleiben unbeantwortet und werden lediglich mit den gängigen Rechtfertigungslitaneien der Elterngeneration kontrastiert, die ihr eigenes Versagen mit der oft verwendeten Formel „Das haben wir nicht gewußt“ (BB 133) abwehren.

Langfristig anvisiertes, aufwendiges Schreibprojekt

Die autobiografischen Anteile des Textes lassen sich durch eine zweigeteilte Grobrasterung in eine Rahmenerzählung und eine Kerngeschichte aufgliedern. Im Zentrum steht die zum Zeitpunkt des Schreibens 60 Jahre zurückliegende Geschichte des älteren Bruders Karl-Heinz, der sich als Achtzehnjähriger freiwillig zur Waffen-SS meldete (Vgl. BB 15), im September 1943 als Panzerpionier der „SS-Totenkopfdivision“ in der Ukraine schwer verwundet wurde und dort am 16. Oktober 1943 im Feldlazarett starb. (Vgl. BB 10) Den Rahmentext bildet die bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hineinreichende Familiengeschichte und die nach dem Tod der Mutter durchgeführte Reise des Erzählers zum Grab seines Bruders in der Ukraine (vgl. BB 123 ff.), für die keine genaue Zeitangabe gemacht wird. Erst nach dem Tod der Schwester (der letzten Familienangehörigen) war der Erzähler in der Lage, seine inneren Blockaden zu überwinden und mit dem Schreiben zu beginnen. (Vgl. BB 10 ff.) Für ihn kam eine „verschlüsselte Darstellung innerfamiliärer Begebenheiten“ (Bellmann 43) in Gestalt eines fiktionalen Textes (z. B. als Roman) von vornherein nicht in Frage, obwohl die Romanform ihm leichter gefallen wäre als die in BB verwendete „Struktur der Montage“ mit ihrer Fülle von „zahlreichen Zitaten“. (EE 27) Durch diese Art der „Montage“, d. h. durch die Kombination von narrativen Textteilen, reflexiven essayistischen Passagen und authentischem Quellenmaterial, durch „Ver-kehren, Um-drehen, Über-tragen von Bildern“ und durch „Aufsplittern von Sinnzusammenhängen“ (EE 55), entstanden

„Sinnerweiterungen“ (ebd.), die im bereits angesprochenen Textgeflecht wichtige Funktionen erfüllen. Durch den enormen zeitlichen Aufschub dieses seit langem anvisierten Schreibprojektes (vgl. BB 10 und AE 75) wurden die Figuren der Familiengeschichte schließlich zu „Abwesenden“, denen der Erzähler durch sein Schreiben wieder „Präsenz“ verlieh: „Die Abwesenheit des Bruders war zugleich seine intensive Anwesenheit.“ (AE 75)

Vermeidung „glättenden Erzählens: Lücken, Leerstellen, Grauzonen statt Lehren

Uwe Timms BB stellt einen Versuch dar, die vielen Lücken, Leerstellen und Grauzonen der persönlichen Erinnerung mit zeitgeschichtlichen Zeugnissen historischer Figuren oder Institutionen abzugleichen und in einen Zusammenhang zu bringen, um ihre Widersprüchlichkeit aufzudecken, den Leser nachdenklich zu machen und aufklärerische Wirkungen zu erzeugen, ohne fertige Lösungen zu präsentieren. Es geht in diesem Buch „primär nicht um lehrbare Inhalte der Geschichte, sondern um Leerstellen im Großen wie im Kleinen“ und um das, „was ausgelassen und verschwiegen wird, was unlesbar und unverständlich ist“. (Braun 54 f.) Dabei ist nicht auszuschließen, dass es auch eine „Lehre“ gibt (ebd. 65), obwohl Uwe Timm dies nicht ausdrücklich so gesagt hat. (Vgl. ebd. 54) Ein wichtiges Anliegen des Autors besteht offensichtlich darin, der „Gefahr, glättend zu erzählen“ (BB 38) vorzubeugen – konkret: um jeden Preis eine Erzählweise zu vermeiden, die mit „Kausalketten ... alles einordnen und fasslich machen“ will. (Ebd.) Diese Art des Erzählens wird im Text von der Vätergeneration praktiziert, die das entsetzliche Geschehen der NS-Zeit „beim gemütlichen Zusammensein in Anekdoten “ auflöst, es „verständlich“ macht und „domestiziert“. (BB 102) In diesem Zusammenhang spricht Ulrich Simon auch von der Gefahr, „glättend zu lesen“ (Simon 203), die in der Neigung des Lesers begründet liege, das Gelesene zu „harmonisieren“ (ebd. 221) oder dem Autor zu unterstellen, er wolle seinen Bruder entlasten bzw. den plötzlichen Abbruch seines Tagebuches („Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen.“ BB 124, 151 und 158) als Akt des Widerstands deuten.

