Text-Bild-Relationen dargestellt am Beispiel von Sebastian Brants "Das Narrenschiff"


Essay, 2012
6 Seiten, Note: 1,0
Alexander Meyer (Autor)

Leseprobe

Ut pictura poesis – Text-Bild-Relationen dargestellt am Beispiel von Sebastian Brants Das Narrenschiff (Erstausgabe Basel 1494)

Der römische Dichter Horaz (64-8 v. Chr.) ist nicht nur für seine Sentenz » Carpe diem !« bekannt, sondern auch für den in seiner Ars poetica formulierten Gedanken ut pictura poesis[1], der eine „semiotische Ähnlichkeit von Bild- und Sprachtexturen“[2] zum Ausdruck bringt.

Meint Horaz hier eine Gleichartigkeit? Eine Gleichwertigkeit? Oder nur eine Wirkungsähnlichkeit?

Um dieser semiotischen Ähnlichkeit nachzuspüren, also um denkbare Text-Bild-Relationen aufzudecken, soll der frühneuzeitliche Bestseller Das Narrenschiff von Sebastian Brant herangezogen und andeutungsweise hinsichtlich seiner Text-Bild- bzw. Bild-Text-Relationen analysiert werden.

Es steht also die Frage im Vordergrund: Welche Relationen können Text / Bild zueinander eingehen? Sind sie jeweils eigenständige semiotische Systeme? Oder interpretieren sich sich symbiotisch gegenseitig? Stehen sie in einem starren oder in einem dynamischen Verhältnis zueinander?

Zunächst soll das Narrenschiff als Ganzes kurz charakterisiert werden. Anschließend werden zwei Kapitel (Kapitel 7 und Kapitel 4) hinsichtlich des Text-Bild-Verhältnisses genauer betrachtet, wodurch sich zwei Varianten der Text-Bild-Relation zeigen werden. Abschließend wird über die gewonnene Erkenntnis (mit Blick auf das Narrenschiff) reflektiert und das vorliegende Text-Bildverhältnis als ein gewollt interaktives Spannungsverhältnis von Text und Bild bestimmt.

Der in Straßburg geborene Sebastian Brant (1457-1521) hatte sich in Basel nicht nur einen Namen als Jurist, sondern auch als Hochschuldozent, Publizist und Schriftsteller gemacht; und seine Bekanntheit war mit seinem 1494 erschienen Werk Das Narrenschiff rasch über die Landesgrenzen hinaus gewachsen. Aber um was für ein Werk handelt es sich hierbei eigentlich?

Das Narrenschiff ist eine Sammlung von 112 verschiedenen Narrendarstellungen (jeweils mit Text und Bild), die zusammen das Spektrum menschlichen Fehlverhaltens aufzeigen sollen.[3] Der Narr wird hierbei als personifiziertes „Sinnbild des uneinsichtigen, sündigen Menschen“[4] dargestellt, um eine moralisch-didaktische Dimension zu eröffnen[5], so Brants moral-pragmatische Intention[6]. Durch diese Intention lässt sich der Text insgesamt in die „Tradition der [satirische] Lehrdichtung“[7], d.h. in die „Sangspruchdichtungstradition“[8], einordnen; unter besonderer Berücksichtigung der „Wort-Bild-Literatur“[9].

Die einzelnen Kapitel folgen dabei einem klaren Aufbau. Sie beginnen zunächst jeweils mit einem sprichwortartig pointierten Motto (drei oder vier Verse umfassend); anschließend folgt ein bildästhetischer Holzschnitt des jeweiligen Narren (hauptsächlich von Albrecht Dürer gerissen[10] ), woraufhin sich schließlich sowohl der Titel des Holzschnittes anfügt als auch eine ausführliche Beschreibung des dargestellten Narren in Reimpaaren.[11] – Text und Bild werden durch „ornamentale Randleisten“[12] kunstvoll eingefasst, was dem Buch ein kostbares Layout verleiht.

Schon allein diese kurze Andeutung des Aufbaus verdeutlicht, dass Brant die „Kodierungsmöglichkeiten von Schrift und Bild“[13] konsequent miteinander verknüpfen möchte. Aber wie verhält es sich nun mit der Relation von Bild und Text genau? Gibt es auffällige Unterschiede? Sind Bild und Text voneinander un-/abhängig ? Verselbstständigen sich die Bilder? Halten sie sich an textliche Vorgaben? Lässt sich der Textschwerpunkt im Bild wiederfinden? Welches Medium (Text oder Bild?) führt bei der Interpretation des jeweiligen Kapitels letztlich Regie? Oder handelt es sich sogar um ein ganz andersartiges Verhältnis? – Eine dynamische Relation?

Um diesen Fragen nachzugehen, soll zunächst exemplarisch auf das siebte Kapitel eingegangen werden; im Anschluss wird das vierte Kapitel im Kontrast dazu betrachtet.

