Literaturverfilmung. Eine Nähere Betrachtung des bolivianischen Tagebuchs Ernesto Che Guevaras und dessen Verfilmung


Hausarbeit, 2016

17 Seiten


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Abriss zur Literaturverfilmung

3 Kurze Beschreibung der zu vergleichenden Medien
3.1 Tagebuch
3.2 Film

4 Vergleich von Buch und Film
4.1 Inhalt und Aufbau
4.2 Narrative Struktur
4.3 Atmosphäre und Erzählperspektive

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 EINLEITUNG

Es war eine Angewohnheit Che Guevaras, in seinem Leben als Guerillero sorgfältig alle Beobachtungen eines jeden Tages in einem persönlichen Tagebuch aufzuzeichnen. Immer wenn während der langen Märsche durch unwegsames und schwieriges Gelände, in feuchten Wäldern, die Reihen der Männer mit den unter der Last der Rucksäcke, der Munition und der Waffen gekrümmten Rücken einen Augenblick anhielten, um sich auszuruhen, oder wenn die Kolonne den Halt-Befehl erhielt, um am Ende eines anstrengenden Tagesmarsches zu lagern, dann sah man Che - so hatten die Kubaner ihn zärtlich von Anfang an genannt - ein kleines Notizbuch nehmen, um in ihm mit seiner kleinen und kaum lesbaren Schrift seine Notizen aufzuschreiben (Fidel Castro in: Guevara 2008:21).

Che1 Guevara gab sein komfortables Leben als Arzt und Familienvater auf, um es der Revolution, d.h. der Befreiung unterdrückter Völker, zu widmen. Noch heute, fast 50 Jahre nach seinem Tod, gilt er als „Symbol für Kritik und Widerstand“ (Fuchs: globalisierung- fakten.de), „Held und Märtyrer“ (Ebd.), „globale Ikone“ (Ebd.) und einer der wichtigsten Persönlichkeiten der modernen Zeitgeschichte. Die reale Person und die historische Wirklichkeit der Revolution ist angesichts der Überlagerung durch Mythologisierung2 und Idealisierung zunehmend schwer zu fassen. Die Tagebücher als Selbstzeugnis können evtl. einen Zugriff auf die vergangene Realität ermöglichen und waren Basis zahlreicher, teils kontroverser Verfilmungen.

Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit die Verfilmung „Guerilla“ von Soderbergh von 2008 eine detailgetreue, der historischen Wirklichkeit verschriebene Umsetzung des bolivianischen Tagebuches von 1966/67 darstellt.

Dazu werde ich einen Einblick in die Adaption von Literatur im Medium Film geben. Da es sich mit der Verfilmung eines Tagebuches um einen Sonderfall der Literaturverfilmung handelt, werden zudem sowohl das Tagebuch als auch die Filmbiografie kurz näher beschrieben. Abschließend werden die Medien sowohl auf inhaltlicher als auch narrativer Ebene miteinander verglichen. Auf dessen Grundlage wird die Frage, ob die Verfilmung das Tagebuch im Wesentlichen wiedergibt, beantwortet.

2 ABRISS ZUR LITERATURVERFILMUNG

Paech beschreibt die Entwicklung des jungen Mediums Film, vom kurzen Stummfilm bis hin zu seiner heutigen, in der Gesellschaft fest anerkannten Form, als visuell-auditives Massenmedium. In ihren Anfängen, um 1895, entsprach die Filmkunst eher einer nicht- literarischen Populärkunst der Kleinkunstbühnen, des Theaters und des Jahrmarkts (Vgl. Paech 1997: 3 ff). „Jede Einstellung enthält“ nach Paech „grundsätzlich die Möglichkeit einer Erzählung“ (Ebd.: 8), während eine literarische Erzählung mindestens aus zwei Sätzen besteht, war zu den Anfangszeiten des Films eine filmische Erzählung bereits mit einer Einstellung möglich, sofern diese fähig war, eine in sich geschlossene Handlung mit Anfang und Ende zu erzählen (Vgl. Ebd.). Ab ca. 1902 begann sich die Filmsprache an der literarischen Erzählform zu orientieren und Verfahren zu entwickeln, diese zu adaptieren (Vgl. Paech 1997: 26). Zu den Anfängen des Films bediente sich dieser meist nur einer Einstellung. Da die Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb nur einer Einstellung jedoch sehr begrenzt sind, musste sich der Film weiterentwickeln und Möglichkeiten finden, einzelne Sequenzen miteinander zu verbinden (Vgl. Ebd.: 9) um eine längere Handlung erzählen zu können.