Narrative Strategien: Einblenden von Bildern

In seinem Aufsatz „Die Gefahr, glättend zu lesen ...“ unterscheidet Clemens Kammler vier „narrative Strategien zur Vermeidung glättenden Erzählens“ (ebd. 69), auf die hier kurz eingegangen werden soll. Zum einen wird dies durch das „kontrastive

Einblenden von Bildern“ erreicht, „die intratextuell aufeinander verweisen“. (Ebd.) Beispielsweise beginnt die Erzählung mit dem Bild der „blonden Haare“ (BB 9) des älteren Bruders, d. h. einem Merkmal des von den NS-Ideologen propagierten Typ eines „Ariers“. Nach wenigen Seiten wird dieses Bild mit einem anderen Bild kontrastiert, auf dem die ältere Schwester mit ihrem Bruder Karl-Heinz auf dem Schoß seines Vaters zu sehen ist und „unbeachtet daneben“ steht. (BB 12) Dieses „sprechende“ Bild wird viele Seiten später durch ein weiteres Bild von der Schwester ergänzt, das sie „mit einem kühnen Lächeln“ und wehendem Haar an der Seite ihres späteren Lebensgefährten zeigt und einen ganz anderen Eindruck von ihr vermittelt. (BB 144) Auch das Tagebuch des Bruders enthält, wie im nächsten Abschnitt genauer ausgeführt wird, solche kontrastiven Elemente, die ihn einerseits als empathielosen Täter zeigen, andererseits aber auch die Frage aufwerfen, ob er nicht auch als Opfer eines menschenverachtenden Erziehungssystems zu betrachten sei.

Schnitte zwischen benachbarten Textblöcken

Ferner sind im Text wiederholt „harte Schnitte zwischen benachbarten Textblöcken“ (Kammler 70) zu verzeichnen, in denen ganz unterschiedliche und sich zum Teil widersprechende Aussagen gemacht werden, zum Beispiel in unmittelbar aufeinander folgenden Abschnitten, wo der Bruder als kaltblütiger Täter an der Ostfront und als kränkelndes, bettlägeriges Kind dargestellt wird. (Vgl. BB 19) Indem der Bruder auf diese Weise als ambivalente Figur beschrieben wird, hält der Erzähler den Leser auf Distanz und beugt seiner Neigung vor, für den Bruder Partei zu ergreifen oder sich auf die Seite des Erzählers zu schlagen. An anderer Stelle wird der Versuch der Vätergeneration aufs Korn genommen, „die eigene Schuld und Mitwisserschaft zu leugnen“ (Kammler 70), indem sie die stereotyp wiederholte Formel verwendet „Das haben wir nicht gewußt“ (BB 133), während ein Onkel des Erzählers mit den Worten zitiert wird, „das, was mit den Juden gemacht werde, sei ganz in Ordnung“. (Ebd.)