Das siebte Kapitel von zwytracht machen zeigt einen Holzschnitt mit drei Narrenfiguren. Zu sehen ist ein geschlossener Raum, der in der Raumtiefe ein schmales Fenster (Türe?) zeigt, der einen Blick auf eine Stadt eröffnet.

Im rechten Bildvordergrund ist ein Narr zu sehen, der sich die Finger seiner rechten Hand in einer Türangel eingeklemmt hat. Sein Kopf ist nach hinten gedreht; er schaut in die Richtung eines zweiten Narrs, der am linken mittleren Bildrand zu sehen ist.

Jener Narr, der sich die Finger eingeklemmt hat, scheint in großer Eile zu sein; er scheint zu fliehen und hat schon eine seiner Narrenschellen hinter sich verloren. Sie liegt im linken Bildvordergrund und ist deutlich für den Bildbetrachter zu erkennen.

Der zweite Narr, also der Narr am linken mittleren Bildrand, liegt unter einem Mühlstein; auch er ist eingeklemmt, und es wirkt, als versuche er sich verzweifelt aus dieser erdrückenden Lage zu befreien. – Auffallend ist: Über ihm an der Wand hängt seine Narrenkappe.

Der dritte Narr ist hinter einer Ecke zu erkennen. Er versteckt sich gleichsam und ist nur durch seinen langen Narrenstab, der in den Bildvordergrund hineinragt, als solcher zu erkennen.

Was vermag uns nun dieses Bild zu sagen? – Im Grunde sagt es n i c h t s aus. Es bleibt an und für sich ohne den Begleittext „nur andeutungsweise verständlich“[14].

Schauen wir uns darum nun den Begleittext an und spüren den textlichen Motiven nach.

Das Motiv des ersten Narrs lässt sich im Text eindeutig nachweisen: Vnd finger zwüschen angel dieg. Auch das Motiv des zweiten Narrs lässt sich nachweisen; sogar in zweifacher Weise. Erstens im vorangehenden Motto wer zwischen stein vnd stein sich leit und im Begleittext Als dem der zwischen mülstein lyt. Und das dritte Motiv? Auch dieses lässt sich im Text finden: Bürg man ein narren hynder thür / Er streckt die oren doch har für.

Aber wie verhält es sich nun mit den Auffälligkeiten im Bild? – Die an der Wand hängende Narrenkappe; die abgerissene, verlorene Narrenschelle am Boden?

Beide Bildmotive lassen sich im Text nicht eindeutig nachweisen. Die abgerissene Narrenglocke scheint „eine Beigabe des Reißers“[15] zu sein und die im Text erwähnte Rose (Vnd das ers vnder der rosen hett) wurde offensichtlich vom Künstler in eine Narrenkappe uminterpretiert.

Es lässt sich also vorläufig zu dieser ersten exemplarischen Analyse einer Text-Bild-Relation im Narrenschiff festhalten, dass es sich bei „der Darstellung um eine einfache [kompositorische] Wiedergabe der vorgegebenen Textmotive“ handelt. Alle Motive des Textes bzw. alle im Text skizzierten Szenen lassen sich im Bild wiederfinden, was letztlich darauf schließen lässt, dass der Künstler den Begleittext vorab deutlich studiert haben muss[16].

Lässt sich aber vielleicht noch eine andere Text-Bild-Relation im Narrenschiff finden?

Betrachten wir hierzu nun einmal den Holzschnitt des vierten Kapitels Von nuwen funden.

Der Holzschnitt zeigt zwei Figuren. Die linke Figur ist eindeutig als Narr zu bestimmen; sie trägt Narrenkleidung und eine Narrenkappe. Die zweite Figur ist ein modisch gekleideter junger Mann mit Schwert an der linken Hüfte, der seine Narrenkappe lose im Nacken trägt. Es stehen sich also zwei Narren gegenüber.

Der linke (deutlich ältere) Narr hält in seiner rechten Hand einen Trinkbecher und in der linken Hand einen Spiegel, den er dem jüngeren Narr vor das Gesicht hält. Von diesem älteren Narr wissen wir sogar den Namen. Er wird im Bild selbst als Uly bezeichnet. Ein Spruchband mit folgendem Text schwebt über den Köpfen beider Narren dahin: Uly von stouffen frisch vnd vngeschaffen.

Der jüngere Narr mit dem Schwert scheint nach dem Spiegel zu greifen; die Hände der beiden Narren scheinen sich dabei zu berühren; gleichzeitig scheint sich der Jüngling dabei im Spiegel mit Wohlgefallen zu betrachten.

Nach dieser kurzen Bildskizzierung stellt sich abermals die Frage, ob hier Textmotive im Bild umgesetzt worden sind.

