Bertholt Brechts Parabel "Freundschaftsdienste" für den Deutschunterricht in der 4. Klasse


Unterrichtsentwurf, 2015

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Bertolt Brecht: „Freundschaftsdienste“

1. Einordnung der Stunde in den Unterrichtsverlauf

2. Sachanalyse

3. Aufgabenanalyse

4. Didaktische Überlegungen

5. Kompetenzen und Ziele

6. Methodische Überlegungen

Literaturverzeichnis

Bertolt Brecht: „Freundschaftsdienste“

Als Beispiel für die richtige Art, Freunden einen Dienst zu erweisen, gab her K. folgende Ge­schichte zum besten. „Zu einem alten Araber kamen drei junge Leute und sagten zu ihm:

'Unser Vater ist gestorben. Er hat uns siebzehn Kamele hinterlassen und im Testament verfügt, daß der Älteste die Hälfte, der zweite ein Drittel und der Jüngste ein Neuntel der Kamele bekommen soll. Jetzt können wir uns über die Teilung nicht einigen; übernimm du die Entscheidung!' Der Araber dachte nach und sagte: 'Wie ich es sehe, habt ihr, um gut teilen zu können, ein Kamel zu wenig. Ich habe selbst nur ein einziges Kamel, aber es steht euch zur Verfügung. Nehmt es und teilt dann, und bringt mir nur, was übrigbleibt.' Sie bedankten sich für diesen Freundschaftsdienst, nahmen das Kamel mit und teilten die achtzehn Kamele nun so, daß der Älteste die Hälfte, das sind neun, der Zweite ein Drittel, das sind sechs, und der Jüngste ein Neuntel, das sind zwei Kamele bekam. Zu ihrem Erstaunen blieb, als sie ihre Kamele zur Seite geführt hatten, ein Kamel übrig. Dieses brauchten sie, ihren Dank erneuernd, ihrem alten Freund zurück!“ Herr K. Nannte diesen Freundschaftsdienst richtig, weil er keine besonderen Opfer verlangte.

(Brecht, in der Zürcher Fassung 2004, 16)

1. Einordnung der Stunde in den Unterrichtsverlauf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Sachanalyse

Bertolt Brecht schrieb im Zeitraum vom 1926 bis zu seinem Tod die sogenannten Keuner-Geschichten. Diese Geschichten mit dem fiktiven Protagonist „Herr Keuner“ zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit Hilfe des Verfremdungseffekts stets politische oder soziale Umstän­de widerspiegeln. Dabei wird der Verfremdungseffekt gezielt eingesetzt, um den Leser zu be­lehren. Die kurzen Geschichten sollen den Leser damalig präsente Lebensumstände, Lebens­weisheiten lehren. Oft werden dabei damalig langjährig in der Bevölkerung etablierte Denk­weisen von Brecht hinterfragt oder durch Antithesen in Frage gestellt (vgl. Hofmann 2003, 25). Brecht veröffentlichte die Keuner-Geschichten Gruppenweise, erst nach seinem Tod gab es Werkausgaben mit einer Ansammlung von insgesamt 87 Keuner-Geschichten (vgl. Fuegi 1997, S. 55).

Im folgenden wird die Parabel „Freundschaftsdienste“ von Bertolt Brecht interpretiert.

Diese Keuner-Geschichte kann als Paradebeispiel für eine langfristig stabile Freundschaft in­terpretiert werden. Es werden durch den Prosatext Eigenschaften vermittelt, welche eine Freundschaft bestärken und deren Basis darstellen. Der Araber, welcher sein einziges Kamel opfert, zeigt vollstes Vertrauen gegenüber den Brüdern. Er weiß wahrscheinlich zuvor, dass das Kamel übrig bleiben würde, da er zunächst überlegt. Theoretisch hätte es jedoch sein kön­nen, dass die Brüder egoistisch denken und das Kamel, obwohl des übrig bleibt, behalten. Trotzdem stellt er sein Kamel, ohne jegliche Forderungen oder Bedingungen auszusprechen, zur Verfügung. Der alte Freund ist ein Beispiel dafür, dass Freunde bedingungslos Helfen ohne primär an sich selbst zu denken und darüber hinaus in schwierigen Situationen zur Seite stehen.

Die Brüder denken auch nach der Teilung an den alten Freund und bringen diesem sein einzi­ges Kamel zurück, obwohl er dieses nicht gefordert hat. Sie repräsentieren sich durch ihre Ehrlichkeit gegenüber ihrem Freund. Aufgrund dieser Eigenschaften bezeichnet Herr Keuner diese Freundschaft und die damit verbundenen Freundschaftsdienste als „richtigen“ Freund­schaftsdienst. Ein wahrer Freundschaftsdienst ist demnach bedingungslos und wohlwollend gegenüber der anderen Person.