Bedurfte es in den Anfangsjahren des Films noch eines Erzählers oder eines bestimmten kulturellen Wissens um den Film verstehen zu können, ist der Film in seiner heutigen Form fähig, selbst zu erzählen, d. h. die erzählten Handlungen sind in sich schlüssig und verständlich dargestellt. Dies wurde vor allem durch den Tonfilm verstärkt und durch die Montage, als Instrument des Films, ermöglicht: Während die Einstellung die „ungeschnittene Bildfolge“ und „der Film das Erzählmedium“ meint, ist die Montage vor allem für die „Zeitgestaltung im narrativen Film“ verantwortlich (Schleicher, Harald, „Montage“. In: Koebner, Thomas (Hg.), Reclams Sachlexikon des Films: Reclam, 2002, S. 391). Bei der „Frage nach einer >filmischen Schreibweise< [ist auch laut Paech] der Montagebegriff völlig ausreichend, wenn er umfassend genug verwendet wird“ (Paech 1997.: 129).

Unter den technisch modernen Möglichkeiten und der Errichtung des Kinos gewann der Film zusehends an Beliebtheit.

„Die allmähliche Besserung des Spielfilmniveaus sucht[e] man [schließlich] durch historische und literarische Stoffe, durch anerkannte Künstler und einen großen Materialaufwand zu erzielen“ (Paech 1997: 90).

Um ein breites Publikum zu erreichen und sich neben der Literatur etablieren zu können, wurden neben der Reproduktion von beispielsweise historisch wichtigen Ereignissen, zunehmend ganze Romane verfilmt3.

Während der Film in seiner heutigen institutionalisierten und literarisierten Form fähig ist, ganze Romane „abzubilden“, stellt sich die Frage, inwieweit er auch die Fähigkeit besitzt, ein Tagebuch filmisch umzusetzen. Daher widmet sich der nächste Abschnitt den Medien Tagebuch und Filmbiografie als Ausgangsbasis der Untersuchung.

3 KURZE BESCHREIBUNG DER ZU VERGLEICHENDEN MEDIEN

Während der Roman aufgrund seiner narrativen Struktur (Dramaturgie) häufig als Literaturvorlage dient, erhebt ein Tagebuch nicht den Anspruch, für einen Leser spannend oder interessant zu sein, insofern es nicht für Dritte sondern einen selbst verfasst ist. Da es sich im vorliegenden Fall um einen Spezialfall der Literaturverfilmung handelt, wird an dieser Stelle auf das Medium Tagebuch als auch dessen filmischen Umsetzung, der Filmbiografie, im Allgemeinen und im speziellen Fall als Ausgangsbasis des Vergleichs, näher eingegangen.

3.1 TAGEBUCH

Im Vergleich zum Roman, bei welchem die Fiktionalität eines der vordergründigen Kriterien ist, erwartet man im Tagebuch die authentische Wiedergabe des Erlebten. Weiterhin umfasst ein Tagebuch im Gegensatz zum Roman in der Regel eher ungeordnete Gedankengänge, deren Intention sowohl in der Verarbeitung des Erlebten als auch in dessen Analyse oder späteren Rückerinnerung auf Grundlage der Notizen, liegen kann. Die Abbildung des inneren Erlebens stellt neben dem fehlenden Erzähler (und parallel der fehlenden „Erzählung“ i. d. Sinne), die Besonderheit dieser Literatur für dessen Verfilmung dar. Weiterhin sind im Tagebuch im Unterschied zu beispielsweise der Autobiografie, die Eintragungen mit zeitlicher Nähe zum Geschehenen und, im Vergleich zum Brief, in der Regel nur für einen selbst verfasst4. Dies zeigt eine weitere Besonderheit dieser literarischen Gattung, nämlich dessen persönlichen, teils sogar intimen Charakter. Wegen der subjektiven Wahrnehmung des Verfassers und der Prägung durch seine gegenwärtige Lebenssituation, bieten Tagebüchern einen besonderen Zugang zum Verfasser und seiner Zeit5. Im vorliegenden Fall wurde das Tagebuch von Che zwischen dem 09. November 1966 und dem 08.Oktober 1967 geführt, mit der Intention, während des gefährlichen Untergrundkampfes in Bolivien Situationen und Personen zu analysieren und auf dessen Grundlage wichtige Entscheidungen zu treffen. Grundlage für meinen Vergleich stellt die gesamte Edition6 „Ernesto Che Guevara Bolivianisches Tagebuch“ samt Bildmaterial und weiterer Dokumente dar.