Einfügen von Traumsequenzen in die Erzählstruktur

Ein weiterer Aspekt narrativer Strategien zeigt sich darin, wie der Erzähler Träume in die Erzählung einblendet. Dieser Bereich wird hier nur kurz angerissen und ausführlicher im 3. Kapitel behandelt. In den Träumen des Erzählers manifestieren sich unbewusste und unbewältigte Anteile seiner Erinnerungsarbeit. Sie verdeutlichen die Mühen und Anstrengungen, die ihm seine Nachforschungen in intime Bereiche seiner Familiengeschichte bereitet haben. Er entdeckte dabei nicht nur die dunklen Seiten in Vater und Bruder, sondern erlebte im Zustand des Halbwachseins auch sich selbst als schattenhafte und vom Tode gezeichnete Figur. (Vgl. BB 126)

2. Dokumente

Mündliche und schriftliche Arten des Dokumentierens

In BB werden dem Leser die Familienangehörigen und eine größere Anzahl weiterer Personen aus dem Umkreis des Erzählers vorgestellt, zum Beispiel in der Weise, dass der Erzähler über sie berichtet, dass sie sich selbst erzählend zu Wort melden bzw. sich untereinander und mit dem Erzähler gesprächsweise auseinandersetzen. Vom Erzähler aus betrachtet spielen dabei Begriffe wie „Erinnern“ und „Vergessen“ (vgl. AE 73 f.) eine entscheidende Rolle. Sie werden zu wichtigen Schlüsselbegriffen, die den Vorgang des Erzählens nachhaltig beeinflussen. Das betrifft vor allem Bruder

Karl-Heinz, von dem seitens des Erzählers nur schemenhafte bildliche

Erinnerungsfragmente existieren, aber keine klar bewussten Eindrücke, die auf gemeinsamen Erlebnissen oder Gesprächen basieren. Die wichtigste Informationsquelle bilden die Tagebucheintragungen und Briefe des älteren Bruders. Ihnen entnimmt der Erzähler das, was dem Bruder an der Front widerfuhr, wie er darüber dachte und was er dabei empfand. Abgesehen davon, gibt es einige Requisiten: „Habseligkeiten“ (AE 75), die seine Mutter mit dem Tagebuch und den Briefen des Bruders in einer kleinen „Pappschachtel“ (ebd.) verwahrte, zum Beispiel einen Kamm, ein paar Haare und Orden, scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten, an die sich aber bestimmte Erinnerungen heften.

2.1 Das Tagebuch des Bruders

Zwei kontrastierende Einträge: Versuch der Entschlüsselung

Der Bruder führte das Tagebuch (ein kleines „Notizbuch, von dessen Rücken sich ein Streifen des Einbandes gelöst“ hatte; BB 144, vgl. auch BB 11) nur wenige Monate während seines Einsatzes an der Ostfront, vom 14. Februar bis zum 06. August 1943. Danach gibt es noch einen weiteren undatierten Eintrag, in dem der plötzliche Abbruch festgehalten wird. (Vgl. BB 17) Dieses Tagebuch ist vor allem ein Kriegstagebuch. Es berichtet u. a. von der Rückeroberung Charkows und der Schlacht um Kursk, gibt aber keinerlei Aufschluss über die Vorgeschichte des Bruders in der Heimat. Rezensenten des Buches weisen wiederholt auf zwei kontrastierende Tagebucheinträge hin, die zwei ganz unterschiedliche Seiten des Bruders beleuchten und ihn als ambivalente, widersprüchliche Figur erscheinen lassen. Der erste Eintrag: „März 21. Donez Brückenkopf über dem Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.“ (BB 19, 36, 102 und 154; vgl. auch AE 79) Nach Auffassung des Erzählers offenbart sich in dieser Äußerung eine Gewaltsamkeit der Sprache und ein schockierender „Verlust an Empathie“ (AE 79), den er als „ungeheuerlich“ (ebd.) empfindet. Der zweite Eintrag: „Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen.“ (BB 124, 151 und 158) Mit diesem Eintrag verbindet der Erzähler die Hoffnung, der Bruder wolle auf diese Weise seine Weigerung zum Ausdruck bringen, sich dem „Befehl“ der Vorgesetzten und dem „Druck des sozialen Kollektivs“ (BB 151) zu beugen und sei zu der „Einsicht“ gelangt, dass das Töten von Menschen grausam und inhuman sei. Jedoch lasse sich dies nicht eindeutig aus dem Eintrag herauslesen, der eine der rätselhaften „Leerstellen“ in der Biografie seines Bruders bildet.