3. Aufgabenanalyse

Nach einer verbalen Einführung durch den Lehrer zum Gegenstand der Stunde, besteht die erste Aufgabe der Schüler'[1] darin, ein Brainstorming zum Thema „Freundschaftsdienste“ mit­

Hilfe eines Overheadprojektors durchzuführen. Eine konkrete Anweisung des Lehrers könnte wie folgt lauten: „Notiert erste Ideen zum Thema Freundschaftsdienste auf der Folie des Overheadprojektors. Worum könnte es in der Parabel gehen?“ Diese Einführungsaufgabe ver­langt den Schülern' ab, dass sie bereits individuelle Erfahrungen mit Freundschaften ge­macht haben und diese wiedergeben können. Diese Voraussetzung sollte in der vierten Klasse von allen Schülern' erfüllt werden können.

In der Erarbeitungsphase wird folgende Aufgabenstellung gestellt: „Lies dir die Parabel „Freundschaftsdienste“ von Bertolt Brecht durch. Wenn alle Gruppenmitglieder an deinem Tisch den Text gelesen haben, spreche mit ihnen über den Inhalt der Geschichte. Welche Mo­ral kann aus der Geschichte geschlossen werden?“ Dieser Aufgabentyp setzt voraus, dass die Schüler über Textsortenwissen bezüglich der Parabel verfügen und wissen was eine Moral ist. Aus diesem Grund steht die vorgestellte Unterrichtsstunde nicht am Anfang der Themenein­heit Parabel. Des Weiteren müssen die Schüler' über Kompetenzen verfügen, mit denen sie Texte erschließen können und wichtige Elemente der Geschichte in eigenen Worten wiederge­ben können. Auch müssen Regeln der Gruppenarbeit wie Gesprächsregeln und Verhaltenswei­sen zuvor mit der Klasse eingeübt worden sein, damit für jeden Schüler' ein angenehmes Lernklima gewährleistet werden kann. Die Wiedergabe des Textes lässt sich dem Anforde­rungsbereich I zuordnen, die Ableitung einer Moral enthält erste interpretatorische Ansätze und lässt sich deshalb dem Anforderungsbereich II zuordnen (vgl. Kultusministerkonferenz 2004, S.17). Lernschwächeren Schülern' können präzise verbale Impulsfragen der Lehrkraft helfen, die Aufgabe(n) zu lösen. Es sollte darauf geachtet werden, dass die Mitglieder an ei­nem Gruppentisch sowohl aus lernschwachen als auch aus starken Schülern' besteht, denn beide Parteien können aus einer solchen Konstellation profitieren (vgl. Müller 2007, 177), be­sonders dann, wenn die Arbeit in Kleingruppen stattfindet.[2] Eine folgende Besprechung im Plenum dient zum Vergleich und zur ersten Sicherung der Unterrichtserkenntnisse. Auch schwächere Schüler' können sich aktiv beteiligen, da sie sich durch die gemeinsame Erarbei­tung mit anderen Schülern bestärkt fühlen können, ihre Ergebnisse vorzustellen. In der zweiten Hälfte der Stunde[3] lautet die Aufgabenstellung: „Entwickelt mit eurer Tischgruppe eine kurze szenische Darstellung in Form einer Geschichte (2Min.). Diese Geschichte soll die gleichen Merkmale einer Freundschaft und die gleiche Moral haben wie Brechts „Freundschaftsdienste“. Den Inhalt der Geschichte dürft ihr frei gestalten. Zum Abschluss darf jede Gruppe diese Geschichte vor der Klasse als Theaterstück vorspielen.“ Um diese Aufgabe durchführen zu können, müssen die Schüler' den Text und die Moral verstanden ha­ben.Daher fokussiert sich die erste Hälfte der Unterrichtsstunde auf das Textverständnis. Wei­terhin sollten die Schüler' eigene Handlungsideen entwickeln und diese in der Gruppe zusam­menführen. Um die Geschichte szenisch darstellen zu können, sollte ein gewisses Grundver­ständnis für die szenische Darstellung verinnerlicht sein. Auch das Hineinversetzen in andere Charaktere ist ein wichtiger Teilaspekt dieser Aufgabe. Darüber hinaus brauchen die Schüler' Mut und Vertrauen in die Klassengemeinschaft, um eine eigens erstellte Darstellung zu prä­sentieren. Da die Schüler bei dieser Aufgabenstellung einen verinnerlichten Inhalt auf neue Zusammenhänge übertragen müssen, kann dieses Handeln dem Anforderungsbereich II[4] zuge­ordnet werden (vgl. Kultusministerkonferenz 2004, S. 17).

Die letzte Aufgabe dieser Unterrichtsstunde besteht in der Reflexion des Gelernten und des Gesehenen. Die Fragen: „Was fandet ihr bei den Darstellungen gut? Was könnte man verbes­sern? Konnte man die Moral und die Merkmale der Freundschaft in der Darstellung wiederer­kennen?“, könnten als Impulse für eine interaktive Reflexion dienen. Um diese Aufgabe an­gemessen umsetzen zu können, sollten die Schüler' über bestimmte Kriterien zur Beurteilung verfügen, die vorher eingeübt werden müssen. Auch müssen bestimmte Regeln im Bezug auf die Bewertung anderer Schüler bereits verinnerlicht sein. Zur Hilfestellung können von der Lehrkraft Kärtchen verteilt werden, auf denen bestimmte Aspekte und Fragestellungen für die Beurteilung aufgeführt sind. Diese Reflexion lässt sich in den Anforderungsbereich III zuord­nen, weil Schüler' die Aufgabe bekommen eigenständig zu beurteilen und kritisch zu Reflek­tieren (vgl. ebd., S. 17).