3.2 FILM

Der Film Guerilla von Steven Soderbergh, welcher auf dem Tagebuch von Che basiert (Soderbergh 2009: 1:59:39-1:59:43 „based on bolivian diary“), ist eine US-amerikanisch- französisch-spanische Filmbiografie aus dem Jahr 2008 und stellt die Fortsetzung zum ersten Teil der Verfilmung der Revolution in Kuba dar7.Die Filmbiografie behandelt allgemein „in fiktionalisierter Form die historische Bedeutung und zumindest in Ansätzen das Leben einer geschichtlich belegbaren Figur […]“ (Taylor 2002: 22). Guerrilla erzählt von dem Versuch Che Guevaras, nach der erfolgreichen Revolution in Kuba, dieses Modell auch auf Bolivien zu übertragen und die unterdrückten Bauern von der Militärdiktatur zu befreien.

Die Aufgabe des Films besteht darin, die für die Nacherzählung des Lebensabschnitts von Che erforderlichen Ereignisse in einer sich selbst erklärenden und in sich schlüssigen Erzählung abzubilden. Aufgrund der fehlenden dramaturgischen Struktur des Tagebuches, und unter Anbetracht dessen, dass „[d]ie Transformation eines literarischen Textes in das visuelle Medium des Films […] oft weitreichende Änderungen inhaltlicher Art zu[r] Folge“ hat “ (Ruckriegl, Peter / Koebner, Thomas, „Literaturverfilmung“. In: Koebner, Thomas (Hg.), Reclams Sachlexikon des Films: Reclam, 2002, S. 350), soll im folgenden Kapitel untersucht werden, inwieweit Film und Buch auf inhaltlicher, narrativer und fokaler Ebene übereinstimmen.

[...]


1 Da sich sein Spitzname Che fest etabliert und bis heute gehalten hat, wird auch er auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit „Che“ genannt. Zum Ursprung seines Spitznamens siehe u. A. http://www.argentinatravels.de/aktuelles/woher-kommt-der-name-che-guevara-36.html (07.01.2016).

2 Sein Leichnam glich angeblich dem von Jesus Christus, wodurch sich bereits ab seinem Todestag ein Mythos zu entwickeln begann. Vgl. hierzu auch http://www.welt.de/politik/article1237862/Che-Guevara-Mythos-mit- politischer-Sprengkraft.html (07.01.2016).

3 Beispiele hierfür sind: „Der Glöckner von Notre Dame“ von Wallace Worsley (1923) als Verfilmung der Romanvorlage von Victor Hugo (Stummfilm); „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich (1930) als Verfilmung des Romans „Professor Unrat“ von Heinrich Mann.

4 Tagebücher wurden auch oft in der Absicht geschönt, einem angedachten Publikum ein positives Bild der eigenen Person zu vermitteln vgl. z. B. die Tagebücher von Alma Mahler-Werfel.

5 Vgl. Tagebücher von Anne Frank (Judenverfolgung, Zeit des 2. Weltkrieges) und Samuel Pepys (Londons 1660er Jahre).

6 Die reinen Tagebucheintragungen betragen 238 Seiten; die gesamte Edition 327 Seiten.

7 Ausgabe als Zweiteiler: Der erste Teil der DVD handelt von der Revolution in Kuba, auf Grundlage des kubanischen Tagebuches und endet zeitlich dort, wo der Vorspann dieses Films anknüpft.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Literaturverfilmung. Eine Nähere Betrachtung des bolivianischen Tagebuchs Ernesto Che Guevaras und dessen Verfilmung
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V343134
ISBN (eBook)
9783668333284
ISBN (Buch)
9783668333291
Dateigröße
859 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Che Guevara, bolivianisches Tagebuch, Literaturverfilmung, Lateinamerika, Filbiografie, Guerilla, Soderbergh
Arbeit zitieren
Mariana Lindenmeyer (Autor), 2016, Literaturverfilmung. Eine Nähere Betrachtung des bolivianischen Tagebuchs Ernesto Che Guevaras und dessen Verfilmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343134

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