Wenn man sich nun das Motto und den Begleittext genau ansieht, so wird schnell deutlich, dass hier ein interessantes Text-Bild-Verhältnis vorliegt, nämlich: Die Person des Uly von Stouffen wird weder im Motto noch im Haupttext genannt! – Es muss sich demnach um eine freie und eigenständige Bildidee des Reißers handeln[17] ; oder aber um eine Bildidee, die „auf mündliche Hinweise des Autors zurückzuführen“[18] ist.

Das vierte Kapitel des Narrenschiffs kann demnach exemplarisch für eine Vielzahl weiterer Kapitel[19] stehen, bei denen der Holzschnitt keinerlei Motive aus dem Text aufnimmt; weder aus dem voranstehenden Motto des Kapitels noch aus dem Begleittext.

Durch diese beiden knappen Kapitelanalysen ist bereits etwas Entscheidendes im Text-Bild-Verhältnis des Narrenschiffes deutlich geworden, nämlich: Es ist kein einheitliches Vorgehen beim Erstellen der Holzschnitte zu erkennen und das Text-Bild-Verhältnis ist nicht durch Einheitlichkeit gekennzeichnet, sondern es macht mindestens zwei Text-Bild-Relationen deutlich: textabhängige Bilder versus textunabhängige Bilder.

Deutlich wurde auch, dass oft lediglich thematisch einzelne Aspekte, Motive, Szenen aus dem Kapiteltext von den Reißern aufgegriffen worden sind, die – das ist mit Nachdruck anzunehmen – im Idealfall die Aussage des Textes visuell unterstreichen oder sogar visuell ergänzen[20].

[...]


[1] Übersetzt: Eine Dichtung ist wie ein Gemälde.

[2] Joachim Knape (Hrsg.): Sebastian Brant. Das Narrenschiff. Studienausgabe. Mit allen 114 Holzschnitten des Drucks Basel 1494. Stuttgart 2005, S. 78.

[3] Vgl. Joachim Knape: Der Medien-Narr. Zum ersten Kapitel von Sebastian Brants Narrenschiff. In: Klaus Bergdolt / Joachim Knape u.a. (Hrsg.): Sebastian Brant und die Kommunikationskultur um 1500, Wiesbaden 2012, S. 253.

[4] Cordula Peper: zu nutz und heylsamer ler. Das „Narrenschiff“ von Sebastian Brant (1494). Untersuchungen der Zusammenhänge zwischen Text und Bild. Leutesdorf 2000, S. 5.

[5] Vgl. Joachim Knape: Der Medien-Narr, S. 253.

[6] Schon in der Vorrede macht Brant dies deutlich: Wer yeman der die gschrifft veracht / Oder villicht die nit künd lesen / Der siecht jm molen wol syn wesen / Vnd fyndet dar jnn / wer er ist / Wem er glich sy / was jm gebrist / Den narren spiegel ich diß nenn / Jn dem ein yeder narr sich kenn / Wer yeder sy wurt er bericht / Wer recht in narren spiegel sicht.

[7] Cordula Peper, S. 37.

[8] Joachim Knape (Hrsg.): Sebastian Brant. Das Narrenschiff. Studienausgabe. Stuttgart 2005, S. 55.

[9] Cordula Peper, S. 34.

[10] Joachim Knape (Hrsg.): Sebastian Brant. Das Narrenschiff. Studienausgabe. Stuttgart 2005, S. 19.

In den Jahren 1492 und 1493 hielt sich der junge Albrecht Dürer in Basel auf.

[11] Vgl. Jan-Dirk Müller: Literarischer Text und kultureller Text in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Narrenschiffs von Sebastian Brant. In: Helmut Puff / Christopher Wild (Hrsg.): Zwischen den Disziplinen? Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Göttingen 2003, S. 83.

[12] Cordula Peper, S. 8.

[13] Joachim Knape: Der Medien-Narr, S. 254.

[14] Cordula Peper, S. 46.

[15] Ebd.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. Cordula Peper, S. 196.

[18] Ebd.

[19] Vgl. zum Beispiel die Kapitel 81, 95, 104, 111, 112 des Narrenschiffs.

[20] Knape spricht von einem „informationellen Mehrwert“. Vgl. Joachim Knape (Hrsg.): Sebastian Brant. Das Narrenschiff. Studienausgabe. Stuttgart 2005, S. 81.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Text-Bild-Relationen dargestellt am Beispiel von Sebastian Brants "Das Narrenschiff"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar - Ältere Literatur und Sprache)
Veranstaltung
Textualität und Visualität um 1500
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
6
Katalognummer
V343522
ISBN (eBook)
9783668332584
ISBN (Buch)
9783668332591
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Text-Bild-Relationen, ut pictura poesis, horaz, das Narrenschiff, sebastian brant
Arbeit zitieren
Alexander Meyer (Autor), 2012, Text-Bild-Relationen dargestellt am Beispiel von Sebastian Brants "Das Narrenschiff", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343522

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