4. Didaktische Überlegungen

Um für eine Umsetzung dieser Unterrichtsstunde zu plädieren, können verschiedene Begrün­dungsdimensionen herangezogen werden. Zum einen werden durch die dargestellte Stunde Kompetenzen, Fähigkeiten und Kenntnisse erfüllt, die auch im niedersächsischen Kerncurriculum für die Grundschule im Fach Deutsch verschriftlicht sind (siehe: 5. Kompetenzen und Lernziele). Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2013, S. 4) erachtet das Thema Freundschaft und freundschaftliches Miteinander gerade in Zeiten hoher Mobilität, in denen es schwer erscheint, stabile Gefühle und Beziehungen aufzubauen, sehr wichtig das Unterrichtsthema Freundschaft in der Schule für sehr wichtig. Darüber hinaus stellt das Bundesamt verschiedene fächerübergreifende Unterrichtsentwürfe bereit.

Auch Schulordnungen/Schulregeln schreiben stets einen verantwortungsvollen und respekt­vollen Umgang mit Mitschülern vor, eine Analyse von Brechts Parabel führt zu einer erneuten Revision dieser Werte und kann Vorteile im Bezug auf das soziale Klima innerhalb und außer­halb der Klasse/Schule herbeiführen.

Auch kann durch die Thematik ein direkter Bezug zur Lebenswelt der Kinder hergestellt wer­den. Jedes Kind ist mit dem Gegenstand der Freundschaft vertraut und hat individuelle Erfah­rungen diesbezüglich gemacht haben.[5] Durch die Heterogenität innerhalb der Klasse könnten die Grundschüler im übertragenen Sinne ähnliche Erfahrungen wie in der Parabel oder aber gar widersprüchliche Erlebnisse in ihrer Lebensgeschichte durchlebt haben. Aufgrund der ho­hen alltäglichen Präsenz des Themas fühlen sich die Schüler motiviert sich der Textsorte Para­bel zu nähern und die moralische Intention des Textes zu erschließen. Gegenwärtig und zu­künftig erscheint es besonders wichtig, die Thematik fächerübergreifend immer präsent zu halten, da es häufig auch schon in Grundschulen zu Mobbing kommt, bei dem ein Kind/eine Gruppe von Kindern diskriminiert und aktiv aus der Schulgemeinschaft ausgegrenzt wird (vgl. Arentewicz 2012, 1). Die moralische Botschaft und die soziale Interaktion zwischen den Akteuren der Parabel könnten Schüler' motivieren sich aktiv gegen Mobbing zu wenden und nicht mehr als Mitläufer zu fungieren, da sie wissen, dass freundschaftliches und ehrliches Miteinander die einzig richtige Lösung ist.

[...]


[1] Im folgenden wird die Bezeichnung Schüler' aus formalen Gründen sowohl für die maskuline als auch für die feminine Bezeichnung Schülerinnen verwendet. Diese Bezeichnung wird auch in deklinierten Formen und Synonymen benutzt.

[2] In diesem Fall besteht ein Gruppentisch aus 4-6 Schülern.

[3] Dieser Unterrichtsentwurf ist für eine Doppelstunde konzipiert. Der erste Teil der Doppelstunde (nicht zeit­lich gesehen!) beschäftigt sich mit der Texterschließung, der zweite Teil mit der aktiven Reproduktion verin­nerlichter Inhalte.

[4] Darüber hinaus könnte man diese Aufgabe auch schon als Anforderungsbereich III ansehen, da die Schüler eigenständig neue Handlungselemente entwerfen und gestalten müssen.

[5] Da viele Kinder in der vierten Klasse oftmals schon negative Erfahrungen bezüglich Freundschaften ge­macht haben, muss dieses Thema behutsam von der Lehrkraft angesprochen werden. Vorab kann nicht ein­geschätzt werden, wie emotional die Kinder mit diesem Thema umgehen. Aus diesem Grund wird das zum Einstieg benutzte Brainstorming nicht von der Lehrkraft kommentiert. Es wird in der folgen Unter­richtsstunde, in der die Kinder eigenständig eine Geschichte/Parabel schreiben sollen, als Ideensammlung für die Schüler verwendet.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Bertholt Brechts Parabel "Freundschaftsdienste" für den Deutschunterricht in der 4. Klasse
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V343347
ISBN (eBook)
9783668334298
ISBN (Buch)
9783668334304
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brecht, Grundschule, Unterrichtsentwurf, ausführliches Unterrichtskonzept, Literatur in der Grundschule
Arbeit zitieren
Janine Tyzak (Autor), 2015, Bertholt Brechts Parabel "Freundschaftsdienste" für den Deutschunterricht in der 4. Klasse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343347

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