Spuren von „Ungeheuerlichem“

Die Angst des Erzählers ist groß, bei der Lektüre des Tagebuches auf „Ungeheuerliches“ zu stoßen und sich der Einsicht stellen zu müssen, der Bruder und seine Einheit mit dem furchteinflößenden Namen „Totenkopfdivision“ seien „bei sogenannten Säuberungen eingesetzt worden ... Gegen Partisanen, Zivilisten, gegen

Juden ...“ (BB 36) Sie verbindet sich mit der ebenfalls angstbesetzten Erinnerung an

das Märchen vom Ritter Blaubart, das seine Mutter ihm abends vorlas und ihn so entsetzte, dass er das Ende nicht hören wollte. (Vgl. BB 11) In beiden Fällen kommt es zu einer Blockade, die auch der Erwachsene lange Zeit nicht überwinden konnte und ein „Zurückweichen vor den zu findenden Schrecknissen“ (AE 79) bewirkte, als handele es sich hier um einen Tabubruch, um ein Eindringen in einen Bezirk voller dunkler Geheimnisse, die nicht preisgegeben werden durften. Dieser Gedanke ist keineswegs abwegig, wenn man berücksichtigt, dass es SS-Mitgliedern verboten war, ein Tagebuch zu führen, um zu verhindern, dass im Falle eines Verlusts gegnerische Kräfte in den Besitz wichtiger Informationen gelangen könnten. Die Tatsache, dass der Bruder das Tagebuch nur heimlich geführt haben konnte, erklärt die Flüchtigkeit der Einträge, die Abkürzungen, die nicht zu übersehenden Schreibfehler (vgl. BB 159), die teilweise nicht entzifferbaren Wortverstümmelungen, die zerfließende Schrift und die Lückenhaftigkeit des Textes. (Vgl. BB 95)

Empathielosigkeit, Kaltschnäuzigkeit und „Kommißsprache“

Auffallend ist ferner der lapidare Tonfall, die schon erwähnte Empathielosigkeit, die teilweise zu verzeichnende Kaltschnäuzigkeit, die sich in den Einträgen offenbaren, sowie die unreflektierte und unkritische Verwendung eines der „Kommißsprache“ (BB 101) entnommenen Vokabulars mit abwertenden und pauschalisierenden Bezeichnungen wie „Iwan“ oder „Russe“ für russische Soldaten und „Sachs“ für britische Militärangehörige. (Vgl. z. B. BB 17, 18, 94 und 97) In diesem Zusammenhang weist der Erzähler darauf hin, dass er bei seinen Recherchen in anderen Tagebüchern und Briefen eine routinemäßig verwendete, „angelernte Sprache“ (BB 94) des Tötens gefunden habe, mit Ausdrücken wie „Untermenschen, Parasiten, Ungeziefer, deren Leben schmutzig, verkommen, vertiert“ und „das auszuräuchern ... eine hygienische Maßnahme“ sei. (Ebd.) Er spricht auch von einer an der Heimatfront von Zivilisten verwendeten Sprache der „Verrohung und Verdrängung“ (BB 100) mit Ausdrücken wie „Gefrierfleischorden, Hitlersäge, Heimatschuß“. (Ebd.) Auf der Ebene der Generalität gab es einen ähnlich unreflektiert verwendeten, menschenverachtenden Jargon, wie beispielsweise die von Generalfeldmarschall von Manstein zitierte Formel vom „jüdisch-bolschewistischen System“, das „ausgerottet“ (BB 104) werden müsse.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm. Auf der Suche nach verborgenen 'Wahrheiten'
Untertitel
Textkomposition und narrative Strategien
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
----------------------------------
Note
"-"
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V342634
ISBN (eBook)
9783668322851
ISBN (Buch)
9783668322868
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beispiel, bruders, timm, suche, wahrheiten, textkomposition, strategien
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2016, "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm. Auf der Suche nach verborgenen 'Wahrheiten', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342634

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